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Eins nach dem anderen

  • Autorenbild: C*
    C*
  • 22. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit


Mich in Geduld zu fassen, wenn ich krank bin, ist mir immer schwergefallen. Aber auch Geduld kann man wohl trainieren wie einen Muskel. Ich hatte ja in den letzten Jahren reichlich Gelegenheit dazu. Mein grippaler Infekt ist typisch für diese Zeit, viele Menschen sind derzeit davon betroffen. Ich habe fünf unterschiedliche Hustentropfen und -säfte zuhause, für jede Art von Husten bin ich sozusagen meine eigene Apothekerin. Auch ein Hausmittel kenne ich: Einen schwarzen Rettich aushöhlen, Kandiszucker einfüllen, den entstehenden Saft genießen. Diesen Saft habe ich tatsächlich schon probiert, im Internet finden sich weitere Tipps.


In dieser Zeit, in der ich mich also wieder einmal in Geduld üben darf, habe ich Gelegenheit, aus meinem kleinen Bücherberg ausreichend Lesestoff zu wählen, dieser ist allerdings in den letzten Tagen dramatisch geschwunden. Daher bin ich vermehrt auf Lesewanderschaft im Internet.

Ein neuer Begriff ist mir dabei begegnet: Mental Load

Darunter verstehen Expert*innen eine permanente Denk- und Organisationsarbeit, die gemeinhin als nicht der Rede wert eingestuft wird. Laut Studien sind vor allem Frauen von dieser speziellen Form der mentalen Belastung betroffen. Das ist keine große Überraschung, gebe ich mal meine Meinung bescheiden kund. Nach wie vor werden nämlich Mädchen stärker als Buben dazu erzogen, Verantwortung für das Familienleben zu übernehmen; das bedeutet für die erwachsene Frau, sich um zu pflegende Eltern und kranke Kinder zu kümmern, Termine zu organisieren, diese auch wahrzunehmen usw. Diese Rollenverteilung ist nach wie vor ganz stark in der Gesellschaft verankert, mit deutlichen Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Gesundheit von Frauen. Frauen erleben wesentlich mehr Schlafprobleme als Männer, weil sie nicht abschalten können; sie neigen zum Dauergrübeln und spüren Stresssymptome wie Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen, Herzrasen, Verspannungen, Konzentrationsstörungen, usw.

Wie der amerikanische Neuorologe David Eagleman klarmacht, strebt unser Gehirn nach einem guten Gleichgewicht aus Routine und neuen Herausforderungen. Und es möchte eins nach dem anderen denken. Wer es aber permanent mit neuen Herausforderungen zu tun hat und sich in einem ständigen Alarmzustand befindet, kann nicht mehr zur Ruhe kommen, da helfen auch keine Medidationen oder andere Ruheübungen mehr.

Unsere Gesellschaft ist auf unsere Ratio ausgerichtet, der Körper und seine Bedürfnisse sowie die mentale Gesundheit bekommen wenig Beachtung. Immer mehr Menschen erkranken an Krankheiten, für deren Heilung mehr Zeit benötigt wird als ein, zwei Wochen.

In einer Arbeitswelt, in der immer mehr Arbeit durch Technologie übernommen wird und immer weniger Arbeit von Menschen erledigt wird, noch auf eine 40-Stunden-Woche zu drängen, finde ich hinterfragenswürdig. Die Arbeitslosenzahlen steigen aufgrund fehlender Arbeit, das weiß man nicht nur in der Baubranche. Wie sollen alle Menschen, die sich im Berufsleben befinden oder sich wieder eingliedern wollen, einer Vollzeitarbeit nachgehen können? Da höre ich schon ein Raunen: Es gibt doch so viele Mangelberufe. Ja, die gibt es, ich halte es jedoch für den falschen Ansatz, Menschen in Berufe zu drängen, für die sie aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht geeignet sind. Da sind mangelndes Interesse, Frustration, Überforderung und Langzeitkrankenstände quasi schon vorprogrammiert.

Und Tatsache ist auch: Es werden, weil beispielsweise so viele Pflegekräfte fehlen, die Anforderungen für Mangelberufe minimiert. Schon jetzt erlebe ich es immer wieder, dass ich mich an eine*n Pflegemitarbeiter*in wenden möchte, mit der/dem eine Kommunikation aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse allerdings nicht möglich ist. (Dabei, das ist mir schon klar, müssen wir tatsächlich dankbar sein für jeden einzelnen Menschen, der sich in diesen verantwortungsvollen Beruf wagt, sonst müssten wohl viele Pflegeeinrichtungen und auch Spitäler Abteilungen zusammenlegen oder sogar zusperren.)

Selbiges beobachte ich auch bei Elementarpädagog*innen, in diesem Bereich habe ich viel Erfahrung gesammelt. Wie sollen Kinder Deutsch lernen, wenn immer mehr Pädagog*innen selbst nicht in der Lage sind, Deutschhausübungen zu kontrollieren?


Wenn große gesellschaftliche Themen so dringend und laut nach sinnvollen Lösungen rufen, ist es schwer, sich in Geduld zu üben. Ein Eins nach dem anderen wirkt da schon sehr provokant, vor allem, weil unsere Damen und Herren in der Politik in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ziemlich viele Entwicklungen geradezu verpennt haben, wenn ich das mit diesen Worten festhalten darf. Das scheint mir übrigens nicht unbedingt allein ein österreichisches Phänomen zu sein.


Foto: C*

 
 
 

4 Kommentare


Edith Hornau
Edith Hornau
23. Jan.

Liebe C Stern, dein Artikel befasst sich mit vielen Fragen, die uns wohl alle umtreiben. Wo, bitte, soll man dafür noch Geduld aufbringen? Das ist fast unmöglich. Allein, wenn die Verständigung sprachlich nicht klappt, und das ist sehr oft so, schlüpfen Frauen in die Rolle, alles doch wieder gleich selber zu machen, was anliegt, ehe sie mit Händen und Füßen diskutieren muss. Dies ist ein Beispiel, wohlgemerkt.

Du bringst es auf den Punkt. Die Frau ist im Alltag und auch sonst im ganzen Drum und Dran gefordert, nun schon überfordert. Die Frau wurde schon immer in eine Rolle gedrängt, die sie permanent auszufüllen hat. Männer wurden dazu nie berufen, obwohl sie es gut auch könnten.

Gleichstellungsmerkmale werden wenig beachtet. Und…

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C*
C*
23. Jan.
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Liebe Edith,

herzlichen Dank für Dein Hiersein und Deine Gedanken.

Stimmt, Frauen fügen sich an vielen Orten, selbst wenn diese neu für sie sind, sofort wieder in die gewohnte Rolle. Das ist vor allem deshalb so dramatisch, weil sie von ihren Männern gezielt daran gehindert werden, die neue Landessprache zu erlernen. So bleibt die Frau in allen Belangen abhängig von ihrem Gebieter. Ich habe das beruflich unzählige Male so erlebt, auch bleibt mir eine Frau in Erinnerung, die nicht einmal ihren Namen schreiben konnte.

Dass es ist, wie es ist, hat auch damit zu tun, dass eine gelebte Frauensolidarität nicht für jede Frau Thema ist. Man muss nur in die Welt blicken, hier werden Männer von Frauen zu Staatsoberhäuptern gewählt,…

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Erika Nittel-Traser
Erika Nittel-Traser
23. Jan.

Liebe C, wir haben für alles (neue) Begriffe und finden den Sinn dahinter nur schwer. Es ist nicht neu, dass Zeiten sich ändern, aber das, was gerade im Bereich von Berufstätigkeit geschieht, ist nicht mehr nachvollziehbar. Und trotzdem wird die permanente Überforderung von Frauen noch viel zu selten diskutiert, geschweige denn nach Lösungen gesucht. Alles was du dazu schreibst, erkenne ich auch in meinem Leben, meinem Beobachten wieder.

Allerdings frage ich mich, warum Frauen schon immer mehr leisten mussten als Männer, denn so alt scheint das Bewusstsein für diese Thematik nicht. Gehe ich nur schlappe 100 Jahre zurück, finde ich eigentlich das gleiche Dilemma. Familienarbeit? Ganz klar Frauensache. Beruf und Bildung: wir wissen es.

Schon immer mussten Frauen mit der…


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C*
C*
23. Jan.
Antwort an

Liebe Erika,

herzlichen Dank für Deine Gedanken, die Du hierlässt.

Es fällt auch mir auf, dass es für vieles neue Begriffe gibt, aber keine neuen Lösungen, die uns gesellschaftlich weiterbringen.

Leider sind Frauen nicht überall der (öffentlichen) Meinung, dass sie benachteiligt werden. Viel zu viele geben sich diesen unfairen Regeln einfach hin und wollen sie sogar noch feiern: Dazu gibt es ja unter anderem die jüngsten Beispiele von sogenannten tradewives, wieder ein neuer Begriff. Das ist die glatte Gegenbewegung (in meist orthodoxen christlichen Haushalten) zu allem für uns Frauen so schwer Errungenem. Diese Frauen, die sich selbst im Internet als glückliche Hausfrauen, Mütter und Liebhaberinnen inszenieren, sind in höheren sozialen Schichten angesiedelt und preisen die pure Abhängigkeit von ihren Männern.…

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