Pretty Woman
- C*

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Aktualisiert: vor 5 Stunden

Ein Thema ist bei mir wieder einmal aufgeploppt. Eines, wozu sich viele nicht äußern möchten, das allerdings gesellschaftlich sehr relevant ist. Wer nichts über Prostitution lesen möchte, der sollte an dieser Stelle diesen Beitrag auch schon wieder schließen.
Viele(?) oder manche(?) von uns kennen den Film Pretty Woman, der Anfang der 1990er Jahre in die Kinos kommt und dort zum großen Erfolg wird. Ein ergrauter attraktiver Geschäftsmann bucht eine langbeinige, junge Schönheit als vergnügliche Gesellschafterin, die ihn zu einem geschäftlichen Treffen begleiten soll. Richard Gere trifft also auf Julia Roberts, die mit diesem Film zum Superstar wird. Edward macht sich nicht auf plumpe Weise an die junge Vivian heran, natürlich, es ist ja ein Film, der als romantisch beworben wird. Edward zeigt sich als charmanter Verehrer und Vivian gibt sich als junge Frau, die Edwards Großzügigkeit und Aufmerksamkeit genießt. Doch Vivian kann es nicht leugnen, sie ist eine Prostituierte, allerdings eine, die noch nicht viel Erfahrung hat in diesem Bereich. Und schlussendlich verlieben sich die beiden ineinander - und viele Menschen sind heute noch hingerissen von diesem Film. HAPPY END!
So ging es mir damals auch, als der Film in die Kinos kam, ich habe ihn gerne gesehen. Jetzt, so viele Jahre später, mag ich ihn nicht mehr sehen. Ich habe mich inzwischen ernsthaft mit der harten Realität jener Frauen auseinandergesetzt, die als Prostituierte ihr Geld auf eine Weise verdienen, wie ich es mir niemals vorstellen könnte. Der Film romantisiert auf eine Art, die mit dem harten Leben der meisten Prostituierten nichts zu tun hat. Dieser Film ist mir inzwischen regelrecht unangenehm.
Das Thema Prostitiution ist ein wichtiges Gesellschafsthema, auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen. Mir geht es in erster Linie darum, dass jene Personen, die Frauen ausbeuten und zu sexuellen Handlungen nötigen, nicht im Einklang mit den Menschenrechten handeln und sich daher strafbar machen. Gleiches gilt aus meiner Sicht auch für Männer, die als Kunden auftreten. Ich habe das deutliche Gefühl, dass zu gerne und zu oft darauf hingewiesen wird, diese Frauen würden alle sexuellen Handlungen in größter Freiwilligkeit vollziehen. Solche Behauptungen kommen nicht nur von schlicht selbstgerechten Freiern, sondern auch von einigen Frauen, mit denen sich zufällige Gespräche zu diesem Thema ergeben haben: Auch wurde in diesem Zusammenhang gerne das Argument angeführt, dass Prostitution notwendig sei, um viele Vergewaltigungen zu verhindern. In solchen Momenten habe ich erschüttert erkannt, dass weitere sachliche Argumente, warum das System Prostitution gegen Menschenrechte verstößt, ungehört verhallen.
Ich habe viele Berichte von Aussteigerinnen aus dem Milieu gelesen, übrigens auch von solchen Frauen, die ihren Job mögen; ich habe Dokumentationen gesehen, und ich kenne eine Person, die Frauen aus dem Milieu in medizinischer Hinsicht viele Jahre betreut hat. Huschke Mau ist eine äußerst glaubwürdige und engagierte Autorin, Aktivistin und Geisteswissenschaftlerin, die das Milieu bestens kennt, eine Aussteigerin. Ihr Blog ist sehr informativ und klärt auch über viele Mythen auf. Aktuell zeigt sie auf, dass wir zum Thema Menschenhandel oftmals falsche Bilder im Kopf haben.
Vor Jahren führte ich eine Zeitlang Gespräche mit einer Frau, die als Prostituierte tätig war. Sie hat sofort gespürt, dass ich keine Berührungsängste hatte. Warum auch? Ich verachte keine Frau, die sich in diese Lage begeben hat oder durch bestimmte Umstände in dieses Milieu hineingeraten ist. Ich glaube auch nicht, dass überall Menschenhändler*innen (ja, auch Frauen machen sich an anderen Frauen schuldig) am Werk sind. Ich bin mir allerdings sicher, dass es vergleichsweise nur wenige Frauen gibt, die tatsächlich Gefallen an ihrer Tätigkeit finden. Jene Frauen, die Lust auf bezahlte sexuelle Verabredungen haben und damit tatsächlich einiges an Geld verdienen, arbeiten bevorzugt selbstständig und können es sich leisten, wählerisch zu sein, was ihre Kunden betrifft.
Ich kenne zwei Männer, die sehr offen über ihre Ausflüge in diverse Laufhäuser erzählen, ungefragt und prahlend und stets darauf hinweisend, dass sie Frauen wertschätzen. Ich musste ihren Umgang mit Frauen in einem beruflichen Kontext sehr nah miterleben - dabei habe ich allerdings keinen Funken Wertschätzung erkennen können, einzig die Lust, Frauen zu dominieren. Hinweise auf ihr widerliches Verhalten blieben fruchtlos.
Was mir meine ehemalige Bekannte geschildert hat, hat mein Denken, meine heutige Einstellung jedenfalls nachhaltig geprägt. Diese junge Frau, ein sehr liebenswerter Mensch, war seelisch am Ende, ausgebrannt, zutiefst depressiv, sie hatte Traumata und viele Angstthemen. Als ich sie zufällig kennenlernte, hatte ich keine Ahnung von ihrer so schmerzvollen und drogenreichen Vergangenheit. Ich traf sie, als sie ihr Leben wieder auf die Reihe bekommen wollte, als sie sich fortbildete, um fortan in ihrem Traumberuf arbeiten zu können. Sie sprach leise, war unterwürfig, unsicher, fragil. Ich habe sie nicht gedrängt, zu erzählen, das wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen. Sie wollte ein offenes Buch sein, sich vieles von der Seele reden. Das Erschütterndste: Sie war nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für ihr Kind. Ein Kind, das ebenfalls in einer tiefen Krise steckte und das horizontale Gewerbe interessant fand ... Ich denke heute noch an sie und frage mich so einiges, hoffe für sie.
Warum komme ich gerade jetzt zu diesem Thema? Ich bin über Berichte wieder aufmerksam geworden, Überschrift: Kunst und Prostitution
Viele Kunstschaffende beschäftigen sich mit Prostitution. Schon bei großen Malern wie bei Manet, Picasso, Degas, Van Gogh und Toulouse-Lautrec war es ein beliebtes Thema, Kurtisanen zu malen. Kurtisane, das klingt doch schon mal nach was, nach einer besonderen Stellung. Ihre Lebensumstände wurden also auch mit Pinsel und Farbe auf Leinwänden verherrlicht. Solche Frauen lebten für ihr Vergnügen - so wurden sie zumindest dargestellt, und nichts deutete auf ihre Einsamkeit, auf verachtende Blicke von Menschen, auf ihre ungewollten Schwangerschaften, auf oft todbringende Abtreibungen, auf ihre Erkrankungen, etc. In der Renaissance waren Rom und Venedig Orte, wo das Kurtisanenwesen blühte, in Paris war es im 18. und 19. Jahrhundert très chic, sich eine Kurtisane zu halten. Wenn Mann sie satthatte, wurde sie eben weitergereicht.
Auch zahlreiche namhafte Literaten (Link) haben sich intensiv mit Prostitution auseinandergesetzt und so mancher hat auch vor Ort seine praktischen Recherchen verrichtet. Émile Zola (1840 - 1902) etwa beschreibt in seinen Romanen Der Totschläger und Nana die Tristesse der Arbeiterviertel, wo Nana aufwächst. Nana entwickelt sich von der unbedeutenden Straßendirne zu einer Kurtisane, ein Aufstieg also. So haben das damals bestimmt viele Männer gesehen. Mann muss verherrlichen, was doch so traurig ist, nämlich, dass viele Frauen in der damaligen Zeit keine andere Möglichkeit sahen, um gerade mal knappest zu überleben. Nana lässt der Schriftsteller einsam und schrecklich an den Blattern sterben. Zola hat für seine Romane im Milieu recherchiert, seine erste Liebe war eine junge Prostituierte, die er "retten" wollte, was allerdings an der Realität der Armenviertel scheiterte.
Prostitution ist in Österreich inzwischen legalisiert, was vom Gesetzgeber in Hinblick auf Rahmenbedingungen schrittweise vorgenommen wurde. Die Schaffung des gesetzlichen Rahmens bedeutet, dass "Sexarbeiter*innen" Anspruch auf bestimmte Rechte haben, einschließlich eines Zugangs zu Sozialversicherungsleistungen und der Möglichkeit, Steuern zu zahlen. Einheitlichen Durchblick scheint es allerdings noch immer nicht zu geben, das wird zumindest in vielen Stellungnahmen kritisiert.
Dass für das horizontale Gewerbe inzwischen der Begriff Sexarbeit steht, beweist nur, dass Prostitution längst positiv von der Gesellschaft konnotiert wird: Menschen wollen nicht hinter einen skandalösen Verkauf von Frauen blicken, sondern sich selbst beruhigen. Ich finde auch weitere sprachliche Verharmlosungen bemerkenswert: Das Bordell wird etwa zum Liebestempel, die Frau zur Liebesdienerin, der Pornofilm zum Liebesfilm.
Politiker*innen, die sich für die Legalisierung dieses "Berufes" stark gemacht haben, behaupten, auf diese Weise wollte man die Prostitution aus den Hinterhöfen hervorholen, die Frauen vom Straßenstrich wegbringen. Der Staat profitiert nun allerdings von Steuern - als Oberzuhälter? hinterfrage ich jetzt mal ganz scharf zugespitzt. Ist es nicht viel eher Pflicht von Politiker*innen und geeigneten Institutionen, dafür zu sorgen, möglichst viele leidende Frauen anzusprechen, aufzuklären und aus ihren prekären Lebensbedingungen herauszuholen sowie bezahlte Weiterbildungsmöglichkeiten und Arbeitstrainingssituationen zu schaffen?
Für die Legalisierungsargumente der Politiker*innen, die zunächst einmal logisch klingen, war ich anfangs auch empfänglich. Nach und nach wurde ich allerdings immer skeptischer - als ich mich eben intensiver mit dem Thema beschäftigt habe. Inzwischen ist mir das Nordische Modell in diesem Zusammenhang ein Begriff. In Schweden werden nicht jene Menschen bestraft, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, sondern diejenigen, die von einer Person sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen wollen. Dieses Modell kann ein Anfang sein, etwas nachhaltig in unserer Gesellschaft zu verändern. Aber diese Idee geht mir längst nicht weit genug: Ich bin überzeugt, dass wir in der Gesellschaft ein anderes Bewusstsein schaffen müssen. Ein Bewusstsein dafür, dass kein Mensch für Sex käuflich sein soll. Und ein Bewusstsein dafür, dass alle Menschen gleichwertig sind. Niemand hat ein Recht darauf, einen anderen Menschen durch Worte und Taten zu erniedrigen.
Wo und bei wem fangen wir also an, wollen wir diesen Samen säen? Ich sehe hier bereits die Kinderbildungseinrichtungen in der Pflicht - in Schweden funktioniert das.
Das Arbeitsmarktservice darf übrigens auch Jobs in dieser Branche vermitteln, etwa Handwerker oder Reinigungskräfte. Ein derartiges Stellenangebot ist mir im Gedächtnis.
Dann gibt es da noch Ärzte, deren Handlungen ich ebenfalls hinterfrage: Sie operieren Männern Brüste, weil sie als Ladyboys bei Freiern, die so eine Optik wünschen, mehr Chancen haben. Wie passt so ein unheilvolles Handeln zu einem Eid, den Ärzt*innen schwören müssen?
Dass ich in diesem Beitrag nicht auf das Schicksal viel zu vieler minderjähriger Mädchen eingehe, die in dieser abscheulichen Welt der Prostitution gefangen gehalten werden, hat übrigens damit zu tun, dass dies meines Erachtens ein eigenes Kapitel ist, das man wohl extra beleuchten müsste.
Schön, wenn man die Frau fürs Leben gefunden hat. Noch schöner, wenn man ein paar mehr kennt, diese Aussage wird Woody Allen zugeordnet. Wenn Männer sich derart zynisch geben und auch verhalten, dann wissen wir, dass noch viel zu tun ist in dieser Welt der Ungerechtigkeiten.
Foto: Pixabay, Hubert Pelikan



Danke dir, liebe C, auch für den Link-Tipp für den Blog von Huschke Mau, schaue ich mir direkt mal an. Auf bald und liebe Grüße, Annette
Ich mag den Film, vor allem die Schauspieler. IHN würde ich ja auch nicht unbedingt von der Bettkante stuppppsen, lach (pssss... sags ja nicht weiter, grins) - NEIN, bin glücklich seit 53 Jahren verheiratet.
Der Film wird zum zweischneidigen Schwert. Manche Frauen, wie sie im Film - des Geldes wegen, andere vielleicht zum Vergnügen. Wir sind schnell in unserem Urteil, obwohl wir von so mancher Frau gar nicht die Hintergründe kennen. Und dies auch von manchen Männern nicht.
In der Gesellschaft müsste auch dafür erst einmal Grundlegendes verändert werden - keine Armut unter Frauen, die vielleicht zwei, drei Kinder haben, alleinerziehend sind und das Geld hinten und vorn nicht reicht ... Ach es gibt noch viel mehr solcher Beispiele. Dort…
Deine Ausführungen habe ich mit Interesse und Kopfnicken gelesen, mag mich aber nicht auch noch dazu äussern, zumal ich die Umstände und Hintergründe nicht wirklich kenne.
Lieben Gruss, Brigitte
Hallo liebe C, während meines Studiums habe ich tatsächlich ganz unerwartet eine damals ganz neue und offizielle Studie einer Hilfsorganisation aus Berlin aufgetan, die es mir ermöglichte im Fach Soziologie ein umfangreiches Referat mit dem Titel "Das Verhalten von Prostitutionsfreiern" zu schreiben. Leider hat sich mein damaliger Prof. die Studie ganz begeistert aushändigen lassen, weil es so etwas damals kaum gab und du kannst es dir denken, ich habe sie nie von ihm zurück erhalten. Auf mein Nachfragen wollte er nichts davon wissen, dass ich sie ihm je geliehen hätte. Mein Referat habe ich leider vor langer Zeit im Papiercontainer entsorgt.
Letztlich geht es mir wie dir: Solche Filme sind für mich heute ebenfalls unerträglich, denn erst jetzt wird deutlich,…