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Der Wert des Menschen



DER WERT DES MENSCHEN -

so lautet der deutsche Filmtitel von Stéphane Brizés Sozialdrama, das gerade im Kino gezeigt wird.

Für seine darstellerische Leistung des Thierry wurde Vincent Lindon u.a. beim Filmfestival von Cannes 2015 mit dem Preis für die beste männliche Hauptrolle ausgezeichnet. Der Film wurde mit Standing Ovations gefeiert – neun Minuten lang – und das hochverdient.

Regisseur Brizé ist ein packendes Sozialkino über einen vom Schicksal gebeutelten Mittfünfziger gelungen, der nach langer Arbeitslosigkeit und demütigenden Vorstellungsgesprächen eine Anstellung als Sicherheitsbeamter in einem Supermarkt antritt.

Während seiner Arbeitslosigkeit muss Thierry sinnlose Fortbildungen absolvieren und aussichtslose Job-Interviews bestreiten. Besonders einprägsam eine Szene, in welcher er ein Interview via Skype führen muss, in dem er gedemütigt und belehrt wird.

Thierry kommt bei seiner Suche nach einem neuen Arbeitsplatz immer wieder an den Punkt, an dem er sich die Frage stellen muss, ob er es sich noch erlauben kann, auf seinen Prinzipien zu bestehen. Als er schließlich eine Anstellung als Kaufhausdetektiv findet, gerät er aufs Neue in ein moralisches Dilemma, das ihn endgültig vor die Wahl stellt, ob er dazu imstande ist, den Gesetzen des Marktes zu gehorchen oder nicht.

Was die sehr realistischen Szenen auch so bedrückend macht, ist die Tatsache, dass hier ein Bild entsteht, das sich auch im Alltag immer wieder zeigt: Fast jeder kämpft für sich allein, es gibt keine Solidarität unter den KollegInnen und dies auch nicht, wenn sie von Vorgaben und / oder Handlungen von Vorgesetzten unter Druck geraten!

Im französischen Original lautet der Filmtitel „La loi du marché“, „das Gesetz des Marktes“. Dieses Gesetz macht die meisten Menschen in ihren Arbeitswelten hohl und lässt jede Empathie für ihr DU vermissen.

Auch lassen sich in der Arbeitswelt immer häufiger aggressive Handlungen beobachten, die sich durchaus auf subtile Weise zeigen können. Hier braucht es Feingefühl, um solcherart Vorgangsweisen rasch zu erkennen.

Mein persönlicher Erfahrungswert zeigt, dass auch Mobbing und Bossing Ausdruck von Aggression sein können. Bei eingehender Betrachtung ist zu erkennen, dass "mobbendes" oder "bossendes" Verhalten definitiv keinesfalls Stärke zeigt, sondern viel mehr Angst und Schwäche!

Mobbende Vorgesetzte sind übrigens auch daran zu erkennen, dass sie häufig entscheidungsschwach sind und sich gerne Unterstützung für ihr Verhalten holen. Diese bekommen sie durchaus auch auf direkte Weise aus den Reihen der „Untergebenen“, die nicht selbst zum „Bossing-Opfer“ werden wollen. Eine Art indirekte Unterstützung wollen solche Vorgesetzte auch bei jenen MitarbeiterInnen erkennen, die aus Angst davor, selbst zum Opfer zu werden, schweigen und oft die Meinung vertreten, sich auf diese Weise aus einem Konflikt herauszuhalten.

Für Bossing gibt es unterschiedlichste Gründe, die Außenstehenden oft fremd sind, sogar unglaublich erscheinen: Nicht selten sind Umstände wie zum Beispiel Langeweile oder Leistungsdruck, dem man nicht gewachsen ist, Auslöser und Grund für Bossing gegen MitarbeiterInnen.

Studien haben gezeigt, dass die Mobbingraten in öffentlichen Verwaltungen erschreckend hoch sind. Als unterster Schätzwert sind 6% der MitarbeiterInnen von Verwaltungen, Krankenhäusern und des Sozialbereichs von Mobbing betroffen. Die Privatwirtschaft folgt mit geschätzten 3,5%.

Typische „Opfer“ sind meist nicht die „Schwachen“, sondern im Gegenteil die besonders engagierten MitarbeiterInnen. Häufig auch solche MitarbeiterInnen, die keiner Norm entsprechen. Nicht einer Kategorie zuzuordnen zu sein, ist für unsichere Vorgesetzte oder KollegInnen manchmal Anlass genug, um unfair zu agieren.

Auffällig auch diese beobachtete Verhaltensweise: Wendet man sich an eine schwache Führungskraft, um einen Konflikt zu thematisieren, so wird man nicht selten zurückgewiesen, dies mit der Aufforderung, nicht so „überempfindlich“ zu reagieren, die Zeit nicht fürs Streiten zu verwenden usw.

Den gesundheitlichen Schaden, der aus solchen Situationen entstehen kann, bedaure ich vor allem aus menschlicher Sicht, denn das Wesen Mensch ist mir wesentlich näher, als den wirtschaftlichen Schaden an erster Stelle ins Auge zu fassen.

Nicht nachvollziehbar sind mir auch diverse sehr halbherzige Versuche in Unternehmen, in puncto Gesundheit präventiv vorzugehen: Weitgehend bekannt müsste längst sein, dass nur ein ehrliches Hinterfragen der Rahmen gebenden Arbeitsbedingungen Voraussetzung dafür ist, dass Arbeitsfreude gegeben sein kann.

Ich habe nicht selten den Eindruck, dass in diversen Unternehmen das Thema "Mobbing" / "Bossing" noch nicht ernst genug genommen wird. Arbeitgeber-Angebote wie Rückenschulen, Ernährungsberatung, Nichtraucherkurse usw. sind gut und richtig, sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade ein echtes "soziales Wohlfühlklima" eine äußerst wichtige Voraussetzung dafür ist, dass MitarbeiterInnen gesund bleiben!

Wobei natürlich an dieser Stelle erwähnt sein soll, dass ein "soziales Wohlfühlklima" für eine Person mit Mobbing- oder Bossing-Neigungen wohl etwas ganz anderes bedeutet wie für jene, die in einem wertschätzenden Team-Klima ihre beruflichen Aufgaben professionell ausführen möchten.

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