• Text und Foto: C*

Eine Frau im Ozean ihrer Weiblichkeit



Emma Thompson als Nancy Stokes, welch eine großartige Performance!


Nancy, 55-jährig, seit zwei Jahren Witwe und pensionierte Religionslehrerin, hat sich selbst enge Grenzen auferlegt - auch hinsichtlich ihres Sexuallebens, das sie mit Ehemann Robert ohnehin als eintönig und lustlos erlebt hat.

Doch Nancy sehnt sich schon lange nach Erfüllung ihrer Wünsche, die sie in ihrer Ehe zurückgehalten hat. Sie hat eine Liste erstellt, in der alle Fantasien aufgelistet sind, die sie mit ihrem Mann niemals praktizieren konnte.

Sie engagiert Leo Grande (Daryl McCormack harmoniert sichtlich mit Emma Thompson), der ihr als Sexarbeiter seine Dienstleistungen anbietet. Schnell wird klar, dass sich Leo darauf versteht, einfühlsam mit den Wünschen seiner Kund*innen umzugehen. Trotzdem gelingt es Nancy anfangs nicht, sich auf das selbstgewählte Abenteuer einzulassen, zu sehr fühlt sie sich von eigenen ethischen Vorstellungen und ihrer tief empfundenen Unsicherheit als Frau gehemmt. Ihren Körper empfindet Nancy als unattraktiv, in ihrer Selbstsicht ist sie in tiefer Scham und Abneigung gefangen. Um ihr die Scheu zu nehmen, verwickelt Leo Nancy in Gespräche und zeigt ihr einfühlsam durch Berührungen, dass er sie attraktiv findet. Nancy erfährt auch, dass Leos älteste Kundin eine 82-jährige Frau ist. Dieses Detail bringt erste Zweifel in ihre immer wieder geäußerte abwehrende Haltung, sich einem bezahlten Abenteuer mit Leo hinzugeben. In ihren Gesprächen, die beide genießen, fasst Nancy immer mehr Vertrauen zu Leo, sie erzählt von ihren beiden Kindern - besonders ihren Sohn findet sie langweilig. Sie möchte mehr über Leo wissen und spürt, dass er ein Geheimnis wahrt. Noch ist sie weiterhin zögerlich, sich ihre Wünsche zu erfüllen, doch Leo erweist sich als intelligenter und zugewandter Reisegefährte durch Nancys verletzte Seele. Es ist nicht nur ein äußerer Tanz, der die beiden auch auf einer menschlichen Ebene zueinander führt. Schließlich kann sich Leo öffnen und so erzählt er Nancy, dass sein Bruder und seine Mutter glauben, er würde auf einer Bohrinsel arbeiten. Im Laufe von mehreren Treffen lässt Nancy nun zunehmend ihre inneren Beschränkungen wie auch ihre äußeren Hüllen fallen und die beiden wenden sich Nancys Wünschen zu.


In "Meine Stunden mit Leo" brilliert Emma Thompson als Frau, die sich immer mutiger in den Ozean ihrer Weiblichkeit vorwagt, in welchem sie anfangs aus Angst wiederholt unterzugehen droht: Ihre Angst besteht auch vor den Auswirkungen ihrer tief vergrabenen Fähigkeit zu sexuellem Lustempfinden.

Es ist ein Hochgenuss, Emma Thompson in ihrem nuancierten Spiel zu folgen und bei der Verwandlung ihrer Figur Zeugin zu sein: Immer mehr befreit sich Nancy aus ihren tiefen Schamgefühlen, immer gefasster wird sie dabei, ihre sie schützende Kleidung abzulegen, bis sie schließlich aktiv wie auch genießend weit in ihre erweckte Weiblichkeit vordringt. Dass Nancy bei ihrer Reise schließlich während ihrer Treffen mit Leo auf menschlicher Ebene inniger werden möchte, als dies Leos Wunsch ist, führt auch zu einer wütenden Zurückweisung von Leo. Letztendlich kann er ihr gestehen, dass er von seiner Mutter als Teenager verstoßen wurde, für seine Mutter sei er tot. Das letzte Treffen der beiden findet zunächst in der Hotellobby statt, der Film wird auf dieser Ebene um eine dritte Person erweitert - Kellnerin Becky, die sich als ehemalige Schülerin von Nancy zu erkennen gibt. Nancy ist diese unerwartete Begegnung zunächst unangenehm, doch letzten Endes bekennt sie sich zu ihrem bezahlten Liebhaber und sie entschuldigt sich bei Becky, sie als Schülerin einst wegen eines zu kurzen Rockes übel beschimpft zu haben.

Am Ende ihrer Treffen mit Leo angelangt, kann sich Nancy endlich wohlwollend nackt im Spiegel des Hotelzimmers betrachten: Sie hat ihren Körper angenommen und sich auf dem Ozean ihrer Weiblichkeit weit hinausgewagt; sie hat gelernt, sich freizuschwimmen.

Als wunderschöne Blume hat Nancy nun all ihre Blütenblätter geöffnet, weil sie nicht mehr länger in der Knospe verharren wollte.


Der Regisseurin Sophie Hyde ist ein großartiger Film gelungen, der mich auf allen Ebenen, die er anbietet, überzeugt hat: Sophie Hyde und ihre beiden Schauspieler haben einen gleichsam humorvollen wie auch ernsthaften Zugang zu großen menschlichen Themen gestaltet, der niemals peinlich, aber immer zutiefst menschlich ist. Wunderbare Kinostunden, meine Stunden mit Emma!

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