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Eins nach dem anderen

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 38 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit


Mich in Geduld zu fassen, wenn ich krank bin, ist mir immer schwergefallen. Aber auch Geduld kann man wohl trainieren wie einen Muskel. Ich hatte ja in den letzten Jahren reichlich Gelegenheit dazu. Mein grippaler Infekt ist typisch für diese Zeit, viele Menschen sind derzeit davon betroffen. Ich habe fünf unterschiedliche Hustentropfen und -säfte zuhause, für jede Art von Husten bin ich sozusagen meine eigene Apothekerin. Auch ein Hausmittel kenne ich: Einen schwarzen Rettich aushöhlen, Kandiszucker einfüllen, den entstehenden Saft löffeln. Diesen Saft habe ich tatsächlich schon probiert, im Internet finden sich weitere Tipps.


In der Zeit, in der ich mich also wieder einmal in Geduld üben darf, habe ich Gelegenheit, in meinem kleinen Bücherberg ausreichend Lesestoff zu wählen, dieser ist allerdings in den letzten Tagen dramatisch geschwunden. Daher bin ich vermehrt auf Lesewanderschaft im Internet.

Ein neuer Begriff ist mir dabei begegnet: Mental Load

Darunter verstehen Expert*innen eine permanente Denk- und Organisationsarbeit, die gemeinhin als nicht der Rede wert eingestuft wird. Laut Studien sind vor allem Frauen von dieser speziellen Form der mentalen Belastung betroffen. Das ist keine große Überraschung, gebe ich mal meine Meinung bescheiden kund. Nach wie vor werden nämlich Mädchen stärker als Buben dazu erzogen, Verantwortung für das Familienleben zu übernehmen; das bedeutet für die erwachsene Frau, sich um zu pflegende Eltern und kranke Kinder zu kümmern, Termine zu organisieren, diese auch wahrzunehmen usw. Diese Rollenverteilung ist nach wie vor ganz stark in der Gesellschaft verankert, mit deutlichen Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Gesundheit von Frauen. Frauen erleben wesentlich mehr Schlafprobleme als Männer, weil sie nicht abschalten können; sie neigen zum Dauergrübeln und spüren Stresssymptome wie Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen, Herzrasen, Verspannungen, Konzentrationsstörungen, usw.

Wie der amerikanische Neuorologe David Eagleman klarmacht, strebt unser Gehirn nach einem guten Gleichgewicht aus Routine und neuen Herausforderungen. Und es möchte eins nach dem anderen denken. Wer es aber permanent mit neuen Herausforderungen zu tun hat und sich in ständigem Alarmzustand befindet, kann nicht mehr zur Ruhe kommen, da helfen auch keine Medidationen oder andere Ruheübungen mehr.

Unsere Gesellschaft ist auf unsere Ratio ausgerichtet, der Körper und seine Bedürfnisse sowie die mentale Gesundheit bekommen wenig Beachtung. Immer mehr Menschen erkranken an Krankheiten, für deren Heilung mehr Zeit benötigt wird als ein, zwei Wochen.

In einer Arbeitswelt, in der immer mehr Arbeit durch Technologie übernommen wird und immer weniger Arbeit von Menschen erledigt wird, noch auf eine 40-Stunden-Woche zu drängen, finde ich hinterfragenswürdig. Die Arbeitslosenzahlen steigen aufgrund fehlender Arbeit, das weiß man nicht nur in der Baubranche. Wie sollen alle Menschen, die sich im Berufsleben befinden oder sich wieder eingliedern wollen, einer Vollzeitarbeit nachgehen können? Da höre ich schon ein Raunen: Es gibt doch so viele Mangelberufe. Ja, die gibt es, ich halte es jedoch für den falschen Ansatz, Menschen in Berufe zu drängen, für die sie aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht geeignet sind. Da sind mangelndes Interesse, Frustration, Überforderung und Langzeitkrankenstände quasi schon vorprogrammiert.

Und Tatsache ist auch: Es werden, weil beispielsweise so viele Pflegekräfte fehlen, die Anforderungen für Mangelberufe minimiert. Schon jetzt erlebe ich es immer wieder, dass ich mich an eine*n Pflegemitarbeiter*in wenden möchte, mit der/dem eine Kommunikation aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse allerdings nicht möglich ist. (Dabei, das ist mir schon klar, müssen wir tatsächlich dankbar sein für jeden einzelnen Menschen, der sich in diesen verantwortungsvollen Beruf wagt, sonst müssten wohl viele Pflegeeinrichtungen und auch Spitäler Abteilungen zusammenlegen oder sogar zusperren.)

Selbiges beobachte ich auch bei Elementarpädagog*innen, in diesem Bereich habe ich viel Erfahrung gesammelt. Wie sollen Kinder Deutsch lernen, wenn immer mehr Pädagog*innen selbst nicht in der Lage sind, Deutschhausübungen zu kontrollieren?


Wenn große gesellschaftliche Themen so dringend und laut nach sinnvollen Lösungen rufen, ist es schwer, sich in Geduld zu üben. Ein Eins nach dem anderen wirkt da schon sehr provokant, vor allem, weil unsere Damen und Herren in der Politik in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ziemlich viele Entwicklungen geradezu verpennt haben, wenn ich das mit diesen Worten festhalten darf. Das scheint mir übrigens nicht unbedingt allein ein österreichisches Phänomen zu sein.


Foto: C*

 
 
 

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