top of page

An der Wohnungstür

Autorenbild: C*
C*
vor 3 Stunden
2 Min. Lesezeit



Gestern Abend, 19:30 Uhr. Es läutet an der Wohnungstür, jemand klopft vehement an die Glasscheibe. Ich denke, es wird wohl jemand aus der unmittelbaren Nachbarschaft sein, etwas Wichtiges.

Ich öffne die Tür - doch hier steht kein*e Nachbar*in, sondern ein junger Mann im grünen T-Shirt mit weißem Schriftzug, das ihn einer bekannten Umweltorganisation zuordnet. Das Tablet ist bereits wichtig gezückt. Das gibt's doch nicht, jetzt kommen Spendenkeiler bereits an die Haustür.

Der Dialoger - diesen Begriff kannte ich bislang noch nicht, aber so werden jene meist jungen Menschen genannt, die für verschiedene soziale Organisationen Spendenverträge abschließen wollen - redet auf mich ein, als wollte er einen Preis gewinnen. Dabei spielt es keine Rolle, dass er nicht den Dialog sucht, sondern mich mit seinem Monolog zutextet. Als es mir endlich gelingt, seinen Redefluss zu stoppen, weise ich ihn freundlich aber bestimmt darauf hin, dass ich diese Art von Kontaktaufnahme überhaupt nicht schätze. Der junge Mann lässt sich jedoch kaum beirren, gibt sich eloquent und fängt an, mir alle Tätigkeitsbereiche der Organisation aufzuzählen, als wüsste ich darüber noch nicht Bescheid. Ich stelle mir vor, dass das zur Methode wird: Da stünden locker zehn bis fünfzehn Leute für ebenso viele Organisationen vor meiner Haustür, die mir Spendenverträge aufdrängen möchten. In der Innenstadt treten diese Leute zu bestimmten Zeiten gehäuft auf.

Meine Nachbarin hört uns und öffnet ihre Wohnungstür - sehr aufmerksam von ihr. Sie prüft, ob ich Hilfe brauche. Inzwischen scheint es mir allerdings zu gelingen, diesen aufdringlichen Spendenkeiler davon zu überzeugen, dass er bei mir nicht erfolgreich sein wird. Nach gefühlten zehn Minuten habe ich ihn endlich dazu gebracht, unser Stockwerk zu verlassen.


Vor einigen Jahren läutete es an der Wohnungstür meiner Eltern. Mein Vater öffnete, vor der Tür stand ein Dialoger für eine Rettungsorganisation und fing sofort an, auf meinen Vater einzuwirken. Als mein Vater die Tür schließen wollte, weil er ohnehin bereits für mehrere Hilfsorganisationen regelmäßig größere Beträge spendete, stellte der unverschämte Kerl einen Fuß in die Tür und redete so lange auf meinen hilflosen alten Vater ein, bis er nachgab und einen Vertrag unterschrieb. Ist es zu fassen?

Von dieser Begebenheit habe ich erst später erfahren. Die Angelegenheit war meinem Vater so peinlich, dass er sie mir lieber verschwiegen hätte. Ich wollte diesen Vertrag sofort kündigen, aber mein Vater meinte, alte Menschen wären doch auf diese Organisation besonders angewiesen.

Ich schätze es überhaupt nicht, wenn alte Menschen derartig übervorteilt werden. Den Spendenvertrag habe ich vor einigen Monaten gekündigt.


Foto: C*

 
 
 

Ähnliche Beiträge

Alle ansehen

2 Kommentare


Jutta Urbat
Jutta Urbat
vor 2 Stunden

Mit solchen Leuten habe ich auch schon meine Erfahrungen gemacht. Allerdings waren solche Organisationen noch nicht dabei. Meistens handelt es sich um Strom oder Internetanbieter. Die schrecken aber auch vor nichts zurück. Manche habe dann auch die Dreistigkeit besessen, zu behaupten, dass alles abgestellt wird und ich unbedingt einen neuen Vertrag bräuchte.

Wobei ich aber auch sagen muss, dass ich mich ab einer bestimmten Zeit nicht mehr rühre. Ich wohne hier alleine. Weiß ich, wer da vor der Tür steht.

Liebe Grüße - Jutta


Gefällt mir
C*
C*
vor einer Stunde
Antwort an

Umgekehrt hatte ich noch keine Strom- oder Internetanbieter vor der Haustür, liebe Jutta!

So ein Auftritt wird ganz sicherlich bei mir niemals von Erfolg gekrönt sein. Wenn ich spenden möchte oder einen anderen Strom- bzw. Internetanbieter suche, dann geht das Interesse von mir aus.

Die Masche, die da bei Dir angewandt wurde, ist eine freche Drohung, die Konsequenzen nach sich ziehen sollte. Absichtliche Täuschung - man kann sich vorstellen, dass so eine Aussage Menschen kopflos machen kann und sie sich gezwungen sehen, eine Unterschrift zu leisten. Unfassbar!

Liebe abendliche Grüße aus Linz nach Berlin, C Stern

Gefällt mir
bottom of page