Reden wir darüber ...


... bevor es zu spät ist.
Dieses Motto begleitet die Ausstellung Death Positive, die bis 4. April 2027 im Linzer Nordico zu sehen ist.
Gestorben wird immer, denn keinem Lebewesen auf diesem Planeten gelingt es, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Es hilft alles Ausblenden nicht - ich halte es für besser, sich damit auseinanderzusetzen und dies auch auf kultureller Ebene. Deshalb habe ich mich zum Besuch der Ausstellung entschlossen.
Bis vor wenigen Jahren habe ich Friedhöfe weitgehend gemieden. Erst ein Besuch des Zentralfriedhofes in Wien hat mich bereit gemacht, mich Gräbern wieder anzunähern und somit auch diesem letzten Kapitel in unserem Erdenleben.
Den riesigen Friedhof habe ich als Ruheoase in einer pulsierenden Weltstadt erlebt, ebenso war ich erstaunt, welche Tiere an diesem Ort Heimat finden und wieviel Kunstvolles auf den Wegen zu entdecken ist. Seitdem gab es einige weitere Friedhöfe, die ich besucht habe und die tatsächlich zu den schönsten Friedhöfen Österreichs zählen.
In der Ausstellung ist die Totenmaske von Anton Bruckner zu sehen. Unweit von Linz / Donau im Jahr 1824 geboren, war der Orgelvirtuose eng mit St. Florian (nahe Linz) verbunden. Er verbrachte zehn Jahre im Stift St. Florian, wo er sich vom Lehrenden zum professionellen Musiker entwickelte. Darauf folgten dreizehn Jahre als Domorganist im Alten Dom von Linz. Ab 1868 wirkte er bis zu seinem Tod am 11. Oktober 1896 in Wien, wo er eine Professur für Musiktheorie und Orgelspiel erhielt. Seine ersten bekannten Kompositionen schrieb er bereits während seiner Zeit in St. Florian, in Wien komponierte er seine bekanntesten Sinfonien.
Anton Bruckner litt bereits früh unter Schwermut und Minderwertigkeitsgefühlen, das Sterben hat ihn ein ganzes Leben lang beschäftigt. Das mag auch daran liegen, dass er seinen Vater früh entbehren musste. Bruckner führte einen bescheidenen Lebensstil, doch seine Bestattung plante er selbst sehr ausführlich: Es war ihm überaus wichtig, als Leiche erster Klasse beerdigt zu werden. Seine sterblichen Überreste mussten gemäß seinen Anweisungen einbalsamiert werden, als seine letzte Ruhestätte wählte er einen Platz in der Gruft der Stiftskirche St. Florian.
A schene Leich war einst dem Adel vorbehalten, im Bürgertum des 19. Jahrhunderts musste allerdings mitunter ein Leben lang darauf gespart werden. Haben da manche Menschen vielleicht viel zu sehr auf ihren Abschied geschielt, als ihr Leben zu leben? Wesentlich war jedenfalls ein besonders aufwändig inszeniertes Begräbnis, zu dem ein festlicher Kondukt, viel Musik und wertvoller Grabschmuck gehörten. Außerdem sollten möglichst viele bedeutsame Menschen unter den Trauergästen sein und überhaupt auch viele Bürger*innen zugegen sein. Der anschließende üppige Leichenschmaus spielte dabei ebenfalls eine große Rolle. So ein typischer Leichenschmaus findet auch heute noch statt, allerdings eher in ländlichen Gegenden: Es werden traditionelle Gerichte der bodenständigen österreichischen Wirtshausküche, wie etwa Wiener Schnitzel oder Gekochtes Rindfleisch, gereicht.
A schene Leich gab es am 14. Februar 1998 auch für Hans Hölzel, den die Welt als Falco kannte. Zugegeben, es war eine auch mich beeindruckende Verabschiedung. Dem Verstorbenen folgten einige tausend Menschen, darunter viele Fans und auch zahlreiche Prominente. Seinen Sarg trugen Mitglieder einer Motorradgang, die in seinem weltbekannten Video zu Rock Me Amadeus mitgespielt hatten. In seinem Song Out of the Dark fragt er sich: Muss ich denn sterben um zu leben?
Mir persönlich ist der Aufwand zu einer schenen Leich kaum vorstellbar, auch führen meine persönlichen Vorstellungen der eigenen Verabschiedung ganz konkret in eine völlig andere Richtung, dennoch nehme ich zur Kenntnis, dass die Gestaltung des eigenen letzten Weges im Leben mancher Menschen äußerst bedeutsam war und manchmal noch ist.
Feststeht, dass in unserer Zeit das Geschäft mit dem Tod boomt. Sterben ist zwar umsonst, aber alles andere als gratis. Sterben ist längst zu einem Wirtschaftsfaktor geworden: In diesem Zusammenhang muss auch das Kapitel einer kommerzialisierten Sterbehilfe kritisch beleuchtet werden.
Der Tod ist uns bereits in die Wiege gelegt. Er gehört mit aller Selbstverständlichkeit zum Leben dazu - auch, wenn wir dadurch viele schmerzhafte Verluste erleben. Was mir fremd ist und wohl auch bleiben wird, sind eben Inszenierungen - ich möchte gehen dürfen, wie ich lebe: In aller Bescheidenheit, im Kreise meiner Lebensbegleiter*innen, so wünsche ich mir eine leise Verabschiedung mit Baumbestattung. Meine Lieblingsvorstellung ist allerdings, von sanften Winden in schneebedeckten Bergen unter blauem Himmel in alle Richtungen getragen zu werden.
Foto: C*, Wiener Zentralfriedhof #Sein #Kultur #Kunst


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