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Atemzüge

  • Autorenbild: C*
    C*
  • 25. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Apr.




Dreimal während genau vier Wochen war ich nun mit meinem Vater in der Notfallambulanz - zufälligerweise immer im gleichen Krankenhaus.

Jedes Mal erfolgte die Überstellung in großer Sorge um meinen Vater, weil er infolge eines Harnwegsinfektes und beim zweiten Mal aufgrund eines heftigen Magen-Darm-Virus völlig desorientiert war. Beide Erkrankungen haben ihn sehr müde und apathisch gemacht.

Gestern musste abgeklärt werden, ob er etwa einen Schlaganfall erlitten hatte. Es gab ein paar Hinweise, die in diese Richtung gedeutet haben.


Aufgrund meiner besonderen Situation, dass ich mich in meiner beruflichen Rehabilitationsphase befinde, ist es mir möglich, sehr rasch in eine Ambulanz nachzukommen. Es herrschen immer Verständnis und Unterstützung von den Zuständigen in meinem Rehabetrieb, wenn eine Verständigung meinerseits erfolgt, dass die Rettung wieder einmal auf dem Weg ins Krankenhaus ist. Diesmal bin ich nicht abrupt aufgebrochen, sondern ich habe, sofern mir Ruhe überhaupt möglich war, noch ein paar wichtige Dinge erledigt - und bin dann ohne Hektik zum Bus gegangen. Ich wusste, mein Vater wäre gerade in der Ankunftsphase unter Beobachtung. So war es dann auch, er war wohl ein ziemlich dringender Fall für die Notfallmediziner*innen. Als ich eine Stunde nach seinem Eintreffen in der Akutambulanz bei ihm war, führten ein Arzt und eine Ärztin gerade die Anamnese durch - ich kam im richtigen Augenblick dazu und konnte die eine oder andere Auskunft beisteuern (obwohl doch ein ausführlicher Bericht aus dem Heim vorhanden war). Die Anweisungen während der Untersuchung durch den jungen Arzt konnte mein Vater gut umsetzen, was schon einmal einer gewissen Entwarnung gleichkam, einen eventuell erlittenen Schlaganfall betreffend. Er verstand die Aufgaben, obwohl er noch im Seniorenheim völlig apathisch war. Das ist auffällig: Sobald mein Vater Ärzt*innen wahrnimmt, beginnt er, wieder zu funktionieren. Da bäumt er sich auf, bündelt alle Kräfte, als wollte er demonstrieren, dass es noch nicht seine Abschiedsrunde ist.

Dennoch kam es gestern auch zu einer Schädeluntersuchung, es konnte allerdings auch bei dieser Untersuchung nichts Auffälliges festgestellt werden.

Wenn schließlich alle Untersuchungen erfolgt sind, kommt es üblicherweise zu einer längeren Wartezeit (sie kann zwei, drei Stunden und auch länger dauern), bis alle Befunde vorhanden sind und die betreuenden Ärzt*innen Zeit finden, diese Befunde zu bewerten und mit mir zu besprechen. Genau in dieser Phase ist es so wichtig, alte und hilflose Menschen nicht allein zu lassen. Sie liegen auf den Gängen oder in Kojen herum, stundenlang. Es gibt kaum Unterstützung für diese Menschen, es herrscht eine hektische und unpersönliche Atmosphäre. Gestern musste bei meinem Vater die Einlage gewechselt werden, dass sich dabei Blut im Urin befand, hat die Krankenschwester nicht irritiert. Sie meinte in einem etwas forschen Ton zu mir, das müsse mich nicht in Unruhe stürzen. Hmmm, der alte Mann hatte gerade einen sehr ausdauernden Harnwegsinfekt, da muss man sich doch wundern dürfen, wenn Blut im Urin auftaucht. Mein Einwand verpuffte auf dem Gang vor den Notfallkojen. Sooo frustrierend! Meine Stimmung lag wiederholt zwischen Ärger und Tränen.

Die Wartezeit nützte mein Vater für einige Nickerchen, während ich etwa zwei Stunden vor seinem Bett ausharrte - stehenderweise. In dieser Zeit habe ich ihn gründlich beobachtet - ihm die Hände gestreichelt, meine Jacke zurechtgerückt, die ihn wärmen sollte. Seine Unruhe war kaum zu beschwichtigen, Hände und Füße zuckten immer wieder, von Zeit zu Zeit schlug er ein Auge auf und starrte an die Decke. Was geht dir durch den Kopf, wollte ich wissen - und: Wovon träumst du? - Vom Fußballspielen! Sehr interessant, in den letzten Tagen ist der alte Mann mit Fußball beschäftigt. Vor einigen Tagen erzählte er mir am Telefon, er hätte Fußball gespielt (dabei saß er im Rollstuhl, und an weitreichende Bewegung ist schon lange nicht mehr zu denken). Ich beobachtete immer wieder, wie sich seine Brust hob und senkte. Mal ganz kräftig und dann wieder so leicht, dass ich seine Atemzüge kaum wahrnehmen konnte. Ganz beunruhigt stellte ich fest, dass ich die Augenfarbe meines Vaters nicht benennen könnte. Verzweiflung machte sich breit in mir - wie kann es sein, dass ich seine Augenfarbe nicht weiß??? Verstohlen musste ich mir immer wieder mit einem Taschentuch über die Augen fahren.


Ich frage mich in letzter Zeit oft, ob mein Vater in unsere gemeinsame Vergangenheit reist. Ob ihn noch Dinge belasten? Gestern war mir wichtig, ihm zu vermitteln, dass nichts mehr zwischen uns steht. Das fühle ich, meinte er mit geschlossenen Augen, um einige Sekunden später schon wieder in seine Fantasien abzutauchen, auf die ich mir keinen Reim machen kann.

Mir fällt auf, dass er keine Ängste äußert - früher waren solche überaus präsent. Wie wird sie einmal sein, diese letzte Stunde? Er klagt nicht, wo er sich doch einst von so vielen Krankheiten bedroht sah.

Mir ist seit Wochen klar, dass ich nicht ausweichen werde. Sofern er in seinen letzten Stunden Beistand haben möchte, bin ich da. Wenn er es denn zulässt - und sich nicht klammheimlich aus dieser Welt verabschiedet.

Papa, du kannst auf mich zählen. Ich wünsche dir, dass du friedlich einschlafen kannst.


Foto: C* - Als Familie haben wir schöne Zeiten in den Nockbergen erlebt. Ob diese Urlaubswochen noch präsent sind? Mein Vater war übrigens der eleganteste Schifahrer, den ich je live erlebt habe. Und er hat das hübsche Dorf in den Bergen geliebt - im Sommer wie im Winter. Diese Liebe teile ich mit meinem Vater.

 
 
 

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12 Kommentare


Rosa Ananitschev
Rosa Ananitschev
27. Apr.

Würde ich dich jetzt vor mir haben, würde ich dich gern umarmen, liebe C Stern. So kann ich das bloß in Gedanken machen.

Viel Kraft wünsche ich dir und möge der Weg deines Vaters in Frieden enden.

Herzlichst

Rosa

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C*
C*
27. Apr.
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Liebe Rosa,

ich war am Samstag wieder bei meinem Vater - und war verblüfft und froh, dass er da wieder viel mehr Leben in sich hatte. Er saß sogar im Rollstuhl und guckte in den Fernseher. Das hatte ich so überhaupt nicht erwartet. An den Tagen, an denen wir über mehrere Stunden im Krankenhaus verweilten, sah es viel übler aus.

Mein aktuelles Telefonat hat ergeben, dass er wieder gerne unter seinen Mitbewohner*innen sitzt. Mein Vater hat einiges dazugelernt, gerade in sozialer Hinsicht.

Eines Tages, so wünsche ich es ihm, soll es diesen ewigen Frieden für ihn geben. Mir ist bewusst geworden, wieviel Heilung in unserer Beziehung in den letzten Monaten und Wochen passiert ist. Interessanterweise genau so, wie es mir…

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Mano Ka
Mano Ka
26. Apr.

eine sehr schwere zeit durchlebst du gerade, dein vater natürlich ebenso. ich wünsche dir viel kraft und ausdauer, weiterhin mit zuneigung und liebe deinem vater zu begegnen. ich "durfte" gerade auch krankenhaus erleben und war dankbar, von pflegerInnen freundlich behandelt zu werden. bei meiner zimmernachbarin (sehr alt, teilweise sehr wirr und fordernd) war das leider nicht so der fall. für "schwierige" patienten ist offensichtlich zu wenig zeit. als es mir besser ging, konnte ich ihr etwas beistehen, z.b. helfen ihre angehörigen anzurufen oder ihr handtücher raussuchen.

krankheit, krankenhaus, hohes alter ist wahrlich eine herausforderung. gut, dass dein vater dich hat!

liebe grüße von mano

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C*
C*
26. Apr.
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Liebe Mano,

so ein Krankenhausaufenthalt macht einem sicher klar, wie gefordert die Menschen, die da arbeiten, sind. Und vielfach eben auch überfordert, weil die Personalsituation sehr belastend ist. So verhält es sich ja auch in einer Notaufnahme.

Es ist mir klar, dass schwierige Persönlichkeiten provozieren. Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, verdienen Respekt und wer einem da schwierig kommt, bringt da offensichtlich ein Fass zum Überlaufen. Mir gefällt sehr, dass Du der alten Dame geholfen hast, letztendlich hat sie vielleicht schwer an ihrem hohen Alter zu tragen.

Mein Vater hat sich gewandelt, heute mag man ihn. Anfangs war er extrem bockig und undankbar, wie überhaupt in seinem früheren Leben. Ich denke, er hat viel Ballast aus Kindheit und Jugend mitgetragen, fühlte…

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Bernhard Linux
Bernhard Linux
25. Apr.

Für mich ist Fürsorge obligatorisch. Zuerst mein Großvater, dann meine Mutter, jetzt die Schwiegereltern und die Enkel. Ich hoffe, dass ich da etwas den nächsten Generationen diesbezüglich weitergeben kann. LG Bernhard

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C*
C*
25. Apr.
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Hallo Bernhard,

es freut mich sehr, Dich hier in den Kommentaren zu lesen. Vielen Dank für Deine Gedanken und Herzlich Willkommen 🍀

Fürsorge ist etwas vom Essenziellsten überhaupt. Ich denke, Demokratien müssten als Basis ebenfalls Fürsorge haben.

Ich habe vor allem in meiner früheren Tätigkeit mit Kindern tatsächlich immer wieder den Eindruck gewonnen, dass sie sich an uns Erwachsenen orientieren, weshalb wir mit unserer gelebten Haltung offensichtlich viel weitergeben können.

Liebe Grüße, C Stern

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andreaobi
25. Apr.

Ich kann dich auch nur bewundern, liebe C Stern. Soviel Stärke und Liebe, die du für deinen Vater aufbringst, ihn auf seinem Leidensweg zu begleiten, das verdient mehr als Respekt. Bemerkungen, wie die von der Krankenschwester ertragen zu müssen, das könnte ich nicht verkraften. Vermutlich wäre ich sofort in Tränen aufgelöst. Überhaupt würde mich diese ganze Situation total überfordern. Schon, wenn ich das lese, spüre ich diesen Schmerz in meiner Brust. Das ist kaum auszuhalten. Ich bewundere dich!!!!

Ich wünsche dir weiterhin ganz viel Kraft und deinem Vater, dass er nicht mehr leiden muss.


Liebe Grüße

Andrea

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C*
C*
26. Apr.
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Liebe Andrea,

mir tut es leid, dass Du getriggert warst. Du kannst ganz beruhigt sein.

Ich war gestern bei beiden - Mama hat viel geplaudert und gemeinsam haben wir in einer Zeitschrift gelesen. Dass sie noch lesen kann, ist für mich überraschend. Über Inhalte nachdenken oder sie wiedergeben, das funktioniert schon lange nicht mehr, aber das ist so. Ich freue mich über jedes Zeichen, dass sie ein bisschen am Leben teilnimmt.

Bei meinem Vater habe ich auch eine positive Überraschung erlebt. Er saß im Rollstuhl und hatte den Fernseher an. Ich habe erwartet, dass er im Bett liegt - am Vortag ist er nämlich während des Essens, das ich ihm gereicht habe, immer wieder eingeschlafen. Zudem erlebe ich, dass er…

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Brigitte Fuchs
Brigitte Fuchs
25. Apr.

Es ist schon bewundernswert, was du für deine Eltern - und in diesem Falle für deinen Vater - leistest. Es muss eine sehr belastende Zeit für dich und euch sein. Aber vielleicht wird sie gerade darum auch zu einem wertvollen Bestandteil in deinem Leben.

Ich wünsche dir viel, viel Kraft für diesen Akt der Menschlichkeit und Liebe.

Mit herzlichen Grüssen,

Brigitte

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C*
C*
25. Apr.
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Aufrichtigen Dank für Deine mich wärmenden Worte, liebe Brigitte!

Es ist genau so, wie Du schreibst, diese Zeit ist belastbar wie kostbar zugleich. Emotional spielt sich vieles in mir ab, oft verspüre ich riesigen Kummer und viel Wehmut. Ich bin auch in diesen Situationen dankbar für meinen Partner, der mich toll unterstützt.

Dass mir inzwischen ein guter und nachhaltiger Weg zu den Herzen meiner Eltern gelingt, war ein jahrelanges mich Stellen der Vergangenheit und Gegenwart und resultiert auch aus vielen Therapieeinheiten. Zudem sehne ich mich immer nach Frieden - dass dieser eines Tages einmal gelingen würde, habe ich als junge Frau wohl so nicht erwartet.

Herzliche Grüße in die Schweiz 🌸

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