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Ein Filmgedicht

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 1 Stunde
  • 3 Min. Lesezeit
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Ein Filmgedicht von kollektivem Schmerz, so betitelt Martin Nguyen im Falter seine Beschreibung des Spielfilms In die Sonne schauen. Eine sehr pointierte Zusammenfassung in fünf Worten. Im Standard ist zu lesen, dass der Film dorthin sieht, wo es wehtut.

Vorweg, es ist ein Spielfilm, der Überlänge hat, und der formal wie inhaltlich tatsächlich auch mich an Das weiße Band von Michael Haneke erinnert und doch ganz anders ist.

In die Sonne schauen ist ein Film, der ebenfalls sicherlich lange nachhallt. Der Film wird von Deutschland im nächsten Jahr in der Kategorie Best International Feature Film ins Rennen um einen Oscar eingereicht.

Das Format des Films ist eigenwillig, weshalb ich mir nicht vorstellen kann, wie dieser Film ins Fernsehen passen könnte. Jedenfalls ist er mit größtem Engagement seitens der Regisseurin Mascha Schilinski und ihrer fabelhaften Schauspieler*innen entstanden. Es ist fast alles stimmig, bis auf eine Szene, die uns nicht nötig erscheint.

Erzählt werden die Geschichten von vier Frauen, die in unterschiedlichen Epochen ihre Kindheit und Jugend auf demselben Vierseithof in der Altmark verbracht haben.

Der Fokus liegt auf Töchtern, die im Laufe der Zeit verschiedenste Formen von Gewalt erleiden.


Zunächst taucht das Kinopublikum in das Leben von Alma ein, die als Kind einer kinderreichen Familie in den 1910er Jahren gezeigt wird. Eine Totenfotografie (Link), wie sie in diesen Zeiten üblich war, offenbart Alma, dass sie nach ihrer verstorbenen Schwester benannt wurde. Der Alltag der Familie ist geprägt von Strenge und orthodoxer Religiosität, die nicht an Scheinheiligkeit entbehrt. Almas Bruder Fritz wird von seinen Eltern aus Kalkül vom Heuboden gestoßen, dabei verletzt er sich so schwer, dass ihm ein Bein amputiert werden muss: Die Eltern verhindern auf diese Weise, dass er in den Kriegsdienst eingezogen wird. Fritz leidet unter Phantomschmerzen und die einzige Person, die ihn beruhigen kann, ist die Magd Trudi. Trudi ist, so wie viele ihrer Leidensgenossinnen der damaligen Zeit, zwangssterilisiert. Sie hat den Männern am Hof sexuell willig zu sein und wird von den Kindern durchs Schlüsselloch dabei beobachtet, wie sie Fritz Erleichterung verschafft.

Als Almas Schwester Lia alt genug ist, um auf einem anderen Hof zu arbeiten, müssen die Eltern dafür sorgen, dass sie ebenfalls für die Männer "ungefährlich" gemacht wird. Lia entgeht ihrem grausamen Schicksal, indem sie sich vor ein Fuhrwerk wirft und diesen "Unfall" nicht überlebt.

In den 1940er Jahren ist Erika von ihrem versehrten Onkel Fritz angetan. Sie schleicht sich in sein Zimmer, dabei entstehen zahlreiche Zeichnungen des Mannes, der sie auch in erotischer Hinsicht fasziniert. Gegen Kriegsende sehen wir Erika noch einmal. Sie geht zusammen mit anderen Frauen in einen Fluss, damit wird die Flucht vor der herrannahenden Roten Arme thematisiert. Frauen begingen damals Massensuizid im Fluss (Link).

In den 1980er Jahren lebt Erikas Nichte Angelika mit ihrer Mutter Irm auf dem Hof. Sie droht an den rigiden Männerstrukturen zu zerbrechen und wird zusätzlich von ihrem Onkel missbraucht - es hat sich also über mehrere Generationen für die Frauen auf diesem Hof nichts verändert. Alle scheinen von Angelikas Schicksal zu wissen, hinter vorgehaltener Hand wird darüber geredet - aber niemand macht dem Missbrauch ein Ende.

In der Gegenwart lebt Nelly mit ihrer älteren Schwester Lenka und ihren Eltern auf dem Hof. Sie erlebt scheinbare Geborgenheit und wird dennoch von beunruhigenden Träumen aufgewühlt. Ihre Schwester Lenka wird auf einem Hoffest von den gierigen Blicken eines Gastes verschlungen. Sie geniert sich heftig, aber niemand anderer bemerkt, was vorgeht.


Mich hat der auf mehreren Ebenen gelungene Film sehr nachdenklich zurückgelassen.

Patriarchale Strukturen sind in der Gesellschaft noch immer sehr tief verankert und werden ebenso noch immer stillschweigend geduldet, leider auch von Frauen.

Das alles zeigt sich auch ganz aktuell in der Causa SOS Kinderdorf. In dieser Angelegenheit wurde nichts, was den Verantwortlichen längst und seit Jahren bekannt war, offengelegt - bis der Damm des Schweigens vor ein paar Wochen endlich brach. Anlässlich der ersten Pressemeldungen von sexuellem Missbrauch in SOS-Kinderdorfhäusern wurde nicht sofort reiner Tisch gemacht. Erst nach und nach tröpfelten jene Nachrichten ein, die offenbarten, wie schlimm die Faktenlage tatsächlich ist. Und schließlich musste man auch zugeben, was der Gründer Hermann Gmeiner Kindern angetan hat und wie schuldhaft sich sein Nachfolger Helmut Kutin im Umgang mit einem Großspender, der Kinder in SOS-Kinderdörfern missbraucht haben soll, verhalten hat.

Wie kann ein Ende von Schreckensherrschaften herbeigeführt werden? Ganz wichtig ist eben, nicht mehr zu schweigen. Diese Unkultur des Schweigens muss zu Fall gebracht werden, nichts darf mehr unter dem Teppich bleiben. Wir sind alle gefordert, Wegschauen darf nicht mehr gelten.

Frauen leisten nicht weniger als Männer, das Gegenteil ist viel öfter der Fall, da sie sich neben Beruflichem auch noch um ihre Familien kümmern. So bleibt also auch Care-Arbeit hauptsächlich immer noch an Frauen hängen, was zwar inzwischen häufig thematisiert wird, aber trotzdem noch sehr selbstverständlich ist.


Foto: C* #Filmtipps

 
 
 

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