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Fesche Burschen

Autorenbild: C*
C*
vor 1 Stunde
3 Min. Lesezeit



Mein Besuch bei meiner Mutter war gestern ein ereignisreicher. Mein Plan war, nach meinem Besuch ins Kino zu gehen, doch daraus wurde nichts.

Als ich meine Mutter begrüßte, erschrak ich über ein Hämatom, das sich an ihrer linken Schläfe im Durchmesser von etwa fünf Zentimetern befand. Die Betreuerin schilderte mir dazu, dass meine Mutter vor einigen Tagen mit dem Kopf an der Wand gelandet sei. Und nein, die dabei entstandene Beule sei nicht durch einen Sturz entstanden, da hätte man mich informiert. (Mag sein, dass die Informationskette von den jeweils diensthabenden Mitarbeiter*innen abhängt, denn als Mama im Verlauf der letzten Monate zwei Mal hart auf dem Boden landete, habe ich unmittelbar danach nichts davon erfahren. Erst einige Zeit später hörte ich von diesen Stürzen, als nach dem zweiten Sturz doch ein Röntgen beauftragt wurde und meine Begleitung ins Krankenhaus notwendig war.)

Weiter wanderte mein Blick auf ihren auffällig geschwollenen und verkrümmten Mittelfinger an ihrer linken Hand. Dazu erfuhr ich, dass gestern Vormittag eine Röntgenuntersuchung vorgenommen wurde, dabei habe sich eine Fraktur gezeigt. Ganz genau könne man es nicht sagen, wie diese Fraktur zustandegekommen sei (nämlich unabhängig von ihrer Gesichtsverletzung). Jedenfalls erklärte mir die Mitarbeiterin, dass sich Mama immerzu an Gegenständen festklammere, dabei könne es zu dieser Verletzung gekommen sein. Mein Kopf formte diese Information weiter aus, wie könnte es denn im Zuge dieser Verhaltensweise zu einer derartigen Verletzung kommen? Es braucht tatsächlich Mühe und Geduld, Mama davon zu überzeugen, dass sie loslassen muss, beispielsweise von ihren Sesselgriffen. War es dabei einmal etwas hektisch zugegangen?

Was mich bass erstaunte, war der Umstand, dass diese Fraktur bereits vor Tagen bekannt war und bis gestern wiederum diesbezüglich nichts unternommen wurde. Bei all meiner Wertschätzung für Pflegekräfte, konnte ich einen leisen Unmut an der Vorgehensweise nicht ganz unterdrücken. Aber ich hatte mich rasch gefasst, denn genau jene Mitarbeiterin, die vor Ort war, ist eine, die immerzu umsichtig ist und sehr viel leistet.


Dann also ab ins Krankenhaus, damit der Finger professionell behandelt werden konnte. Mama war kooperativ, sie wirkte aber sehr müde, da sie am Vormittag ihr Schmerzpflaster erhalten hatte. Doch als die Sanitäter auftauchten, war sie schlagartig sofort begeistert: Kaum sieht Mama Männer in Uniformen, wird sie ganz lebhaft. Bestens gelaunt ließ sie sich auf einen Transportstuhl heben und äußerte sich hocherfreut über die feschen Burschen. Auf der kurzen Fahrt ins Krankenhaus war sie weiterhin rege und aufgekratzt in ihren Bemerkungen.

Im Krankenhaus wurde von einer sehr empathischen jungen Ärztin ein weiteres Röntgen beauftragt, so wurde rasch klar, was zu tun sei. Beim Röntgen unterhielt meine Mutter den gutaussehenden jungen Mann fröhlich mit Erdichtetem, das konnte ich auch am Gang hören. Schon wieder ein fescher Bursche - die Welt ist voll davon! Auch von ihm erfuhr sie Verständnis und Zugewandtheit. Kurz danach befanden wir uns im Gipszimmer, wo Mama von der freundlichen Ärztin der Finger unter lokaler Betäubung eingerichtet wurde und eine Schiene und ein Gips angelegt wurden, was nun über vier Wochen so bleiben soll. Mama war geduldig und kooperativ.

Diese sogenannte konservative Behandlung war notwendig, da eine operative Verdrahtung des Fingers bei einem Menschen, der an Demenz leidet, nicht erfolgversprechend ist.

Ein Kontrollröntgen zeigte, dass der Finger bestmöglich eingerichtet und geschient worden war. Schon waren wir bereit für die Rückfahrt, allerdings mussten wir fast eine Stunde auf die Sanitäter warten. Wiederum zeigte sich, dass es Mama schwerfällt, von Stuhlgriffen loszulassen. Da griff der Sanitäter, - wie könnte es anders sein, abermals ein fescher Bursche -, tief in seine Trickkiste, indem er meiner Mutter die Hand zum Gruße reichte. Rasch ließ Mama von ihrem Krankenhausstuhl los, aber genau so schnell landeten ihre Hände wieder dort. Es dauerte und brauchte viel Überredungskunst, bis sie endlich nachgab und auf den Transportstuhl gehoben werden konnte. Nun stand der Rückkehr ins Heim nichts mehr im Wege.

Zweieinhalb aufregende Stunden haben wir erfolgreich hinter uns gebracht, danach war Mama sehr müde.


Ob Mama heute Nacht von ihren feschen Burschen geträumt hat?


Bild: mit Hilfe von KI erstellt


 
 
 

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