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Pflegenotstand!!!



Das Thema "Pflegenotstand" ist wahrlich nicht neu und dennoch gibt es aktuell noch immer keine ausreichenden Konzepte zur Bewältigung der Herausforderungen, die in Pflegeberufen seit Jahren bekannt sind.

In Österreich gibt es nun politische Bestrebungen, den Pflegebereich auch jungen Menschen zugängig zu machen, nämlich in Form von Lehrberufen. Diese Überlegungen halte ich keineswegs für ausgereift, ich schließe mich in diesem Punkt jenen an, die diese Idee äußerst kritisch sehen: Dass es nicht genug Pflegekräfte gibt, liegt in Österreich nicht an mangelnden Ausbildungsmöglichkeiten, sondern an sehr prekären Arbeitsbedingungen. Ich meine, dass es für diese Art von besonderer Verantwortung im Berufsleben auch eine gewisse Lebenserfahrung braucht, denn die psychischen Belastungen sind bei Mitarbeiter*innen im Pflegebereich enorm. Auch deshalb kann ich in der Installierung eines Lehrberufes keinen verantwortungsbewussten Beitrag zur Lösung von strukturellen Missständen sehen.


Gesondertes Augenmerk braucht es gemäß meinen persönlichen Erfahrungen und Einblicken auch in die Betreuung von Menschen mit Demenz. Die Zahlen der an einer Demenzerkrankung leidenden Menschen steigen rasant, was nicht nur stationäre und mobile Pflegeeinrichtungen gewaltig unter Druck setzt, sondern auch Angehörige.


Wo beginnen?

Bereits bei der Einstufung zum Pflegegeld erlebe ich fassungslose Angehörige, die mir berichten, bzw. verfüge ich über ausreichend eigene Erfahrungen, um zu lebhaften Diskussionen beitragen zu können. Ich erlebe immer wieder eine völlig von einer herausfordernden Pflege-Realität abweichende Einstufung durch Ärzte, besonders, wenn eine fortgeschrittene Demenzerkrankung vorliegt: Gerade in solchen Fällen müsste auch vermehrt in der Berechnung von anrechenbaren Pflegestunden berücksichtigt werden, dass betreuende oder pflegende Angehörige meistens mehrfach belastet sind - nämlich zusätzlich mit einem Beruf, mit einem eigenen Haushalt und mit Kindern. Sämtliche Erledigungen durch Angehörige finden in eine Berechnung von anrechenbaren Pflegestunden kaum Eingang. Es zählt, was die zu pflegende Person berichtet, und wenn's darauf ankommt, dann werden tatsächlich wahre Heldentaten geschildert. Warum es dazu kommt (übrigens nicht nur bei meinen Eltern), haben mir ausgebildete Pflegekräfte beigebracht: Letztendlich will man sich ja vor einem Vertreter von Vater Staat keine Blöße geben, da funktioniert dann eben auch noch das tägliche Kochen mühelos, da ist auch die Wohnung noch sauber, die Kleidung gepflegt, die Einkäufe und Arztbesuche werden eigenständig ausgeführt usw. Dass die Realität eine andere ist, kann ich hier festhalten: Beim Besuch des Arztes, der meine Mutter und ihr wohnliches Umfeld begutachtete, herrschte genau jene Situation in der elterlichen Wohnung vor, die seit Jahren gegeben ist - man hätte sich also keine besonders große Mühe geben müssen, um festzustellen, dass die Wohnung völlig unübersichtlich, verstaubt und vollgestopft ist: von bergeweise angehäuften alten Zeitungen und Zeitschriften, von sinnlos gesammelten Klopapier- und Küchenrollen, von Kleidungsbergen, von Putzmittelanhäufungen (Produkte in vor sich hinschäumenden und rostenden Dosen, noch mit Schillingpreisen versehen), von abgelaufenen Lebensmitteln, von jeder Menge Krims & Krams und vielen anderen Dingen, die ihre natürliche Lebensspanne schon längst überschritten haben.

Der Arzt beurteilte die besichtigte Wohnung als in einem "sauberen" Zustand, vermutlich waren an diesem Tag nicht nur beide Augen zugedrückt, es fühlte sich wohl auch die Nase nicht von seltsamen Gerüchen irritiert.

Der Zustand der Wohnung beruhte übrigens in jener Zeit nicht darauf, dass meine Mutter in ihren kraftvollen Lebensjahren kein ordentlicher Mensch gewesen wäre: Meine Mutter liebte es über viele Jahre, eine blitzblanke und aufgeräumte Wohnung vorweisen zu können - mit Beginn ihrer Demenzerkrankung, der wohl schon Jahre zurückliegen dürfte, konnte sie allerdings keine Kraft mehr für ihr wohnliches Umfeld aufbringen. Auch beharrte sie immerzu hartnäckig darauf, sie habe alles im Griff und wünsche keine Einmischung, also waren uns Kindern die Hände gebunden. Nun ist meine Mutter seit längerem gut untergebracht in einer Senioreneinrichtung. Wir haben Glück gehabt, großes Glück, sie fühlt sich wohl und ist von liebevollen Menschen, die sich um sie kümmern, umgeben. Ich weiß auch von ganz anderen Szenen in Pflegeheimen, sie sind so schrecklich, dass man sie gar nicht glauben möchte. Die Pflegekräfte sind am Ende ihrer Kräfte, viele haben bereits gekündigt oder sind innerlich taub geworden, um ihre Jobs irgendwie durchzustehen. Neue und gut qualifizierte Mitarbeiter*innen sind äußerst rar, was zu vielen Überstunden führt und auch ein Betriebsklima ordentlich aufheizen kann. Ich verstehe diese Menschen und ich sehe ihre großen Belastungen, ihr tiefes Leid.

Die Zeit ist gekommen: Seit Monaten sind wir beiden Kinder und eine hilfreiche Bekannte nun dabei, die elterliche Wohnung sukzessive von unzähligen Altlasten zu befreien. Dass dies Zeit braucht, weil Aktionen solcherart nur an Wochenenden stattfinden können, stößt auf keine vernehmbare Einsicht bei meinem Vater. Immer unverschämter werden seine Forderungen, er träumt davon, selbst solche Menschen zu seinen Gehilfen zu machen, die ihm zuvor nie wichtig waren. Ordnung war ihm übrigens auch nie wichtig in der Vergangenheit, jetzt allerdings beharrt er störrisch darauf, seine praktische Mithilfe ist aber natürlich kein Thema.


In Österreich trifft es fast jede vierte Familie, dass sie sich vor der Entscheidung sieht, Angehörige zu betreuen oder zu pflegen. Und: Angehörige in die Obhut von Betreuungs- oder Pflegeeinrichtungen zu geben, ist eine Entscheidung, die bei weitem nicht immer von allen Angehörigen in gleicher Weise eingesehen wird. Bereits hier kommt es zu Auseinandersetzungen in Familien, die sehr tiefe Wunden hinterlassen können.

Die theoretische Entscheidung, Angehörige im Familienverbund zu betreuen oder zu pflegen ist eine, die sich in der Praxis manchmal durchaus anders darstellt, als dies oft vorab zwischen den Familienmitgliedern besprochen wird: Es zeigt sich häufig, dass im Alltag meist jene/r Angehörige/n mit mehr Aufgaben betraut ist / sind, der / die räumlich näher an der zu betreuenden Person dran ist / sind: Trifft einen diese Rolle als Einzelperson, ist man in diesen Fällen also nicht nur Ansprechpartner Nr. 1, wenn die zu betreuende Person Hilfe braucht, sondern auch für jene, die (in räumlicher Distanz lebend) weniger zentral in die Angelegenheiten eingebunden sind. Den wohlmeinenden Rat, möglichst viele Erledigungen an Einrichtungen abzugeben, habe ich sehr wohl in der Vergangenheit stets vernommen, doch auch die eigenbrötlerische Verweigerung meines Vaters, solche Notwendigkeiten einzusehen, hat meinen Blick auf meine Kapazitäten anfangs noch verschleiert. "Irgendwie schaffe ich diese Erledigungen auch noch!" - auch unter regelmäßiger Verwendung von kostbaren Urlaubstagen -, das war ein allzu häufiger Gedanke und schon folgten die nächsten Notizen in mein Organisationsbuch. Dass sich mein Vater wiederholt in der Vergangenheit darüber echauffierte, dass ich all meine Erledigungen für ihn und meine Mutter schriftlich festhielt, sei an dieser Stelle auch einmal erwähnt: "So trainiert man sein Gedächtnis nicht!", meinte er unzählige Male boshaft. Es ist nichts Außergewöhnliches daran, dass man sich als verantwortungsbewusster und gut organisierter Mensch einen Überblick über sämtliche "To Do's" behalten möchte. Dass mein - übrigens sein Leben lang und noch immer Listen schreibender - Vater meine Planungen, wie ich meine Erledigungen und Termine mit meinen Eltern in meinen ohnehin anstrengenden Alltag einbauen könnte, auch noch nervig unzählige Male kommentierte, hat auch nicht gerade zu einem friedlichen Miteinander beigetragen. Unzählige Diskussionen über kleinste Kleinigkeiten mit dem Vater, ob am Telefon oder bei Besuchen, sie haben ihre Spuren bei mir hinterlassen. Ich werde nicht mehr diskutieren.

Ungezählte Bitten meinerseits, mich während meiner Arbeitszeit mit Anrufen zu verschonen, sie wurden konsequent überhört. Bitten an meinen Vater, mich nicht unter Druck zu setzen, wurden mit garstigen Worten kommentiert. Funde in der elterlichen Wohnung zeugen davon, dass er immer schon als gnadenloser Herrscher aufgetreten ist. Es gab eine Zeit, in der ich an eine ehrliche Annäherung zwischen ihm und mir glaubte, ich habe in dieser versöhnlichen Zeit viele Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend zum Schweigen gebracht und wollte den geläuterten Vater erkennen. Doch: Ich werde nicht mehr bitten. Sinnlos, meine Bitten einem Egozentriker vorzubringen.

Mein Vater bekommt nun ausnahmslos familienfremde Menschen zur Seite gestellt, was von den Pflegekräften an Einkäufen und Motivationsgesprächen nicht erledigt werden kann, wird von diesen Menschen erledigt. Und wenn er wieder einmal meint, der Kunde sei König, dann wird ihn hoffentlich jemand darauf hinweisen, dass ein König nur der ist, der sich auch so zu benehmen weiß.


Meine tiefe Erschöpfung hat sich wohl über mehrere Jahre stetig aufgebaut, nun ist das Ausmaß derart riesig, dass ich mich auf mein ureigenes Sein konzentrieren muss: Ich darf mich nun damit auseinandersetzen, Grenzen zu setzen, die Einhaltung dieser hartnäckig zu verfolgen und ein *not*wendiges "Nein!" auch als "Nein!" gelten zu lassen. Das Schreiben tut mir gut - und das Aufzeigen ist wichtig!

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