Gefährliche Bücher und mutige Frauen
- C*

- 23. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Nov. 2025

Filmen, die das soziale Leben und das politische Agieren im Iran beleuchten, folgen wir schon seit einigen Jahren immer wieder in unserem Programmkino, so auch mit unserem aktuellen Kinofilm.
Der israelische Filmregisseur Eran Riklis erzählt in seinem Spielfilm Lolita lesen in Teheran von wahren Begebenheiten aus dem Leben der Literaturprofessorin Azar Nafisi, die sie auch in ihrem gleichlautenden autobiografischen Buch beschreibt.
Die Schauspielerinnen, die zu sehen sind, leben im Exil und sind im Iran unerwünscht.
1979 kehren Azar und ihr Ehemann Bijan aus den USA zurück in ihre Heimatstadt Teheran. Azar möchte nach ihrem Studium in ihrem Heimatland Literatur unterrichten. Doch kurz nach ihrer Ankunft bricht die iranische Revolution aus. Von nun an wird das Unterrichten für die Professorin äußerst problematisch, immer wieder eckt sie mit den menschenverachtenden Vorgaben des Altherren-Regimes an und will sich diesem nicht beugen.
Als die Literaturprofessorin Azar Nafisi endgültig aus ihrer Lehrtätigkeit gedrängt wird, unter anderem, weil sie an der Universität den vorgeschriebenen Hijab nicht tragen will, lebt sie ihren Widerstand heimlich aus. Zusammen mit sechs Studentinnen liest sie in ihrer Wohnung in westlicher Literatur. Bei Entdeckung müssten die Frauen mit schweren Strafen rechnen.
Hier haben wir uns. Wir halten zusammen, sagt Azar Nafisi im Film. Die Frauen sitzen sich in westlicher Kleidung gegenüber und tauchen gemeinsam in verbotene Werke der westlichen Literatur ein (u. a. F. Scott Fitzgerald, Henry James, Jane Austen). Es sind dies Bücher, die von den Herrschenden dem organisierten Versuch zugeordnet werden, die Menschen im Iran zu dekadenter westlicher Kultur zu verführen.
Die jungen Frauen öffnen sich in ihren Diskussionen über die literarischen Werke und beginnen ihre enge Welt zu hinterfragen und zu verändern. Dieses wöchentliche Treffen wird zu einem Akt der Selbstermächtigung, immer drängender wird auch die Frage, ob ein Leben im Iran noch lebenswert ist.
Gerade in der Auseinandersetzung mit Vladimir Nabokovs Roman Lolita wird auch filmisch ausgeleuchtet, welche Erfahrungen mit Sexualität im Raum stehen. Viele Frauen erleben sexuelle Gewalt in ihren Beziehungen wie auch bei Gefängnisaufenthalten. Vor männlichem Machtmissbrauch sind Frauen im Iran damals wie heute völlig ungeschützt. Dass Frauen als Sittenpolizistinnen mit männlichen Kollegen gemeinsame Sache machen, ist besonders bitter. Das zeigt sich auch im Film, als eine von Azars Studentinnen im Gefängnis von einer Frau brutal ausgepeitscht wird.
Im Jahr 1997 verlässt Azar Nafisi endgültig das Land und emigriert mit ihrer Familie in die USA. Dort nimmt sie eine Professur an einer Universität an, wo sie bis heute unterrichtet.
Da mich der Film beeindruckt hat, werde ich auch das Buch lesen.
Zum Thema des männlichen Machtmissbrauchs ordnet sich aus meiner Sicht auch ein, was in der vergangenen Woche über Konstantin Wecker veröffentlicht wurde.
Wann wollen sich die Alt-68er dem Machtmissbrauch in den eigenen Reihen endlich stellen?
Es ist nicht unbedingt eine große Überraschung für mich, dass auch Herr Wecker das getan hat, was vielen seiner Kollegen ebenfalls ganz selbstverständlich war; die in einer Zeit groß geworden sind, wo ein Künstlerdasein ausschweifend im Zuge der sexuellen Revolution gelebt wurde. In hohem Maße erschreckend empfinde ich die Tatsache, dass sich viele Künstler und Intellektuelle in den 1960er und 1970er Jahren als wunderbare Vermittler weiblicher Freiheiten gesehen haben: Mit so manchen Entscheidungen über ihre Körper wurden dann allerdings viele junge Frauen alleingelassen. Auch schwere psychische Probleme, die aus missbräuchlichen Beziehungen resultieren können, hatten und haben diese Frauen einsam zu ertragen.
Wecker war über 60jährig, als er mit einer Fünfzehnjährigen eine "Beziehung" einging. Dabei spielt aus meiner Sicht keine Rolle, dass er Drogen- und Alkoholprobleme hatte. Diese Art der Verbindung war ja nicht gerade von kurzer Dauer - ich nehme schon an, dass er dazwischen auch wieder einmal nüchtern war.
Es fällt mir persönlich sehr schwer, das Werk vom Künstler zu trennen. Ich ertrage diese unfassbare Doppelmoral des Herrn Wecker nicht, dass er uns über Jahrzehnte mit linksliberalem Gedankengut in seinen Liedern und Reden wohlwollend daherkam und doch gegen so einiges verstieß, was Menschlichkeit ausmacht. Dass sich Wecker selbst auch als Feminist gesehen hat, erzeugt bei mir ebenfalls ein Fragezeichen.
Einen sehr aufschlussreichen Artikel zu dieser Angelegenheit habe ich im Standard (Link) gelesen, ebenso wie in der Augsburger Allgemeine.
Foto: Pixabay, Shima Abedinzade #Filmtipps



Das Thema beschäftigt mich schon seit vielen Jahren. Mir wurde als junge Frau immer gesagt: „Kuck doch mal in andere Länder. Da geht es den Frauen doch viel schlechter. Bei uns ist doch alles gut.“ Nein ist es nicht. Da ist auch noch viel im Argen. Vor den Frauen, von denen du hier schreibst, ziehe ich meinen Hut. Sie sind wirklich mutig und wollen sich nicht in eine Männeransicht pressen lassen. Sie leben ihren Mut unter Lebensgefahr. Und zum Fall Wecker u.ä. Es ist eine Ausrede, dass in der Liebe alles erlaubt ist. Mädchen in sehr jungen Jahren können nicht einschätzen, was ihnen da angetan wird. Und Männer können sich nicht aus ihrer Verantwortung herausreden. Es ist doch alles nicht…
Bedrückend die Verhältnisse im Iran...und unglaublich die Doppelmoral des Herrn W.
Einen lieben Gruß von Marita
Ich kenne diese Doppelmoral aus eigener Anschauung: über den Wert weiblicher Carearbeit, über Gleichberechtigung schreiben und dafür gelobt werden, vor allem von Frauen und dann zu Hause alles als "ein bisschen Kaffeetrinken" abtun: was machst du denn schon den ganzen Tag? Und das war nur eine der geringsten Abwertungen. Körperliche Gewalt habe ich dagegen nicht erlebt, aber psychische, das war mir lange Zeit leider nicht bewusst.
Morgen ist der Tag der internationalen Gewalt gegen Frauen: auch hier bei uns gibt es noch viel zu tun.
Liebe Grüße
Es ist noch immer DAS Thema in der ganzen Welt, denke ich.
Ja, der Wecker ist in meinen Augen tief gefallen. Jetzt zweifle ich fast an jedem seiner Worte, denn darin zeigte er kein wirkliches Gesicht - ein Mensch mit Maske, die alle täuschte. Vor solchen Menschen habe ich keine Achtung, ich verabscheue sie.
Das Buch habe ich hervorgekramt, es nach oben geholt und ich werde es bald lesen. Danke fürs Erinnern daran.
Liebe C Stern, herzliche Grüße zu dir von mir.