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Harmoniestreben

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 5 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit






















Harmoniestreben ist eine häufig angewandte Schutzstrategie von Menschen, die Angst haben, abgelehnt zu werden. Damit geht auch das innere Getriebensein einher, möglichst alle Erwartungen von Mitmenschen zu erfüllen.

Dahinter steckt häufig ein in der Kindheit erlerntes Verhalten, nämlich auf diese Weise Zuwendung zu erhalten. Während ein gewisses Maß an Anpassungsfähigkeit von Bedeutung ist, kann eine übermäßige Anpassung schwerwiegende Folgen für die psychische Gesundheit haben.


Angst vor Ablehnung entsteht früh, nämlich wenn Kinder erleben, dass ihre Authentizität nicht willkommen ist oder gar bestraft wird. Statt als Individuum wahrgenommen zu werden, fühlen sie sich nur dann liebenswert, wenn sie sich „richtig“ verhalten und die Erwartungen von Erwachsenen erfüllen.

Wenn jemand früh gelernt hat, sich selbst zugunsten anderer zurückzustellen, wird es zu einer kaum bewältigbaren Herausforderung, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und durchzusetzen. Everybody's Darling sein zu wollen verhindert, auf Grenzverletzungen zu reagieren. Stattdessen wandelt sich eine ursprüngliche, nach innen gelebte Wut in Trauer, die still ist und keinen Ausdruck findet. Die eigenen Gefühle nicht authentisch zu leben und zu zeigen, macht anfällig für Depressionen.


Ich erinnere mich zurück an meine Hortzeit. Ich hatte eine asiatische Schülerin in der Gruppe, die sehr still war, auch der Begriff "depressiv" kam mir öfter in den Sinn. Auffällig auch, dass sie gern bei meiner Kollegin und mir saß und sehr darauf achtete, uns gefällig zu sein. Bei den Hausübungen gab es viele Frustrationsmomente, die in leisen Tränen ihren Ausdruck fanden. Bei ruhigen Kindern fühlte sich das Mädchen ganz gut aufgehoben, lautere Kinder mied es.

Es ist Tatsache, dass in vielen asiatischen Familien hohe Erwartungen an Kinder herangetragen werden. Nicht nur schulische Erfolge sind wichtig, sondern auch, gut in der Gesellschaft und bei Menschen anzukommen. Hierarchien werden als völlig normal angesehen und auch nicht hinterfragt, ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit wird als selbstverständlich erwartet. Da passt es dann nicht dazu, eigene Wünsche und Bedürfnisse auf den Lippen zu tragen. Meine damalige Kollegin und ich haben sehr darauf geachtet, dieses zurückhaltende Mädchen immer wieder in seinem Selbstwert zu bestärken, doch es sollte uns nie so recht gelingen, viel zu bewirken. Wann immer ich an dieses Mädchen denke, kommt mir auch in den Sinn, dass es zuhause sehr schwierige Bedingungen hatte. Es musste täglich im Haushalt helfen, früh aufstehen und viele Stunden lernen, der Bruder wurde vorgezogen. Mit elterlicher Liebe und Wertschätzung ist dieses Kind kaum in Berührung gekommen.

Ich kann mich erinnern, dass es einmal zu einem regelrecht erschütternden Ausbruch der Schülerin kam, sie fühlte sich unter Druck und diesem Druck begegnete sie, indem sie mit einer Nadel mehrfach auf ihre Handfläche einstach. Wir wussten, dass Elterngespräche fruchtlos waren, die Haltung der Eltern war uns ja bekannt. Das Kind wurde meistens vom Vater abgeholt, seine Miene zeigte keinerlei Gefühlsregungen. Im Gegensatz zu seiner Schwester wirkte der ältere Bruder selbstbewusst und auch nicht ängstlich.

Die Hortzeit ging zu Ende, was mich nachdenklich stimmte, wie es wohl weitergehen würde im Leben dieses Kindes. Wir blieben in Kontakt, das Mädchen besuchte uns immer wieder, eines Tages bat es schüchtern und heimlich um meine private Adresse. Sie war, sofern ich mich richtig erinnere, die einzige Schülerin, der ich meine Adressdaten anvertraute und ich spürte, dass es ihr wichtig war. In den nächsten Jahren bekam ich immer wieder Briefe und Ansichtskarten in feinstsäuberlicher Schrift. Dieses Mädchen, inzwischen in jugendlichem Alter, lag mir sehr am Herzen, und als eines Tages keine Briefe mehr kamen, war ich in Sorge. Ich recherchierte, ob die Familie umgezogen sein könnte, fuhr zum Wohnhaus, konnte jedoch den Familiennamen nicht mehr am Klingeltableau entdecken. Ich suchte im Internet nach Spuren, fand aber keine Anhaltspunkte für eine neue Adresse. Meine Wohnadresse hatte sich jedenfalls nicht geändert - es wäre also weiterhin möglich gewesen, mich zu erreichen.

Bis heute denke ich an meine ehemalige Schülerin und frage mich, wie es ihr wohl geht. Längst ist sie erwachsen, leider habe ich nie mehr von ihr gehört oder gelesen. Ich hoffe so sehr, dass die junge Frau Heimat gefunden hat.


 
 
 

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