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Farbenspiel

Autorenbild: C*
C*
vor 3 Stunden
5 Min. Lesezeit

Kleid links: Life-Ball-Kleid Flamingo, präsentiert mit einem Flamingo 2011, bei den roten Kleidern ausgestellt -Grün ist die Hoffnung - buntes Häkelkleid
Kleid links: Life-Ball-Kleid Flamingo, präsentiert mit einem Flamingo 2011, bei den roten Kleidern ausgestellt -Grün ist die Hoffnung - buntes Häkelkleid

Wieder einmal sitze ich im Zug und fahre nach Wien.

Seit einer Woche steht fest, dass das geplante Treffen mit drei Reha-Freundinnen stattfindet, was bei allen große Vorfreude ausgelöst hat.

Noch sitze ich also (nach längerer Suche eines Platzes) im bereits um 7:30 Uhr mit Menschen und Koffern überfüllten Zug und ahne nicht, dass sich das bald ändern wird. Die Sitzplatzreservierung hat nämlich nicht funktioniert - das erschließt sich mir, als eine Frau an meine Sitznachbarin und mich mit dem Hinweis herantritt, dass sie unsere Plätze reserviert habe, wobei diese Plätze nicht als reserviert gekennzeichnet sind. So verbringe ich die restliche Fahrt, immerhin 75 Minuten, stehend. Eine laute Männerrunde, die ich mit ihren Themen ohnehin nicht als Bereicherung empfinde, sitzt mir auf diese Weise nicht mehr im Nacken - kein Nachteil ohne Vorteil also.

An meiner freudigen Grundstimmung ändert die Stehzeit nichts, denn ich weiß, dass ich am Bahnhof in Wien erwartet werde: Mit einer innigen Umarmung für die Freundin startet mein Wien-Tag.

Zu zweit fahren wir mehrere Stationen mit dem Bus, um am vereinbarten Treffpunkt die beiden anderen Frauen aufs Herzlichste begrüßen zu können.

Unser Treffpunkt entpuppt sich als ein äußerst erlebenswertes Café, das mich sofort in seinen Bann zieht. Der Charme des Lokals ist einzigartig. Was meine Augen erblicken, wird mit Begeisterung quittiert. Ich sehe wohltuenderweise nichts, was sich dem Zeitgeist anbiedert.





Während wir unser Frühstück genießen und immer mehr Menschen an diesem außergewöhnlichen Platzerl eintreffen, widmen wir uns den vielen Neuigkeiten aus unseren Leben - Fröhliches, Schönes wie Trauriges, sogar Tragisches, alles hat Platz. In unserer Runde sind Empathie und Zuneigung wechselseitige Geschenke.

Schließlich wird es Zeit, zu entscheiden, ob wir einer Ausstellung folgen möchten. Zwei Optionen stehen zur Wahl, wir entscheiden uns für das Wien Museum im vierten Bezirk, um uns der Ausstellung Farbenspiel zu widmen. Als wir an der Adresse ankommen, wird klar, dass sehr viele Menschen diese Ausstellung sehen wollen, ein bunt gemischtes Publikum aus drei Generationen folgt den 350 ausgestellten Kleidungsstücken, die an Puppen wie in Vitrinen zu sehen sind. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Ausstellung fasziniert.

(Um es vorweg zu verraten: Es könnte sein, dass ich mir diese bunte Welt ein zweites Mal zu Gemüte führe, um noch näher auf Erklärendes bzw. mehr auf die Vitrinen einzugehen.)





Das nachfolgend gezeigte schwarze Kleid ist tatsächlich ein Brautkleid, datiert mit 1890. Es wurde für eine zarte kleine Frau geschneidert. Tatsächlich waren in dieser Zeit die Körpergrößen von Menschen andere, das lese ich auch aus weiteren Kleidern und Kleidungsstücken.

Das Schwarzseidene - wie hier zu sehen - war das beste Kleid einer Frau, die nicht allzu vermögend war. Es diente auch als Besuchskleid, ebenso wie als Kleidungsstück für ein Begräbnis.





Rot zählt zu den ältesten Farben der Menschheit. Es ist die erste Farbe, auf die Neugeborene reagieren. Die Farbe, die dem Kriegsgott Mars zugeordnet ist, steht für Stärke genauso wie für Kraft; als Farbe der Macht war / ist sie tonangebend bei Senatoren, Königen, Kardinälen. Zunehmend wurde seine Bedeutung auch in der Welt der Erotik.


Grün wird aus einer Mischung von Blau und Gelb hergestellt, seine Herstellung war im Mittelalter mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden: Wer mit Blau arbeitete, durfte kein Gelb herstellen, somit ist klar, dass Grün in der damaligen Zeit selten vorkam.

In der islamischen Welt hat Grün eine große Bedeutung, weshalb diese Farbe auf vielen Staatsflaggen islamisch geprägter Länder vorkommt. Grün gilt als Zeichen des Glaubens und der Gottesnähe.

Im 19. Jahrhundert enthielten grün gefärbte Stoffe mitunter Arsen, weshalb tatsächlich von Giftgrün die Rede sein konnte.


Gelb als Zuschreibung für Sonne, Wärme und Leben. Im alten Ägypten erfreute sich Goldgelb bei einigen Herrschern als bevorzugte Farbe, so demonstrierten sie ihre Verbindung mit dem Reich der Götter. Brokatstoffe mit Goldfäden waren Macht und Status zugeordnet, der legendäre englische König Heinrich VIII. besaß gar ein Zelt aus golddurchwirktem Gewebe.

Im europäischen Mittelalter wurde Gelb zur Farbe des Verrates, der Täuschung und des Giftes. Interessant auch der Hinweis, dass Judas, der Verräter, auf Gemälden wiederholt mit gelber Kleidung dargestellt wurde. Juden, Sexarbeiterinnen, Betrüger - sie mussten ein gelbes Kleidungsstück tragen, so wurde diese Farbe schließlich den Ausgegrenzten zugeordnet. Gelbgebundene Bücher galten im neunzehnten Jahrhundert als Kennzeichnung für erotische Literatur. Erst in den 1920er Jahren wagten junge Frauen, gelbe Kleider zu tragen. Nun stand die Farbe für Aufbruch und Optimismus. Vielen gilt Gelb heute noch als gewagte Farbe.


Blau gilt in der Gegenwart als tonangebendste Farbe, sie ist in jedem Kleiderkasten zuhause, denken wir nur an Textilien aus Jeansstoffen.

Blau als Farbe der Buben setzte sich erst im militärischen Kontext durch. Preußischblau gekleidet waren die Soldaten des Preußenkönigs Friedrichs des Großen.

Dunkelblau steht in der Arbeitswelt für Seriosität, etwa bei Banken und Versicherungen herrschen diese Farben bei Anzugträgern vor.





Weiß und Silber runden meinen Ausflug in die bunte und faszinierende Welt der Stoffe fast ab. Die weiße Farbe wird dem Licht, der Reinheit und der Hygiene zugeordnet. Weiß gehört zu den ältesten Farben der Menschen. Seit Jahrhunderten werden Häuser mit Kalk und Gips geschmückt, so ist etwa in Griechenland das Färben von Häusern mit strahlendweißer Kalkfarbe noch üblich, vor allem auf den Kykladen. Im Kontrast mit einem leuchtend blauen Himmel ergeben sich auf diese Weise unzählige tolle Fotomotive. Der praktische Nutzen des Kalkens besteht in einem Sonnenschutz.

Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert wurde das giftige Bleiweiß als Farbe für blaßgeschminkte Gesichter eingesetzt. Heute würde das niemand mehr machen. Dennoch wollten viele noble Blässe zeigen. Diese Farbe galt auch als Farbe der Unschuld, siehe der Begriff weiße Westen. Frauen heiraten in vielen Ländern in weißen Brautkleidern; auch, wenn sie nicht mehr jung sind, wird diese Farbe von älteren Frauen ebenfalls gewählt. In China gilt übrigens Weiß als Farbe der Trauer.

Silber wurde in den 1970er Jahren populär - erinnern wir uns an David Bowie als Starman. Er verstand es, das Thema der Mondlandung und der Science-Fiction-Filme souverän aufzugreifen und war bekannt für seine legendären Bühnenkostüme.


Die bunte Abteilung ist die letzte Station der Ausstellung. Bunt zu würdigen, ist ganz in meinem Sinne. Auch in meinem Kleiderkasten finden sich ein paar bunte Teile, was besonders jene Menschen verblüfft, die mich eher in dunkler Kleidung erleben.

Zu den ältesten bunten Kleidungsstücken zählen jene von keltischen Stämmen, deren Stoffe damals mit Farben eingefärbt wurden, die aus Wurzeln, Pflanzen und Steinen gewonnen wurden.

Das 18. Jahrhundert galt in modischer Hinsicht als besonders bunt. Männer wie Frauen kleideten sich bevorzugt in pastelligen Stoffen. Da bereits industrielle Techniken zum Einsatz bei der Stoffherstellung gelangten, wurden die Muster immer kreativer.


Es gäbe noch sehr viel mehr zu erzählen über die so herrliche Welt der Farben und all ihrer Nuancen. Wer die Möglichkeit nützen möchte, diese so aufschlussreiche Ausstellung zu sehen, kann dies bis 28. März 2027 tun.

Mein Fazit schließt an die Ausstellung an: Heute ist es uns möglich, in unseren eigenen Farbkosmos einzutauchen, keine Farbe verweist mehr auf einen bestimmten Stand oder auf eine bestimmte Berufsgruppe. Wir sind frei, zu wählen, was uns gefällt. Das finde ich herrlich.





Nach unserem Ausstellungsbesuch flanieren wir noch etwas in der Mariahilfer Straße und gönnen uns in einem gemütlichen Lokal ein köstliches Abendmahl. Diese Gelegenheit nützen wir, um das nächste Treffen - in Linz, aus Anlass des Pflasterspektakels im Juli 2027 - zu fixieren. Zwischendurch, so vereinbaren wir, wollen wir spontan sein. Wien ist immer eine Reise wert ...


Ich blicke auf einen wunderbaren Tag zurück, selbst der Wettergott war mit uns: Der graue Himmel wurde blau und auch den angekündigten Wind bekamen wir nicht zu spüren.

Die Heimfahrt mit dem Zug verlief weitaus angenehmer, ich fand einen Sitzplatz für mich allein, ließ den Tag Revue passieren und freute mich auch, meine ermüdeten Füße auszustrecken. Endlich, um 23 Uhr, kam mein Haustürschlüssel zum Einsatz.


Fotos: C* #reisen #staunen

 
 
 

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