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In den Schuhen eines anderen

Autorenbild: C*
C*
vor 6 Tagen
2 Min. Lesezeit


Urteile nie über einen anderen,

bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist.


Heute kam mir der Gedanke, dass ich mit zunehmender Lebenserfahrung immer weniger verleitet bin, über andere Menschen zu urteilen. Gänzlich frei davon bin ich sicher nicht, doch ich achte inzwischen mehr darauf, mich in einen anderen Menschen einzufühlen.

Das bedeutet auch, mir in einem Konflikt alle Seiten anzuhören - und schon als Kind wollte ich zwischen Menschen vermitteln. Öl ins Feuer zu gießen, wenn Konflikte schwelen oder gar schon ausgebrochen sind, liegt mir jedenfalls nicht.


Sicherlich haben mich auch Erfahrungen nachdenklich gemacht, wenn Menschen über mich vorschnell geurteilt haben. Doch noch mehr schmerzt mich, dass ich selbst Menschen Unrecht getan habe. Manchmal mögen diese Urteile lange zurückliegen, aber ich erinnere mich noch immer daran.

In einem Fall eines Urteils über mich schmunzle ich allerdings immer wieder einmal: Ich absolvierte vor über zwanzig Jahren in einer Runde von Erwachsenen einen Kurs, der den Teilnehmer*innen von staatlicher Seite aufs Auge gedrückt wurde. Wir alle kannten uns untereinander nicht, doch das sollte sich während der gemeinsam verbrachten Zeit ändern.

Zunächst waren wir Teilnehmer*innen allerdings noch damit beschäftigt, die Lage zu sondieren. Ich fand die Leiter des Kurses von Beginn an sehr engagiert und ärgerte mich insgeheim, warum einige die Chancen, die sich für uns alle daraus ergaben, nicht nützen wollten. Manche agierten wie Störfeuer, während ich voller Interesse die angebotenen Kursinhalte aufnahm und rege an Diskussionen teilnahm. Das war nicht allen geheuer. Zwei Menschen beäugten mich zunächst mit Misstrauen und hatten recht bald eine Meinung über mich: So eine Streberin. Ein bisschen wie Waldorf und Statler aus der Muppet Show sind sie mir damals vorgekommen.

Tag für Tag waren wir beisammen und merklich wurden die errichteten Grenzen aufgeweicht, der Argwohn fand eine Ausgangstür. Wir drei ließen uns Schritt für Schritt aufeinander ein, es fanden Pausengespräche statt - und eines Tages war der Bann gebrochen. Die beiden Menschen, denen ich zunächst suspekt war, waren inzwischen ebenfalls von unseren Kursleitern überzeugt. Sie waren ebenso ratlos über so manche, die noch immer eine ablehnende Haltung einnahmen.

Es sollte sich zeigen, dass mit den beiden schließlich eine Beziehung reifte, die uns auch nach unserer gemeinsamen Kurszeit Kontakt halten ließ.

Einer dieser beiden Menschen ist heute mein bester Freund. Ein überaus treuer Freund, der mich in meiner schlimmsten Lebensphase zusammen mit seiner lieben Frau bei sich zuhause aufgenommen hat, beide haben mich über einige Wochen gehegt und gepflegt, wir hatten eine wunderbare und einzigartige Zeit zusammen. Meine Freundin, eine herzensgute, lebenslustige und großzügige Frau, ist heuer im Jänner an den Folgen ihrer schweren Krankheit verstorben. Ich denke mit viel Liebe und Dankbarkeit an diese wunderbare Frau und ich kann mir vorstellen, dass sie mit ihrer Fröhlichkeit, mit ihrem Optimismus und mit ihrer Großzügigkeit auch im Jenseits vielen Seelen eine wunderbare Gefährtin ist.


Fotos: C* - aus meinem Archiv #Freundschaft #Liebe #Dankbarkeit

 
 
 

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7 Kommentare


andreaobi
vor 6 Tagen

Der Spruch ist wirklich gut. Um einen Menschen beurteilen zu können, müsste man über längere Zeit mit ihm zusammen sein. Am besten, ein paar Stunden mit ihm allein verbringen, so dass es zu sehr persönlichen Gesprächen kommt. Der erste Eindruck kann wirklich sehr trügen. Aber manchmal genügen ein paar Worte und man weiß Bescheid ...


Hab ein schönes Wochenende, liebe C*,

freundliche Grüße, Andrea

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andreaobi
vor 6 Tagen
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Dankeschön! 🌻

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Brigitte Fuchs
Brigitte Fuchs
vor 6 Tagen

Das ist schön zu lesen und ich denke auch, dass man viel offener im Umgang zueinander sein sollte. Manchmal verbaut man sich den Zugang wirklich mit vorgefertigten oder zu schnell gefällten Urteilen.

Dein Beispiel zeigt jedenfalls, wie sehr sich der "erste Eindruck" ändern kann (allerdings auch ins Negative), sobald man sich besser kennt.

Einen lieben Heutegruss, Brigitte

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C*
C*
vor 6 Tagen
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Ich erlebe gerade einen Menschen, der sich offen und redselig zeigt. In mir drinnen gibt es allerdings ein Gefühl, das mich wachsam sein lässt. Ich spüre, dass da etwas nicht ganz zusammenpasst, aber ich greife es (noch) nicht.

Offensein halte ich auch für sehr wichtig, weiß aber, wie schwer es manchen Menschen fällt, aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Herzliche Grüße in die Schweiz, C Stern


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Jutta Urbat
Jutta Urbat
vor 6 Tagen

Ich denke, gänzlich frei davon bin ich auch nicht. Eigentlich habe ich mir es inzwischen abgewöhnt, viel über andere Menschen nachzudenken, vor allem über die, in die man sich aus den verschiedensten Gründen nicht hineinversetzen kann. Ich empfinde das, als für mich verlorene Zeit. Das mag jetzt vielleicht ein wenig hart klingen, aber mit Vielem, was heute um mich herum passiert, kann ich mich einfach nicht mehr arrangieren.

Solche Situationen, wie du hier eine schilderst hat sicher jeder einmal erlebt - ob Schule, Arbeit oder in einem Verein. Manchmal hat man sich zusammengerauft, aber nicht immer. Dann musste man entweder damit leben oder hat sich getrennt.

Liebe Grüße - Jutta

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C*
C*
vor 6 Tagen
Antwort an

Mich haben Menschen - und wie sie ticken - immer schon interessiert. Darum habe ich schon als Kind sehr gerne beobachtet - und das tue ich immer noch. Ich hätte Lust gehabt, Psychologie zu studieren, daraus wurde auch deshalb nichts, weil ich rechtzeitig erfahren habe, dass mich das Studium meinen Interessen nicht in dem Ausmaß nähergebracht hätte, wie ich es mir erwartet hätte. Es gibt viel Statistik - und das ist weniger mein Zugang.

Es gibt Menschen, die es einem sehr schwer machen, sie einzuschätzen. Ich erinnere mich an eine Mitschülerin, die war nie fassbar für mich. Es war befremdlich, dass ich an ihr nichts entdecken konnte, was mich enttäuscht hätte. Aber ich war ihr auch nicht besonders nah. Auf…


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