
Besonders, wenn ich im urbanen Raum unterwegs bin, erlebe ich seltsame Verhaltensweisen von Menschen. Ich beobachte Menschen dabei, wie sie regelrecht wegschauen, wenn andere Menschen Unterstützung oder Hilfe brauchen. So geschehen auch gestern, als ich am Vormittag mit der Bim (u.a. in Wien und Oberösterreich gebräuchlich für Straßenbahn) unterwegs war.
Aufgrund der vielen Menschen in der Bim konnte ich nur einen Stehplatz ergattern und kam auf diese Weise neben einem alten Mann zu stehen, der innerlich beschäftigt wirkte. Plötzlich war laut der Signalton der im Einsatz befindlichen Polizei zu hören. Mir war unmittelbar klar, dass dieser Ton nicht von der Straße kam, sondern aus der Hemd-Brusttasche des alten Mannes. Dieser reagierte auch nicht, als jemand in seiner Brusttasche nachfragte, was denn los sei. Rasch wies ich den Herrn auf die Situation hin, endlich war er in der Lage, sein Handy aus der Brusttasche zu nehmen. Der Mann wirkte völlig überrascht und überfordert, also sprach ich selbst ins Telefon, dass der Notfallknopf irrtümlich ausgelöst worden sei. Der Polizeibeamte bedankte sich, dass Klarheit hergestellt worden war - das war's.
Ich erklärte dem sichtlich peinlich berührten Herrn, dass er beim Notrufknopf seines Seniorenhandys angekommen sei - und um einen irrtümlichen Anruf zu verhindern (wie dies bei meinem Vater, der das gleiche Handy besitzt, mehrfach passierte), könne man ganz leicht den Knopf mit einer Münze und Tixo überkleben. (Im Notfall können Tixo und Münze komplikationslos entfernt werden.) Für meinen Tipp war der alte Mann dankbar.
Ich habe in dieser Situation überhaupt nichts Heldenhaftes geleistet, diese Handlungsweise wäre allen anderen Umstehenden genau so möglich gewesen. Aber: Niemand reagierte, manche schauten weg oder waren mit den eigenen Smartphones beschäftigt. Was ich erlebt habe, ist leider kein Einzelfall, sondern die Regel. Ich bedaure dies zutiefst und bin dennoch froh, dass ich jedenfalls Menschen kenne, die ebenfalls unterstützend reagiert hätten.
Ich wünsche mir nachhaltige Veränderungen in der Gesellschaft. Es ist mir logisch, bei mir selbst zu beginnen. Den Satz von Mahatma Gandhi versuche ich konsequent zu leben.
Zivilcourage
Wozu fehlende Zivilcourage führen kann, habe ich in einem Beitrag festgehalten. In der geschilderten Angelegenheit hat fehlende Zivilcourage zu äußerst dramatischen Entwicklungen und Ereignissen geführt.
Ich kann Robert Hochner (1945 - 2001, Journalist und Fernsehmoderator) sehr gut folgen, der einst meinte: "Was mich am meisten enttäuscht, ist die fehlende Zivilcourage in diesem Land. Es gibt so wenige, die den Mut haben, sich eine eigene Meinung zu leisten und diese auch zu vertreten. Menschen, die auch bereit sind, für ihre Überzeugung persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen."
Foto: C*
Ich habe großen Respekt ob deines Handelns. Selbstverständlich ist das nicht mehr bei allen Mitmenschen. Das ist nicht nur in deinem Land so. Dabei sind es manchmal ganz kleine Dinge, die das Leben ein bisschen besser machen.
Meine Freundin Jutta und ich setzen uns am Abend immer noch ein Stündchen vor das Haus. Und inzwischen finden sich noch andere ein, Menschen, die sonst alleine wären. Wir beiden Frauen haben unseren Sitz ja immer mit (Rollstuhl), aber wir haben festgestellt, dass eine Bank her muss.
Mahatma Gandhi mag ich sehr, weil er nicht nur geredet, sondern nach seinen Regeln gelebt hat.
Liebe Grüße aus einer sich arg aufgeheizten Stadt.
Grundsätzlich hast du völlig recht und ich mache das auch. Ich stehe auch als fitte 75jährige auf, wenn einer aus gebrechlichen Gründen, den Platz dringender braucht. Der kann dann auch durchaus viel jünger sein.
In dem speziellen Fall hätte ich aber auch nicht helfen können.
Liebe Grüße
Jutta
Hut ab, sage ich da. Du hast vorbildlich reagiert. Ich wäre wohl auch überfordert gewesen, weil ich diese Notruf-Sender nicht kenne (nur theoretisch vom Hörensagen) und darum auch nicht gewusst hätte, was zu tun ist.
Dir einen schönen, verdienten Feierabend und lieben Gruss,
Brigitte