• Text und Foto: C*

Vergebung - der innere Weg zur Freiheit


Solange ich denken kann, wollte ich nie ein Opfer sein.

Bereits in meiner Kindheit zeigte sich, dass ich mich gegenüber jenen, die mich zutiefst verletzt haben, wehrhaft verhielt. Damals war ich kratzbürstig und auflehnend gegenüber meinem Vater und in der Pubertät verlagerte sich meine Wut auch gegen meine Mutter. Ihre Rolle in unserem Familiensystem habe ich erst in meinen jugendlichen Jahren zu verstehen begonnen.

Während ich lautstark und auch durch meine auffallende äußere Erscheinung gegen unsere Eltern rebellierte, hielt sich meine Schwester gegenüber unserem Vater weitgehend zurück und litt still und heimlich und sehr tief nach innen. Von unserer Mutter fühlte sich meine Schwester gut umsorgt und geliebt - sie war jene Tochter unserer Mutter, zu der unsere Mutter eine bedingungslose Mutterliebe entwickeln konnte.

Gemeinsame wunderschöne Zeiten erlebten wir als Kinder und Jugendliche bei Oma und Opa, Tante und Onkel auf dem Lande. Noch heute sprechen wir oft und dankbar über all diese kostbaren Momente.

Auch von uns geliebte Tiere spielten in unseren jungen Jahren eine so großartige und wesentliche Rolle, dass unsere Herzen und Seelen keine unheilbaren Schäden erlitten.

Erst vor kurzem habe ich von meiner Schulfreundin, die mich geduldig und mit größter Aufmerksamkeit durch meine Volksschuljahre begleitet hat, erfahren, dass ich damals deutliche Anzeichen von Wut und Trauer zeigte. Ganz sicherlich hat gerade sie es nicht verdient, dass sie meine Verzweiflung über die Vorgänge in meinem Elternhaus durchaus auf sehr unangenehme Art und Weise zu spüren bekam. Ich legte eine Art und Weise an den Tag, die sie allerdings erst heute, so viele Jahre später - nach unserem Gespräch - richtig einordnen kann. Meine Schulfreundin hatte von meinem Elternhaus immer einen sehr positiven Eindruck - meine Mutter hat es auch über all die Jahre bestens verstanden, nach außen hin eine schillernde Fassade aufrecht zu erhalten. Wen immer sie blenden wollte, konnte sie blenden - wer von ihrer Ehe wissen sollte, der wurde informiert, allerdings immer auf eine sehr manipulative Art und Weise. Uns Kindern blieb dieses Recht auf ein Aufzeigen unseres Unglücks - unter Androhung von Strafen - allerdings aufs Heftigste verwehrt, was mir auch im Nachhinein als großes Unrecht und riesige Grausamkeit erscheint. Heute verbuche ich diese Tatsache als Fakt, der allerdings dann eine emotionale Färbung erhält, wenn ich Eltern erlebe, die ihre Kinder unter selbigen Druck setzen.

Ich wurde vor annähernd 50 Jahren in eine Partnerschaft geboren, die wohl unter den falschen Voraussetzungen zustande kam. Meine Mutter projizierte auf meinen Vater all ihre romantischen Vorstellungen vom Leben, während sich mein Vater eine Versorgerbeziehung erhoffte, in der er sich von seiner Frau viele praktischen Zuwendungen wünschte. Auch heute noch versucht mein Vater, all seine emotionalen Entbehrungen, die er ganz sicher bereits in seiner Kindheit erlebt hat, auf recht unangenehme Art und Weise auszugleichen: Er versucht in vielen Situationen, sich auf seine ihm sehr spezielle Art und Weise bei Menschen Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Die Schuldzuweisungen für ihr Unglücklichsein haben meine Eltern sich immer gegenseitig zugespielt und Verantwortlichkeiten auf andere Menschen oder Umstände geschoben; eine kritische Selbstreflexion fand vor allem bei meiner Mutter zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens statt.

Mein Wesen war schon in meiner Jugend geprägt von tiefem Mitgefühl für benachteiligte, für verfolgte, für misshandelte, für kranke und alte Menschen. Ich hatte nie maßlose Wünsche nach äußerem Reichtum und Wohlstand, sehr wohl aber spürte ich früh ein großes Sehnen nach tiefem inneren und äußeren Frieden, nach tiefer Wahrhaftigkeit in mir und in der Welt. Nach und nach sollte ich begreifen, dass all dieses Sehnen im Laufe meines Lebens weite Kreise ziehen würde: In mir manifestierte sich meine reifende Überzeugung, dass ich mich nur dann frei von all den Bürden meines jungen Lebens fühlen würde, wenn ich einen ehrlichen Weg finden könnte, mit meiner so schmerzvollen Vergangenheit umzugehen. Viele glückliche Zufälle, aber auch bewusst herbeigeführte Begegnungen mit Menschen, die mich wachsen und Einsicht gewinnen ließen, erleuchteten im Laufe mehrerer Jahre meine Wege und ich suchte und fand Gelegenheiten, die einen langen und von so manchen Rückschlägen gezeichneten Versöhnungsprozess mit meinen Eltern zuließen.

Ganz sicher war es für mich sehr wichtig, mit meinem Vater in einen ehrlichen Dialog zu treten - und dies nur unter vier Augen. Ich verstand, wie wichtig es für uns beide war, unsere gemeinsame Vergangenheit auch einmal aus seinen Augen zu beleuchten. Denn meinem Vater wurde über viel zu viele Jahre von meiner Mutter - zunächst sehr glaubwürdig ausgeführt - alle Schuld an einem unglücklichen Familienleben zugewiesen. In unseren Gesprächen wurde allerdings zunehmend für mich klarer, dass auch meine Mutter durch ihr Verhalten viel Nachteiliges und Schädigendes in die Ehe meiner Eltern eingebracht hatte, was sich natürlich auch auf uns Kinder deutlich ausgewirkt hat. Es gab allerdings auch Entwicklungen, die hauptsächlich mein Vater zu verantworten hat und er musste es auch aushalten, dass seine Verhaltensweisen, die bei uns Kindern so viel Ablehnung, vor allem aber auch Angst erzeugt hatten, deutlich angesprochen wurden. Meine Sicht auf die gemeinsame Vergangenheit war untermauert von meinem sehr guten Erinnerungsvermögen, was meinen Vater ziemlich unter Druck brachte, weil er im Nachhinein selbst über sein Verhalten erstaunt und entsetzt war. Ich habe alle meine Erinnerungen auf den Tisch gelegt und ich habe vor allem meine Emotionen nicht unterdrückt - er musste sie aushalten, was teilweise wieder dazu führte, dass er sich beleidigt und unverstanden fühlte. So haben wir gemeinsam immer Schritte in Richtung Versöhnung gesetzt, aber eben auch Rückschläge erlitten. Es waren tatsächlich Jahre not_wendig, eine Wende in unserer Beziehung einzuleiten und so langsam, jedoch beharrlich eine Beziehung zu entwickeln, die in manchen Bereichen von Vertrauen und auch Dankbarkeit geprägt ist und in anderen vom Wissen, dass wir an unserer Vergangenheit nichts ändern können, sehr wohl aber in unseren Haltungen.

Von einer gewissen Flexibilität kann ich berichten, wie wir uns heute begegnen: Für mich ist mein Vater auch im Alter von 82 Jahren noch ein sehr wacher und meinungsstarker Geist, was wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklungen betrifft. Darüber mit ihm zu diskutieren, ist absolut bereichernd und dafür bin ich sehr dankbar.

In Hinblick auf die menschliche Seele und ihre Bedürfnisse scheut er sich immer noch vehement, wichtige Schritte in Richtung Erkenntnis und Haltung zu tun - vor diesen Hürden bleibt er stehen wie ein Pferd, das vor einem Hindernis scheut, obwohl es dieses sehr wahrscheinlich gut bewältigen könnte. So ist es ihm auch nicht möglich, für die Krankheit meiner Mutter Verständnis zu entwickeln.

Mit meiner Mutter war ein Prozess dieser Art zu keinem Zeitpunkt möglich, zu sehr standen und stehen ihr verschiedene Schwächen im Wege. Nicht selten habe ich das Gefühl, dass sie damit in erster Linie sich selbst um etwas ganz Elementares im Leben gebracht hat, nämlich um die so kostbare Erfahrung, eine tiefe, dankbare Lebensfreude empfinden zu können! Mein Wissen um ihre Unzufriedenheit erfüllt mich oft mit Wehmut, wie bunt ihr Leben hätte sein können, wenn sie in sich Frieden und Heimat gefunden hätte. Mit diesen Gedanken über ihre Persönlichkeit kann ich gar nicht anders, als ihr zu vergeben. Es ist mein tiefes Mitgefühl für die Schmerzen, die sie erlitten hat, das mich nun in unserer Beziehung trägt.

Mein Leben ist zunehmend geprägt von einem größeren Gefühl der Freiheit und von meinen Eindrücken, dass ich nun MEIN Leben endlich jetzt und zukunftsorientiert erfüllen kann, auch, wenn ich gerade derzeit vieles für meine Eltern zu organisieren habe.

Und ich bin überzeugt, dass es letztendlich richtig war, einen in früheren Lebensjahren oft überlegten Bruch mit dem Elternhaus nicht vollzogen zu haben.

100 Ansichten4 Kommentare

Familienbande

Verwurzelt

Thema des Monats
Aktueller Eintrag
Archiv