People Pleaser
- C*

- vor 1 Tag
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Ein paar neuere Begriffe sind mir beim Internetten wieder begegnet, auf zwei möchte ich näher eingehen.
Gaslighting kannte ich ja als Begriff bereits, mit Erklärungen hätte ich mir bislang allerdings schwer getan -
jetzt aber schiebt sich erstmals die Wortschöpfung People Pleaser in meine Aufmerksamkeit, wobei es mir bei diesem Ausdruck leichter fällt, zu übersetzen, was sich dahinter verbirgt.
Mit Gaslighting wird zum Ausdruck gebracht, dass eine Person versucht, Menschen mit gezielten Desinformationen zu manipulieren. Man könnte auch formulieren, Ziel ist es, Menschen mit Lügen zu verunsichern. Ob damit Erfolg erlangt wird, hängt vom jeweiligen Gegenüber ab.
Der Begriff leitet sich von einem Theaterstück - Gas Light - ab. Ein Mann versucht, mit seinem manipulativen Verhalten seine Frau in den Wahnsinn zu treiben.
Das Motiv solcher Täter*innen kann Machtausübung und totale Kontrolle sein. Narzisst*innen bedienen sich solcher Methoden und auch andere Menschen, deren Persönlichkeit gestört ist. Das Thema ist sehr präsent, nämlich in Zusammenhang mit Mobbing. Ich habe genau diese Art von manipulativem Verhalten an einer darin sehr geübten und auch erfolgreichen Person mehrere Jahre beobachtet und erlebt.
Erschütternderweise in Ausübung meiner Tätigkeit in der Kinderbetreuung, meine Führungskraft war Meisterin der Manipulation und zwar in alle Richtungen: Vorgesetzte, Mitarbeiter*innen, Eltern, Kinder, sie alle waren Adressaten ihrer Aktivitäten.
Ich kann von mir behaupten, dass ich diese Frau rasch durchschaut habe, bereits bei meinem Vorstellungsgespräch beschlich mich eine Vorahnung: Ein deutliches Achtung! bemächtigte sich meines ersten Eindrucks, allerdings überwogen damals die Vorteile, sodass ich den Job annahm. Ich fühlte mich gewappnet und stellte mich zahlreichen Herausforderungen. Ich bemerkte schnell, dass mich meine Intuition nicht im Stich gelassen hatte. Viele Ereignisse, die ich zuvor nicht für möglich gehalten hätte, säumten meinen mehrjährigen Weg in einem moralisch lethargen Team, das sich die meiste Zeit von einer manipulierenden Dompteurin wie ein willenloses Etwas hin- und herwerfen ließ. Es gab zwar einige, die vereinzelt hinterfragten oder an manchen Tagen wirkten, als seien sie bereit, die richtigen Konsequenzen zu ziehen, aber diese Stimmung war schnell wieder vorbei, nämlich dann, wenn raschest Zuckerbrot von der Dirigentin dieses seltsamen Orchesters verteilt wurde. So herrschten wieder eitel Honeymoon und Bussi-Bussi-Time - etwas, was ich nach all meinen Erfahrungen für einen Arbeitsplatz ohnehin als höchst fragwürdig einstufe. Gerade in diesen intensiven Honeymoon- und Bussi-Bussi-Phasen kam es immer zum gezielten Ausschluss einer Person, auf die man sich geeinigt hatte. Das bedeutete Phasen von intensivstem Mobbing, wie ich es eindeutiger und perfider noch nie erlebt bzw. beobachtet hatte. Kein Lebensbereich der gemobbten Person war sicher, es wurde leise getuschelt, laut getratscht (auch in der Arbeitszeit und neben den Kindern), es wurde gezielt verleumdet, es wurde gedroht und Hässliches (Joblosigkeit, Wohnungslosigkeit, ...) ausdrücklich gewünscht.
Woher ich das weiß? Viel selbst Gehörtes und Beobachtetes sind meine Quellen, und es gab eine Person, die sich in diesem teuflischen Bündnis tiefschuldig fühlte, aber sich tatsächlich aus Angst vor Jobverlust nicht offen gegen den Mob wandte. Diese Person kam mit allem Gehörten zu mir, an manchen Tagen den Tränen nahe und auch um Verzeihung bittend: Ich wurde täglich damit behelligt, was gerade am Laufen war. Alle Mobbenden waren emsig bei der Sache und dachten dabei irrtümlicherweise, sie könnten niemals Opfer werden - doch weit gefehlt. Der Mobbing-Reigen drehte sich ungestüm und für fast alle war unvorhersehbar, wo er seinen nächsten Halt machen würde. Wie russisches Roulette. Obwohl auf diese Weise selbst von Diffamierungen betroffen, gliederten sich diese gemobbten Personen gleich wieder in den Mob - also in ihre gewohnte Runde - ein, sobald die eigenen Schrecken und Erfahrungen verdrängt waren. Ist das nicht seltsam? Menschen, die Mobbing erleben und darunter leiden, werden selbst zu Täter*innen. Es lässt sich psychologisch ziemlich einfach erklären, akzeptieren kann ich es trotzdem nicht.
Das, was sich da abspielte, wurde interessanterweise von so manchem Kind kommentiert, während sich die Erwachsenen wohl sicher waren, dass ihre Ränke keine Zeug*innen hatten. Ich erinnere mich an einige Aussagen von unterschiedlichen Kindern, auch an Fragen wie diese: Darfst du bei den Feiern nicht dabei sein? Manchen Kindern war zu Ohren gekommen, dass ich bei privaten Feiern und Terminen sowie an Wochenendausflügen(!) nicht dabei war. Den Kindern war allerdings nicht klar, dass ich mich aus freiem Willen von solchen Terminen, an denen viele Abscheulichkeiten ausgetauscht wurden, fernhielt.
Wen verwundert es, dass es für die Meisterin in Sachen Manipulation auch noch ein Seminar gab, wo gelehrt wurde, wie man Mobbingsituationen deeskaliert? Dazu wählten die Chefitäten aus und so wurde mir klar, dass auch an diesen Plätzen kein Durchblick herrschte.
Ich glaube, dass ich all das nur durchgestanden habe, weil ich Rückgrat besitze. Und weil es gütige Menschen gab und gibt, die mich verstanden, bestärkt, geachtet, geliebt und gehalten haben. Ich wollte mich jeden Abend guten Gewissens im Spiegel betrachten können. Daher nahm ich allzeit Haltung ein, die ich auch verbal ausgedrückt habe, wann immer sich die Gelegenheit ergab. Ich wusste genau, was ich damit riskierte. Kein Wunder also, dass ich selbst erlebt habe, was es heißt, mit Hass versehen zu werden. All diese Erfahrungen haben sicher auch dazu beigetragen, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt erkrankt bin. Da erst, nach Jahren und in meinem mehrwöchigen Krankenstand, nützte ich die Möglichkeit, dieses hochtoxische Arbeitsumfeld (Link) zu verlassen, ohne Aussicht auf einen neuen Arbeitsplatz. Ich hatte mir zuvor mehrere Jahre lang mit viel Erfolg eingeredet, dass ich eine Arbeitslosigkeit nicht riskieren könnte. Nun musste ich sie in Kauf nehmen.
People Pleaser machen häufig ihren Eigenwert davon abhängig, ob sie bzw. ihre Tätigkeiten von anderen Menschen gesehen und anerkannt werden. Sie wünschen sich, geschätzt zu werden und reagieren sehr stark auf Lob und Nichtlob. Sie stellen ihre eigenen Bedürfnisse so stark zurück, dass es ihnen nicht möglich ist, ein Nein auszusprechen. Auffällig ist auch, dass sie mit Konflikten nicht zurechtkommen und diese auf jede erdenkliche Weise vermeiden möchten. Doch: Jedem Menschen recht zu tun ist nichts, was erstrebenswert ist. Und dennoch wurde es so vielen Generationen an Kindern wie eine Impfung für ihr Leben mitgegeben, dass sie möglichst vielen Menschen zu Gefallen sein sollen. Auch meine Generation ist davon stark betroffen.
An dieser Stelle möchte ich etwas ausholen und das Wort Lob beleuchten. Ich nehme "Lob" mit sehr gemischten Gefühlen wahr und das hat seine Gründe. Schon als Kind bekam ich unangenehm heiße Wangen, sobald ich dieses verbale Schulterklopfen hörte. Ich versuche darzulegen, welche Auswirkungen Lob haben kann und greife dabei auf einen älteren Text von mir zu:
Eltern, Großeltern und Schulen tragen die größten Teile zur Entwicklung von Kindern bei. Solange wir als Erwachsene über Kinder bestimmen, indem wir "sie bewerten, vergleichen, manipulieren, bestrafen, belohnen oder in irgendeiner Weise Druck auf sie ausüben, wird es keinen echten Frieden geben in und unter uns Menschen." (GLÜCKSSCHULE - Sechs Ansätze für einen grundlegenden Wandel in Schule und Gesellschaft", Daniel Hess)
Das Leistungsdenken, wie ich es bei Erwachsenen und in Kinderbildungseinrichtungen erlebe, greift auf (immer noch unhinterfragte) Machtstrategien zurück, die Kinder in ein erwünschtes Verhalten dirigieren sollen. Als besonders unhinterfragt erlebe ich Belohnungssysteme, die Kindern Anreize bieten sollen, damit sie ein eingefordertes Resultat oder Verhalten abliefern. Auch zu "loben" oder "gelobt" zu werden, war mir immer unheimlich, das Wort "Lob" löste bereits in meiner Kindheit Unwohlsein aus, da ich es mit "bravem" (also erwünschtem und angepasstem!) Verhalten in Verbindung brachte. Das Lob ist also genau genommen in seiner Wirkweise nichts anderes als verschleierte Manipulation und hat ebenso wie offensichtliche Manipulation schädigende Auswirkungen auf die Entwicklung eines heranwachsenden Menschen. ---
Ich gestehe nun freimütig, dass ich eines dieser gelobten und gleichzeitig ungelobten Kinder bin. Mit den Auswirkungen habe ich bereits mein Leben lang zu kämpfen.
Was meiner Entwicklung dienlich gewesen wäre, wären bedingungslose Liebe, Offenheit, Diskussionskultur, Bestärkung und Vertrauen durch meine Eltern gewesen. Ich habe mich selten auf diese Weise unterstützt gefühlt. (Halt haben mir in so manchen Situationen eher meine Lehrer*innen gegeben.) Auch ein freundlicher Hafen, in den ich als Erwachsene jederzeit vertrauensvoll nach wilden Lebensabenteuern hätte einfahren können, hat mir häufig gefehlt. Ich bin noch immer dabei, diese Defizite zu heilen.
Was können wir also tun, um weniger zu loben und mehr anzuerkennen? Was macht den Unterschied? Ganz sicherlich liegt ein wesentlicher Unterschied in der Haltung eines Menschen, ob er eben ein Lob ausspricht oder eine Anerkennung.
Mein Gefühl sagt mir, dass das Lob nicht auf Augenhöhe stattfindet - und das können auch Kinder bereits spüren. Anerkennung bestätigt und bestärkt Kinder, so formt sich auch ein positives Selbstbild. Lob hingegen belohnt Erfolge und hat nichts nachhaltig Nährendes. Es ist bei genauer Betrachtung nur ein Moment einer Bewertung, nichts weiter. Ich kenne und spüre die Unterschiede ganz genau, dennoch war es in meinem Alltag in der Kinderbetreuung oft eine Gratwanderung, nicht lobend, sondern anerkennend zu sein. Ich vertraue darauf, lernfähig zu sein. Und ich bleibe offen für Anregungen, viele davon finden sich auch hier, im Internet.
Foto: C* vor einigen Jahren in der hübschen Stadt Lienz, Osttirol - auch als Perle der Dolomiten bekannt



Liebe C Stern, da schreibst du was. Ich will jedoch gleich voran setzen, wie es mir mit solchen Wörtern geht. Ich verstehe nicht, warum dies alles englisch ausgedrückt werden muss. Ich hatte nur Englisch im Wahlfach und dies auch nur ein Jahr lang, bin also der Sprache nicht so mächtig. Und darum habe ich damit meine Schwierigkeiten.
Deine Erklärung dazu hilft sehr. Und auch, dass du es selbst erlebt hast. Ich weiß von anderen, dass Mobben zum Horror werden kann, dass Menschen daran zerbrechen. Du kannst sicher ein Lied davon singen...
Den zweiten Teil lese ich später, mein Mann braucht mich...
Dir liebe Grüße in einen hoffentlich guten ersten Arbeitstag für dich,
herzlichst, Edith