Moderne Gladiatoren
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Gerade haben die Olympischen Spiele in Italien begonnen. In der sogenannten Königsdisziplin, der Abfahrt, mussten die österreichischen Schiherren heute eine herbe Niederlage einstecken. Das kommt, blickt man auf die aktuelle Weltcupsaison, nicht besonders überraschend, wird aber die eingeschworenen Fans enttäuschen.
Was ich immer besonders faszinierend fand und finde: So viele Sofaexpert*innen wissen's vom Wohnzimmer aus besser, wo die siegversprechende und beste Linie auf der Piste entlangführt. Menschen werden hier zu "Fachleuten", die selbst mehr schlecht als recht über Pisten rutschen, aber alles auf sehr unsympathische Weise besser wissen, wie an diversen Stammtischen und aus den Medien zu vernehmen ist.
Die bildhafte Satire zeigt nur mit geringer Übertreibung, wie im Land der Berge mit Niederlagen umgegangen wird. Wenn die modernen Gladiatoren versagen, kocht die Volksseele - und dann werden mit Vehemenz Schuldige gesucht. Nicht vergessen ist die erlittene Schmach bei den Olympischen Spiele 1984 in Sarajevo, als es nur eine einzige Medaille für die österreichischen Wintersportler*innen gab - eine in Bronze für den Abfahrer Anton "Jimmy" Steiner.
Schifahren gehört in Österreich immer noch zu den wichtigsten Sportarten, obwohl es immer mehr Menschen werden, die sich diesen Sport nicht mehr leisten können oder wollen. Die Preise für Seilbahnen und Schilifte sind enorm, da denke ich noch nicht an Hotelkosten, an Mittagessen in Schihütten oder an Ausrüstungen.
Als Jugendliche war ich begeistert unterwegs auf den schönsten Schipisten in den Kärntner Nockbergen. Ich habe das Schifahren geliebt, mich in meinem Lieblingsort Bad Kleinkirchheim heimisch gefühlt und nette Pistenfreundschaften gepflegt. Meine Eltern waren leidenschaftliche Wintersportler, vor allem war mein Vater ein unglaublich stilvoller und schneidiger Pistenkünstler. Von ihm haben meine Schwester und ich das Schifahren erlernt, aber an sein exzellentes Können bin ich nie herangekommen.
Waren unsere Schiathlet*innen auf den Weltcuppisten unterwegs, habe ich ihm jedenfalls ein fachliches Urteil zugetraut. Wenn wir zusammen Rennen im Fernsehen verfolgt haben, waren das jene Momente, in denen zwischen meinen Eltern eine Art häuslicher Frieden gelang. Es wurden Zeiten notiert und verglichen und neben den Kommentaren im Fernsehen lief auch der Kommentar aus dem Radio. Unser Dackel war ebenfalls aufgeregt, wenn wir alle jubelten. Meine Schwester war riesiger Stenmark-Fan, daran kann ich mich noch erinnern. Wenn dieser so großartige und faire Schisportler nicht siegte, war sie sehr enttäuscht. Im Dezember 2003 waren wir beide bei einer offiziellen Geburtstagsfeier von Franz Klammer, das hat sich so ergeben - als wir unter vielen anderen weltberühmten Schihelden den Schweden Ingemar Stenmark sahen, war unsere Freude riesengroß. Es ist mir gelungen, meine Schwester zu überzeugen, ihn um ein gemeinsames Foto zu bitten. Stenmark galt immer als schüchtern, aber er stimmte sofort zu - und es entstand ein sehr nettes Foto von ihm und meiner Schwester.
Zu aller Freude, zu der Schisportler*innen bei ihren Fans beitragen können, mischt sich das größte Entsetzen, wenn sich ein Athlet oder eine Athletin schwer verletzt. Ein Grund, warum ich mir gerade in den letzten Jahren kaum noch Schirennen angeschaut habe, ist, dass ich es nicht ertrage, wenn jemand schwer stürzt und arge Verletzungen davonträgt.
Woran sich viele wohl noch erinnern, ist der gewaltige Abflug, den Hermann Maier 1998 im japanischen Nagano produzierte. Bei diesem Sturz, der schrecklich aussah und viele Menschen aufschreien ließ, trug Hermann Maier aufgrund seiner Landung im Tiefschnee nur leichte Verletzungen davon. Drei Tage später legte er den Grundstein zu seinem Ruf als lebende Legende, denn dieser so kraftstrotzende Athlet feierte sensationell seinen Olympiasieg im Super-G. Dass er sich auch noch im Riesenslalom zum Olympiasieger krönte, machte den Sechsundzwanzigjährigen, der gelernter Maurer ist und als talentierter Vorläufer erst ein Jahr zuvor eher zufällig zur österreichischen Weltcupmannschaft gestoßen war, zum weltweiten Superstar: Sein Spitzname war fortan Herminator (nach dem Terminator Arnold Schwarzenegger).
In dieser Schiwelt gab es auch schon sehr dunkle Stunden; Stunden, die ich nie vergessen habe. Auf der Lauberhornabfahrt in Wengen verunglückte der zwanzigjährige österreichische Rennläufer Gernot Reinstadler am 18. Jänner 1991 während eines Qualifikationsrennens tödlich. Der Schock saß tief in der Sportwelt, dennoch verhielt sich der österreichische Schiverband damals äußerst schändlich: Wenige Wochen nach seinem Tod erhielten die Eltern die Krankenhausrechnung, die der ÖSV zunächst nicht begleichen wollte. Erst als der Druck der Tiroler Landesregierung groß genug war, war der ÖSV bereit, die Rechnung zu bezahlen.
Auch eine sehr erfolgreiche österreichische Rennläuferin, Ulrike Maier, verstarb sechsundzwanzigjährig am 29. Jänner 1994 tatsächlich live auf der Kandahar-Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen - das Unvorstellbare: So wie auch nach dem Sturz von Gernot Reinstadler wurde auch diesmal das Rennen weitergeführt, ich konnte es einfach nicht fassen, ich war zutiefst entsetzt. Ulli Maier hinterließ eine vierjährige Tochter - das Tragische: Es sollte ihre letzte Saison sein, sie wollte ihre Karriere beenden.
Ein weiteres Unglück sollte etwas glimpflicher verlaufen - und dennoch tragisch genug: Der österreichische Abfahrer Matthias Lanzinger verletzte sich als Siebenundzwanzigjähriger am 2. März 2008 beim Super-G-Rennen im norwegischen Kvitfjell so schwer, dass ihm zwei Tage später ein Unterschenkel amputiert werden musste. Auch dieser Unfall machte mich sehr betroffen, ganz besonders auch deshalb, weil ihm der damalige Staatssekretär für den Bereich Sport unmittelbar nach der erfolgten Operation via Medien ausrichten ließ, dass er irgendwann Medaillen bei den Paralympischen Spielen gewinnen könnte. Über diese grausliche Aussage des Politikers, der mir auch danach immer wieder unangenehm aufgefallen ist, war ich entsetzt. Das hat mich damals auch dazu veranlasst, einen deutlichen Leserbrief zu verfassen, der auch in einer auflagenstarken Zeitung gedruckt wurde. Ich habe, so kann ich mich erinnern, darin auch dazu aufgefordert, eine Politik der Menschlichkeit, der Verantwortung und des Mitgefühls zu führen.
Moderne Gladiatoren - Panem et circenses, alles für das Volk, das unterhalten sein will. Der olympische Gedanke Dabeisein ist alles zählt doch längst nicht mehr, hat er denn jemals gezählt? Wenn diese Gladiatoren in der Arena des Spitzensports vor einem fanatischen Publikum zum Kampf um den Sieg antreten, dann lauert immer auch eine große Gefahr im Hintergrund. Dies gilt nicht nur für den Schisport, sondern auch für einige andere Sportarten. In unserer Zeit können die Erfolgreichsten im Spitzensport richtig viel Geld verdienen, doch die Jahre, in denen dies möglich ist, sind begrenzt. Daher ist es für Athlet*innen auch von großer Bedeutung, Sponsor*innen zu haben und ein gutes Werbegesicht abzugeben. Da zählt definitiv der Marktwert, um es auf den Punkt zu bringen.
Heute gewann der mir sympathische italienische Abfahrer und Kitzbühel-Triumphator Giovanni Franzoni die Silbermedaille. Im Herzen ist er für mich der Sieger, denn er blickt nach jedem Rennen zum Himmel auf und gedenkt seines besten Freundes und Zimmerkollegen, Matteo Franzoso. Der Fünfundzwanzigjährige verstarb im Vorjahr einen Tag vor seinem Geburtstag nach seinem schweren Sturz im Training in Chile. Stets mit Tränen in den Augen, widmet ihm sein Freund Giovanni Franzoni seine Erfolge.
Foto: C* Der in Oberösterreich sehr bekannte Karikaturist Rudolf "Florian" Nemec ist Schöpfer des gezeigten Bildes.



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