Eine liebende Mutter
- C*

- vor 2 Stunden
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Die liebende Mutter bringt ihrem Kind das Laufen bei.
Sie ist gerade so weit von ihm entfernt,
dass sie es nicht mehr halten kann.
Sie streckt ihre Arme aus; ihr Gesicht wirkt ermutigend.
Das Kind strebt ständig nach einer Zuflucht in Mamas Armen,
ohne auch nur zu ahnen,
dass es im gleichen Augenblick den Beweis erbringt,
dass es auch ohne sie auskommt.
(Søren Kierkegaard)
Der Kinofilm Mit Liebe und Chansons erzählt mit viel Humor eine wahre Geschichte. Er erzählt von einer großen Liebe, der Liebe einer Mutter zu ihrem Kind.
Der Film basiert auf der Autobiografie von Roland Perez: Ma mère, Dieu et Sylvie Vartan. Meiner Meinung nach wären die Verantwortlichen im Filmverleih gut beraten gewesen, wenn sie den deutschen und englischen Filmtitel an den Buchtitel angelehnt hätten, denn genau das sind die drei Eckpfeiler dieses Films: die Mutter, Gott und Sylvie Vartan. Das bleibt aber auch schon mein einziger Kritikpunkt an einem Film, der einfach guttut.
Roland Perez wird 1963 als sechstes Kind einer marokkanischstämmigen jüdischen Familie in Paris geboren. Roland wird mit einer Fehlbildung an einem Fuß geboren und wie man sich denken kann, wird der Mutter von den Geburtshelfern gleich auf den Kopf zugesagt, dass ihr Kind niemals ein normales Leben führen wird. Esther reagiert darauf allerdings nicht mit stummer Resignation, sondern sie verspricht ihrem Sohn, dass er an seinem ersten Schultag wie alle anderen Kinder auf eigenen Beinen in die Schule gehen wird: Mchikpara - Ich gebe dir mein Leben. Dass ihr Sohn ein fabelhaftes Leben haben wird, auch das versichert sie ihm wiederholt. Esther ist mutig, leidenschaftlich und voller Ideen und sie akzeptiert einfach nicht, was ihr jede Menge Ärzte, die als Spezialisten gelten, sagen, diese sehen immer nur die Behinderung. Sie will deshalb von den herkömmlichen Behandlungsmethoden nichts wissen und verweigert einen Stützapparat für ihr Kind. Kraft ihrer Gebete hofft sie auf ein Wunder, Roland allerdings kann über Jahre nur über den Wohnungsboden rutschen. Dass er daher nicht rechtzeitig eingeschult werden kann, ruft schließlich eine Staatsbeamtin auf den Plan, sie droht der Mutter mehrmals damit, ihr das Kind abzunehmen. Esther wendet sich schließlich an eine Heilerin, die schon vielen Menschen helfen konnte. Das Wohnzimmer wird nun zu Rolands kleiner Welt, denn der Bub bekommt nun doch eine Vorrichtung, die ihm viel Ruhe abverlangt und seinen Fuß dabei unterstützen soll, in die richtige Position zu kommen. Der Fernseher im Wohnzimmer wird zu Rolands Lebensmittelpunkt, er erfährt damit Ablenkung und er entdeckt die Liebe zu einer berühmten Sängerin, Sylvie Vartan. Ihre Chansons hört er von nun an stundenlang, das irritiert seine Geschwister gewaltig, aber für den Buben tut sich auf diese Weise eine wunderbare Welt auf. Bald stimmen alle Gäste, die die Familie besuchen, in diese Lieder ein. Roland wird in dieser Zeit auf recht unorthodoxe Weise auch das Lesen erlernen, was die lästige Beamtin, welche die Familie immer wieder besucht, schließlich milde und letztendlich sogar herzlich stimmt.
Und eines Tages geschieht das lang ersehnte Wunder tatsächlich: Roland kann sich selbstständig und aufrecht durch das Leben bewegen. Seine Freude an den Chansons von Sylvie Vartan bleibt für sein Leben, mehr noch, er bekommt als erwachsener Mann die Chance, die Künstlerin selbst zu treffen. Schließlich werden sie Freunde, aber auch Sylvie soll nie erfahren, welche leidvollen Jahre er als Kind erlebt hat - so will es seine Mutter zunächst.
Im zweiten Teil des Films wird deutlich, was ich schon geahnt habe: Esther kann ihren erwachsenen Sohn nicht loslassen, sie klammert und bemuttert ihn, hilft ihm, seine Anwaltspraxis aufzubauen, will sich unersetzlich machen. Seine zaghaften Versuche, sich von der Frau abzunabeln, die alles für ihn gegeben hat, schlagen fehl. Esther trägt ihm immer noch auf, er solle unterwegs nicht mit Fremden sprechen, Roland reagiert zunehmend gereizt. Als sie ihm schließlich verspricht, eine geeignete Frau für ihn zu finden, beginnt die enge Beziehung durchaus ins Toxische zu kippen und Roland erkennt in diesem Moment auch, dass er seinen Vater, einen stillen, aber unterstützenden Mann, nie wirklich wahrgenommen hat. Esther reagiert ungläubig, als Roland versucht, seinen Vater endlich kennenzulernen. Nur wenige Monate später verstirbt dieser. In seiner Studienkollegin Litzie hat Roland die Liebe seines Lebens gefunden, die beiden bekommen drei Kinder und sind sehr glücklich miteinander. Als Esther ankündigt, auch für ihren ältesten Enkel auf Brautsuche gehen zu wollen, kann sich Roland endlich dazu durchringen, seine Mutter deutlich in die Schranken zu weisen. Es wird den beiden allerdings noch gelingen, sich vor Esthers Tod zu versöhnen. Beruflich wird Roland immer erfolgreicher, sein Leben ist erfüllt.
Sylvie Vartan erfährt schließlich doch noch, auf welche Weise sie der Familie über Jahre Hoffnung gegeben hat.
Den Film möchte ich als warmherzig, schwungvoll und lebensnah beschreiben. Er zeigt, was Liebe vermag, aber auch, wo sie loslassen muss.
Vor kurzem habe ich darüber gelesen, wie Kuscheln als Therapie für Babys, die auf Entzug sind, eingesetzt wird.
Für Babys von Müttern, die in der Schwangerschaft Drogen konsumiert haben, ist der Lebensbeginn oft sehr schwierig. Sie machen bereits als Neugeborene einen Entzug durch. Diese Babys zittern, sind kaltschweißig, sie schreien sehr schrill. Sie brauchen viel Körperkontakt, sanftes Wiegen, Nestwärme und eine reizarme Umgebung. Es gibt Frauen, die den Kindern auf ehrenamtliche Weise in den ersten Monaten ihres Lebens viel Liebe, viel Wärme, viel Nähe und Halt geben. So haben diese Kinder auch reelle Chancen auf ein gutes Leben.
Foto: C* - im Märchenkeller (Link) am Linzer Pöstlingberg, Rumpelstilzchen



Für mich ist es die Aufgabe einer liebenden Mutter, die Kinder auf ein selbstständiges, eigenständiges Leben vorzubereiten, sie dann immer mehr dem Alter und Entwicklungsstand angemessene Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen ihrer Entscheidungen erleben zu lassen. Später dann kann sie immer noch Hafen sein, in den die (erwachsenen) Töchter oder Söhne "einlaufen" können, wenn sie es wünschen. Halte es mit Gibran:
Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selber
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Herzliche Abendgrüße