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Herkunft

  • Autorenbild: C*
    C*
  • 2. Mai
  • 2 Min. Lesezeit



Im Rückblick auf meine Kindheit fällt mir auf, dass es besonders in meiner Volksschulzeit in den 1970er Jahren sehr stark darauf ankam, welchen sozialen Background ein Kind hatte. Die bloße Wahrnehmung eines Kindes durch Lehrer*innen war also davon stark geprägt, da musste ein Kind noch nicht einmal in irgendeiner Weise auffällig sein.

Ich erinnere mich daran, dass ein Mitschüler häufig mit unsauberer Kleidung dasaß und zudem auch körperlich ungepflegt wirkte. Wahrscheinlich war er auch in seinen Umgangsformen auffällig, möglicherweise fehlten öfter Hausübungen und Unterschriften in Elternheften, usw. Die Gegend, in der dieses Kind wohnte, hatte damals einen sehr schlechten Ruf. In diesem Viertel lebten Familien, denen mindestens Bildungsferne nachgesagt wurde. Die Familie des Buben wurde dem Jugendamt gemeldet, soviel habe ich mitbekommen. An die Folgen dieser Meldung kann ich mich nicht mehr erinnern.

Mein Verhalten war damals sehr auffällig, doch auf die Idee, die Hintergründe mithilfe einer Behörde zu beleuchten, kam niemand. Ich saß ja immer sauber und adrett vor der Lehrerin - die ich übrigens sehr mochte. Auch fehlten keine Hausübungen, keine Unterschriften, keine Jause, und meine Mutter war auch an den Elternsprechtagen immer präsent. Meine Mutter war diplomierte Krankenschwester (diesen Beruf durfte sie allerdings nach unserer Geburt nicht mehr ausüben), mein Vater war kaufmännischer Angestellter, wir wohnten in einer großen Eigentumswohnung. Meine Eltern galten also als unantastbar und als ich einmal eine Mitschülerin sehr unsanft behandelte, musste meine Mutter lediglich zu einem Gespräch in die Schule kommen. Mehr passierte nicht, "dank" positivem Vorurteil.


Vor etwa zwanzig Jahren drang in den Medien durch, dass in einer schmucken Reihenhausanlage in gediegener Wohngegend eine psychisch schwer erkrankte Mutter (ausgebildete Juristin) ihre drei Kinder jahrelang einsperrte.

Das Reihenhaus und der dazugehörige Garten wirkten äußerst ungepflegt, überall stapelte sich Müll. Hinter den Mauern dieses Hauses geschah jahrelang Unfassbares, Nachbar*innen erstatteten wiederholt Anzeigen, weil sie Schlimmes ahnten. Mehrmals wurde darauf hingewiesen, ohne dass diese Anzeigen behördliche Konsequenzen nach sich gezogen hätten. Auch, dass die Kinder immer wieder über eine längere Zeit der Schule fernblieben, zog keine nachhaltige Aufmerksamkeit von Seiten der zuständigen Behörden auf sich. Als die besorgten Nachbar*innen endlich ernstgenommen wurden, war es für die drei Kinder längst zu spät: Sie waren psychisch schwer erkrankt, psychosozial schwer geschädigt, sie hatten eine eigene Sprache entwickelt und waren unterernährt.

Dass die zuständige Behörde jahrelang nichts unternommen hat, ist ein klassisches und auch skandalöses Versagen. Erst als ein Nachbar offenbar dem Bezirkshauptmann mit einer Amtshaftungsklage drohte, kam es zu den höchst notwendigen Konsequenzen.

Die Rolle des Vaters, der getrennt von der Famile lebte (von Beruf Richter), wurde in diesem Zusammenhang ebenfalls beleuchtet, wurde aber nie ganz klar - zumindest in den Medien.

Dieses so traurige Beispiel zeigt ganz deutlich, welchen Stellenwert Herkunft in unserer Gesellschaft hat. Dass beide Eltern in derart vertrauenswürdigen Berufen tätig waren bzw. einen hohen Ausbildungsgrad vorweisen konnten, war für diese misshandelten und gequälten Kinder eindeutig von großem Nachteil.


Das alles macht sehr nachdenklich, vor allem, wenn sich zeigt, dass Bildungschancen und gesellschaftliche Teilhabe immer noch ganz stark von Herkunft abhängen.

 
 
 

6 Kommentare


Mano Ka
Mano Ka
vor 5 Tagen

davon kann ich auch ein lied singen. als ich als (fast einziges) arbeiterkind auf ein christliches mädchengymnasium kam, war das eine der schwierigsten zeiten in mrinrm leben. drei jahre musste ich es aushalten und kam dann zu meinem glück wieder zur volksschule zurück, was ein sozialer abstieg war, aber meine rettung. über die zeit am gymnasium könnte ich ein ganzes buch schreiben... später konnte ich über den 2. bildungsweg noch abitur machen und auch studieren.

leider ist das heute auch nicht behoben. kinder aus bildungfernen schichten haben es immer noch viel schwerer auf grund fehlender kontakte in die "oberen schichten" während und nach einem studium fuß zu fassen. in einigen bundesländern gibt es inzwischen mentoren, die sich ihrer annehmen und…


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C*
C*
vor 12 Stunden
Antwort an

Ich glaube, dass man einfach auf viele Gleichgesinnte trifft - und das ergibt sicher auch einen guten Austausch 😃

Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag, ganz liebe Grüße 🌹

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gudrunebert
vor 6 Tagen

Ja, es gibt Studein, dass die Bahandlung von Menschen stark von ihrer Herkunft, manchmal auch schon vom Namen abhängt, wenn es um Zuganz zu Bildung, Wohnung und auch berufliche Entwicklung geht. Wenn Kinder schon in jungen Jahren so ausgegrenzt werden, was kann man denn dann noch von ihnen erwarten? Um die jungen angeknacksten Seelen kümmert sich ja auch kaum jemand. Mir tut das immer so verdammt weh, wenn ich solche Geschichten von Kindern höre.

Danke für deinen Beitrag und liebe Grüße.

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C*
C*
vor 6 Tagen
Antwort an

Studien dieser Art kenne ich, Stw. Namen. Chantal(ismus), Kevin(ismus) und Co. gelten heute schon fast als Diagnosen - ganz sicher haben Menschen, die so einen Vornamen tragen, soziale Nachteile, ganz so wie Du schreibst( z.B. schlechtere Job- bzw. Aufstiegschancen) und schlechtere Karten bei Bankkrediten usw. Habe mich ja auch einmal mit Vornamen auseinandergesetzt und darüber einen Beitrag geschrieben. Ich glaube, Eltern sollten bei der Namenswahl einfach in mehrerlei Hinsicht achtsam sein. Man kann einem Kind mit einem Namen einen schweren Rucksack mit ins Leben geben.

Danke für Deine geschätzte Rückmeldung,

herzliche Grüße 🌹

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