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Die Geister der Vergangenheit



Eine der wesentlichen Aufgaben der Kunst ist es, aufzuzeigen.

Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, obiges Bild meinem Beitrag voranzustellen. Die Werke des Künstlers Franz Sedlacek waren lange Zeit für ein Publikum kaum mehr interessant, dies hat sich allerdings seit den 1990er Jahren geändert. Nun werden die Bilder von Franz Sedlacek wieder ausgestellt. Es entzieht sich meiner Kenntnis, welchen Gespenstern Franz Sedlacek hier Raum geben wollte, der Schöpfer des Bildes und Elie Wiesel befanden sich wohl auch in sehr unterschiedlichen politischen Zuordnungen: Der eine hatte sich schon bald nationalsozialistischen Bestrebungen verschrieben, der andere sollte dem Holocaust nur knapp entkommen. Ich habe beschlossen, dass Wiesel's Worte Sedlacek's Gespenstern zu entnehmen sind ... In jedem Falle: Friede ihren Seelen!


Heute habe ich einen sehr aufschlussreichen Artikel gelesen. Er fand seinen Weg wie zufällig in meine Aufmerksamkeit - oder doch nicht so zufällig? Drehen sich doch besonders seit meiner letzten Wien-Reise meine Gedanken wieder deutlich um die österreichische Seele: All die Geister der Vergangenheit, die uns, so scheint es mir, noch immer beobachten - argwöhnisch, was Herr und Frau Österreicher seit "damals" dazugelernt haben. Haben sie dazugelernt? Ich hege meine riesigen Zweifel!

In dem von mir gelesenen Artikel geht es um einen Mann namens Franz Wurst. Ein Mann, dem bis zu seiner Verurteilung für viele Verbrechen im Jahre 2002 immer wieder hohe Ehren seitens der Politik und der Gesellschaft entgegengebracht wurden. Ein Mann, der Arzt war. Arzt in einer so schmerzvollen und dunklen Zeit, in der Ärzte vergessen haben, was sie einmal geschworen haben: Nämlich den Menschen zu dienen sowie die Autonomie und die Würde der Patientin oder des Patienten zu respektieren.

Ich habe also heute in einer Zeitschrift gelesen, die sich dem Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung widmet. In dieser Zeitschrift schreiben engagierte Fachleute und Autor*innen, sie erheben ihre Stimme laut. Das ist gut so - und das ist wichtig, immer noch und immer wieder! So las ich heute eben über Herrn Doktor Franz Wurst (1920 - 2008), er war Kinderarzt mit Schwerpunkt Heilpädagogik, sein Studium absolvierte er bei Hans Asperger ("Asperger-Syndrom", eine Form des Autismus). Später sollte Franz Wurst schwärmen, der jüngste Arzt des Dritten Reiches gewesen zu sein. Man kann sich ausmalen, zu welchen tödlichen Grausamkeiten zumindest Asperger's Diagnosen geführt haben, bei ihm sind die problematischen Befunde auch nachweislich dokumentiert. Mag Asperger auch nicht selbst Hand angelegt haben, seine Befunde haben für mehrere Kinder den Tod gebracht und somit hat er sich als Mittäter schuldig gemacht.

Franz Wurst hatte ab den frühen 1950er Jahren unfassbare Macht und Einfluss, seine (Gerichts-)Gutachten galten als weithin anerkannt, von seinen Mitarbeiter*innen wurde ihm kritiklos als Koryphäe in der österreichischen Heilpädagogik gehuldigt. In seinem Einfluss standen auch Schulärzt*innen, er entschied über Kindeswegnahmen, Einweisungen in Erziehungsheime und Sonderschulen. Zudem unterhielt er eine angesehene Privat-Ordination.

Man kann mit Recht behaupten, dass Franz Wurst viele seiner Schützlinge zutiefst gequält hat: "Wennst nicht spurst, kommst zum Wurst," bekamen Kinder und Jugendliche oft zu hören. Im Bundesland Kärnten war dieser Spruch weit verbreitet. Seine Taten ziehen sich über einen Zeitraum von 5 Jahrzehnten(!!!), reichten von skandalösen medizinischen "Urteilen" bishin zu sexuellem Missbrauch und gipfelten in der Anstiftung seines Patensohnes zum Mord an Wurst's Ehefrau. Sie stand einem sexuellen Verhältnis zwischen dem Greisen und dem Jüngling im Weg. Erst, als sich der Arzt und Heilpädagoge vor Gericht verantworten musste, wurde jenen geglaubt, die über Jahrzehnte verzweifelt versucht hatten, auf ihre schlimmen Situationen aufmerksam zu machen. Viele Menschen, auch ein ehemaliger Landeshauptmann und mindestens ein weiterer hochranginger Politiker Kärnten's, waren involviert, haben weggesehen und wollten Menschen davon abhalten, etwas gegen Wurst zu unternehmen! Die, die aufzeigten, wurden nicht gehört. Warum war das möglich? (Das kann man hier nachlesen, der Artikel aus dem Jahre 2022 ist äußerst aufschlussreich und zeigt, wie skandalös vor allem von der Politik agiert wurde!)

Bei der Suche nach Antworten auf ein Warum? tritt auch exakt zutage, was einst schon Erwin Ringel zum Thema machte: Des Österreichers blinder Gehorsam gegenüber Obrigkeiten, die sich bis zum Lebensende dem Nazi-Denken mit Leib und Seele verschrieben haben. Dass sich bei Herrn und Frau Österreicher hinsichtlich eigener Denke nichts grundlegend verändert hat, das fällt auch in vielen anderen Zusammenhängen auf. Nur ein Beispiel: Immer noch wird in vielen Unternehmen und öffentlichen Institutionen ein straffes hierarchisches System gelebt, Beamtenapparate sind absurd aufgebläht, hierarchische Ebenen müssen von Mitarbeiter*innen strikt eingehalten werden. Das eigene Denken wird immer an obere Ebenen abgegeben - und wem dieses System nicht passt, der möge sich entfernen, oder er wird entfernt, bevorzugt durch die Methode des Mobbings und Bossings, hohe "Erfolgsquoten" garantiert!


Vor kurzem fragte mich ein Mensch, dem ich einst sehr nahestand, nach meinen neuen beruflichen Aufgaben. Ich erklärte diesem Menschen, mit Freude und Sinn in meinem Beruf als Persönliche Assistentin zu arbeiten. Demnach sei es Ziel der Persönlichen Assistenz, Menschen mit Behinderung in der Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben zu assistieren, was ich mit anschaulichen Beispielen erklärte. Die Reaktion meines Gegenübers überraschte und schockierte mich, machte mich traurig: Mein Gesprächspartner resümierte, es sei wirtschaftlich nicht rentabel, wenn für eine auszuführende Tätigkeit zwei Menschen zu bezahlen seien - ein*e behinderte Arbeitnehmer*in und deren Assistent*in.

Wir leben in einer Gesellschaft, in welcher der Wert des Menschen von vielen ausschließlich an seiner Leistungsfähigkeit gemessen wird. Ich habe mich nie der niederschmetternden Realität verschlossen, dass es in unserer Gesellschaft immer noch breiten Zugang zu diesem Denken gibt. Schmerzhaft ist allerdings meine Erkenntnis, dass es Menschen mit so einem Gedankengut auch in meinem Umfeld gibt.

Wir tolerieren, dass Kinder in Schulen zu leistungswilligen Sklaven erzogen werden. Der Wirtschaftsgedanke steht über allem, Eltern sind begeistert. Funktionieren die Sprösslinge nicht, werden sie von systemtreuen Ärzt*innen mit Pillen zugebombt. Ich kenne nur sehr wenige Eltern, die dieses System hinterfragen und ihre Kinder diesem System verweigern. Es sind Wirtschaftskriege, auf die Kinder zugespitzt werden sollen! Leider wird man vielerorts zumindest belächelt, wenn man diese Missstände aufzeigt.


Nun habe ich es also wieder getan, einen Beitrag zu Themen geschrieben, die unangenehm sind und auch wehtun. Als ich meine beiden Blogs ins Leben gerufen habe, war mir klar, dass ich aufzeigen möchte - neben all dem Schönen, das uns umgibt, muss auch Raum sein für all das, wovor wir unsere Augen und Ohren nicht verschließen dürfen. Bleiben wir wachsam und seien wir bereit, zu handeln, denn die Zeit, in der wir leben, verlangt danach!



Foto: C*, Albertina, Wien - April 2019; "Gespenster auf dem Baum", 1933,

Franz Sedlacek (1891 - 1945, in Polen verschollen)

Anmerkung: Das Foto steht in keinerlei Zusammenhang mit der Überschrift und dem Thema! - - -

6 Kommentare

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6 Comments


Nicole Joost
Nicole Joost
Feb 19, 2023

Liebes Sternnchen, meine Gefühle angesichts dieser mir vorher unbekannten Hintergrundinformationen machen mich wütend und traurig zugleich. Dieser Teil der Geschichte macht mich immer wieder fassungslos. Und was gerade diese Befinden (Behinderung mag ich es gar nicht nennen) angeht, habe ich gleich zwei Personen in meinem nahen Umfeld. Einmal mit Diagnose und einmal ohne. Ich lieb sie beide. Herzlichst, Nicole

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C*
C*
Feb 20, 2023
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Liebe Nicole,

ich kenne diese von Dir beschriebenen Gefühle sehr gut von mir selbst!

Nicht erst, seit ich Mitarbeiterin der Persönlichen Assistenz bin, habe ich mich sehr intensiv mit dem Wort "Behinderung" auseinandergesetzt. Ich arbeite schon lange im sozialen Bereich. Ich wollte dieses Wort auch immer vermeiden, aber ich kenne Menschen, die sehr aktiv sind in der Bewegung rund um ein selbstbestimmtes Leben. Ich habe in diesem Zusammenhang gelernt, dass der Begriff "Behinderung" auch aktiv von ihnen verwendet wird, da er aufzeigt, dass Menschen mit Beeinträchtigungen von der Gesellschaft behindert werden. Und wenn ich so rundum blicke, dann kann ich das in vielen Bereichen leider auch so erkennen! Selbst "behindertengerechte" WC's sind teilweise so gestaltet, dass man sich an den…

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Roswitha
Roswitha
Feb 18, 2023

liebe/-r c stern, da stimme ich dir in allem zu, aber es ist deshalb nicht weniger schmerzlich dies einzusehen:so ist es, nicht nur in österreich. und auch ich will immer eigentlich aufbauende beiträge schreiben und gerate an schwierige themen. ich habe material für ein buch über die arbeit der ämter mit kindern und behinderten, kann aber nicht enge verwandte bloßstellen. manche dinge finde ist fast unerträglich, aber die menschen müssen damit leben. da sollte der blitz reinfahren..., herzlichen gruß, roswitha

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C*
C*
Feb 18, 2023
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Liebe Roswitha,

sicherlich laufen die beschriebenen Dinge nicht nur in Österreich so. Doch leider stelle ich immer wieder fest, wie sehr gewisse "Seelenexpert*innen" recht behalten, wenn es um die Untersuchung der österreichischen "braunen Flecken" in Vergangenheit und Gegenwart geht.

Es gab einen weiteren Arzt, der gar groß in Mode war nach seiner NS-Karriere und der ebenfalls lange in der Nachkriegszeit sehr hofiert wurde: Der Mann hieß Heinrich Gross, auch er einer der bestbeschäftigten Gerichtsgutachter. Da dreht sich mir der Magen um ... In dieser Funktion traf er eines Tages auf einen Überlebenden seiner schlimmsten Methoden, der schließlich dafür sorgte, dass sich Öffentlichkeit und Gerichte mit Gross' Ungeheuerlichkeiten und Verbrechen beschäftigen mussten. Auch die Rolle der Gerichte und einiger namhafter Politiker*innen…

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stemmer.recklinghausen
stemmer.recklinghausen
Feb 18, 2023

Oh ja, Wachsamkeit, Aufmerksamkeit und das Ansprechen von Dingen, die nicht "nicht in Ordnung" sind, weil sie gegen Menschenwürde und - rechte verstoßen, ist immer von Nöten. Jede(r) sollte auf die eigene Weise, im eigenen Umfeld für Frieden sorgen. Anecken, anstoßen gehört dann manchmal einfach dazu.

Herzliche Morgengrüße

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C*
C*
Feb 18, 2023
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Ich glaube so wie Du, dass Frieden im eigenen Umfeld beginnt. Es entspricht diese Einschätzung meiner ganzheitlichen Lebenssicht und erscheint mir einfach nur logisch.

Ich glaube, manchmal ist Frieden tatsächlich hoch gegriffen, gerade in Familiensystemen: Vielleicht ist es oft schon ein Erfolg, wenn man sich einfach gegenseitig "in Ruhe lässt", einander nichts Böses nachsagt, wenn man schon nicht miteinander kann ...

Etwas "anzustoßen" gefällt mir, es kann ja einen Nachdenkprozess auslösen, im besten Falle halt ...

Ganz liebe Grüße 🌷

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