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Mutig ins Ungewisse

  • Autorenbild: C*
    C*
  • 28. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit



Als junge Frau habe ich mich mehrfach auf das eine oder andere Abenteuer eingelassen. Im Rückblick kann ich manches, das ich zuwege brachte, kaum glauben. Mut, Entschlossenheit und Zuversicht waren in solchen Situationen wohl treue Begleiter.


Als mein größtes Abenteuer möchte ich jenes bezeichnen, dessen Beginn ich mit Herbst 1991 datieren kann. Damals wohnte ich seit geraumer Zeit in einer eigenen kleinen Wohnung und ich hatte eine Beziehung mit einem Mann, der etwa zehn Jahre älter als ich war. Der junge Mann hatte sein Studium abgeschlossen und wusste nicht so recht, wohin mit seinem Wissen. Auch ich war mit meiner Lebenssituation nicht sonderlich zufrieden, jobmäßig war ich nicht ausgelastet, auch war mir die räumliche Nähe zu meinen Eltern zu groß. Beide fühlten wir uns in den Bergen wohler als in der Stadt und so spielte ein Zufall Schicksal: Mein damaliger Freund entdeckte eine Jobanzeige in einer Zeitschrift. Das Stellenangebot schien passend, wir wollten ja aufs Land: Eine kleine Gemeinde im Salzburger Land, hier wollten wir uns in unseren neuen Lebensabschnitt wagen.

Also kam es zu einem Vorstellungstermin, der Freund bekam die Jobzusage. Ich selbst wollte mein Glück vor Ort versuchen. Bei der Wohnungssuche wollte uns der zukünftige Chef des Mannes an meiner Seite behilflich sein - und ich war voller Vertrauen, dass das gelingen würde.

Wie groß die Aufregung in der Familie war, dass ich meine Zelte abbrechen würde, kann ich heute gar nicht mehr einschätzen. Diese Erinnerung existiert nicht. Ich weiß allerdings, dass ich damals sehr couragiert war: Wenn ich etwas wollte, dann ließ ich auch nichts unversucht, um meine Pläne umzusetzen. Bald bekamen wir die Nachricht, dass eine passende Wohnung gefunden war. Zusätzlich wurden wir auch noch dahingehend positiv überrascht, dass ebenso passende Möbel versprochen wurden. Noch immer war ich voller Zuversicht, dass alles nach unseren Wünschen und Plänen klappen würde.

Wir brachen mit Sack und Pack auf, ohne diese Wohnung jemals zuvor gesehen zu haben, nicht einmal auf Fotos.

Und das sollte - ich will mich da gar nicht mehr zurückhalten - ein Riesenfehler sein. Als wir nach einigen Stunden der Anreise den Wohnungsschlüssel erhielten und auf die angegebene Adresse zusteuerten, wurde mir bereits unbehaglich. Das Wohnhaus war nicht gerade mein Fall - und als wir die Wohnungseingangstür öffneten, wurden wir von einem muffigen kleinen Vorzimmer empfangen. Doch noch größer die üblen Überraschungen, die uns erwarteten, als wir die Tür hinter uns schlossen. Die Küche, die wir in Augenschein nahmen, war lieblos möbliert, uralt und völlig abgewohnt. Diese Küche etwas freundlicher zu gestalten, das war sofort klar, würde Arbeit bedeuten. Weiter ging mein entsetzter Blick ins Wohnzimmer - die zusammengewürfelten Möbel waren wohl dem Sperrmüll knapp entkommen. Farblich grausam, vom Stil her eine Beleidigung für jeden, der Geschmack besitzt. Au weia - doch mein Entsetzen wurde noch gesteigert. Ein Blick ins Schlafzimmer offenbarte einen abgewohnten Teppichboden und ein Bett, das auch so gar nicht meinen Vorstellungen entsprach. Da waren wir nun - wobei: Meinen Freund irritierte die Situation wohl weniger, ich aber war ziemlich aufgebracht. Na, wir konnten nun aber nicht gleich wieder kehrtmachen. Also bedeutete das, die Situation anzunehmen, in die Hände zu spucken und alles Menschenmögliche zu tun, um das Beste daraus zu machen.


Das Arbeitsamt vermittelte mir ein Stellenangebot, ich vereinbarte einen Termin. Ich wollte wieder im Büro arbeiten - ich war neugierig, was mich diesbezüglich erwarten würde. Zur Firma selbst konnte man mir keine Auskünfte geben, ein neu gegründetes Unternehmen, Hintergründe unklar. Na bravo, das nächste Abenteuer ...

Mangels Alternative nahm ich den Job an, gleichzeitig stellte sich allerdings ein mulmiges Gefühl bei mir ein. Es sollte sich als richtig erweisen, denn in den folgenden Wochen wurde mir klar, dass in diesem Yuppie-Unternehmen Leute ein und aus gingen, deren beruflicher Background mich schockierte. Ich hatte mit Leuten zu tun, deren schmieriges Gewerbe mit einem seriösen Berufsgebaren nicht vereinbar war. Meine Güte, wohin war ich da nur geraten? Gleichzeitig war meine Neugierde geweckt - für jemanden, der gerne mit einem Krimi ins Bett geht, tat sich da einiges auf, worin eine gute Spürnase gefragt war. Das Geschäftsgebaren in dieser Firma verlief derart, dass sich eines Tages auch die Justiz dafür interessierte. Kein Wunder, der Lebensstil der jungen Geschäftsleute war auffällig, was bestimmt auch für reichlich Neid in der Umgebung sorgte. Mein Alarmsystem wurde nach und nach immer eindringlicher, meine Gedanken standen nach mehreren Monaten in diesem seltsamen Unternehmen auf Flucht.

Im Nachhinein glaube ich, dass die Beziehung zu meinem damaligen Freund auch dadurch belastet wurde, dass sich bei mir einfach kein Heimatgefühl einstellte: Der Frieden, den ich mir in der Bergwelt ersehnte, war nicht zu fühlen. Es war uns in dieser Zeit auch nicht möglich, uns einen Bekanntenkreis aufzubauen. Die Einheimischen wirkten rigoros ablehnend, unser einziger Kontakt bestand zu einem Paar, das ebenfalls stadtflüchtig war.

Meine Sehnsucht nach einer Rückkehr in die Stadt, die ich verlassen hatte, wurde durch all diese Unerfreulichkeiten genährt. Nach etwas mehr als einem Jahr war klar, dass dieses Abenteuer ein Ende finden würde. Dem Mann an meiner Seite behagte sein beruflicher Aufgabenbereich ebenfalls nicht sonderlich, so war deutlich, was zu tun war.


Meine Mutter, tüchtig und hilfsbereit wie so oft, organisierte mir eine kleine Wohnung, die sie auch mit viel Liebe gestaltete. Mein damaliger Freund hatte seine günstige Wohnung nie aufgegeben, es war uns also möglich, relativ rasch aufzubrechen.

Als wir zurückgekehrt waren, zeigten sich immer deutlicher Risse in unserer Beziehung, die schließlich auch ein Ende fand: Nachdem ich nach unserer Rückkehr wieder im Berufsleben Fuß fassen konnte, kam ich eines Abends nachhause - und all seine Kleidungsstücke und Toiletteartikel waren verschwunden, einzig zwei Worte lagen für mich da: Ciao Honey!


Foto: C* - Ein wunderbarer Urlaub in Heiligenblut, die Kirche ist als Motiv weltberühmt. Ganz im Hintergrund und in weiß - der Großglockner.

Brauchbares Bildmaterial über meine Zeit im Salzburger Land gibt es nicht.

 
 
 

10 Kommentare


stemmer.recklinghausen
stemmer.recklinghausen
29. Apr.

Mutig hieß für mich nie, mich blind in etwas zu stürzen. Soviel Mut habe ich dann nie aufgebracht. Was mich dann aber auch nicht vor den Unwägbarkeiten des Lebens bewahrt hat ;) Liebe Grüße

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C*
C*
29. Apr.
Antwort an

Bestimmt war ich manchmal auch übermütig, das Wort kenne ich vor allem aus meiner Kindheit.

Doch selbst ohne Abenteuer, welcher Art auch immer - es gibt genug, dem wir uns ohnehin stellen müssen.

Nun genieße ich es, wenn das Leben einfach fließt und mich auch das eine oder andere geruhsame Plätzchen finden lässt.

Herzliche abendliche Grüße

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andreaobi
28. Apr.

Das Foto weckt die Sehnsucht, liebe C Stern. Heiligenblut liegt wirklich traumhaft und ist so ein schöner Ort. Es ist schon so lange her, als ich dort war. Ich weiß noch, dass ich damals, als ich auf dem Friedhof war, dachte ... "hier möchte ich begraben sein" ... ja, daran erinnere ich mich noch.

Deine Erinnerungen sind weniger romantisch, wie ich lesen musste. Aber in dem Alter war ich auch total unbedarft und hab verrückte Sachen gemacht. Da könnte ich auch einige Storys erzählen. Zum Glück ist doch noch alles gut gegangen.

Überhaupt, wenn ich so zurückblicke, war mein Leben wahrlich abenteuerlich. Ja, da könnten wir uns wohl so einiges erzählen ...


Ein lieber Abendgruß,

Andrea


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andreaobi
29. Apr.
Antwort an

Ich denke schon, dass wir aus diesen Erlebnissen gelernt haben und für die Zukunft dann die Konsequenzen gezogen haben. Was uns jedoch nicht vor neuen Abenteuern schützte ...


Hab einen schönen Tag!

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nandana
28. Apr.

Ja, liebe c Stein, das war mutig.

Mit so einer Wohnung überrascht zu werden - ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte. Aber ihr habt trotzdem versucht, daraus das Beste zu machen.

Meine beruflilche "Hölle" hat ein halbes Jahr gedauert. Ich denke heute, daraus auch etwas gelernt zu haben.

Herzliche Grüße

Traudi

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C*
C*
28. Apr.
Antwort an

Liebe Traudi,

so eine Wohnung würde ich heute keinesfalls mehr akzeptieren. Angenehm zu wohnen ist das, was mir etwas bedeutet. Mein einziger Luxus, wenn man so will. Ich verreise nicht großartig, finanziere kein Auto - ich genieße es, mich in meinen vier Wänden geborgen zu fühlen .

Eine berufliche Hölle kann sich auch nach wenigen Wochen bereits sehr prägend zeigen. Ja, ganz sicher kann man daraus lernen, das ist auch meine Erfahrung. Trotzdem wünsche ich solche Erfahrungen niemandem.

Meine Hölle habe ich Jahre später erlebt, in meinem sozialen Beruf - diese Erfahrungen waren so prägend, dass ich damit meine Seele sehr belastet habe. Die Folgen muss ich heute noch abtragen.

Ich grüße Dich herzlich, lieben Dank für Deinen Kommentar, C…

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Brigitte Fuchs
Brigitte Fuchs
28. Apr.

Das sind unerfreuliche Abenteuer, die ich in meinem Leben nie so drastisch bestehen musste. Deinen Mut, Wagnisse dieser Art einzugehen, bewundere ich.

Aber vielleicht waren diese grenzwertigen Erfahrungen für dich Meilensteine, die den Charakter formten und dich im Ganzen stärkten.

Tja, es ist spannend, das Leben. Dein Bericht zeigt das deutlich auf. :--)

Einen lieben Heutegruss,

Brigitte


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C*
C*
28. Apr.
Antwort an

Liebe Brigitte,

sowas könnte ich mir heute auch nicht mehr vorstellen - schön finde ich, dass ich so ein Vertrauen hatte. Und ich habe wahrlich Spannendes in diesem Firmenchaos erlebt und daraus auch gelernt, einiges hätte auch in eine amerikanische Soap gepasst. Sogar einen Leibwächter gab es damals.

Genau durch diese Ferne zur Heimat habe ich bemerkt, dass es dort, woher ich kam, gar nicht so übel war. Ich habe diesen Abstand gebraucht.

Danke für Deine liebe Rückmeldung, ich grüße Dich herzlich, C Stern

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