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Auf der Alm, da gibt's koa Sünd'

  • Autorenbild: C*
    C*
  • 26. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit



Nein, ich werde hier nicht auf diesen bekannten Schlager eingehen und nein, es geht auch nicht um ein naives Filmchen aus der Filmschmiede eines umtriebigen Regisseurs aus Österreich.

Es geht in diesem Beitrag um Menschen, die ihr Leben als Bäuerinnen und Bauern verbringen oder verbracht haben, auch in der kargen Lebenswelt von Bergen, dies weitgehend mit schwerer Arbeit (heute noch!) und mit vielen Entbehrungen.


Vor Jahren habe ich die Erinnerungen der Anna Wimschneider gelesen, die ihr Leben in ihrer Autobiografie Herbstmilch beschrieben hat. Ein Buch, das vielen Menschen im deutschsprachigen Raum bekannt sein könnte, und für das sie auch angefeindet wurde. Der Regisseur Joseph Vilsmaier verfilmte 1988 Anna Wimschneiders Lebenserinnerungen und brachte damit einen berührenden Film ins Kino. In der Hauptrolle als Anna ist Vilsmaiers leider viel zu früh verstorbene Frau, die Schauspielerin Dana Vávrová, zu sehen. Ich kenne beide Werke, das Buch wie den Film.

Als Achtjährige übernahm Anna Traunspurger 1927 den Haushalt am elterlichen Bauernhof, ihre Mutter war da im Kindbett verstorben. Anna hatte sieben Geschwister sowie den Vater und den Großvater zu versorgen und musste auch den gesamten beschwerlichen Haushalt übernehmen - alles Umstände, die ich mir nicht einmal für eine erwachsene Frau, die dabei keine tatkräftige Unterstützung erhält, vorstellen will.

Das Kochen brachte eine Nachbarin dem Mädchen bei, Anna musste einen Schemel zum Ofen stellen, damit sie überhaupt Einblick nehmen konnte in ihre Kochtöpfe. Wäsche waschen, Wäsche flicken, morgens vor der Schule in den Stall zum Melken, die kleineren Geschwister fertigmachen für die Schule - und wenn sie ihrem Vater oder den Brüdern nicht schnell genug war, dann wurde sie von ihnen geschlagen. Unfassbar, zutiefst traurig das alles, doch der Vater konnte keine Hochzeiterin für sich gewinnen.

Mit zwanzig Jahren heiratete Anna den Bauern Albert Wimschneider - und als er wenige Tage nach der Hochzeit zum Militär eingezogen wurde, war sie erneut für einen großen Hof und eine Landwirtschaft zuständig und musste ihre angeheirateten alten Verwandten und die grausame Schwiegermutter versorgen. Als Anna mit der ersten Tochter schwanger war, reagierte Alberts Mutter besonders niederträchtig, sie warf ihrer Schwiegertochter vor, dass nur sie das Kind gewollt hätte: Dir werde ich lauter Herbstmilchsuppe geben. Du sollst verrecken bei der Entbindung! Wie schrecklich, dass Anna von ihrer Schwiegermutter soviel Hass entgegenschlug, diesen musste sie jahrelang ertragen. 1941 brachte sie also ihre erste Tochter Carola zur Welt, die bei Alberts Mutter genau so verhasst war wie ihre Mutter Anna. Als Albert gegen Kriegsende endlich heimkehrte, war seine erste Handlung, seine Mutter vom Hof zu jagen, er hatte nämlich mitgehört, wie sie seine Frau drangsalierte.


Auch im Buch Erinnerungen einer Bergbäuerin, von Roswitha Gruber aufgezeichnet, wird deutlich, dass junge Frauen auf Bauernhöfen praktisch ihr Leben verloren, weil sie schon als junge Mädchen schwanger wurden und nicht jedes Mädl auf einen einsichtigen Vater für ihr Kind zählen konnte. Verhütung war von der Kirche untersagt und so mussten junge Frauen viele Kinder gebären, wenn sie tatsächlich auf einen Hof eingeheiratet haben. Noch deutlicher formuliert: Frauen waren damals dauerschwanger. Nicht selten, dass sich eine junge Frau um zehn Kinder zu kümmern hatte, neben den Aufgaben am Hof und auf den Feldern, wohlgemerkt. Zudem gab es immer eine äußerst bedrückende Platznot auf den Bauernhöfen, weshalb die meisten Alten ihren Nachfolgern eine Ehe erst dann gestatteten, wenn ein Schlafzimmer frei wurde. Kein Wunder also, dass manche junge Frauen diesen tristen Aussichten entfliehen wollten und lieber auf der Alm waren, als auf einem Bauernhof. Doch das Leben auf der Alm war ebenfalls kein Spaziergang, es gab viel zu tun, auch das anstrengende Kasen war damals selbstverständlich. Und natürlich musste jedes Tier, das abgängig war, gesucht werden. Klarerweise bei jeder Witterung, da gab es keine Ausreden.


Im Spielfilm Das finstere Tal werden die Gewalttaten der Söhne des patriarchalen Bauern Brenner thematisiert. Im finsteren Tal gilt das Gesetz des alten Brenner, dass im Sinne eines "ius primae noctis" jede Braut ihm sexuell gefügig sein muss, bis sie schwanger wird. Besonders perfide verhält sich der Dorfpfarrer, der in seiner Predigt die Rolle Josefs im neuen Testament aufzeigt, dessen Frau Maria ohne Josefs Zutun mit dem Jesusknaben schwanger wurde. Josef habe erkannt, dass eine wichtigere Instanz als er die Schwangerschaft seiner Frau herbeigeführt habe. In gleicher Weise sollen auch die Bewohner des Dorfes Josefs gottgefälligem Handeln nacheifern. (Quelle: Wikipedia)


Sozialromantik konnte ich in den Leben von Bauersleuten niemals entdecken. Und erst recht nicht bei Bergbäuerinnen und Bergbauern, diese arbeiten auch heute noch rund um die Uhr unter sehr schwierigen Bedingungen, was teilweise an schwer zugänglichen Landschaften liegt, aber auch häufig an finanziellen Schwierigkeiten. Kredite werden oft benötigt und auch bewilligt, sie zurückzuzahlen ist die Krux. Fördergelder der EU sind rasch aufgebraucht, auch, um Kredite zu tilgen. Der österreichische Journalist Florian Klenk hat dazu unter dem Titel Bauer und Bobo - Wie aus Wut Freundschaft wurde ein äußerst einsichtsreiches Buch über die Sorgen und Nöte von Bauern und Bäuerinnen geschrieben. Er erwähnt darin auch, dass Landwirt*innen häufig ein Burnout erleiden, das in eine schwere Depression führen kann. Meine Internetrecherche zeigt Beiträge an, die über hohe Suizidraten berichten. Auch Alkoholismus kann Thema sein, im Alkohol die Sorgen ertränken und diesen als Schlafmittel einsetzen.

Es gibt immer noch Höfe, die an die Lebensbedingungen früherer Jahrhunderte erinnern: Kein Bad, kein WC, keine Türen, keine Heizung.

Wer sich für die Schicksale von vielen Bauernfamilien interessiert, die von der industrialisierten Landwirtschaft überrollt werden, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.


 
 
 

10 Kommentare


Rosa Ananitschev
Rosa Ananitschev
29. Jan.
Es gibt immer noch Höfe, die an die Lebensbedingungen früherer Jahrhunderte erinnern: Kein Bad, kein WC, keine Türen, keine Heizung.

In Russland ist das für die meisten Dörfer immer noch Realität. Zu meiner Zeit ohnehin: Wir hatten ein Toilettenhäuschen draußen, und das auch noch in der hinteren Ecke des Gartens. Im Winter durften wir in dem anliegenden Stall unsere Toilettengänge verrichten. Eine Wasserleitung gab es natürlich nicht. Eine Heizungsanlage war immerhin vorhanden – aber auch nur, weil Vater sie selbst eingebaut hatte.

Das von dir vorgestellte Buch und auch den Film kenne ich nicht. Ich kann mir jedoch vorstellen, wie schlimm es für die achtjährige Anna und später für die erwachsene Frau gewesen sein muss, auf einem Bauernhof Verantwortung zu…


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C*
C*
29. Jan.
Antwort an

Liebe Rosa,

es ist schrecklich, unter solch harten Bedingungen leben zu müssen. Du hast es selbst erlebt.

Ich habe es schon gehasst, dass ein Ex-Freund, den ich als sehr junge Frau kannte, kein WC in der Wohnung hatte. Es war mir lästig, in der Nacht auf den Gang gehen zu müssen, vor allem im Winter, wenn es kalt war ... Das hat mir als Erfahrung schon gereicht.

Schlimm auch, wenn Menschen zerstören, was an Fortschrittlichem bereits vorhanden war, das sieht man ja jetzt u.a. in der Ukraine und in vielen anderen Ländern, in denen Krieg herrscht.

Anna Wimschneider hatte viel zu erleiden und endlich, viele Jahre später, das Glück, dass ihr Mann soviel Verständnis hatte und in seinem Haus für…

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Traude Rostrose
Traude Rostrose
28. Jan.

Liebe C*,

ich kenne natürlich die Inhalte von Herbstmilch und Das finstere Tal, aber mir geht es da wie Andrea - ich möchte diese Geschichten nicht näher an mich heranlassen. Ich glaube, ich hab dir das eh schon mal geschrieben: Zu viel geschildertes Leid - ob nun als Film oder in einem Buch - lässt auch mich leiden.

Dass es auf der Alm oder im ländlichen Leben keine Sünde gab und gibt, habe ich nie geglaubt - und gerade unter den "Kerzenschluckern" waren (sind) gewisse "Tugenden" wohl ganz besonders weit verbreitet. Sonderbar, wie engstirnig, ja bösartig, manche Menschen ausgerechnet durch ihre Religion werden, die ja das Gegenteil bewirken sollte...

Alles Liebe, Traude

https://rostrose.blogspot.com/2026/01/reisebericht-2025-drei-parks-am.html

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C*
C*
28. Jan.
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Es stimmt, liebe Traude,

sowohl Herbstmilch wie auch Das finstere Tal sind keine leichte Kost, dennoch haben sie mich nicht so belastet, dass ich es bereut hätte, mich damit auseinanderzusetzen. Im Leben der Anna Wimschneider gab es nach langer leidvoller Zeit noch viel Schönes, vor allem als ihr Mann aus dem Krieg zurückkehrte. Den Film Das finstere Tal fand ich aus mehreren Gründen sehenswert, zeigt er doch auch, dass Menschen, die Hilfe erwarten können, mit dieser zunächst gar nichts anfangen können. Das ist ein sehr interessanter Aspekt, den man auch in der Realität immer wieder beobachten kann. Sowohl im Film wie auch bei Anna Wimschneider kommt es letztendlich allerdings doch zu einem versöhnlichen Ausklang - das macht beides für mich erträglich.

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Edith Hornau
Edith Hornau
27. Jan.

Ich kenne die Bücher auch, sie erschüttern oft bis ins Innerste. Und doch muss ich den Mut im Heute hervor heben. Bergbauern geben nicht auf, sie vererben sogar ihre Arbeit, quasi ihr Leben auf dem Berg. Und gäbe es sie nicht, würden die Hänge nicht so bilderbuchhaft aussehen. Ja, sie sollten mehr Unterstützung bekommen, damit es immer weiter geht mit Vieh, Natur und Mensch.

Danke für deinen Beitrag, den viele lesen sollten.

Dir liebe Grüße

herzlich, Edith

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C*
C*
27. Jan.
Antwort an

Das erlebe ich auch so, liebe Edith! Gerade den Bergbauernfamilien haben wir viel Schönes zu verdanken. Und es erfordert auch große mentale Stärke, diese Höfe weiterzuführen.

Ich habe viele Urlaube in Gegenden verbracht, wo man sehr nah mit der Arbeit der Bauern in Berührung kommt - und unvergessen einige wunderschöne Urlaube auf Bauernhöfen. Danach sehne ich mich gerade sehr, speziell, wenn ich höre, dass noch einmal frischer Schnee kommt. Leider kann ich mir im Moment keinen Urlaub nehmen.

Danke für Deine liebe Rückmeldung, herzliche Grüße! C Stern

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andreaobi
27. Jan.

Oh ja, das sind auch solche dunklen Kapitel dieser Menschen, zu denen so viele in der Geschichte zählen. Ich kann das nicht an mich heranlassen, das triggert mich.

Hast du mal einen Film über die Schwabenkinder aus Tirol gesehen? Sowas erschüttert mich zutiefst. Aber ich besuche gern alte Bauernmuseen, das ist immer sehr interessant.


Liebe Grüße,

Andrea

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C*
C*
27. Jan.
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Ja, Berichte über die Schwabenkinder kenne ich. Das ist nicht auszuhalten, diese Schicksale schmerzen intensiv. Verzweiflung bei den Eltern, Verzweiflung und Ängste bei den Kindern. Schreckliche Zeiten!

Ich bin auch gerne im Museum und habe ein bäuerliches Museum im Fokus. Ich interessiere mich ebenfalls sehr dafür.

Herzliche Grüße zu Dir!

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Brigitte Fuchs
Brigitte Fuchs
27. Jan.

Was für traurige Schicksale. Ja, einiges davon habe ich auch gehört oder gelesen. Und als positive Gegenwelt kenne ich nur die Geschichte von Heidi, die auf der Alp die schönen Seiten bei ihrem Grossvater erleben durfte. (Die ist aber sicher sehr romantisierend, zumal sie für Kinder geschrieben ist, und klammert die Zustände von Paaren gänzlich aus.)

Deine Beispiele sind schrecklich und hoffentlich nicht überall so gewesen oder noch gang und gäbe ...

Einen lieben Gruss, Brigitte

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C*
C*
27. Jan.
Antwort an

Stimmt, Heidi habe auch ich gerne gesehen, in verschiedenen Fernseh-Versionen. Da war das Leben auf der Alm in Ordnung, schön für Kinder zu lesen und zu sehen.

Ich selbst habe wunderbare Erinnerungen an den bäuerlichen Hof meiner Großeltern, es gab einiges, womit eine teilweise Selbstversorgung möglich war, aber der Hof war keine Einnahmequelle. Lediglich Eier, Most und Milch gingen in die unmittelbare Nachbarschaft, das konnten wir als kleine Kinder noch miterleben.

Herzliche Grüße, C Stern

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