Sich selbst leben
- C*

- 15. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Egal, wie alt wir sind, für unsere Eltern bleiben wir immer ihre Kinder.
Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass in diesem Eltern-Kind-Verhältnis manche Eltern nicht aus ihrer Erzieherrolle rauskommen, verbunden damit gibt es auch noch elterliche Erwartungen an ihre längst erwachsenen Kinder.
Ich war bis vor wenigen Jahren wiederholt in Situationen, die mir gezeigt haben, dass es vor allem meinem Vater an Respekt vor meinem Erwachsensein und meinen eigenen Lebenserfahrungen mangelte. Gegen einen narzisstisch geprägten Menschen anzukommen, ist ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Inzwischen fehlt es meinem achtundachtzigjährigen Vater an der Energie, mir seine Forderungen und Ansichten aufdrängen zu wollen. Kaum noch blitzt ein Versuch seinerseits auf, mir seine Vorstellungen über das Leben überzustülpen. Noch vor ein, zwei Jahren habe ich auf seine Methoden verärgert reagiert und diesen Ärger auch als Stress für meinen empfindsamen Magen wahrgenommen. Jedes Mal fühlte ich mich nach harten Auseinandersetzungen kraftlos und habe mir immer wieder vorgenommen, mich nicht mehr provozieren zu lassen.
Unsere Beziehungsgeschichte ist meinerseits jedenfalls eine von Ambivalenz geprägte - auf der einen Seite stand in der Vergangenheit mein Sehnen nach Wertschätzung, auf der anderen Seite tat sich gewaltiger Widerstand gegen die rigiden späten Erziehungsversuche meines Vaters auf.
Der Prozess, eine auf Augenhöhe stattfindende Beziehung zu meinem Vater herzustellen, war ein äußerst mühsamer und oftmals frustrierender. Nun, da der alte Mann bereits schwerwiegende kognitive Probleme hat, hat sich unser Verhältnis deutlich verändert. Er wirkt aufrichtig, wenn er sich für meine Besuche zutiefst bedankt und ich merke, dass ich immer gelöster bin. Wir wollen beide keinen Kampf mehr - und das tut richtig wohl. Wir können in einem guten Gesprächsklima über Ereignisse in der Welt diskutieren (soweit er dazu noch in der Lage ist) oder uns anderen Themen widmen. Unsere gemeinsame Vergangenheit lassen wir dabei hinter uns, was sollen wir darüber noch streiten? Ich habe das Gefühl, dass mich mein Vater nicht mehr anders haben will. Er hat genug mit sich selbst zu tun, denn es setzt ihm ordentlich zu, dass er kognitive Schwächen an sich entdeckt. Er schätzt richtig ein, was das zu bedeuten hat, und in solchen Momenten der Trauer über seine gewaltigen Erinnerungslücken hat er auch mein tiefes Mitgefühl.
Der Psychologe und Psychotherapeut Tobias Glück meint, dass sich Beziehungen zu Menschen oft verbessern, wenn wir aufhören, danach zu suchen, was wir uns von unseren Eltern gewünscht hätten.
Eine Kindheit muss nicht traumatisch gewesen sein, um Wunden zu hinterlassen. Doch wenn wir in der Lage sind, beispielsweise das, was gefehlt hat, zu akzeptieren, können wir alten Ballast loslassen und uns weiterentwickeln. Versuche, das von Eltern noch zu erhalten, was wir nie bekommen werden, halte uns in der Vergangenheit gefangen, meint Glück. Ich erinnere mich exakt in diesem Zusammenhang an eine Rückmeldung einer Therapeutin, die ich vor etwa zwanzig Jahren erhielt: Sie suchen in einer Fleischerei nach einem Marmorkuchen. Ich verstand sofort die Botschaft dieses Satzes; ja, ich habe lange gesucht, das von meinen Eltern zu erhalten, was sie mir jedoch nicht anbieten konnten. Inzwischen fühle ich mich innerlich mehr und mehr befriedet.
Wenn wir erkennen, dass wir gut genug sind, so wie wir sind, dann können wir uns in herausfordernden Situationen auch besser schützen. Mich selbst in den Arm zu nehmen, darauf zu achten, dass andere meine Grenzen respektieren und mir vor allem meiner Ressourcen bewusst zu sein und diese auch zu leben, das hilft dabei, ich selbst zu sein.
Das, was schiefgelaufen ist, zu akzeptieren, bedeutet nicht, dass ich es gutheiße, aber ich nehme es an, wie es war. An den Ereignissen, an meinen Erlebnissen kann ich nichts mehr ändern, aber meinen Umgang damit neu zu gestalten, das geht immer - jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.
Foto: C*



Gute Erkenntnisse, liebe C Stern, sowohl von dir als auch von deinem Vater. Ich kann mir vorstellen, wie wohltuend es ist, nicht mehr darüber zu diskutieren oder gar zu streiten, was du als Tochter angeblich weiterhin nicht richtig machst und wie du es besser machen müsstest. Vielleicht hat dein Vater es doch eingesehen, dass du kein Kind mehr bist und dein Leben nach deinen eigenen Vorstellungen lebst. Vielleicht hat er es einfach aufgegeben, dich immer noch „erziehen“ zu wollen. In jedem Fall: Dem Frieden tut es gut, und ich denke, das ist in der gegenwärtigen Situation das Wichtigste.
Herzliche Grüße
Rosa
Mein Vater hat mich erst in den letzten zwei Jahren vor seinem Tod so richtig kennengelernt. Die Lebensumstände liessen ihn gefühlvoller werden, er hörte mir plötzlich zu und war erstaunt, erkennen zu müssen, wer ich doch eigentlich bin. "Das alles habe ich nicht gewusst" waren ständig seine Worte bei unseren täglichen Gesprächen. Mich hat das getröstet, auch wenn ich ein Leben lang an dem nage, was er mir in seiner verbohrten Ansicht angetan bzw. in mir verursacht hat. Er wusste es wohl nicht besser. Zum Glück hatte er aber auch viele gute Seiten, so dass es mir leicht fiel, ihm zu verzeihen.
Dein Resümee, liebe C Stern, ist genau das, was dir hilft. Genau so sehe ich es auch!
Alles…
Liebe C Stern, du, vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass Väter vor allem ihre Töchter das Allerbeste wollen, denn Vater-Tochter-Beziehungen sind irgendwie immer besonders.
Aber das muss nicht sein, war nur so ein Gedanke.
So wie du es beschreibst, kenne ich es nicht, meine Eltern beide bestärkten mich immer in meinem Tun und Handeln, ich bekam oft sogar gute Vorschläge, wie ich alles schneller noch meistern konnte. Diese Vorschläge waren keine Bevormundungen, sie waren nur gut gemeint.
Und das hat mein Selbstbewusstsein unheimlich schon im frühen Alter gestärkt, ich wusste, meine Eltern stehen immer hinter mir.
Dir einen ganz lieben Gruß von mir.
Wenn alles sein darf, was gewesen ist, ist Frieden. Das bedeutet, die Vergangenheit so anzunehmen, wie sie war, ohne Bewertung oder Widerstand, was zur inneren Ruhe und Ordnung im Leben führt. - frei nach Hellinger. Verstanden habe ich den Satz sofort, mit der Umsetzung hat's länger gedauert ;) Inzwischen kann ich die Begrenztheit meiner bereits verstorbenen Eltern erkennen und annehmen. Und ich habe mich schon früh gegen ihre Übergriffigkeiten und Manipulationsversuche zur Wehr gesetzt. Meine Mutter meinte zu wissen, Jahrzehnte nachdem ich bereits aus dem Haus war, was zu mir passte und was nicht. Die emotionale Abhängigkeit zu lösen hat dann länger gedauert, auch weil sie mir lange nicht wirklich bewusst gewesen ist. Ich habe gefühlt immer "zwischen zwei Stühlen gesessen"…
Ich denke, liebe C Stern, dass da bei dir und deinem Vater in den letzten Jahren ein deutlicher Heilungsprozess in Gang kam und das Verhältnis spürbar entspannte.
Meinerseits musste ich wenig bis gar keine solchen Altlasten herumtragen und bin sehr dankbar dafür.
Dir weiterhin viel gutes neues Selbstbewusstsein und einen herzlichen Gruss,
Brigitte