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Sich selbst leben

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 2 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit






















Egal, wie alt wir sind, für unsere Eltern bleiben wir immer ihre Kinder.

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass in diesem Eltern-Kind-Verhältnis manche Eltern nicht aus ihrer Erzieherrolle rauskommen, verbunden damit gibt es auch noch elterliche Erwartungen an ihre längst erwachsenen Kinder.

Ich war bis vor wenigen Jahren wiederholt in Situationen, die mir gezeigt haben, dass es vor allem meinem Vater an Respekt vor meinem Erwachsensein und meinen eigenen Lebenserfahrungen mangelte. Gegen einen narzisstisch geprägten Menschen anzukommen, ist ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Inzwischen fehlt es meinem achtundachtzigjährigen Vater an der Energie, mir seine Forderungen und Ansichten aufdrängen zu wollen. Kaum noch blitzt ein Versuch seinerseits auf, mir seine Vorstellungen über das Leben aufdrängen zu wollen. Noch vor ein, zwei Jahren habe ich auf seine Methoden verärgert reagiert und diesen Ärger auch als Stress für meinen empfindsamen Magen wahrgenommen. Jedes Mal fühlte ich mich nach harten Auseinandersetzungen kraftlos und habe mir immer wieder vorgenommen, mich nicht mehr provozieren zu lassen.

Unsere Beziehungsgeschichte ist meinerseits jedenfalls eine von Ambivalenz geprägte - auf der einen Seite stand in der Vergangenheit mein Sehnen nach Wertschätzung, auf der anderen Seite tat sich gewaltiger Widerstand gegen die rigiden Erziehungsversuche meines Vaters auf.

Der Prozess, eine auf Augenhöhe stattfindende Beziehung zu meinem Vater herzustellen, war ein äußerst mühsamer und oftmals frustrierender. Nun, da der alte Mann bereits schwerwiegende kognitive Probleme hat, hat sich unser Verhältnis deutlich verändert. Er wirkt aufrichtig, wenn er sich für meine Besuche zutiefst bedankt und ich merke, dass ich immer gelöster bin. Wir wollen beide keinen Kampf mehr - und das tut richtig wohl. Wir können in einem guten Gesprächsklima über Ereignisse in der Welt diskutieren (soweit er dazu noch in der Lage ist) oder uns anderen Themen widmen. Unsere gemeinsame Vergangenheit lassen wir dabei hinter uns, was sollen wir darüber noch streiten? Ich habe das Gefühl, dass mich mein Vater nicht mehr anders haben will. Er hat genug mit sich selbst zu tun, denn es setzt ihm ordentlich zu, dass er kognitive Schwächen an sich entdeckt. Er schätzt richtig ein, was das zu bedeuten hat, und in solchen Momenten der Trauer über seine gewaltigen Erinnerungslücken hat er auch mein tiefes Mitgefühl.


Der Psychologe und Psychotherapeut Tobias Glück meint, dass sich Beziehungen zu Menschen oft verbessern, wenn wir aufhören, danach zu suchen, was wir uns von unseren Eltern gewünscht hätten.

Eine Kindheit muss nicht traumatisch gewesen sein, um Wunden zu hinterlassen. Doch wenn wir in der Lage sind, beispielsweise das, was gefehlt hat, zu akzeptieren, können wir alten Ballast loslassen und uns weiterentwickeln. Versuche, das von Eltern noch zu erhalten, was wir nie bekommen werden, halte uns in der Vergangenheit gefangen, meint Glück. Ich erinnere mich exakt in diesem Zusammenhang an eine Rückmeldung einer Therapeutin, die ich vor etwa zwanzig Jahren erhielt: Sie suchen in einer Fleischerei nach einem Marmorkuchen. Ich verstand sofort die Botschaft dieses Satzes; ja, ich habe lange gesucht, das von meinen Eltern zu erhalten, was sie mir jedoch nicht anbieten konnten. Inzwischen fühle ich mich innerlich mehr und mehr befriedet.


Wenn wir erkennen, dass wir gut genug sind, so wie wir sind, dann können wir uns in herausfordernden Situationen auch besser schützen. Mich selbst in den Arm zu nehmen, darauf zu achten, dass andere meine Grenzen respektieren und mir vor allem meiner Ressourcen bewusst zu sein und diese auch zu leben, das hilft dabei, ich selbst zu sein.

Das, was schiefgelaufen ist, zu akzeptieren, bedeutet nicht, dass ich es gutheiße, aber ich nehme es an, wie es war. An den Ereignissen, an meinen Erlebnissen kann ich nichts mehr ändern, aber meinen Umgang damit neu zu gestalten, das geht immer - jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.


Foto: C*


 
 
 

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