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Mensch bleiben zwischen Wahn und Sinn


„Niemals tut der Mensch das Böse so vollkommen und fröhlich, als wenn er es aus religiöser Überzeugung tut.“ (Blaise Pascal)

"Wer glaubt ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich.

Man wird ja auch kein Auto, wenn man in einer Garage steht." (Albert Schweitzer)

„Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land.

Sie forderten uns auf zu beten, und wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land.“ (Desmond Tutu)


Drei Zitate, die deutlich machen, wie es bei vielen Menschen um ihre menschliche bzw. religiöse Haltung bestellt ist!

Das lateinische "Religio" meint ursprünglich "die gewissenhafte Sorgfalt in der Beachtung von Vorzeichen und Vorschriften.“

"Religion" ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl weltlicher Anschauungen, deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte übernatürliche Kräfte ist, die nicht wissenschaftlich bewiesen werden können, sondern auf intuitiver Erfahrung beruhen.

Der persönliche Glaube ist etwas, das auf unzähligen Spekuatlionen und Theorien basieren kann und jedenfalls von familiären, sozialen und kulturellen Einflüssen geprägt wird. Allein aufgrund dieser Gegebenheiten liegt es nahe, dass Weltreligionen politisch ge- und in der Folge auch missbraucht werden.

Es ist nicht einmal eine allzu eingehende und kritische Betrachtung nötig, die den Betrachtenden darin bestätigt, dass Weltreligionen wahnanfällig sind. Es besteht der arrogante Anspruch, den einzig wahren und richtigen Heilsweg aufzuzeigen, den einzig wahren Gott für sich beanspruchen zu können.

Mit tiefem Bedauern nehme ich zur Kenntnis, dass sich viele Menschen, die sich einer Religion zugehörig fühlen, nicht darüber im Klaren sind, welchen Manipulationen sie sich häufig aussetzen!

Ich beobachte immer wieder, dass Menschen ihre intellektuelle und moralische Verantwortung an den Pforten religiöser Versammlungsstätten an diverse (Ver-)FührerInnen abgeben.

Ein wahrer Glücksfall, wenn es Verantwortliche im Bereich der Weltreligionen gibt, die ihre Mitmenschen dazu ermutigen, sich auf die Essenz der wahren Menschlichkeit zu besinnen. Und diese Essenz besteht sicherlich nicht darin, darüber Kriege zu führen, wessen Gott denn nun der einzige und wahre Gott sei. Man kann diese kriegerischen Handlungen als größte Gotteslästerungen überhaupt sehen, denn Gottes gesamte Schöpfung hat die größte Wertschätzung und Pflege verdient!

Eine besondere Absurdität innerhalb unseres unmittelbaren Kulturkreises und des Christentums wurde einst von Quentin Crisp (bekannt als Sting's "Englishman in New York") zum Ausdruck gebracht: „Als ich den Leuten in Nordirland erzählte, dass ich Atheist sei, fragte eine Frau aus dem Publikum: Ist es der katholische oder der evangelische Gott, an den Sie nicht glauben?"

Es ist eigenartig, dass das Christentum, dessen höchster Anspruch die Liebe ist, so viele Seltsamkeiten, Lieblosigkeiten und Verbrechen vorzuweisen hat. In dieser Kirche gibt es in der Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart unzählbare dunkle Schauplätze, die einfach nicht reuevoll genug beleuchtet und sinnvoll aufgearbeitet wurden bzw. werden. Dazu bedarf es unbedingt der Wahrheit, selbst wenn sie noch so schmerzvoll ist!

Wie glaubwürdig kann eine Kirche sein, die für die Verkündigung der Wahrheit sogar Unfehlbarkeit beansprucht?

In meiner Auseinandersetzung mit meinen römisch-katholischen Wurzeln habe ich mich auch nicht davor gescheut, die Tradition der Selig- und Heiligsprechungen zu betrachten. Äußerst befremdlich, wie es überhaupt sein kann, im Rahmen eines Kanonisierungsverfahrens zu bestimmen, welche Person anderen Menschen derart vorangestellt wird, dass diese zuerst zu den Seligen erhoben und dann zu den Heiligen hochgelobt wird. Auch befremdlich, dass es in diesem Zusammenhang in den ersten Jahrhunderten nach Christus bereits zu krassen Fehlentscheidungen kam, welche Individuen da in den Rang der sogenannten "Heiligen" gehoben wurden!

Am konkreten Beispiel von Kyrill I., der ab 412 n. Chr. bis zu seinem Lebensende Patriarch von Alexandria war, lässt sich gut aufzeigen, dass sich die erbitterte Verteidigung des christlichen Glaubens auszahlte: Er gilt als Heiliger und einer der wichtigsten Kirchenväter!

Dabei war er zu Lebzeiten äußerst fanatisch und konfliktbereit, auch klebte das Blut von christlichen Brüdern und Schwestern an seinen Händen.

Mutter Teresa wurde am 4. September 2016 "heilig" gesprochen, was von einigem, mir äußerst begreiflichem Protest begleitet wurde. Vor allem wurde sie hinsichtlich ihrer Einstellung zur Abtreibung kritisiert, was besonders weltfremd anmutet, wenn man bedenkt, in welcher Armut die meisten InderInnen leben. Mutter Teresa galt auch als vehemente Gegnerin von Verhütungsmitteln.

Überhaupt wurde sie auch für die katastrophalen Zustände in ihren Sterbehäusern kritisiert; die Idealisierung der Armut geht ebenso auf ihr Konto. Nach eigenen Aussagen war sie auch mehr an der Missionierung als an der humanitären Hilfe interessiert.

In einer TV-Dokumentation über die Hintergründe zu Adoptionen von Kindern, die in Heimen der Schwestern der Mutter Teresa abgeholt wurden, wurden erschreckende Missstände aufgedeckt: So sind deutschlandweit mehrere Fälle dokumentiert, bei denen die familiären Hintergründe der angeblichen Vollwaisen massiv verschleiert wurden, was in meinen Augen klare moralische, verbrecherische Verfehlungen darstellt. Es wurde beispielsweise einigen Adoptiveltern der Kinder versichert, ihre ledigen Mütter hätten sie freiwillig zur Adoption freigegeben. Bei näherer Prüfung der Dokumente kamen erste Zweifel auf, da diese Kinder nun als "Vollwaisen" und "Findelkinder" bezeichnet waren. Ein Leidensweg der nun schon erwachsenen Adoptionskinder und ihrer Adoptiveltern war hier also vorgegeben, da sie sich natürlich auf die Suche nach der Wahrheit machten, an deren Ende manchmal auch eine trauernde leibliche Mutter gefunden wurde.

Es kann sehr wütend machen, wie scheinheilig gerade im Christentum mit Wahrheit umgegangen wird, gilt doch das achte Gebot der "Zehn Gebote Gottes" als das der Wahrheit.

Im Dezember 2015 durfte ich einem tollen Vortrag von Margot Käßmann, eh. Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Kirche, und einer sehr angeregten Diskussion im Anschluss folgen.

Anlass dieser Zusammenkunft war das Reformationsjubiläum 2017. Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther der Überlieferung nach 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg.

In ihrem Vortrag ließ Käßmann nicht unerwähnt, dass Luther vor allem in seinen letzten Lebensjahren Antijudaist war. Die evangelischen Kirchen distanzieren sich allerdings seit Jahrzehnten von Luthers judenfeindlichen Aussagen. Überhaupt kann deutlich beobachtet werden, dass Offenheit und Wahrheitsliebe jedenfalls in die evangelischen Kirchen mehr Einzug gehalten haben als in die römisch-katholische Kirche.

Eine tiefgreifende moralische Hässlichkeit diverser einflussreicher Vertreter der Weltreligionen besteht aus meiner Einschätzung auch darin, dass sie in ihrer Entschlossenheit, Wahnsinn zu leben, den Dialog durch den Monolog ersetzen.

Das mantrahaftig anmutende Verheddern in sinnlose, längst überholte, lebenswelt-feindliche Dogmen bringt für die Menschen Unfreiheit, nicht Freiheit. Dieser Wahnsinn verhindert, was allen Menschen zu- und offensteht: das Spüren der eigenen aufrechten, unauflöslichen Verbindung mit unserer geistigen Quelle. Dazu bedarf es keiner angsteinflößenden Glaubenssätze, sondern einfach nur der wahrhaftigen Begegnung mit allem, was IST.

Ich erlaube mir, den Dalai Lama zu zitieren, der angesichts der unfassbaren Tragödien in dieser Welt, die auf religiösen Auseinandersetzungen basieren, mit klaren Worten meinte:

"Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten."

Ethik sei demnach aus seiner Sicht wichtiger als Religion. Dies ist inzwischen auch das Bekenntnis nicht weniger Menschen, die im Übrigen auch die Abschaffung des Religionsunterrichts und die Einführung eines Ethikunterrichts fordern. Und nicht zuletzt deshalb, weil ich Zugang zu diversen Lehrbüchern habe, schließe ich mich dieser Forderung an.

Der Dalai Lama verweist auch auf die „elementare menschliche Spiritualität“, einer in den Menschen angelegten „Neigung zur Liebe, Güte und Zuneigung“.

Die einzige Religion, die Ethik und Moral berücksichtigt, ist die Religion des Herzens und des GeWissens, die mit der Stimme der Liebe spricht und handelt: die Religion der Menschlichkeit!

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