Was ist schon normal?
- C*

- vor 2 Stunden
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Neurodiversität ist ein Wort, worüber wir in letzter Zeit viel hören und lesen.
Es ist ein Begriff für die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne, die sich in unterschiedlichen Denk-, Lern- und Verhaltensweisen äußert.
Unser Gehirn ist einer Vielzahl von Reizen ausgesetzt, wodurch sich ungefähr 20 Prozent der Menschen rascher überfordert fühlen.
Als ich vor 28 Jahren meinen Führerschein gemacht habe, ist mir bereits aufgefallen, dass mir die Autofahrten mit meinem sehr engagierten Fahrlehrer zwar Spaß gemacht haben, aber ich habe länger gebraucht, um mich nach aufregenden Autofahrten durch den dichten Stadtverkehr zu entspannen. Ein Jahr nach der Führerscheinprüfung habe ich mich für immer vom Fahrersitz zurückgezogen, mein Führerschein war ab diesem Zeitpunkt nur noch ein Ausweis für mich. Heute weiß ich, woran es lag, dass ich mich ständig überreizt fühlte, denn Selbiges habe ich auch beim Schifahren bemerkt, etwa um die gleiche Zeit: Für mich fühlte sich alles, worauf ich beim Auto- wie beim Schifahren zu achten hatte, sehr anstrengend an, rundherum gab es so vieles, was auf meine Aufmerksamkeit einprasselte. Mein Gehirn hat viele Reize sehr intensiv aufgenommen, zur Regenerierung nach Autofahrten und nach Schitagen brauchte ich mehr Zeit als andere Menschen. Ich hatte das Gefühl, als würde nicht nur mein Gehirn, sondern der ganze Körper weitervibrieren, ich kam nur schwer in einen entspannten Zustand. Heute weiß ich, warum das so war: Schon seit Jahren ist mir klar, dass ich hochsensibel bin. Weil mein Gehirn Informationen anders verarbeitet, kann ich mich als neurodivergent bezeichnen. Für Menschen, die als neurodivergent gelten, ist es besonders wichtig, sich ihrer Stärken bewusst zu sein. Viele gestehen sich allerdings nicht zu, dass sie eigene / andere Bedürfnisse haben, stattdessen versuchen sie, sich anzupassen, was mit einer Verletzung der eigenen Identität einhergeht. Versuche, sich zum Beispiel an einem unpassenden Arbeitsplatz ständig anpassen zu wollen, gehen wahrscheinlich schief, weil sie sehr viel Energie kosten. Ich weiß schon lange, dass ein Arbeitsplatz, der mit Lautstärke verbunden ist, ein Problem für mich darstellt. Ich bin allerdings sehr oft über meine Grenzen gegangen, letztendlich mit schwerwiegenden gesundheitlichen Auswirkungen für mich. Mein Motto war stets ein forderndes Geht nicht gibt's nicht an mich selbst.
Andererseits: Wenn ich mich in einem Team wohlfühle und mich mit meinen Stärken in spannende Aufgaben einbringen kann, bin ich äußerst leistungsfähig. Ich bin - faire und gute Rahmenbedingungen vorausgesetzt - begeisterungsfähig, topmotiviert und kann mit sehr viel Ausdauer und Genauigkeit an einer Sache dranbleiben.
In einer Gesellschaft, die darauf ausgerichtet ist, dass das Denken und das Verhalten eines Menschen normal ist, wird man als neurodivergenter Mensch oft zum Außenseiter gestempelt. Ein Verhalten, das von vorgegebenen Normen abweicht, wird rasch als diagnoseverdächtig eingeschätzt, Menschen werden mit dem Stempel Patient*in versehen. Die meisten Menschen gelten als neurotypisch - sie denken oder verhalten sich auf eine Weise, die unsere Gesellschaft als normal einordnet. Nun ist unsere Vorstellung von Normalität allerdings kulturell geprägt: Ein Verhalten, das bei uns als normal eingeordnet wird, kann in einer anderen Kultur als auffällig gelten. Seltsame und einengende Konstrukte, die wir Menschen uns ausgedacht haben. Das sollte uns doch zu denken geben und Lust darauf machen, zur menschlichen Vielfalt zu stehen. Welch eine wunderbare Welt, wenn wir uns als ganz individuelle Menschen, die unterschiedliche Bedürfnisse haben, gesehen und geachtet fühlen - und doch eine menschliche Einheit bilden!
Besonders kritisch sehe ich, wie Bildung verstanden wird, lange genug war ich mit dem Schulsystem beschäftigt. Wer den so aufschlussreichen Dokumentarfilm Alphabet - Angst oder Liebe (Regie: Erwin Wagenhofer) kennt, der hat schon einmal gehört, dass die meisten Schüler*innen vor ihrer Schulkarriere als sehr begabt gelten - ihre Interessen sind vielfältig, sie wollen die Welt begreifen und sie haben auch unbändige Freude an Kreativität. Nach der schulischen Laufbahn sind viele junge Menschen auf Norm gebürstet, denn die Wirtschaft wünscht Arbeitnehmer*innen, die leicht lenkbar sind, die funktionieren und tun, was von ihnen verlangt wird. Wer funktioniert, der gehört dazu. Und das Dazugehören ist immerhin ein weit verbreitetes Bedürfnis.
Unser Schulsystem ist auf Leistung ausgerichtet und auf Konkurrenz statt auf Kooperation. Dazu gehen Lehrmethoden mitunter immer noch zu wenig individuell auf junge Menschen ein. Besonders in asiatischen Ländern wird Gleichförmigkeit gefördert und verlangt, die in ihre farblosen Schuluniformen gepressten Kinder sind sehr hohem Druck ausgesetzt. Auch ich hatte mit Familien aus asiatischen Ländern zu tun, nie vergesse ich, dass einige Kinder (im Volksschulalter!) bereits vor der Schule zuhause an ihrem Schreibtisch saßen, um das zu tun, womit sie auch ihre Vormittage und Nachmittage verbrachten, nämlich zu lernen. Elterngespräche blieben, man kann es sich vorstellen, fruchtlos.
Ich möchte mich nicht ausschließlich auf gepflasterten Straßen fortbewegen, wo die Richtung bereits vorgegeben ist. Ich wünsche mir eine Welt, in der bunte Vielfalt gewünscht ist und gefördert wird.
Foto: C* Schönbrunn, Drei Affen - Nicht hören, nicht sprechen, nicht sehen, Gottfried Kumpf #Filmtipps
Während die drei Affen in Japan eigentlich die Bedeutung „über Schlechtes weise hinwegsehen“ haben, werden sie in der westlichen Welt eher als „alles Schlechte nicht wahrhaben wollen“ interpretiert. Aufgrund dieses negativen Bedeutungswandels gelten die drei Affen daher häufig als Beispiel für mangelnde Zivilcourage oder bedingungslose Loyalität. (Quelle: Wikipedia)



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