• Text und Fotos: C*

Von der Welt befreit



Ende der 1960er Jahre, in einem Tiroler Dorf, scheint der Weg des jungen Hoferben Elias vorgezeichnet. Als Sohn des wohlhabendsten Großbauern im Zillertal soll er den Hof des Vaters übernehmen. Vater und Mutter tun aus ihrer Sicht alles dazu, um den jungen Mann auf seine Rolle vorzubereiten. Der Vater zeigt ihm auf seine Weise das Handwerk des Großbauern, so wird Elias auch einmal entsetzter Zeuge, als der Vater einem verarmten Bauern, der sein Geld verspielt hat, auf gemeine Art und Weise Haus und Grund zu einem Spottpreis abnimmt. Auch hält der Vater das Lesen von Büchern für Unfug und verbietet seiner Frau, den Burschen diesbezüglich zu unterstützen. Immer wieder gibt es Streit und Diskussionen im Elternhaus, wobei sich Elias' Schwester couragiert für ihren Bruder einsetzt und immer hinter ihm steht - so wie die Eltern will sie nicht werden. Das Heranwachsen des jungen Elias geht mit Härte und vielen Entbehrungen einher und für Elias bleibt kaum Raum zur Selbstbestimmung. Dies treibt den Burschen mehr und mehr in eine tiefe Zurückgezogenheit und Erschöpfung, die der herbeigerufene Arzt als Schwermut diagnostiziert. Er empfiehlt die Einlieferung in eine Klinik, wo er monatelang u.a. mit Elektroschocks behandelt werden könnte - der Vater lehnt ab.

In Moid, einer jungen Frau, die von den Dorfbewohnern geächtet wird, weil sie bereits geschieden ist, findet Elias eine Art Seelenverwandte, in die er sich innig verliebt. Als Elias von den Eltern dabei erwischt wird, wie er gemeinsam mit Moid in einem See nackt badet, eskaliert die Situation und die Eltern verbieten dem 18-Jährigen den Umgang mit der jungen Frau. Der Vater entscheidet, seinen Sohn im Winter auf die Alm zu schicken, um sich später um Vieh und Weiden zu kümmen. Elias erlebt in diesen Monaten am Märzengrund eine Befreiung von familiären Erwartungen und gesellschaftlichem Druck und lebt völlig im Einklang mit der Natur.

Am Ende des Sommers fordert ihn der Vater auf, sich wieder auf dem Hof seinen Verpflichtungen zu widmen, doch Elias lehnt ab, was auch zu einer wüsten Auseinandersetzung zwischen seinen Eltern führt.

Elias zieht in die Berge, wo er einzig aus Materialien, die er in der Natur findet, eine winzige Hütte errichtet. Dort, inmitten der Berge, weit über der Baumgrenze, findet er seinen inneren Frieden und erlebt endlich die bedingungslose Freiheit, nach der er sich so lange gesehnt hat. Moid, seine große Liebe, wird er in all den Jahren nie vergessen.

Nach vierzig Jahren zwingt ihn eine Krebserkrankung, in die Zivilisation zurückzukehren.


"Ich kann jeden verstehen, der ausbrechen will", meint der Regisseur des Films "Märzengrund", Adrian Goiginger. Ihn habe ich bereits für seinen Film "Die beste aller Welten" (worin er seine eigene Kindheit beschreibt) sehr schätzengelernt. Inspiriert zu "Märzengrund" wurde Goiginger von Felix Mitterer, der ein Theaterstück mit Bezügen zum wahren Leben eines Zillertaler Bauernsohnes geschrieben hat. Der Film ist einem Mann namens Simon gewidmet, Goiginger hat sein Leben und die Geschichten, die sich darum ranken, bei den Einheimischen hinterfragt. Goiginger gibt auch zu bedenken, dass es eine Tendenz gibt, Aussteiger wie Elias, für den ich als Betrachtende großes Mitgefühl und den Wunsch, ihn befreit zu wissen, aufgebaut habe, zu heroisieren.

Es ist durchaus zu hinterfragen, was Aussteiger ihrer menschlichen Umwelt antun, für die sie vielleicht auch nicht mehr erreichbar sind. Dennoch kann ich sehr gut nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die ausbrechen, weil sie sich den Systemen, die unser Dasein bestimmen möchten, nicht mehr beugen wollen.

Gerade in Hinblick auf Systeme, die sich sowohl in der Arbeitswelt wie auch in familiären Beziehungen zeigen, kann ich sehr deutlich nachvollziehen, dass Menschen ihre kostbare Lebenszeit nicht mehr verschwenden wollen, indem sie unter schwierigsten Umständen versuchen, wie Roboter kränkende oder auch krankmachende Anforderungen zu erfüllen.

In den Recherchen über Simon ergaben sich Erkenntnisse, dass dieser tatsächlich unter einer schweren Sozialphobie litt, dies in einer Zeit, in der dieses Leiden noch nicht als Krankheit anerkannt war. Man meinte damals, dieser Erkrankung mit Arbeit beikommen zu können.


Der Film endet mit Elias' Befreiung aus einer Welt, die nicht die seine ist: "Aufi, aufi, bis i ganz frei bin".

Wie Simons Leben endete, darüber habe ich keine Erkenntnisse.

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