Das eigene Wesen verstehen und annehmen


Ich fühle mich richtig in meinem Sein -
ich bin großzügig und wertschätzend im Umgang mit Menschen, auch am Arbeitsplatz,
ich habe Verständnis für menschliche Eigenheiten, vermutlich sogar etwas zuviel davon,
ich liebe es, Aufgaben mit viel Herz und Sorgfalt zu erledigen,
ich bin immer motiviert, mein Bestes zu geben und halte all das für völlig normal.
Ich weiß inzwischen, dass Sorgfalt und Genauigkeit, die für viele Aufgaben nötig sind, einige Zeit brauchen.
Ich habe mit den Jahren gelernt, dass gewissenhaft ausgeführte Arbeiten ihre Zeit brauchen und versuche, mich dafür nicht mehr selbst zu verurteilen. Nur einmal hat ein Arbeitgeber versucht, mir meine Sorgfalt madig zu machen, obwohl er davon profitierte und mit meinen Erledigungen stets höchst zufrieden war. Er wollte dennoch unbedingt einen Punkt finden, den er mir um die Nase reiben konnte. Das nährte einen Druck, den ich mir selbst auferlegte, weil ich dachte, das könnte noch schneller funktionieren, nein, das müsste noch schneller funktionieren. Jetzt bin ich mit mir im Reinen. Ich weiß, dass mein Tempo ganz meinem Wesen entspricht - ich begegne dem Leben in meinem Tempo und in meinem Selbstausdruck.
Ich weiß auch und habe akzeptiert, dass meine Vorstellungen vom Leben sowie meine Werte manchmal von denen anderer Menschen abweichen, was bei einigen mit mir verwandten Menschen für Irritationen sorgt. Früher ist mir oft eingeredet worden, ich sei so, wie ich bin, nicht richtig. Wenn ich Pech hatte, wurde mir das nicht nur eingeredet, sondern sogar eingebläut.
In der Schule waren Mathe, Physik und Chemie völlig fremde Dörfer für mich, dafür liebte ich die deutsche Sprache bereits sehr früh, ich schrieb begeistert Gedichte und Geschichten, ich mochte den Geschichtsunterricht und schätzte aufschlussreiche Psychologie- und Philosophiestunden.
Gestern hatte ich ein Gespräch an meinem Arbeitsplatz. Hinterfragt wurde, warum meine Outputs zurückgehen. Vor einigen Wochen habe ich schon darauf hingewiesen, dass mich die Arbeitsbelastung derzeit an meine Grenzen der Belastbarkeit bringt. Mehrmals wurde ich darauf hingewiesen, dass es wichtig sei, rechtzeitig rückzumelden, wann eine Belastung entstünde, das habe ich getan: Aufträge, die ich von mehreren Seiten erhalte, häufen sich, ich kann sie auch nicht in Ruhe bearbeiten, denn es kommt an meinem Arbeitsplatz auch zu telefonischen Kontakten und es gibt ebenso direkten Kundenkontakt. Dazu kommt Lärm von der Straße, der mich zusätzlich belastet. Für einen extrem lärmempfindlichen Menschen wie mich eine Horrorsituation.
Ich merke immer deutlicher, dass Front Office nicht mein Fall ist, obwohl ich grundsätzlich die Telefonzentrale sehr gerne bediene - und ich weiß, dass ich das sehr freundlich und kompetent schaffe. Ich bin kritikfähig, oh ja, dahingehend habe ich mir nichts vorzuwerfen. Doch das gestrige Gespräch hat Spuren hinterlassen. Ich hatte an keinem Punkt des Gespräches das Gefühl, dass etwa meine Sorgfalt gesehen wird. Im Vordergrund stand, dass Aufgaben nicht rasch genug erledigt werden und dass ich viele Fragen dazu stelle. Dabei sollte ich nicht das Gefühl haben, dass man mir Druck auferlegen wolle ... Ich spüre allerdings überdeutlich, wie sich Druck vor allem im Bereich des Solarplexus ausbreitet, mir ist übel, der Kopf brummt.
Immerhin hat dieses Gespräch erneut meine Klarheit darüber bestätigt, wie mein gewünschtes künftiges Arbeitsumfeld aussieht und sich anfühlt: So jedenfalls ganz sicher nicht. Das habe ich heute auch in der mir möglichen Klarheit formuliert.
Zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Mitarbeiter*innen gehört für mich unbedingt, diese möglichst nach ihren Fähigkeiten und zu den für sie bestmöglichen Rahmenbedingungen mit Aufgaben zu betrauen. So kommt es zu einer Win-Win-Situation, denn die Mitarbeiter*innen fühlen sich wohl an ihren Arbeitsplätzen, sie kommen mit Freude zur Arbeit, liefern engagierte Ergebnisse und haben zudem weniger Krankenstände. Es ist höchst an der Zeit, dass sich Führungskräfte damit auseinandersetzen, dass in ihren Teams ganz unterschiedliche Menschen arbeiten, mit individuellen Begabungen und Vorlieben; auch der Umgang mit Stress variiert: Der eine fühlt sich dadurch gepusht und empfindet Stress durchaus als beflügelnd, der andere leidet darunter und ist wie gelähmt. Auch ein versierter Umgang mit introvertierten Menschen ist schlicht von Vorteil, ihnen sind beispielsweise keine Großraumbüros mit ständig läutenden Telefonen zumutbar. Wer weiß, dass introvertierte Menschen häufig keinen Smalltalk mögen, wird sich nicht daran stoßen, wenn sie manche Pausen zurückgezogen verbringen.
Wer einen wertschätzenden Umgang mit Menschen pflegt, hat sicherlich geringere Personalrochaden zu beklagen. Das gilt auch und gerade für Branchen, in denen händeringend Mitarbeiter*innen gesucht werden.
Bild: mit Unterstützung von KI erstellt



Kommentare