Spontan sein
- C*

- vor 4 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 1 Stunde

Am 1. Jänner eines jeden Jahres ist es gute österreichische Tradition, dass sich Menschen das Neujahrskonzert im Fernsehen ansehen, das in viele Länder der Welt ausgestrahlt wird. In diesem so prächtigen Goldenen Saal des Wiener Musikvereins durfte ich bereits einmal einem herausragenden Künstler lauschen - wenn ich daran denke, bekomme ich wieder Gänsehaut. Vielleicht berichte ich in nächster Zeit einmal über dieses Ereignis.
Heute Früh, als ich bestens gelaunt aufgewacht bin und Sonnenschein vor den Fenstern erahnen konnte, kam mir spontan eine Idee, die sofort gutgeheißen wurde.
Also diesmal kein Neujahrskonzert, nicht bei diesem einladenden Wetter!
Nach einem kleinen Frühstück verlassen wir Linz, diesmal mit dem Zug, um erneut ins Mühlviertel aufzubrechen. Unser Ziel: Aigen-Schlägl, eine Marktgemeinde, die am 1. Mai 2015 durch die Fusion der vormals eigenständigen Gemeinden Aigen im Mühlkreis und Schlägl entstand.
Diese Reise mit dem Zug ist eine, die auf alle Fälle die Aussage Der Weg ist das Ziel verdient. Der Zug fährt mit gemächlicher Geschwindigkeit aus Linz ab und bleibt auf Verlangen auf kleinen Bahnhöfen stehen. Die Fahrt dauert 87 Minuten und führt, je näher wir dem Oberen Mühlviertel entgegenstreben, immer wieder mitten durch Wäldchen, deren Bäume man fast fühlen könnte, würde man die Hand ausstrecken. Es ist, als wären wir mit einer Märchenbahn unterwegs, die Aussichten aufs weite weiße Land sind herzerwärmend. Entlang der Großen Mühl, die an manchen Stellen tatsächlich eine Eisschicht trägt, auf der sich Schnee wie Puderzucker eingefunden hat, nehmen wir sogar einen Schwan auf einem eisigen Fleckchen wahr, ganz stoisch steht er da und bewegt sich nicht. Wenn einer zu sehen ist, wo bleiben dann die anderen? Er könnte ja auch Einzelgänger sein. Also wie? Und siehe da, einige hundert Meter später sehen wir zwei weitere Schwäne, die gar anmutig auf den Schneefeldern verharren.
Und schließlich, nach vielen tollen Eindrücken, welche die Panormafenster ermöglichen, sind wir am Ziel angelangt, wir steigen in Schlägl aus. Unser kleiner Spaziergang dauert zehn Minuten und führt an der Brauerei vorbei. Ich bin keine Bierkennerin und ich trinke nur höchst selten Bier, aber ein Feinspitz wie der Liebste weiß zu berichten, dass im Stiftskeller schon viele süffige Glücksmomente erlebt wurden. Wir streben eben diesen Stiftskeller an, meine Fotos machen kein Geheimnis daraus. Es ist dies unser dritter gemeinsamer Besuch, wir wissen also, was wir erwarten können. Feinste Küche in stimmigem Ambiente, zur Sicherheit haben wir ein Platzerl reserviert.

Wir dürfen diesmal in einem Bierfassl Platz nehmen, das freut mich besonders. Es ist gemütlich im Fass, ich fühle mich nicht eingeschränkt, obwohl ich zu Platzangst neige.
Gastfreundschaft wird hier übrigens sehr groß geschrieben, das fällt uns immer wieder auf. Die hervorragenden Wiener Schnitzel werden rasch gereicht, Genießerherz, was willst du mehr?
Nach unserer Einkehr geht's rauf ins Zentrum von Aigen. Über schmale Gässchen, vorbei an schmucken Häusern, taucht bald die so eindrucksvolle Pfarrkirche von Aigen auf.

Wie kann es sein, dass neben einem so herrschaftlichen Stift eine so herausragend schöne Kirche Platz hat?
Das Stift ist in den Jakobsweg Oberes Mühlviertel eingebunden und wurde vermutlich um 1202/1203 ins Leben gerufen.
Der spätgotische Vorgängerbau der Pfarrkirche Aigen wurde von 1484 bis 1529 erbaut und erlitt durch Brände in den Jahren 1802 und 1852 Zerstörungen. Von 1897 bis 1901 erfolgte ein Neubau der Kirche, wobei der 1856 wiederhergestellte gotische Westturm erhalten wurde. 1991 erfolgte eine Gesamtrestaurierung und es wundert mich nicht, dass das herrliche Gebäude unter Denkmalschutz steht.
Wir machen eine kleine Runde durch den Ort, der menschenleer vor uns liegt, dann geht es schon wieder in Richtung Zug. Auf diesem Weg machen wir noch eine überraschende Entdeckung: Nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt vom Stolz der Region, der Brauerei in Schlägl, begegnen wir zwei Herren in Aigen, welche mit ihrer Bierphilosophie wohl so einige Einheimische vor den Kopf stoßen: Nicht das Bier aus Schlägl soll (angeblich) ein langes Leben ermöglichen, sondern das Bier aus der Brauerei in Zipf. Wenn diese Ansage für hitzige Debatten sorgt, kann das niemanden verwundern. So oder so, ich trinke Bier nur in Ausnahmefällen. Es ist so eine Art Geheimwaffe für mich, wenn die Frauenblase mal wieder zickig ist. Der Bierproduzent ist mir dann ziemlich egal, auch will ich weder für den einen noch den anderen Werbung machen. Hauptsache, ein paar Schlückchen helfen. In Zeiten, wo es bereits ausgebildete Biersommeliers gibt, bekenne ich mich also zum Bier-Banausentum, aber mit diesem Ruf kann ich leben 😊

Wir treten die Heimfahrt an, es dämmert bereits leicht, was wieder ein völlig neues Erleben der Bahnfahrt bietet. Meine Fantasie schlägt Purzelbäume: In den Wäldchen, durch die wir wieder fahren, könnten doch jederzeit ein paar Kobolde zu entdecken sein, mit brennenden Fackeln oder mit kleinen Laternen in Händen, um nur ja nicht ihren Weg aus den Augen zu verlieren.
Ganz in echt erblicken wir eine kleine Herde von Damwild, die sich blitzartig von der Zugstrecke entfernt.
Am Horizont sehen wir die Sonne untergehen, ihren Untergang können wir lange in den schönsten Farbspielen beobachten. Was für ein schöner Ausflug, ich bin ganz beseelt davon - und von Herzen dankbar, so eine tiefe Freude wieder wahrnehmen zu können.
Das neue Jahr, es möge viele Gelegenheiten zur Spontanität schenken.
Einen weiteren Einblick in die Gegend rund um Aigen-Schlägl gebe ich gerne hier.
Fotos: C* #Natur #Freude #Dankbarkeit



Kommentare