top of page

Geistvoller Austausch

Autorenbild: C*
C*
vor 5 Stunden
3 Min. Lesezeit



Den autobiografischen Spielfilm Lolita lesen in Teheran haben wir schon vor längerer Zeit im Programmkino gesehen.

Wir waren und sind derart erfüllt von Respekt für die im Film dargestellten und viele andere mutige Frauen, dass wir auch das Buch, auf dem der Film basiert, erworben haben.

Die Autorin des gleichlautenden Buches ist die iranisch-US-amerikanische Literaturdozentin Azar Nafisi, die auf ihre Zeit als Lehrende an einer Universität in Teheran zurückblickt. Zu dieser beeindruckenden Dokumentation über weibliche Widerstandskraft meint Margaret Atwood*): Überwältigend. Ein literarisches Rettungsboot auf dem Meer des iranischen Fundamentalismus.

Vermutlich weiß auch das Mädchen auf dem Bild bereits, dass ein Frauenleben im Iran ein äußerst mühsames ist. Mädchen und Frauen haben sich unzähligen menschenverachtenden Gesetzen und Traditionen zu unterwerfen - tun sie es absichtlich oder aus Unwissenheit nicht, folgen grausamste Strafen. Die Medien sind voll von verstörenden Berichten und Bildern und fast als noch bedeutsamer empfinde ich Berichte, die ich im persönlichen Austausch mit Menschen höre, die aus diesem einst so kulturreichen Land geflohen sind.


Besonderes Augenmerk gilt im Film wie im Buch dem Roman Lolita von Vladimir Nabokov, 1955 in Frankreich erstmals publiziert. Nabokovs Buch, das auch zweimal verfilmt wurde, habe ich bis dato nicht gelesen, dazu sah ich noch nie eine Veranlassung. Ich habe es allerdings mittlerweile in meine Leseliste aufgenommen, gerade deshalb, weil sich der Frauenkreis rund um Azar Nafisi damit auseinandergesetzt hat.

Inhalt des Romans ist die übergriffige Beziehung des Literaturwissenschaftlers Humbert Humbert zu seiner kindlichen Stieftochter Dolores Haze, Lolita, die er in kompletter und unabwendbarer Obsession schwerst missbraucht.

Jedenfalls finde ich in höchstem Maße nachvollziehbar, welche Gedanken sich dazu bei den jungen iranischen Studentinnen und ihrer wissenschaftlichen Begleiterin bei ihren heimlichen Zusammenkünften, beginnend mit Herbst 1995, einstellen: Nabokovs Werk ist seit der iranischen Revolution von 1979 verboten, wie viele andere Romane ebenfalls, deren Handlungsebenen in der westlichen Welt angesiedelt sind, wie etwa Der große Gatsby (F. Scott Fitzgerald), Daisy Miller (Henry James), Sturmhöhe (Emily Brontë) und auch Mrs. Dalloway (Virginia Woolf).

Die Studentinnen erkennen in der Auseinandersetzung mit dem von alten iranischen Sittenwächtern verbotenen Roman**), dass nichts anderes thematisiert wird, als das, was vielen Mädchen im Iran bis heute auf grauenhafteste Weise widerfährt: Genau jene alten Männer, welche etwa die genannten Bücher verbieten, finden nichts Unmenschliches und Ungehöriges daran, Mädchen als Sexobjekte zu versklaven. Eine eheliche Verbindung zwischen einem dreizehnjährigen Mädchen und einem wesentlich älteren Mann gilt im Iran gegenwärtig immer noch als legal. Neunjährige Mädchen können mit Zustimmung der Eltern ebenfalls legal verheiratet werden: Wirtschaftliche Not, vor allem in ländlichen Regionen, fördert derart Widerwärtiges. An diese prekären Lebensumstände angelehnt gibt es keine Chance auf echte und umfassende Bildung.


Was Azar Nafisi ihren Studentinnen ermöglichte, war nicht nur ein exzellenter wissenschaftlicher Zugang zu ganz unterschiedlichen Werken der westlichen Literatur. Wichtig war ihr gleichfalls, wechselseitiges Verständnis unter den Studentinnen zu fördern. So entstand unter den sorgsam ausgewählten Frauen eine vertrauensvolle Nähe, die dazu veranlasste, Einblicke in oft äußerst mühevolle Privatleben zu geben. Auf diese Weise fügte sich ein solidarischer Zusammenklag zwischen den Frauen - trotz ungleicher Herkünfte, Erfahrungen und Charaktere, und sie erweiterten dabei auch ihre Fähigkeiten, unterschiedliche Meinungen respektvoll zu hören sowie darzulegen.


Bücher wie Filme sind für mich unverzichtbare Nahrungsquellen für den Geist. Ich denke immer wieder daran, dass es vor allem in Deutschland, aber auch in Österreich eine Zeit gab, in der es zu Bücherverbrennungen kam, und in der Autor*innen, Regisseur*innen und Schauspieler*innen aufgrund ihrer Herkunft verfolgt und ermordet wurden.

Dass gegenwärtig etwa ein Donald Trump mit seinen ultrakonservativen Mitstreiter*innen zu Bücherverboten im Rahmen eines breitest angelegten Kulturkampfes schreitet und damit erfolgreich ist, zeigt, wie geschwächt eine Demokratie sein kann. Eine geschwächte Demokratie erfährt gerade dadurch weitere Energiezufuhr, wenn immer mehr Menschen keinen Zugang zu umfangreichem Wissen haben - da beißt sich die Katze in den Schweif.

Ich meine ausdrücklich, dass es idealerweise einen Zugang zu ganzheitlicher Bildung geben muss, in die auch Herzensbildung einfließt: Es sollte uns Bürger*innen ein großes Anliegen sein, diese so wichtige Art von Bildung auch in unseren Ländern als selbstverständlich zu etablieren. Wir können das von unseren Politiker*innen einfordern, wir haben die Mittel dazu in der Hand, davon bin ich zutiefst überzeugt.



*) Margaret Atwood, 1939 in Ottawa geboren, thematisiert häufig die Stellung der Frau in der Gesellschaft, was auch dazu führt, dass ihre Romane Zensurversuchen ausgesetzt sind. Als bekannteste Romane gelten Der Report der Magd (1990 von Volker Schlöndorff verfilmt, Titel: Die Geschichte der Dienerin), Die Zeuginnen, Die essbare Frau.


**) Auch westliche Musik wird immer noch sehr stark eingeschränkt, allerdings soll es inzwischen eine durchaus lebendige Pop- und Rockmusikszene geben, die sich am Westen orientiert. Für Frauen ist es jedoch immer noch kaum möglich, aufzutreten.


Foto: Pixabay, heisa31 #Buchtipps #Filmtipps

 
 
 

Kommentare


bottom of page