Atemzüge
- C*

- vor 41 Minuten
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Dreimal während genau vier Wochen war ich nun mit meinem Vater in der Notfallambulanz - zufälligerweise immer im gleichen Krankenhaus.
Jedes Mal erfolgte die Überstellung in großer Sorge um meinen Vater, weil er infolge eines Harnwegsinfektes und beim zweiten Mal aufgrund eines heftigen Magen-Darm-Virus völlig desorientiert war. Beide Erkrankungen haben ihn sehr müde und apathisch gemacht.
Gestern musste abgeklärt werden, ob er etwa einen Schlaganfall erlitten hatte. Es gab ein paar Hinweise, die in diese Richtung gedeutet haben.
Aufgrund meiner besonderen Situation, dass ich mich in meiner beruflichen Rehabilitationsphase befinde, ist es mir möglich, sehr rasch in eine Ambulanz nachzukommen. Es herrschen immer Verständnis und Unterstützung von den Zuständigen in meinem Rehabetrieb, wenn eine Verständigung meinerseits erfolgt, dass die Rettung wieder einmal auf dem Weg ins Krankenhaus ist. Diesmal bin ich nicht abrupt aufgebrochen, sondern ich habe, sofern mir Ruhe überhaupt möglich war, noch ein paar wichtige Dinge erledigt - und bin dann ohne Hektik zum Bus gegangen. Ich wusste, mein Vater wäre gerade in der Ankunftsphase unter Beobachtung. So war es dann auch, er war wohl ein ziemlich dringender Fall für die Notfallmediziner*innen. Als ich eine Stunde nach seinem Eintreffen in der Akutambulanz bei ihm war, führten ein Arzt und eine Ärztin gerade die Anamnese durch - ich kam im richtigen Augenblick dazu und konnte die eine oder andere Auskunft beisteuern (obwohl doch ein ausführlicher Bericht aus dem Heim vorhanden war). Die Anweisungen während der Untersuchung durch den jungen Arzt konnte mein Vater gut umsetzen, was schon einmal einer gewissen Entwarnung gleichkam, einen eventuell erlittenen Schlaganfall betreffend. Er verstand die Aufgaben, obwohl er noch im Seniorenheim völlig apathisch war. Das ist auffällig: Sobald mein Vater Ärzt*innen wahrnimmt, beginnt er, wieder zu funktionieren. Da bäumt er sich auf, bündelt alle Kräfte, als wollte er demonstrieren, dass es noch nicht seine Abschiedsrunde ist.
Dennoch kam es gestern auch zu einer Schädeluntersuchung, es konnte allerdings auch bei dieser Untersuchung nichts Auffälliges festgestellt werden.
Wenn schließlich alle Untersuchungen erfolgt sind, kommt es üblicherweise zu einer längeren Wartezeit (sie kann zwei, drei Stunden und auch länger dauern), bis alle Befunde vorhanden sind und die betreuenden Ärzt*innen Zeit finden, diese Befunde zu bewerten und mit mir zu besprechen. Genau in dieser Phase ist es so wichtig, alte und hilflose Menschen nicht allein zu lassen. Sie liegen auf den Gängen oder in Kojen herum, stundenlang. Es gibt kaum Unterstützung für diese Menschen, es herrscht eine hektische und unpersönliche Atmosphäre. Gestern musste bei meinem Vater die Einlage gewechselt werden, dass sich dabei Blut im Urin befand, hat die Krankenschwester nicht irritiert. Sie meinte in einem etwas forschen Ton zu mir, das müsse mich nicht in Unruhe stürzen. Hmmm, der Mann hatte gerade einen sehr ausdauernden Harnwegsinfekt, da muss man sich doch wundern dürfen, wenn Blut im Urin auftaucht. Mein Einwand verpuffte auf dem Gang vor den Notfallkojen. Sooo frustrierend! Meine Stimmung lag wiederholt zwischen Ärger und Tränen.
Die Wartezeit nützte mein Vater für einige Nickerchen, während ich etwa zwei Stunden vor seinem Bett ausharrte - stehenderweise. In dieser Zeit habe ich ihn gründlich beobachtet - ihm die Hände gestreichelt, meine Jacke zurechtgerückt, die ihn wärmen sollte. Seine Unruhe war kaum zu beschwichtigen, Hände und Füße zuckten immer wieder, von Zeit zu Zeit schlug er ein Auge auf und starrte an die Decke. Was geht dir durch den Kopf, wollte ich wissen - und: Wovon träumst du? - Vom Fußballspielen! Sehr interessant, in den letzten Tagen ist der alte Mann mit Fußball beschäftigt. Vor einigen Tagen erzählte er mir am Telefon, er hätte Fußball gespielt (dabei saß er im Rollstuhl, und an weitreichende Bewegung ist schon lange nicht mehr zu denken). Ich beobachtete immer wieder, wie sich seine Brust hob und senkte. Mal ganz kräftig und dann wieder so leicht, dass ich seine Atemzüge kaum wahrnehmen konnte. Ganz beunruhigt stellte ich fest, dass ich die Augenfarbe meines Vaters nicht benennen könnte. Verzweiflung machte sich breit in mir - wie kann es sein, dass ich seine Augenfarbe nicht weiß??? Verstohlen musste ich mir immer wieder mit einem Taschentuch über die Augen fahren.
Ich frage mich in letzter Zeit oft, ob mein Vater in unsere gemeinsame Vergangenheit reist. Ob ihn noch Dinge belasten? Gestern war mir wichtig, ihm zu vermitteln, dass nichts mehr zwischen uns steht. Das fühle ich, meinte er mit geschlossenen Augen, um einige Sekunden später schon wieder in seine Fantasien abzutauchen, auf die ich mir keinen Reim machen kann.
Mir fällt auf, dass er keine Ängste äußert - früher waren solche überaus präsent. Wie wird sie einmal sein, diese letzte Stunde? Er klagt nicht, wo er sich doch einst von so vielen Krankheiten bedroht sah.
Mir ist seit Wochen klar, dass ich nicht ausweichen werde. Sofern er in seinen letzten Stunden Beistand haben möchte, bin ich da. Wenn er es denn zulässt - und sich nicht klammheimlich aus dieser Welt verabschiedet.
Papa, du kannst auf mich zählen. Ich wünsche dir, dass du friedlich einschlafen kannst.
Foto: C* - Als Familie haben wir schöne Zeiten in den Nockbergen erlebt. Ob diese Urlaubswochen noch präsent sind? Mein Vater war übrigens der eleganteste Schifahrer, den ich je live erlebt habe. Und er hat das hübsche Dorf in den Bergen geliebt - im Sommer wie im Winter. Diese Liebe teile ich mit meinem Vater.



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