Ein unvergesslicher Abend im Wiener Musikverein
- C*

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 14 Stunden

Gerne erinnere ich mich an zwei grandiose musikalische Abende in Wien, an denen ich dem kraftvollen Klavierspiel eines außergewöhnlichen Künstlers und Menschen folgen durfte, sein Name: David Helfgott
Es ist an der Zeit, darüber zu erzählen. Jedes Jahr, besonders anlässlich des Neujahrskonzerts, erinnere ich mich wieder an diese einzigartigen Abende.
Wie kann man sich David Helfgott, der am 19. Mai 1947 in Melbourne geboren wurde, annähern? Ich war vor Jahren im Kino, um den Spielfilm Shine - Der Weg ins Licht (Produktionsjahr 1996) zu sehen. Die Inhaltsangabe hatte mich neugierig gemacht, ich wollte diesen Film unbedingt sehen. Der Australier Geoffrey Rush, der in seiner Darstellung - wie ich heute weiß - Helfgott äußerst nahekam, wurde mit dem Oscar ausgezeichnet. Ich war sehr gebannt von Davids Schicksal, der als Kind jüdisch-polnischer Eltern aufwuchs und in seiner Kindheit als Wunderkind galt. Der Vater, ganz Patriarch (ebenfalls großartig verkörpert von Armin Müller-Stahl), flößte seinem Sohn große Angst ein und erzählte seinen Kindern häufig vom Schicksal der jüdischen Verwandten. Bereits als Zehnjähriger hatte David viele Preise gewonnen. Mit 14 Jahren erhielt er ein Angebot, in den USA zu studieren, was ihm der Vater allerdings nicht gestattete. Mit 23 Jahren trat er in der Londoner Royal Albert Hall auf und feierte dort mit seiner Darbietung des 3. Klavierkonzerts von Rachmaninow einen großen Triumph. Es bleibt bis heute sein Lieblingsstück und ich höre es besonders gerne. Einige Zeit nach diesem fulminanten Konzert erlitt er einen Nervenzusammenbruch und landete nach weiteren schweren psychischen Problemen in mehreren psychiatrischen Kliniken (die zu jener Zeit wohl noch die kalte Ausstrahlung von Anstalten hatten), wo er rund zehn Jahre verbrachte.
Dann - ein Neuanfang: Nach dieser so schmerzvollen Zeit tritt 1984 eine Frau in Davids Leben, die zu seinem liebe- und verständnisvollen Leitstern wird: Es ist die bekannte australische Astrologin Gillian Murray, 15 Jahre älter als David, die er in zweiter Ehe heiratet. Diese Verbindung ist magisch. Mit Gillians behutsamer Unterstützung gelingt es David, die Klavierbühnen dieser Welt wieder zu erobern - und das ist gut so, denn seine geliebte Musik ist sein Leben, das kommt auch in der Dokumentation Hello, I am David ganz klar zum Ausdruck. Außerdem muss man Teebeutel und Cola vor David in Sicherheit bringen, das erzählt der Film ebenfalls mit einem Augenzwinkern. Immer wieder gibt es Momente, die sehr berühren: David hat keine Scheu vor fremden Menschen, er läuft auf sie zu, stellt sich vor und umarmt. Dieses Verhalten ist typisch für ihn. Den Film haben wir mit Freude gesehen, ich kann ihn nur empfehlen. Ein filmisches Dokument über tiefe Menschlichkeit.
David Helfgott hat Eigenheiten, die sich auch während seines enthusiastischen Spiels zeigen und die manche Menschen als störend empfinden:
David Helfgott spielt, am liebsten Rachmaninow, aber er hört nicht auf zu reden. Er brabbelt, kommentiert, singt mit. Und sucht unentwegt den Kontakt zum Publikum. Das ist kein normales Konzert. Das muss man erst einmal aushalten, sagt Dirigent Matthias Foremny: "Im Tutti mit dem Orchester ist er manchmal abgelenkt vor Begeisterung, weil er sich so freut, dass die Flöte mit ihm spielt, das Horn oder die Celli. Aber das macht eben auch diesen speziellen improvisierenden Charakter dieser Aufführungen aus. Es ist ein tolles Klavierspiel dahinter. Das ist nicht geprägt von Perfektion, sondern von urwüchsiger Musikalität, von Drive, von Verträumtsein und von vielen Extremen." (Quelle: BR Klassik)
Als ich am 10. April 2017 den wunderschönen Goldenen Saal des Wiener Musikvereins betrat, wusste ich bereits, was mich erwarten würde. David Helfgott, diesen so hingebungsvollen Pianisten, hatte ich bereits einige Jahre zuvor mit großer Begeisterung in Wien erlebt - und diesmal also wieder.
Ich verspürte eine große Aufregung und Dankbarkeit, denn ich befand mich an einem Ort, der weltberühmt ist: An jedem 1. Jänner eines Jahres werden von diesem Saal aus imposante musikalische Grüße in die Welt getragen, die Übertragung des Neujahrskonzerts ist ein fixer Termin im Leben zahlreicher Menschen.
Doch nicht nur die Tatsache, dass wir einen schönen und aussichtsreichen Platz in diesem opulenten Ambiente einnehmen durften, erfüllte mich mit so großer Freude, sondern auch, dass ich diesen Abend gemeinsam mit meinem Partner erleben konnte. Und als David sein Lieblingsstück, das 3. Klavierkonzert von Rachmaninow, geradezu göttlich dargebracht hatte, gab es nach dem Ende des Konzerts kein Halten mehr, das weiß ich noch ganz genau: Wir sprangen alle von den Stühlen auf, der ganze Saal in Bewegung, die Begeisterung grenzenlos. Standing Ovations, laute Bravo-Rufe, Freudentränen - nämlich meine. David seinerseits strahlte, tänzelte hin und her und musste nach einigen Zugaben daran erinnert werden, dass ein sehr emotionaler Abend nun zu Ende war.
Wie kann ein Mensch so viele Stücke spielen, ohne sich an Notenblätter zu halten? Ich habe auch sehr nahe miterlebt, wie David wildfremde Menschen aus dem Publikum strahlend umarmt und geherzt hat. Es gibt Menschen, die es seltsam oder nicht richtig finden, dass David Helfgott aufgrund seiner Erkrankung auf der Bühne steht. Wer ihm die Musik und sein Publikum nehmen würde, würde ihm sein Leben nehmen, das ist mein Gefühl.
2022 ist Davids geliebte Frau Gillian nach kurzer Krankheit im Alter von 90 Jahren verstorben.
Foto: C* #Musik #Freude #Dankbarkeit #Filmtipps


Danke für diese Erinnerung, ich habe eine Konzertaufnahme von ihm. Die werde ich mir jetzt mal wieder anhören. Ich kann deine Berührung nachvollziehen. Es geht mir in manchen Konzerten auch so, dass ich von der Musik tatsächlich so ergriffen bin, dass sie mich zu Tränen rührt. Einen so schönen Konzertsaal allerdings habe ich noch nicht betreten. Liebe Grüß
Ein begnadeter Künstler, den du live erleben durftest. Es muss mit das Höchste sein, ihm zuzuhören und zuzuschauen. Ich habe ihn mal auf ARTE gesehen und gehört. Ich glaube, er war von der Musik, die er eigens spielte, selbst begeistert und total hingerissen. Jede Note wühlte durch sein Blut.
Ich kann dich gut verstehen, in seinem Saal zu sitzen und den Emotionen zu folgen.
Liebe C Stern, du hast mit deinem Text meine Welt ein wenig reicher gemacht, durch deine Tiefe.
Herzlichst einen feinen Sonntag dir von mir.
Das muss in der Tat ein ganz und gar eigener Musiker und Charakter sein. :--)
Danke, dass du seine Geschichte mit so viel Enthusiasmus für uns aufgeschrieben hast.
Man spürt daraus so richtig deine Begeisterung für ihn und seine Musikdarbietung.
Lieben Sonntagmorgengruss,
Brigitte