• Text und Foto: C*

Die Gerechten unter den Völkern







Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" vermochte - trotz aller (berechtigter?) Kritik -, dass die Bezeichnung "Die Gerechten unter den Völkern" erstmals vielen (jüngeren) Menschen ins Bewusstsein gerückt wurde: Oskar Schindler, einer der wohl - durch eben diesen Film - bekanntesten "Gerechten unter den Völkern", schaffte es letztendlich, etwa 1200 Juden das Leben zu retten. Selbst Mitglied der NSDAP, gelang es ihm, seine guten, teilweise freundschaftlichen Kontakte zu SS-Beamten einzusetzen, um für jene jüdischen ZwangsarbeiterInnen, die in seiner Emailwarenfabrik gearbeitet haben, bessere Bedingungen zu schaffen, da sie ja "kriegswichtige Erzeugnisse" herstellten. Oskar Schindler entsetzte zunehmend das Verhalten des Naziregimes und so waren Oskar und Emilie Schindler letztendlich nicht nur dazu bereit, ihr gesamtes Vermögen für die Rettung "ihrer Juden" auszugeben, sondern sogar ihr Leben zu riskieren. Schindler wurde mehrmals von der Gestapo vernommen, seine ausgezeichneten Kontakte begünstigten allerdings jedes Mal rasche Enthaftungen. In einem Koffer verwahrte Schindler zeitlebens wichtige Dokumente und Fotos. die im Oktober 1999 auf dem Dachboden seiner letzten Geliebten gefunden wurden. In diesem Koffer befand sich auch die originale Liste der von ihm geretteten Juden, die heute unter "Schindlerjuden" bekannt sind.

Mit der Erschaffung dieses Films, der mich persönlich nachhaltig und zutiefst berührt hat, hat sich Spielberg nicht nur mit seiner jüdischen Identität auseinandergesetzt, sondern gleichzeitig erreicht, einem bis zu diesem Zeitpunkt viel zu wenig beachteten Menschheitsthema großes Interesse zu verschaffen: Bis zum Erscheinen dieses Films im deutschsprachigen Raum im Jahre 1994 hatte ich relativ wenig von Zivilcourage für jüdische Mitmenschen gelesen und gehört. Jene Menschen nichtjüdischer Abstammung, die verzweifelten jüdischen Mitmenschen in der Zeit des Nationalsozialismus geholfen haben, ohne einen Vorteil daraus gezogen zu haben oder dafür finanziell entlohnt worden zu sein, werden in Österreich (derzeit) mit 110, in Deutschland mit 627 Menschen angegeben. Diese Menschen wurden von der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in die Reihe der "Gerechten unter den Völkern" aufgenommen. Seit 1963 werden vorgeschlagene Persönlichkeiten nach bestimmten Kriterien geprüft und nach Anerkennung zutiefst menschlicher Leistungen kann ein derart mutiger Mensch als "Gerechter unter den Völkern" anerkannt werden - was auch posthum geschieht.

Es muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass mit Sicherheit nicht alle jene Menschen, die ihren jüdischen Mitmenschen geholfen haben, von diesen Ehren erfasst wurden, wofür es mehrere Gründe gibt: Beispielsweise haben es RetterInnen manchmal auch vorgezogen haben, nach dem Krieg anonym zu bleiben. Zudem gab es mit Sicherheit auch Helfende, die während ihrer mutigen Aktionen ums Leben kamen oder noch während des Krieges starben. Beherzt eingreifende Menschen fanden sich übrigens in allen möglichen sozialen Schichten: Es gab Bauern, Schauspieler, Künstler, Polizisten, Priester, Ärzte, usw. - sie alle riskierten ihr eigenes Leben und das ihrer Familien! Es waren Männer wie Frauen, die nicht wegsehen konnten und unter schwierigsten Bedingungen Lebensräume und Essen zur Verfügung stellten.

Der Film "Hasenjagd - Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen" soll hier ebenfalls Erwähnung finden, weil er ebenso der Zivilcourage weniger einzelner Menschen Raum gibt - in diesem Film wird auf sehr eindrückliche Weise auf ein Ereignis im oberösterreichischen Mühlviertel eingegangen, das mit Februar 1945 datiert: Damals wurden etwa 500 wehrlose sowjetische Kriegsgefangene umgebracht, während sie versuchten, aus dem KZ Mauthausen zu flüchten. Viele wurden schon auf dem Gelände erschossen, andere fielen nach der Mauer erschöpft zusammen. Ungefähr 300 Männern gelang die Flucht vorerst und sie wateten bei Minusgraden, total entkräftet, krank und schlecht gekleidet durch eine ihnen völlig unbekannte Landschaft. Neben der SS, SA, Gendarmerie und Feuerwehr wurde auch die Zivilbevölkerung instruiert, sich an der Hasenjagd zu beteiligen und keine Gefangenen zu machen; die Menschen wurden aufgefordert, sofort zu schießen. So wurden fast alle Flüchtlinge auf ihrer Flucht erschossen, erschlagen oder erstochen. Nur von elf Männern ist bekannt, dass sie überlebt haben. Nikolaj und Michail, wie sie auch im Film heißen, gelang es, sich auf den Heuboden einer Familie zu schleppen, die sie bis zum Kriegsende unter dramatischen Umständen versteckt hielt. Die beiden konnten zurückkehren nach Russland und Jahre danach wurde der Kontakt mit ihren Rettern wieder aufgenommen, der dann bis zum Lebensende der beiden Männer hielt. Auffallend auch hier: Oftmals mussten Helfende nach Kriegsende mit vielen Schmähungen und Drohungen zurechtkommen - wie auch Franziska Jägerstätter, deren Mann Franz den Kriegsdienst verweigerte und dafür enthauptet wurde.

Es muss uns bewusst sein, dass die Nationalsozialisten auf eine industrielle Vernichtung und Beseitigung von Millionen Menschen gebaut haben und diese Maschinerie auch über Jahre aufrechterhalten konnten. Was sie in ihrem Bestreben unterstützt hat, war ganz klar, dass viele Menschen in dieser so dunklen Zeit einfach weggeschaut und jede Not auf Seiten der jüdischen Bevölkerung geleugnet haben. Es war wohl auch allen Menschen bewusst, dass ein Antreten gegen dieses Terrorregime mit dem eigenen Tod und dem der Angehörigen hätte enden können - und dennoch waren einzelne Menschen und auch größere und kleinere Kollektive dazu bereit, ihr Leben zu riskieren, um andere Leben zu retten!

Wie oft habe ich die Frage danach gestellt, warum beispielsweise keine Zugschienen, die in Konzentrationslager führten, bombardiert oder vom Boden aus manipuliert wurden? An mangelnder Information über das brutale Hinschlachten so vieler Menschen konnte es doch nicht gelegen sein! Das mangelnde Können von Piloten war wohl auch kein Thema, denn es konnte damals lt. Berichten bereits durchaus sehr zieleffizient bombardiert werden, was allerdings heute auch immer noch unterschiedlich diskutiert wird. Es erschüttert mich, wenn der studierte Soziologe mir weismachen will, man solle doch bitte keinen Verschwörungstheorien anhängen, wenn ich Gelesenes zitiere, wo große finanzielle Interessen von damals mächtigen Unternehmen angeführt werden, deren Bosse eben nicht am Stillstand des Krieges interessiert gewesen sein dürften, weil sie keine Gewinne mehr gemacht hätten. Ausgehend von einem guten Allgemeinwissen um die Befindlichkeiten unserer gegenwärtigen internationalen Unternehmen, die - an allen ethischen Kriterien vorbei - Kriegsmaterial produzieren, müssen solche Überlegungen wohl auch für die damalige Zeit ausgesprochen werden dürfen.

Bereits im November 1942 gab es unmissverständliche Schilderungen über Vernichtungslager, u.a. bestätigten das Internationale Rote Kreuz und der Vatikan diese Berichte. In diesem Wissen wurde - und das ist eine weitere gesicherte Erkenntnis - im Dezember 1942 eine Deklaration im Londoner Parlament verlesen, in welcher der Völkermord an den Juden bekanntgemacht wurde.

Tatsächlich zeigten später folgende Diskussionen unter den Verantwortlichen, dass auch keine militärischen Ressourcen auf nicht-militärische Ziele umgelenkt werden sollten und ein militärischer Sieg stand sowieso auf der Prioritätenliste diverser Staatsmänner. Derart visionierte man dann auch das Ermorden der Juden als eingestellt. Doch es sollte ein militärischer Sieg noch in weiter Ferne liegen - für viel zu viele Juden kam das Ende des Krieges viel zu spät!

Zivilcourage oder auch sozialer Mut ist eine der höchsten Formen der Menschlichkeit und sie muss dort selbstverständlich sein, wo Menschenwürde und Menschenrechte oder auch die Integrität einer Person verletzt werden! So sind wir in der Gegenwart an vielen Schauplätzen, die das Leben bietet, aufgefordert, uns danach zu halten. Gelegenheit, couragiert zu handeln, finden wir bestimmt alle ...

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Geheuchelte Ahnungslosigkeit - Zeugenschaft verpflichtet

Zivilcourage

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