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Mutterglück?

  • Autorenbild: C*
    C*
  • 24. Okt. 2025
  • 4 Min. Lesezeit



Mutter zu sein, hat sich in meinem Leben nicht ergeben. Nicht nur, weil ich in jungen Jahren nicht den für eine Vaterschaft vorstellbaren Partner an meiner Seite hatte, sondern auch, weil ich keinen inneren Auftrag zur leiblichen Mutterschaft verspürte.

Allerdings konnte ich mir - mit dem passenden Partner an meiner Seite - vorstellen, ein Kind zu adoptieren. Dazu ist es allerdings ebenfalls nicht gekommen.

Mit Kindern hatte ich jedoch beruflich sehr viel zu tun - und das hat mich über die meiste Zeit mit großer Freude und mit viel Sinn erfüllt, wenn auch die Arbeitsbedingungen gerade in meinen letzten Berufsjahren in der Kinderbetreuung denkbar schlecht waren. Meine liebevollen Gefühle für die uns anvertrauten Kinder waren oft dermaßen intensiv, dass mich ihr mitunter schweres Leben tief berührt hat. Wiederholt habe ich mich besonders jenen Kindern nahegefühlt, die von ihren Eltern hauptsächlich Gleichgültigkeit und auch Gewalt erfahren haben. Ich erinnere mich noch immer an eine Mutter, die die Geburtstage ihrer zehn Kinder nicht wusste. Mich hat dieses Nichtwissen schockiert und traurig gemacht, ich hatte das Gefühl, diese Kinder waren einfach nur das biologische Ergebnis von ehelichem Beischlaf - mehr nicht.

An ein ganz besonderes Kind erinnere ich mich noch häufig, ich hatte über mehrere Jahre engen Bezug zu diesem Buben und zu seiner Mutter. Ich erinnere mich daran, dass er erzählte, seine Eltern beim Sex beobachtet zu haben. Da hat er Vorgänge gesehen und uns geschildert, die nicht seiner Fantasie entsprungen sein konnten. Von der Mutter erfuhren wir, dass sie ihrem Mann nicht immer zu Willen war. Das waren Gespräche, die mich mit Wut und Traurigkeit erfüllt haben. Wie viele Kinder wurden und werden nicht in Liebe, sondern in gewaltvollen Körperakten gezeugt? Immer wieder haben uns Mütter und Kinder mit ihren Schilderungen in ihre oft so triste Welt mitgenommen. Wir Pädagog*innen haben getan, was wir konnten, um den Kindern wenigstens in unseren gemeinsamen Stunden Sicherheit und Geborgenheit zu bieten.


Doch zurück zu meinem eigenen Leben.

Ob meine Mutter Mutterglück empfunden hat? Sie hat es jedenfalls behauptet und heute, in der Rückschau auf ihr so schweres Leben, bin ich überzeugt, dass sie das Beste für ihre beiden Kinder gegeben hat - das, was ihr möglich war. Sie war jedenfalls sehr pflichtbewusst und hat das getan, was aus ihrer Sicht zu tun war. Meine Schwester fühlte sich von meiner Mutter immer sehr geliebt. Mein Verhältnis zu meiner Mutter war sehr ambivalent, es war getragen von Liebe wie auch von Trauer und Wut; ich hatte Verständnis für meine Mutter, wie auch Unverständnis. Ich habe auch als junge Frau nicht nachvollziehen können, was meine Mutter bei meinem Vater gehalten hat. Heute ist mir alles klar und ich bedaure viele Wortgefechte zwischen meiner Mutter und mir. Auf dem Altar ihres (zweifelhaften) Mutterglücks hat meine Mutter meinem Vater ihr Leben, ihre Freiheit und ihre Gesundheit geopfert. Ich fühlte mich lange schuldig, Kind meiner Mutter zu sein, denn mein Sein hat meine Mutter an meinen Vater gebunden. Daran hat er sie oft erinnert, auch mit der Drohung, dass sie im Falle einer Scheidung ihre Kinder verloren hätte. So hat es meine Mutter oft erzählt.

Ich bin in der Vergangenheit manchmal auf meine Kinderlosigkeit angesprochen worden. Nicht von vielen Menschen, allerdings von Verwandten - und auch mein Vater erlaubte sich, unpassende Kommentare abzugeben. Gerade ihm standen Kommentare gar nicht zu, denn er ist einem zugewandten Vatersein in vielen Punkten nicht gerecht geworden. Ich wurde mit strikten patriarchalen Ansichten konfrontiert, die mich sehr befremdet haben. Mein Vater äußerte oft: "Wenn viele Frauen so wie du denken, gibt es keine Kinder mehr." Ich erinnere mich daran, warum er Kinder in die Welt gesetzt hat: Es sei üblich, Kinder zu zeugen, man sei im Alter versorgt; außerdem meinte mein Vater, Kinder würden sich steuerlich günstig auswirken. Ich wurde auch von diesen Aussagen geprägt.

In meiner Verwandtschaft war meine Kinderlosigkeit verpönt, man warf mir vor, eine Karrierefrau zu sein. Welche Karriere?

Sich in so dermaßen persönliche Entscheidungen oder (schicksalhafte) Lebenswege einzumischen und diese völlig distanzlos zu kommentieren, birgt zweifellos Gefahren, kinderlose Paare zu kränken: In meinem Umfeld gibt es einige Paare, die kinderlos geblieben sind - und dies hat für lange Zeit große Schmerzen in ihren Leben verursacht. Nicht jedem Paar, das sich sehnlichst Kinder wünscht, ist dieses Glück gegönnt.


Mein Partner und ich sind auf einen Film aufmerksam geworden, den wir uns ansehen werden. In Mother's Baby wünschen sich die vierzigjährige Dirigentin Julia und ihr Partner Georg sehnlichst ein Kind, die gewünschte Schwangerschaft bleibt zunächst allerdings aus. Als Julia nach einer Behandlung in einer Kinderwunschklinik tatsächlich schwanger wird, scheint das Glück perfekt zu sein. Doch die Geburt wird zu einem zutiefst verstörenden Ereignis, das Kind wird der Mutter sofort entzogen und die Eltern werden nicht darüber informiert, was genau passiert ist. Als Julia ihr Kind endlich wieder in den Armen hält, zeigen sich bei der Mutter erste Anzeichen großer Irritation. Julia ist es nicht möglich, Mutterglück zu empfinden, sie spürt eine Distanziertheit zu ihrem Kind und offenbart sich zudem in paranoiden Zügen.

Der Film behandelt auch tief verankerte gesellschaftliche Erwartungen an die Mutterrolle.

Muss Frau ein Kind haben, um sich glücklich fühlen zu können?


#Filmtipps Mehr Einblick in meinen ehemaligen Beruf bietet dieser Beitrag.


Foto: Pixabay, "PublicDomainPictures"

 
 
 

8 Kommentare


Rosa Ananitschev
Rosa Ananitschev
29. Okt. 2025

Liebe C Stern,

Deinen Worten stimme ich vollkommen zu. Jeder sollte selbst entscheiden dürfen, ob er Kinder haben möchte oder nicht. Für mich kann ich sagen: Ich hatte gar keine Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob und wann ich Mutter sein will – ich war sofort schwanger. Verhütung in Russland? Fehlanzeige. Zum Glück, gab es neben zwei Kindern nur vier Schwangerschaftsabbrüche. Meine Frau hat übrigens keine eigenen Kinder und verspürte nie den Wunsch danach. Dafür hat sie jetzt zwei Stiefkinder und zwei Enkelkinder. 😉 Auch gut!

Wenn viele Frauen so wie du denken, gibt es keine Kinder mehr.

Das Gleiche sagen die Leute ja oft zu homosexuellen Paaren. Da habe ich aber Glück, meine Quote diesbezüglich bereits erfüllen zu können. 😊

Herzliche…


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C*
C*
30. Okt. 2025
Antwort an

Liebe Rosa,

vielen Dank für Deine erweiternden Gedanken.

Nicht nur in Russland, auch in anderen Ländern (es werden ja wieder mehr aufgrund so vieler rechter Politiker, die den Frauen die Selbstbestimmung per Gesetz verbieten) ist es heute noch schwierig, über Schwangerschaftsabbrüche zu entscheiden. Ich finde es erschütternd, dass von Männern bestimmt wird, wie sich Frauen zu verhalten haben.

Ich weiß, was es heißt, Trauer zu verspüren, eine Entscheidung gegen eine Schwangerschaft treffen zu müssen. Ich habe mehrere Frauen in Not erlebt - genauso wie ich solche kenne, die sich sehnlichst ein Kind gewünscht haben, wo es einfach nie geklappt hat. Ich maße mir in keiner Weise ein Urteil an.

Es gibt mittlerweile immer mehr homosexuelle Paare, die Kinder adoptieren oder…

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Roswitha
Roswitha
25. Okt. 2025

liebe c stern, deine gedanken kann ich gut verstehen. ich wünsche dir, dass du vieles hinter dir lassen kannst und die erinnerungen an gute erlebnisse dich tragen. rückwirkend ist nichts zu ändern, nur unsere haltung dazu, wie du ja bei deiner mutter erfährst. und für mein leben ist mir auch eine gute erfahrung, dass manche entwicklung nicht in meiner verantwortung lag. jede/ jeder darf glücklich sein wie er/sie es will, ohne rechtfertigung vor anderen. herzlichen gruß, roswitha

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C*
C*
26. Okt. 2025
Antwort an

Liebe Roswitha,

vielen Dank für Deine Gedanken. Es erstaunt mich manchmal selbst, wie sehr die Kindheit prägt.

So, wie Du schreibst, gibt es ja auch zahlreiche Erinnerungen an schöne Erlebnisse. Mein Aufwachsen hat mich auch in dem Sinne geprägt, dass mir rasch auffällt, wenn etwas in Familien nicht gut läuft. Ich denke, davon haben die Kinder profitiert, sie konnten sich immer sicher sein, dass sie mit ihren Erlebnissen zu mir kommen konnten.

Herzliche Grüße, C Stern

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stemmer.recklinghausen
stemmer.recklinghausen
25. Okt. 2025

Kinder sind ja nicht automatisch Garant für ein glückliches Leben. Das versucht man Frauen offensichtlich immer noch einzureden. Man sollte viel ehrlicher darüber reden, wie herausfordernd es auch sein kann, Kinder darin zu begleiten, ihr eigenes Leben zu leben und damit glücklich zu sein. Sie sind doch nicht Mittel zum Wecke meines eigenen Glücks. Herzliche Grüße

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C*
C*
25. Okt. 2025
Antwort an

Ich habe es u.a. an meinem Vater beobachtet, dass Menschen aus nicht nachvollziehbaren oder sogar (wie in seinem Fall) aus höchst egoistischen Motiven eine Familie gründen. Ich glaube, dass durchaus auch eine nötige Seelenreife für so eine große Verantwortung fehlen kann.

So, wie Du schreibst, es wird nicht immer ehrlich darüber gesprochen, wie schwierig Phasen auch sein können. Es ist mit Kindern so wie mit Partnerschaften, beides muss nicht zum Glück führen, wenn man sein Glück daran festmacht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Menschen eine "will haben"-Einstellung leben - in etwa: Ich will ein Kind haben, weil meine Freundin auch schon eines hat.

Ich denke an Khalil Gibran:

"Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und…

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Brigitte Fuchs
Brigitte Fuchs
25. Okt. 2025

Ich finde es total legitim, wenn Frauen - aus welchen Gründen auch immer - sich gegen eine Mutterschaft entscheiden.

Man sieht ja aus den Beispielen, die du uns schilderst, wie tragisch das für jene Kinder ist, die zu wenig oder gar nicht geliebt werden.

Eine kinderlose Partnerschaft kann genauso erfüllend sein wie eine mit Kindern. (Das erlebe ich im engsten Familien- und Freundeskreis.)

Dir wünsche ich alles Gute, ganz ohne dumme Fragen, aufgezwungene Meinungen oder gar Anfeindungen.

Einen nachdenklichen Gruss ins Wochenende,

Brigitte

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C*
C*
25. Okt. 2025
Antwort an

Ich bin dabei, Menschen, die ihre Grenzen nicht kennen, darauf hinzuweisen. Das müssen gar keine großen Worte sein, manchmal geschieht es auch dadurch, dass ich einfach nicht mehr präsent bin. Ich höre mancherorts, vermisst zu werden.

Mein Motto ist, mich mit Menschen zu umgeben, die respektvoll sind. Es gibt Seelenverwandte, die das Gefühl der Geborgenheit auslösen.

Wenn ich an meine Zeit mit meinen Kindern denke (was oft der Fall ist, obwohl ich meinen Beruf nicht vermisse), kommen viele Gefühle hoch. Ich freue mich immer sehr, wenn ich jemanden wiedertreffe. Erst neulich hat mich eine junge Frau angesprochen, ich habe sie gar nicht mehr erkannt.

Danke für Deine Gedanken, liebe Grüße, C Stern

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