Ein guter Morgen ...
- C*

- vor 6 Tagen
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Aktualisiert: vor 5 Tagen

... beginnt mit einem Blick vom Hotelbett aus in einen strahlend blauen Himmel
über den Dächern und Weingärten von Krems.

Da kommt Freude auf, bei so einem Anblick - wir sind höchst motiviert, möglichst bald beim Frühstückstisch zu sitzen. Ohnehin sind wir voller Vorfreude, denn das Frühstück unseres Wohlfühl-Hotels an bester Adresse wird hochgelobt. Wir nehmen Platz im modernen Frühstücksraum unserer Gastgeber, die Räumlichkeit ist in warme Töne getaucht, Kristallluster vollenden ein harmonisches Ganzes - meine Augen verbuchen das Ambiente unter "sehr stilvoll".
Am Buffet gibt es eine reichliche Auswahl an Köstlichkeiten für alle Geschmäcker, alle Eiergerichte, die à la carte gewählt werden können, werden frisch serviert. Auch die angebotenen Säfte sind eine wahre Überraschung an Qualität. Herr Stern ist begeistert von seinem Kaffee, er meint, den würde man in vielen Kaffeehäusern nicht so exzellent hinbekommen. Na dann, der Tag kann nur ein guter werden, wenn schon der Kaffee soviel Anerkennung erhält.
Es lacht mich eine sichtlich fluffig-feine Marillenroulade an, so schön gelb von Eiern glücklicher Hühner. Da kann ich nicht widerstehen - nur wenige Augenblicke später wird mein Gaumen voller Freude jubilieren: Vollendeter Hochgenuss inklusive einer Marillenmarmelade, die ich so auch noch nie genossen habe. Meine Lobeshymnen wecken die Neugierde des Mannes, der ansonst Marillenmarmelade mit Verachtung straft - und siehe da: Herr Stern eilt selbst zum Buffet, um sich ein Stück dieser täglich frisch zubereiteten Köstlichkeit zu sichern. Was soll ich dazu sagen? Ich lächle vergnügt in mich hinein - wenn alte Vorurteile so rasch widerlegt werden können, ist das einfach höchst erfreulich.
Nach einem gelungenen Start in den Tag ist es Zeit, unser Zimmer zurückzugeben. Wir sind voll der Wertschätzung über soviel Gastlichkeit und kündigen an, sehr gerne wiederzukommen. Das haben wir bereits am Vortag erörtert, denn wir haben Kombitickets für alle Museen der Stadt gekauft, die ein Jahr lang gültig sind.
Nun aber steht das Karikaturmuseum Krems auf dem Plan, der bekannte und beliebte Karikaturist Gerhard Haderer feierte am 29. Mai seinen 75. Geburtstag. Dies ist ein perfekter Anlass, Werke aus seinem umfangreichen Schaffen zu präsentieren.

Zeitgleich findet auch in Linz eine Ausstellung statt, von Haderer können wir ohnehin nicht genug bekommen. Um den Mann gibt's in diesen Monaten ein wahres "Griss". Spätestens mit seinem äußerst erfolgreichen Karikaturbuch Das Leben des Jesus hat der Provokateur eine Bekanntheit weit über die deutschsprachigen Grenzen hinweg erlangt. Wir können uns natürlich lebhaft vorstellen, dass es nicht wenige Leute gab, die - der katholischen Kirche aufs Engste verbunden - so ein Werk mit einem gehörnten Wesen in Verbindung brachten. Der Streit um dieses Teufelswerk ist 2002 bei Erscheinen gleich soweit eskaliert, dass auch Polizisten Auftritte hatten. Es gab massive Drohungen gegen Gerhard Haderer und seine Präsentation. Der Tenor einiger gottesfürchtiger Christ*innen war dieser: Das soll er doch einmal mit dem Islam machen. Ebenfalls musste sich die österreichische Justiz mit dem Jesus-Buch beschäftigen, wegen "Herabwürdigung religiöser Lehren". Das Karikaturbuch eröffnet einen Blick auf Jesus als kiffenden Träumer, der durch Weihrauch-Inhalation seine Wunder vollbringt, während seine Jünger und die Kirche Profit aus ihm schlagen. Haderer selbst meint, dass er nicht Jesus, sondern die scheinheilige Eiferei und die Kommerzialisierung des Glaubens sowie die Machtstrukturen der Kirche kritisiert.
Wir jedenfalls sind angetan von seinen in der Ausstellung gezeigten Werken, nämlich auch von solchen, die ganz ohne Worte auskommen.

Im Karikaturmuseum sind auch Werke eines gewissen Herrn Deix zu sehen. Manfred Deix, der nach einem reichlich ungesundem Lebensstil (wie er selbst ganz genau wusste) im Juni 2016 im Alter von 67 Jahren verstarb, stand vor allem für drei Sachen: Für einen kaum vorstellbaren Konsum an Zigaretten (habe ich den jemals ohne sein geliebtes Suchtmittel gesehen?); er liebte seine unüberschaubare Katzenfamilie (zeitweilig sollen es um die 80 Katzen gewesen sein, die sein Haus bevölkerten - manchmal ist es ganz gut, dass es noch kein Geruchsfernsehen oder -radio gibt); und der Herr Deix war höchstbekannt dafür, dass er zwei Worte ganz besonders gern gebraucht hat: das Zumpferl und das Spatzi.
Von diversen Medien durchaus respektvoll zum unumstrittenen Zumpferlkaiser gekrönt, liebte es der geniale Zeichner, vor allem bigotten Kreisen gehörig auf den religiösen Geist zu gehen, das tat er auf total ungenierte Art und Weise - und das ging sehr oft so richtig unter die Gürtellinie. Dass hierbei für manche die Grenze der Erträglichkeit oft ziemlich rasch überschritten wurde, ist nicht überraschend. Dennoch: Seine Nackerten, für die er sich bereits als schamloser Sechsjähriger zeichnerisch erwärmen konnte, waren legendär; die Texte, die er ihnen in den Mund schrieb, ebenso. Deix würzte seine Darstellungen mit einer Sprache, die als vulgär empfunden werden kann. Dabei ließ er keinen gesellschaftlichen Bereich aus, auch Politiker*innen erhielten regelmäßig einen ordentlichen deixhaften Rüffel. Überhaupt liebte er es auch, Herrn und Frau Österreicher kritisch zu durchleuchten.
Die in typischer Deix-Manier gezeichneten menschlichen Figuren sind unverwechselbar, sein Ruf ist immer noch international. Sein Katzenkönig schmückt übrigens sein Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof - sehenswert.
Wir stehen also vor ziemlich vielen Kunstladen, die Karikaturen aus seiner Feder enthalten, wir folgen seinen Zeichnungen, lesen seine Texte und können uns bei einigen Darstellungen kaum das Lachen verhalten. Nicht nur mir stehen Tränen in den Augen, auch der Mann an meiner Seite kann sein Glucksen nur schwer unterdrücken. Wir hören, dass es anderen Museumsbesucher*innen ebenfalls kaum möglich ist, ihre Erheiterung ganz ungehört auszuleben. Im Übrigen gibt es unter den anwesenden Deix-Fans viele ältere Menschen. Voilà, also ein Werk von Herrn Deix soll es hier schon geben - verglichen mit anderen bitterbösen Zeichnungen über unsere Gesellschaft ist die nachfolgende Karikatur noch relativ harmlos:

An dieser Stelle der Hinweis, dass sich die Justizanstalt Stein exakt auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Karikaturmuseums befindet. Das Museum und das Gefängnis liegen also etwa 20 Meter voneinander entfernt. Die Insassen sind echt harte Jungs, wie es im "Hefenjargon" heißt. Hier sitzt Mann, wenn Mann etwa zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Ich will es mir gar nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn da einer "türmt" - was tatsächlich schon einigen Männern gelang. Dass es in der Justizanstalt Stein seit 2007 auch eine "Kuschelzelle" gibt, die auf die Initiative einer früheren Justizministerin zurückgeht, hat - man kann es sich schon denken - Herrn Deix natürlich auch inspiriert. So gibt es eine Karikatur, in welcher sich ein Häftling bei eben dieser Ministerin bedankt - dieser Brief sowie die dazugehörige Zeichnung sind derart expressiv, dass ich beschlossen habe, sie hier nicht einzustellen.
Der dritte Karikaturist im Bunde, dem Besucher*innen im Museum folgen können, ist Oliver Schopf, dessen Zeichnung von Hundertwasser bereits in meinen letzten Beitrag Eingang fand.

Der nachfolgenden Karikatur von Oliver Schopf ist aus meiner Sicht nichts mehr hinzuzufügen - sie ist quasi selbsterklärend - und sowas von auf den Punkt.

Ich beschäftige mich oft mit der Frage, wie weit Kunst gehen darf. Sie kann, darf und muss geradezu Ausdrucksmittel von Gesellschaftskritik sein. Meine Meinung ist allerdings, dass jene Menschen, die Satire mögen, viele Hinweise auf den Zustand unserer Welt längst verstanden haben. Es gibt auch Menschen, die keine Satire schätzen und trotzdem ganz genau wissen, was in unserer Welt verkehrt läuft. Die Zugänge zum Aufzeigen und zu Aufrufen, kritischer zu denken und zu handeln, sind vielfach.
Satire kann durchaus als unverhältnismäßig hart empfunden werden; ich glaube, jeder Mensch, der sich damit auseinandersetzt, kann und muss in diesem Zusammenhang eigene Grenzen definieren. Und es gibt jene Art von Satire, die ich nur als verletzend einstufen kann, sofern Menschen richtiggehend verhöhnt werden - so eine Art von Aktionismus lehne ich ab: Wenn es bei Satire um viel mehr Spott und Häme als um pointierte Kritik geht, hat dies meiner Einschätzung nach nichts mehr mit einer Kunstform zu tun. Meinungsfreiheit ist ein fragiles Gut, sie darf nicht missbraucht werden. Im Übrigen wünsche ich mir von Herzen eine Gesellschaft, die das Gemeinsame vor das Trennende stellt.
Eine Sache möchte ich noch loswerden: Eine Form der Satire, nämlich die Realsatire, begegnet uns im Leben viel öfter, als es uns lieb sein kann: Situationen, die ebenso grotesk wie auch höchst befremdlich sind, und die nicht wenigen Menschen ein Fremdschämen über das Verhalten anderer bescheren. Da fallen mir unzählige Situationen aus meinem Alltag dazu ein - auf diese Art von Satire würde ich sehr gern verzichten.
Mein Fazit zu unserem Besuch des Karikaturmuseums: Wer mit den Satire-Zeichnungen von Haderer und / oder Deix und / oder Schopf etwas anfangen kann, der sollte sich jedenfalls auf den Weg nach Krems machen, es zahlt sich wahrlich aus. Reichlich Zeit sollte auch eingeplant werden.
Wir machen uns nun auf den Heimweg, wir haben allerdings noch einen Zwischenstopp eingeplant ...
Fotos: C*
Mir ist bewusst, dass die Qualität der Fotos der gezeigten Karikaturen keine gute ist. Das liegt auch am Umstand, dass beim Fotografieren kein Blitz verwendet werden darf. Auch sind die Werke im Original in weiße Passpartouts eingearbeitet, ein schwarzer Rahmen rundet die Darbietungen, die an den Wänden angebracht sind, ab.
Das Fotografieren und Veröffentlichen auf einem privaten Blog wurde genehmigt.



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