• Text und Foto: C*

Vom Bewusstsein des eigenen Ich





An Jahren zu reifen hat etwas Schönes, wenn man die Erfahrung machen darf, dass es immer weniger nötig wird, Rat von außen einzuholen. In jenen Fällen, wo ich mir Austausch und Hinweise wünsche, wende ich mich inzwischen ausschließlich an Menschen, die weniger aus der Emotion heraus einen Hinweis oder einen Rat geben, sondern vielmehr aus einer tiefen und wahrhaftigen Reflektiertheit, die sich fließend mit Lebensweisheit verbindet.

In meinem Leben erweist es sich als Tatsache, dass ich mehr und mehr einer so wichtigen Selbsteinschätzung trauen darf, dass ich auf meine innere Stimme zählen kann - ich darf mit Dankbarkeit erleben, dass mich mein innerer Kompass wiederholt zur richtigen Zeit an die richtigen Plätze bringt. Auch, wenn sie sich manchmal zunächst als sehr ungemütlich erweisen.

Immer öfter mache ich die Beobachtung, dass die Stille, die ich in der Natur suche und auch finde, eine hervorragende und liebevolle Wegbereiterin ist: Hier kann ich durchatmen, aufatmen, tief einatmen - Dimensionen einordnen, Wichtiges von Unwichtigem trennen. Räume, die ich lange nicht zu betreten gewagt habe, stellen plötzlich keine Gefahr mehr für mich dar, ich fühle mich gestärkt und spüre, dass vieles in mir selbst vorhanden ist, was ich früher im Außen gesucht habe. Einigen Respekt habe ich noch davor, den Satz "Alles ist in uns selbst vorhanden" auszusprechen und doch bin ich von Herzen bereit, diese einzigartige Erfahrung zu machen.

Was den Instinkt betrifft, ist die Tierwelt dem Menschen bei weitem überlegen. Dieser spielt beim Menschen eine weitgehend untergeordnete Rolle, da sich der Mensch vordergründig vom Kopf, vom Starrsinn und von Trieben steuern lässt.

Gleichzeitig fällt mir auf, dass - sobald Selbstkenntnis*) und Selbsterkenntnis**) zunehmen und vorhanden sind - eindringend agierende Menschen (die allzuoft ungefragt Ratschläge erteilt haben) mit seltsamen Verhaltensweisen reagieren: Ich gewinne den Eindruck, dass manche Menschen nicht damit klar kommen, wenn sich andere entwickeln, mehr entdecken wollen, das Neudenken und -handeln in ihrem Leben als Möglichkeit sehen und in der Folge neue Wege gehen. Wobei sich Neues wahrlich nicht immer im Außen zeigen muss - man muss nicht immer Schritt halten mit den neuesten Technologien, die Menschen mitunter überfordern. Es geht nicht immer um technische Revolutionen - es geht allerdings sehr häufig darum, zu hinterfragen, wovon sich die Masse der Menschheit beeinflussen lässt, wovon sie sich bereitwilligst süchtig machen lässt, um dann in dumpfer Abhängigkeit als nicht hinterfragende Masse am Tropf jener zu hängen, die nur mittels der verführerischen Strahlkraft der Oberflächlichkeit faszinieren und manipulieren.

Es entsteht im Laufe von inneren Entwicklungen durchaus von meiner Seite und manchmal auch bei meinem Gegenüber eine gewisse Distanz; es ist mir auch bewusst, dass Entwicklungen zu Veränderungen in Beziehungen führen können. Solche Prozesse, die mich früher mit einer gewissen Wehmut erfüllt haben, kann ich nun als etwas durchaus Folgerichtiges einordnen.

Ich habe tatsächlich überhaupt kein unbewusstes Bedürfnis mehr danach, mich von meinem Wunsch nach gelebter Wahrhaftigkeit ablenken zu lassen. Und ich habe in diesem Zusammenhang auch die Ent_scheidung getroffen, dass manche gemeinsame Wege mit anderen enden dürfen.

Anmerkungen:

*) Selbstkenntnis als Fähigkeit, sich selbst zu erkennen, in klarer Abgrenzung zu anderen

**) Selbsterkenntnis als Folge der Selbstreflexion, das Gegenteil der Selbsterkenntnis ist die Selbsttäuschung

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