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Schicksal

Autorenbild: C*
C*
vor 2 Tagen
3 Min. Lesezeit



















Was geschieht, muss man annehmen, dieser mich so überraschende Satz stammt von meinem Vater, erst vor kurzem hat er ihn in einem klaren Moment ausgesprochen.

Ich erlebe den alten Mann so, dass er seinen Weg voller Geduld und ohne groß geäußertes Bedauern annimmt - und das ist für mich alles andere als selbstverständlich. Er zeigt Facetten seiner Persönlichkeit, die ich erst seit einigen Monaten wahrnehmen kann. Offensichtlich haben diese bemerkenswerten Persönlichkeitsanteile schon immer in meinem Vater geschlummert.


Der Weg meines Vaters ist einer, den man inzwischen nicht so recht einschätzen kann.

An den meisten Tagen scheint mein Vater sehr weit weg zu sein, kaum, dass er munter wird. Seine Haut fühlt sich dann kalt an, sein Atem ist komplett flach. Es wirkt, als wäre er bereit, loszulassen.

Inzwischen hat er stark abgenommen, zu essen und vor allem zu trinken fällt ihm sehr schwer. Noch vor wenigen Monaten hat er manchmal um Sätze gerungen, weil er überzeugt war, dass er noch Arbeiten zu erledigen hat. Dabei wurde er von verwirrenden Gedanken an seine verantwortungsvollen Aufgaben für ein Unternehmen, für das er fünfundvierzig Jahre gearbeitet hat, geleitet. Die vielen umfangreichen Kalenderbücher, in die er unzählige berufliche Notizen geschrieben hat, gibt es noch.

Ich frage mich, was meinen Vater hier auf Erden noch hält. Neulich kam mir der Gedanke, dass er es genießen könnte, Liebe und Fürsorge zu erleben. Endlich den Frieden gefunden zu haben, nach dem er sich wohl auch gesehnt hat und der zwischen uns lange nicht möglich war. Ich glaube, dass er alle Streicheleinheiten spürt und auch leise Worte auf irgendeine Weise, vielleicht als liebevolle Energie, wahrnehmen kann.



Folgt mein Leben einem Plan? - Wie sehr kann ich mein Leben selbst gestalten?

Manche Ereignisse scheinen mir so unvermeidlich, dass ich sie als schicksalhaft empfinde.

Ist es Zufall, in welche Familie, in welchem Land, auf welchem Kontinent ein Kind geboren wird oder folgt diese Zuordnung einem höheren Plan, der im Sinne von Schicksal vorherbestimmt?


Wie sehr werden wir von einem freien Willen geleitet? Und: Gibt es überhaupt einen freien Willen? Viele Einflüsse prägen uns: Gene wie auch Eltern und andere Autoritäten, Bildung, Religion, Spiritualität, Erfahrungen, Ereignisse, Traditionen, Gesellschaft, Medien, biologische Prozesse, Naturereignisse, Kriege, ...

Nach und nach komme ich immer deutlicher zu meiner persönlichen Überzeugung, dass dem Menschen ein gänzlich freier Wille kaum möglich zu sein scheint.


In Österreich gilt seit Schulbeginn ein umstrittenes Kopftuchverbot für Mädchen unter vierzehn Jahren. Mädchen müssen vor dem Unterricht ihr Kopftuch abnehmen.

Ich selbst hatte jahrelang mit Mädchen zu tun, deren Familien an dieser kulturell-religiösen Tradition festhielten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mädchen im Volksschulalter freiwillig ein Kopftuch tragen. Ich habe ein einziges Mädchen in achtzehn Berufsjahren im pädagogischen Bereich erlebt, das von sich aus unbedingt ein Tuch tragen wollte, damit waren die Eltern allerdings gar nicht glücklich. Die ältere Schwester wäre nie auf die Idee gekommen, das Tuch zu tragen.

Religion sollte aus meiner Sicht als Privatsache gelten, daher trete ich klar für einen Ethikunterricht anstelle eines Religionsunterrichtes ein. In diesem Kontext finde ich es richtig und auch wichtig, Religionen zu betrachten, aber keine religiösen Lehren zu verbreiten. Auch ein Kreuz sollte meines Erachtens konsequenterweise in pädagogischen Einrichtungen und in Schulen abgenommen werden. Trennung von Staat und Religion, für mich eine klare Sache.

Grundsätzlich bin ich ganz klar lieber für Gebote als für Verbote. Du sollst im Unterricht kein Kopftuch tragen - würde das ankommen?

Es ist damit zu rechnen, dass das Kopftuchverbot jene auf den Plan ruft, die hinter dieser Entscheidung Rassismus und Diskriminierung vermuten. Aus meiner Einschätzung ist deshalb ein Kopfbedeckungsverbot sprachlich und auch bedeutungsmäßig günstiger, es zielt nicht in Richtung Islam und bedeutet ebenso, dass etwa Schildkappen oder Hauben in der Schule ebenfalls abgenommen werden müssen.


Foto: C* - aus meinem Archiv, unterwegs in Innergschlöss, Nationalpark Hohe Tauern, Osttirol

 
 
 

6 Kommentare


Anette
Anette
vor 7 Stunden

Liebe C.,der Satz deines Vaters „Was geschieht, muss man annehmen“ hat mich sehr berührt. Gerade weil er von einem Menschen kommt, dessen eigener Weg inzwischen so schwer einzuschätzen ist, bekommt er für mich eine besondere Bedeutung.

Beim Lesen hatte ich aber noch einen anderen Gedanken. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig zu wissen, was deinen Vater noch hier hält. Deine Vermutung, dass er die Liebe und Fürsorge, die ihn jetzt umgeben, auf irgendeine Weise wahrnimmt und vielleicht sogar genießen kann, finde ich sehr schön. Manchmal geschieht Nähe vielleicht auch dann noch, wenn Worte kaum mehr möglich sind.

Besonders bewegt hat mich, dass du Seiten an deinem Vater entdeckst, die dir früher verborgen geblieben sind, und dass zwischen euch offenbar…

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C*
C*
vor 6 Stunden
Antwort an

Liebe Anette,

wie schön, dass Du Dich von Deinem wunderbaren Urlaubsort meldest - ich freue mich sehr!

Die Frage, die ich mir stelle, und das Gefühl, was meinen Vater halten könnte, hat einen tieferen Hintergrund: Ich selbst war bereits einmal in einem Moment, in dem meine Seele bereit war, sich aus meinem Körper zu lösen. Ich habe dieses Gefühl der unendlichen und unbeschreiblichen Leichtigkeit so sehr wahrgenommen - es gibt für so ein Erleben kaum Worte, die diesem körperlosen Schweben nahekommen. Als ich wieder geerdet war, brauchte ich Zeit, um mich zu sammeln.

Du schreibst es so schön - und daran glaube ich auch: Manchmal geschieht Nähe, wenn Worte kaum mehr möglich sind. Es gibt auch so tiefe Augen-Blicke, mit…

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Traude Rostrose
Traude Rostrose
vor einem Tag

Liebe C*,

"Was geschieht, muss man annehmen"... Muss man?

Ich finde es es ebenfalls beachtenswert, dass dein Vater - der (soweit ich es aufgrund früherer Schilderungen beurteilen kann) - große Schwierigkeiten mit dem "Annehmen" hatte, nun solche Sätze ausspricht. Wer weiß, in welcher Ecke seiner Erinnerungen dieser Satz geschlummert hat?

Aber muss Annehmen immer ein demütiges Annehmen sein oder auch ein kraftvoll in die Hände klatschendes "Okay, so ist es nun eben. Dann packen wir die Sache bei den Hörnern!"? Ich denke, solange wir noch nicht so beisammen sind wie dein Vater jetzt, ist letzeres durchaus möglich.


Und ja, wenn wir vom Schicksal sprechen: Im Annehmen liegt eine gewisse Kraft. Sich ständig zu wehren und zu kämpfen und Veränderungen krampfhaft…


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C*
C*
vor 8 Stunden
Antwort an

Liebe Traude,

ich danke herzlich für Deine Sichtweise und Deine Beispiele über das (kraftvolle) Annehmen, die ich auf mich wirken lasse.

Ich vermute, dass sich wohl die meisten Menschen schon als demütig wie auch als kraftvoll im Annehmen von Gegebenheiten erlebt haben.


Diese Form von Energieverschwendung, wenn man sich vehement gegen Veränderungen oder Tatsachen, die man nicht ändern kann, wehrt, die kenne ich ganz gut, aus eigenem Erleben oder auch aus Beobachtungen. Manchmal mag das Loslassen und sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen, ein guter Weg sein, um Abenteuer zu bestehen. Auch schon mehrmals erlebt.


Wir können wählen, so wie Du schreibst, nämlich in unseren Bewertungen. Ich sehe vieles, was ich auch in gesundheitlicher Sicht erlebt habe, im Einordnen meines…


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Brigitte Fuchs
Brigitte Fuchs
vor 2 Tagen

Sehr interessant, was du über die Gemütswelt deines Vaters preisgibst und unseren angeblich so freien Willen. Auch die Regeln und Verbote, welche von den Verantwortlichen für unser aller Zusammenleben bestimmt werden, muss man kritisch hinterfragen. Nicht alles ist Schicksal, was uns geschieht und umtreibt...

Lieben Dank für diese wertvollen Gedankenanstösse und einen herzlichen Gruss in den Tag,

Brigitte

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C*
C*
vor einem Tag
Antwort an

Vielen Dank, liebe Brigitte,

für Deine wertschätzende Rückmeldung, darüber freue ich mich.

Über das Thema des freien(?) Willens diskutieren wir immer wieder, auch mit Freund*innen. Mit zunehmendem Lebensalter neige ich mehr und mehr dazu, dieses Thema so einzuschätzen, dass es keinen echten freien Willen gibt.

Ich interessiere mich sehr dafür, wie diese Frage von anderen Menschen beantwortet wird.

Herzliche Grüße, C Stern


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