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Lebensqualität

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 1 Stunde
  • 4 Min. Lesezeit

Mir ist, als könnten westliche Gesellschaften nicht immer Schritt halten mit medizinischen Fortschritten. Die moderne Medizin schafft, dass viele Menschen heutzutage ein sehr hohes Alter erreichen. Überhaupt geht man davon aus, dass Kinder, die gegenwärtig geboren werden, eine sehr große Chance haben, 100 Jahre alt zu werden.

Das scheint zunächst einmal so etwas wie eine gute Nachricht zu sein. Doch ist diese Aussage auch bei näherer Betrachtung immer richtig? Es wird nämlich aus meiner Sicht recht wenig hinterfragt, ob ein langes Leben um jeden Preis immer im Sinne der einzelnen Menschen ist. Auch die seit Jahren anhaltende Pflegemisere (und ein Ende dieser ist nicht in Sicht) spielt da hinein - wer wird sich um mich, 1970 geboren, einmal kümmern, wenn ich Hilfe brauche?

Nicht nur am Beispiel meiner Eltern wird mir immer bewusster, wie hinterfragenswürdig ich eine Medizin finde, die ein ohnehin langes Leben noch weiter ausdehnt, und dabei auch gesundheitliche Nachteile, nämlich u. a. schwerwiegende Nebenwirkungen von Medikamenten, in Kauf nimmt.

Meine Mutter leidet an sehr schmerzhafter Osteoporose sowie besonders an vielen massiven Abnützungserscheinungen ihres Stützapparates. Längst hätte sie eine neue Hüfte gebraucht, diese OP ist allerdings aufgrund ihrer sehr fortgeschrittenen Demenz nicht möglich. Sie müsste gewissen medizinischen Anordnungen in einer postoperativen Phase folgen können, was ihr kognitiv allerdings nicht mehr möglich ist. Auch wäre eine Vollnarkose von großem Nachteil für ihre Gehirnleistung. Bei meinem vorletzten Besuch habe ich erfahren, dass ihre Schmerzmedikamente wieder erhöht bzw. sogar erweitert wurden. Ich weiß, dass das nötig ist, auch, wenn der Preis kein geringer ist: Unter anderem sind ihre Nieren durch die seit langem üblichen Gaben bereits sehr angegriffen. Zudem machen sie die Schmerzmedikamente auch sehr müde. Trotzdem werden diese sehr starken Schmerzmittel verabreicht, weil sie insgesamt die Lebensqualität meiner Mutter klarerweise und auch erkennbar fördern. Diese Schmerzmittel sind also definitiv alternativlos. Heute war ich mit meiner Mutter im Krankenhaus, da sie vor einiger Zeit gestürzt ist (wovon ich übrigens nicht in Kenntnis gesetzt wurde) und seitdem besonders schmerzempfindlich ist. Ihre erste Sorge, als sie von den Röntgenassistentinnen angegriffen wurde, um sie auf der Röntgenliege zu positionieren, war, dass sie Schmerzen haben könnte: Tut's mir bitte nicht weh! Ihre zweite Sorge formulierte sie auch mit zittriger Stimme: Bitte lasst's mich nicht allein!

Mein Vater sitzt schon seit mehreren Wochen untätig in seinem Rollstuhl, und ist nach einer Operation, die eine Vollnarkose nötig machte, kognitiv inzwischen ebenfalls äußerst eingeschränkt. Er muss beispielsweise wiederholt dazu angehalten werden, zu trinken. Wenig Flüssigkeitsaufnahme bedeutet nämlich auch, dass er noch verwirrter ist als dies ohnedies schon länger der Fall ist. Seine einst so geliebten Zeitungen bleiben unbeachtet, er schafft es auch nach eigenen Worten nicht mehr, darin zu lesen. Er schläft oft vornübergebeugt im Rollstuhl, was die Gefahr eines weiteren Sturzes aus diesem Stuhl stark erhöht. Ich will mir das gar nicht ausmalen und bin zumindest unterbewusst immer in permanenter Unruhe. Diese Unruhe hat gerade in den letzten Wochen auch wieder meine Depression befeuert.

Allein das Schicksal meiner Eltern macht etwas mit mir. Es bereitet mir große Angst vor meinem eigenen Altwerden und ich erhebe gerade aus diesen Erfahrungen ganz klar den Anspruch für mich, mein Leben auch am Ende selbstbestimmt leben zu dürfen. Die Würde des Menschen gebietet auch aus meiner Sicht, individuelle Entscheidungen zu akzeptieren, auch wenn diese nicht den gesellschaftlichen Mehrheitsvorstellungen entsprechen.


Ich bin mir nicht sicher, ob sich alle Menschen nach einem besonders langen Leben sehnen. Es gibt Menschen, die ganz klar sagen, sie hätten genug gelebt. Eine sogenannte Übertherapie am Lebensende sehe ich auch deshalb sehr kritisch und daher halte ich es für sehr wichtig, für so einen Fall Anordnungen schriftlich und rechtsgültig festzuhalten. Mein Vater hat bei einem Notar in einer Vollmacht für uns, seine Kinder, festgelegt, dass er keine künstliche Lebenserhaltung wünscht.

Selbstbestimmt leben bedeutet mir auch, selbstbestimmt sterben zu dürfen. In Deutschland steht jedem Menschen das Grundrecht auf einen selbstbestimmten Freitod zu, und zwar unabhängig von einer Krankheit. In Österreich ist diese Selbstbestimmung sehr viel enger gewählt, das wird wohl auch so bleiben - und das hat leider auch schwerwiegende historische Gründe.

Ich lebe in Österreich und möchte dennoch keinesfalls monate- oder gar jahrelang in Abhängigkeit von Pflegekräften und von vielen starken Medikamenten sediert einem Lebensende entgegendämmern müssen. Ich möchte mich ganz klar dafür entscheiden können, meinen Tod selbst zu bestimmen.


Ich glaube, dass Elisabeth Kübler-Ross, die am 8. Juli vor einhundert Jahren in Zürich geboren wurde, Wesentliches geleistet hat, nämlich das Schweigen über den Tod zu brechen und ihn aus einer Tabuzone in eine gesellschaftliche Debatte zu verschieben. In einer Medizin, die noch bis vor wenigen Jahren stark bevormundend geprägt war, war dieses Aufbrechen von Tabus wohl skandalös. Patientinnen und Patienten wurden manchmal nicht einmal über ihre Diagnose informiert, der Arzt war noch vor zwanzig Jahren gleichsam ein Gott in Weiß.

Dass Elisabeth Kübler-Ross letztendlich ihren eigenen Weg an der Grenze zwischen den Welten als einen sehr schwierigen erleben musste, konnte sie sicher nicht vorausahnen. Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio spricht in Hinblick auf unsere nahe Zukunft von einem Tsunami von hochaltrigen Sterbenden, der auf uns zukomme und damit grundlegende Fragen nach Würde, Autonomie und Fürsorge neu aufwerfe. Dem Mediziner ist es maßgeblich zu verdanken, dass sich heute jeder Medizinstudent in Deutschland und in der Schweiz in seiner Ausbildung mit der Begleitung Sterbender und ihrer Familien auseinandersetzen muss.

Diesen Fragen rund um das Sterben müssen wir uns als Gesellschaft ganz sicher noch intensiver stellen. Ein Augen zu und durch gibt es nicht, wenn es darum geht, eine möglichst hohe Lebensqualität, nämlich auch am Lebensende, für Menschen zu ermöglichen.            


Bild: Pixabay, Gerald Altmann

 
 
 

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