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Geisterstunde

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 4 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit


Vor drei Wochen und vor einigen Tagen war ich mit meinem Vater jeweils für einige Stunden in der Notaufnahme eines Krankenhauses.

Beide Male habe ich deutlich vernommen, dass er infolge einer Harnwegsinfektion bzw. einer Magen-Darm-Infektion äußerst entkräftet und auch nicht mehr klar orientiert war. Wiederholt habe ich große Angst verspürt, dass es ein Abschied werden könnte. Doch jedes Mal wurde der alte Mann nach den Untersuchungen wieder in sein Pflegeheim zurücktransportiert, die Blutwerte waren für die Ärzt*innen zufriedenstellend.


Die Transporte mit der Rettung in eine Notfallambulanz häufen sich in den letzten Jahren, ich begleite sowohl meine Mutter wie auch meinen Vater. Ich hatte bislang immer das Glück, dass das auch beruflich möglich war. Wenn eines der beiden Pflegeheime anruft, um mich zu informieren, vergeht kaum Zeit und ich springe in den nächsten Bus, um rasch vor Ort zu sein. Ich bin nicht verpflichtet, das zu tun, aber ich möchte dabei sein, allein schon deshalb, weil meine Eltern keine näheren Auskünfte zu ihren Erkrankungen geben können.

Nicht selten, dass sich meine Freund*innen besorgt zeigen. Sie kennen viele Stationen meines Lebens und können manchmal nicht gleich nachvollziehen, warum ich jedes Mal bereit bin, meine Eltern zu begleiten. Vor allem mit meinem Vater habe ich sehr schwierige Zeiten erlebt, er hatte früher seine Aggressionen nicht im Griff. All diese so schmerzvollen Erfahrungen, ich kann sie mehr und mehr hinter mir lassen. Was zählt, ist die Gegenwart - und gegenwärtig sind beide Eltern auf reichlich Unterstützung angewiesen.

Neulich habe ich meiner engsten Freundin erklärt, dass meine Eltern bereits seit längerem ein derartiges Stadium an Kraftlosigkeit erreicht haben, das sie hilflos wie kleine Kinder macht. Sie sind vollends angewiesen auf Zuwendung und Schutz. Könnte eine liebevolle Mutter ihr krankes Kind im Stich lassen? - Niemals!

Wer erlebt, was mit alten Menschen in Notfallambulanzen passiert, kann die Vorstellung nicht ertragen, dass die eigenen so hilfsbedürftigen und demenzkranken Eltern stundenlang herumliegen, ohne dass sich jemand näher um sie kümmert. Es gibt nichts zu trinken, es wird in dieser Hektik kaum gefragt, wie es ihnen geht, ob sie etwas brauchen. Ein Gang aufs WC ist kein hinterfragtes Thema, das Wechseln von Einlagen wird ebenfalls nicht in Betracht gezogen, auch, wenn sich Hinweise dazu in den Überstellungsunterlagen befinden. Heilmittel, die sinnvollerweise für meinen Vater verschrieben werden sollten, erfahre ich diesmal telefonisch vom tüchtigen Wohnbereichsleiter meines Vaters - im Krankenhaus wäre niemand auf die Idee gekommen, sie zu verordnen.


Es ergibt sich meist, wenn ich in den Wartebereichen sitze, dass ich mit einem Menschen ins Gespräch komme. Und so erfahre ich von einem kleinen Buben - dreijährig -, der seinen Großvater nie kennengelernt hat. Eines Morgens erzählte der Bursche seinen Eltern, dass er in der Nacht Angst gehabt habe. Es sei ein fremder Mann in seinem Zimmer gewesen, er habe ihn nur von hinten gesehen. Die Eltern berieten sich mit der Großmutter des Dreijährigen, die neben mir in der Notfallambulanz sitzt und mir diese Geschichte erzählt.

Ob diese liebevolle Großmutter so eine Ahnung hatte? Jedenfalls beschlossen die Erwachsenen, dass das Kind mit der Oma ein Fotoalbum anschauen sollte. Und wie es die Erwachsenen überlegt haben, so geschah es auch. Die Oma und ihr Enkelsohn schauten gemeinsam ein Fotoalbum an. Plötzlich zeigte der kleine Bub auf den Rücken eines Mannes und gab völlig überzeugt von sich: Das ist der Mann, der in meinem Zimmer war.

Dieser Mann, es ist der Großvater des Kindes, den der Junge nie kennengelernt hat.

Diese Begebenheit erzeugt Gänsehaut bei mir.

Von einem weiteren Kind weiß ich, dass es seinen Bruder wahrnahm, den es nie kennengelernt hat, über den auch in Gegenwart des Kindes niemals gesprochen wurde. Doch eines Tages begann das kleine Mädchen, auf dem Esstisch ein weiteres Gedeck aufzulegen, mit dem Hinweis, da wäre noch ein Bruder.

Ich weiß von Erwachsenen, die von sich sagen, dass sie Verstorbene sehen können.

Es gibt Begebenheiten zwischen Himmel und Erde, die wir uns (noch) nicht wissenschaftlich erklären können. Dann geht es mehr darum, sie für möglich zu halten - oder eben nicht.

 
 
 

2 Kommentare


Brigitte Fuchs
Brigitte Fuchs
vor einer Stunde

Du hast es nicht einfach mit deinen auf Hilfe angewiesenen Eltern. Aber ich denke, du schenkst ihnen das Beste und Beglückendste, das es für sie gibt: Zeit, Zuwendung und Begleitung.

Dafür bewundere ich dich sehr. Nicht jede Tochter ist dafür bereit.

Und das mit den übersinnlichen Erfahrungen der Kinder ist zwar mysteriös, aber wer will schon behaupten, dass es unmöglich sei...

Einen lieben Sonntagabendgruss zu dir, Brigitte

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C*
C*
vor 39 Minuten
Antwort an

Als junge Frau habe ich vielfach und aus mich erschütternden Situationen heraus überlegt, den Kontakt zu meinen Eltern abzubrechen. Diese Überlegungen warem auch in einer frühen Therapie präsent, meine Therapeutin hätte mich auch auf diesem Weg unterstützt. Letztendlich setzte sich aber das Gefühl durch, dass es mir gar nicht möglich sei.

Heute bin ich mehr denn je überzeugt, dass ich mich für den richtigen Weg entschieden habe. Und dass ich bereit bin, meine Eltern zu begleiten, liegt auch daran, dass ich sie trotz allem sehr gern habe. Sie haben bestimmt alles gegeben, was ihnen jeweils möglich war.

Ich habe selbst Erfahrungen gemacht, die mich darin stützen, besondere Begegnungen zwischen Himmel und Erde für möglich zu halten.

Herzliche Sonntagsgrüße, einen schönen…

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