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Für sich selbst einstehen

Autorenbild: C*
C*
vor 9 Stunden
6 Min. Lesezeit



Pallas Athene - Göttin der Strategie und des Kampfes ...


Ich habe in meinem Blog wiederholt Einblicke gegeben in mein durchaus bewegtes Arbeitsleben. Bevor ich achtzehn Jahre in meinem pädagogischen Beruf gearbeitet habe, war ich etwa fünfzehn Jahre in diversen administrativen Bereichen tätig. Ich durfte interessante, vielseitige und fordernde Aufgabengebiete kennenlernen, mit Leib und Seele habe ich mich meinen Tätigkeiten gewidmet.

Dass dabei ein bisschen zuviel Seele zu tragen kam und ich dabei meine eigenen Bedürfnisse weit hintangestellt habe, hatte Auswirkungen auf meine Gesundheit. Zunächst waren es körperliche Symptome, die mir mehrere Monate zu schaffen machten, bis es schließlich im Herbst 2003 zu einem Burnout mit Depressionserkrankung kam, was mich in der Folge über Monate vom Berufsleben fernhalten sollte.


Zu dieser Zeit arbeitete ich bereits einige Jahre in einer Marketingagentur, eingebunden in ein nettes Team, was die Kolleg*innen betraf, allerdings geleitet von einem Chef, der die Gebote der Menschlichkeit und Wertschätzung bei näherer Betrachtung völlig außer Acht ließ. Der Inhaber des Unternehmens war ein Strahlemann nach außen, nach innen allerdings ein menschenverachtender Zyniker. Diese Haltung zu erkennen, brauchte durchaus Beobachtungsgabe und Feingefühl: Auf den ersten Blick war der Mann für viele ein klasser Kerl, der gern flotte Sprüche auf den Lippen hatte. Dass Bemerkungen auch gespickt waren mit gemeinen Seitenhieben auf Menschen, die eher introvertiert agierten, hat immer mehr auch meine Kolleg*innen irritiert. Mich hat dieses Verhalten von Anfang an zutiefst abgestoßen.

Ursprünglich folgte ich der Empfehlung einer ehemaligen Kollegin (die meine Arbeitsweise sehr geschätzt hat), mich bei diesem ihr bekannten Jungunternehmer zu bewerben. Schon die Bewerbungssituation machte klar, dass der Herr Unternehmer kaum beim Wort genommen werden konnte: Es dauerte, bis er sich bequemte, mir seine Entscheidung mitzuteilen. Schließlich erhielt ich den Job, dessen Attraktivität in durchaus interessanten Arbeitsbereichen lag. Bald wurde mir klar, dass sich der junge Mann bestimmten Bereichen, die ein Unternehmen zu beachten hat, wenig ernsthaft widmete. Dazu gehörten auch vorbereitende Arbeiten für die Buchhaltung, weiters die Kassenführung, ebenso interessierten ihn Kollektivverträge herzlich wenig - aber wo kein Kläger, da kein Richter. Das sollte mir zu einem späteren Zeitpunkt besonders bewusst werden.

Zunächst gab es zwei Mitarbeiter (einen Kollegen und mich), die Zahl der Aufträge wuchs, es wurden mehr Mitarbeiter*innen benötigt. Mein damaliger Chef war häufig unterwegs, das Team lernte sich gerade in diesen Phasen untereinander sehr gut kennen, wir verstanden uns bestens und es wurden mit der Zeit auch Kontakte außerhalb unserer Arbeitszeit gepflegt. Wir verbrachten viele vergnügte Pausen und auch so manche Abende in unserer Küche miteinander, immer wieder waren wir auch in Lokalen gemeinsam unterwegs.


Es blieb denen, die Einblick auf den Führungsstil unseres Chefs hatten, nicht verborgen, wie dieser seine Mitarbeiter*innen bei vielen Gelegenheiten auch mit unangemessenen Forderungen über den Tisch zog. Als die Firma mit einem weiteren Unternehmen in enge Kooperation trat, wurde immer klarer, dass Dienstverträge alles andere als mitarbeiter*innenfreundlich gestaltet waren, Stichwort Überstunden. Hier kam es zu einer Regelung, die wir alles andere als fair empfanden, und worunter ich meinerseits keine Unterschrift setzte. Alle anderen stimmten zu, aus Angst, das Unternehmen verlassen zu müssen. Überstunden, die auch weit über Abendstunden hinausreichten, waren selbstverständlich, die finanzielle Wertschätzung dafür war nicht vorhanden. Es zeigte sich ebenfalls, dass es klug war, bei einem Urlaubsansuchen zu erwähnen, eine Reise gebucht zu haben. Es geschah nicht nur einmal, dass Kolleg*innen aufgefordert wurden, ihren Urlaub zu verschieben, oder dass sie aus dem Urlaub in die Firma geordert wurden. Der Unmut darüber war da, oft haben wir untereinander beraten, was wir unternehmen könnten. Gleichzeitig wussten wir, dass sich der Boss sehr schnell von Mitarbeiter*innen verabschiedete, die ihm nicht mehr genehm waren. Auch erteilte er mir wiederholt den Auftrag, herauszufinden, auf welche Weise seine Firma möglichst günstig bei Einstufungen von Gehältern aussteigen könnte. Da wurde dann am Wortlaut von Stellenbeschreibungen herumgefeilt, Verantwortlichkeiten wurden kleiner geschrieben - es widerstrebte mir zutiefst und ich verweigerte meine Mitarbeit an solch fiesen Konstrukten. Ich wurde darauf hingewiesen, dass es meine Pflicht sei, Ergebnisse vorzulegen. Gehaltsverhandlungen verliefen frustrierend, die Leistungen meiner Kolleg*innen wurden geschmälert, maximal wurden Besserstellungen in den Einstufungen in Aussicht gestellt - und dann nicht eingehalten.

Es gab immer wieder Versuche, uns gegeneinander auszuspielen, und es war dem Herrn Unternehmer auch wichtig, möglichst viel über das Privatleben seiner Mitarbeiter*innen zu wissen. Sein Argument war, dass nur ein glückliches Privatleben leistungsfähige Mitarbeiter*innen ermögliche. Dabei hatte er eine bestimmte Kollegin auf dem Kieker, die immer wieder mit verweinten Augen an ihrem Arbeitsplatz saß. Ich warnte sie mehrmals intensiv davor, sich unserem Chef anzuvertrauen, denn ich wusste, was er vorhatte. Doch er konnte schmeicheln und sich einfühlsam zeigen - und so entlockte er der Kollegin ihren Liebeskummer. Umgehend erfolgte sein Entschluss, diese Mitarbeiterin aus dem Team zu entfernen. Ich sollte diesbezüglich bei der Lohnverrechnerin recherchieren, wie er möglichst günstig in dieser Angelegenheit aussteigen konnte. Auch diese Aufgabe war mir in höchstem Maße zuwider, ein ganzes Wochenende fühlte ich mich unglücklich und krank. Als ich die Lohnverrechnerin damit konfrontierte, war sie ebenfalls fassungslos und machte darauf aufmerksam, dass es Gesetze zu beachten gebe.

Viel zu lange schon setzten mir die miesen Verhaltensweisen dieser Person zu, ich spürte immer mehr Erschöpfung, körperliche Schmerzen, tiefe Müdigkeit und Lustlosigkeit: Meine Tendenz, mich von gemeinsamen Unternehmungen zurückzuziehen, wurde immer deutlicher. Noch ahnte ich nicht, dass bald ein brutaler Absturz in ein folgenschweres Burnout folgen sollte.

Im Herbst 2003 klappte ich schließlich vollends zusammen und war ab diesem Zeitpunkt krankgeschrieben. Nichts ging mehr, mein Körper war lahmgelegt, mein Geist war völlig geschwächt von Auseinandersetzungen, Gemeinheiten, Intrigen und unzähligen schlampigen Vorgehensweisen, die meine Arbeit schwer machten. Dazu gab es immer wieder Hinweise und Urgenzen meinerseits, dass ich ohne bestimmte Unterlagen nicht arbeiten konnte - es war frustrierend.

Es gab noch einmal einen Versuch meinerseits, mich wieder auf meine Aufgaben zu besinnen. Ich erinnere mich, noch am Tag meiner Rückkehr aus dem ersten Krankenstand in der Arbeit zusammengeklappt zu sein, emotional wie körperlich.

Es folgte unmittelbar ein weiterer Krankenstand - ab diesem Zeitraum ließ ich mich auch von der Gewerkschaft beraten. Ich legte dar, welch ein Klima am Arbeitsplatz herrschte, dass sehr viele Ängste präsent waren, dass es den Kolleg*innen teilweise schon sehr schlecht ging, psychisch wie physisch. Meine Entlohnung (ohne Orientierung am Kollektivvertrag) stellte sich tatsächlich als zu niedrig heraus, wir strebten allerdings in erster Linie einen Gerichtstermin an zur Klärung meines berechtigten vorzeitigen Austritts. Dass mir zustehende Entgelte in der Zwischenzeit nicht überwiesen wurden, sollte gewiss zusätzlichen Druck auf mich ausüben. Ich erhielt ein Schreiben meines Chefs, meinem Dienstverhältnis wieder nachkommen zu müssen. Tatsächlich setzte ich nie wieder einen Fuß in diese Firma.

Erst ein Jahr später wurde die Angelegenheit vor Gericht beendet. Aufschlussreich dabei war, dass von der beklagten Seite behauptet wurde, dass ich zu keinem Zeitpunkt über gesundheitliche Probleme gesprochen hätte. Ich konnte jedoch mehrere ausführliche Notizen über mehrere Gespräche mit meinem damaligen Chef vorlegen, sowie E-Mails, die bezeugten, dass er mit meinen Leistungen immer höchstzufrieden war.

Inzwischen hatte ein Gerichtsgutachter beschrieben, dass mir ein Arbeitsprozess nicht möglich war. Die Anwältin der Gegnerseite sah dies natürlich anders - und auch ihr war Zynismus nicht fern, was den Richter allerdings wenig amüsierte.

Weil mein Chef das Zahlenchaos lebte, fiel auch nicht auf, dass mein Entgelt doppelt überwiesen wurde. Ich war in dieser Zeit nicht in der Lage, meine Kontobewegungen zu überblicken, weshalb ich mich über den höheren Betrag auf meinem Konto gar nicht wunderte. Da ich auch auf Alternativmedizin setzte, waren meine Ausgaben ohnehin weitaus höher als üblich.

Schließlich wurde die Gerichtsakte dahingehend geschlossen, dass ich nichts zurückzahlen musste - ein Vergleich war gelungen. Meine vielseitigen und verantwortungsvollen Aufgaben wurden im ersten Dienstzeugnis zunächst völlig missachtet, was mein ehemaliger Chef allerdings umfassend korrigieren musste.

Den Ordner mit sämtlichen Unterlagen habe ich noch nicht vernichtet - und das werde ich auch nicht machen. Dieser Ordner ist Zeuge meiner Fähigkeit, Haltung anzunehmen und für mich einzustehen.


Wer immer in einer ähnlichen Lage steckt und so eine Angelegenheit gut regeln möchte, dem empfehle ich, viele bedeutsame E-Mails auszudrucken, Notizen zu machen, Gespräche zu protokollieren, Arztbesuche zu dokumentieren. Dass ich diese Unterlagen alle beisammen hatte, hatte auch damit zu tun, dass ich von Anfang an das Gefühl hatte, es mit einer ziemlich miesen Person zu tun zu haben. Mein Instinkt hatte mich nicht getrogen, ich war auf der Hut - und das sollte sich als richtig erweisen.

Dankbar bin ich nicht nur der Gewerkschaft, dass sie mich damals bestmöglich beraten und vertreten hat, sondern auch meinen tollen Ärzt*innen und Therapeut*innen, die mich ein Jahr lang intensiv begleitet haben. Sie waren fachlich wie menschlich einfach großartig und standen voll hinter mir. Sie haben mich jederzeit bestärkt und wertgeschätzt.

Meine Mutter hat mich zu diesem Zeitpunkt mehrere Wochen gepflegt, das vergesse ich ebenfalls nicht.


Foto: C* - Parlament in Wien, an der Ringstraße, Pallas Athene

 
 
 

1 Kommentar


Brigitte Fuchs
Brigitte Fuchs
vor 26 Minuten

Alle Achtung vor deinem Mut und Durchhaltewillen.

Und schade, dass es überhaupt so weit kommen musste.

Ich bin froh für dich, dass alles schliesslich ein gutes Ende genommen hat.

Beste Wünsche und Grüsse,

Brigitte

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