Altwerden
- C*

- vor 12 Stunden
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Altwerden ist nichts für Feiglinge, das ist ein Satz, der sich in den Medien geradezu aufdrängt.
Umso mehr fühle ich mich zutiefst davon berührt, wie mein Vater mit seiner Situation umgeht. Ich hätte es noch vor wenigen Jahren keinesfalls für möglich gehalten, dass er am Ende seines Lebens sehr viel Geduld und Dankbarkeit zeigen würde und gleichzeitig den Pfleger*innen keine Probleme bereitet. Er jammert nicht, er lässt alles an sich verrichten - das einzige, worin wir uns alle sehr sorgen an seinen schlechten Tagen (die in der Überzahl sind): Er mag einfach nicht mehr trinken. Und auch mit fester Nahrung ist es dann schwierig, bei der Nahrungsaufnahme muss er unterstützt werden und er isst nur wenig.
Am vergangenen Wochenende habe ich eine Überraschung erlebt. Als ich knapp nach dem Mittagessen eintraf, war mein Vater munter, er ruhte mit offenen Augen und zeigte sich neugierig, wer denn sein Besuch sei.
Und bereits in den ersten Minuten unseres Zusammenseins stellte ich sehr erfreut bei mir fest, dass er auch klarer als bei meinen vorangegangenen Besuchen war. So saß ich bei ihm und wir konnten eine Unterhaltung führen. Ich erzählte von meiner Urlaubswoche - eine Wiederholung, denn davon habe ich schon berichtet - und er zeigte sich erfreut, stellte auch kurze Fragen oder gab Antworten. Es war, als wäre er ein bisschen mit uns mitgereist.
Als wir Fotos aus längst vergangenen Jahren betrachtet haben, kamen wir auf sein Alter zu sprechen. Mein Vater meinte, er sei noch jung. (Die gleiche Feststellung kenne ich auch von meiner Mutter in Bezug auf ihr Alter.) Wir rechneten nach und er kam auf sein tatsächliches Alter, immerhin ist er seit über 88 Jahren Erdenbürger. Als ich meinte, er sei auch schon 25 Jahre in Pension, kam seine von einem leichten Schmunzeln begleitete Antwort: Ist das jetzt ein Vorwurf? Ich musste lachen, so ein Satz, auf seine so spezielle trockene Art serviert, er passt so gut zu ihm.
An schlechten Tagen sind überhaupt keine Gespräche möglich. Da schläft mein Vater viel, ist kaum ansprechbar und völlig desorientiert - in Bezug auf sein räumliches Umfeld wie auch auf seine eigene Person. Dazu kann er in solchen Phasen keine Angaben machen.
Heute saß ich wieder am Bett meines Vaters, er schlief so tief, dass es weder mir noch den sehr zugewandten Pflegekräften gelang, ihn zu wecken. Mehrmals waren sie bei uns, der Atem meines Vaters war total verhalten - man konnte ihn kaum entdecken, seine Haut war kalt. Ein Pfleger hielt sein Ohr eng an den Mund meines Vaters ... Ich war ganz ruhig - und dachte nur, ich nehme diese Situation an, wie sie kommt ...
Vor vielen Jahren, als ich noch eine junge Frau war, habe ich es nicht für möglich gehalten, dass mir der letzte Abschnitt des Lebensweges meines Vaters so nahegehen würde. Es ist mir auch nicht in den Sinn gekommen, ihn dabei eventuell intensiv zu begleiten. Damals konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass ich eines Tages für meinen Vater tiefe Liebe und Mitgefühl empfinden würde. Heute nehme ich seine Hand in meine Hand - eine Hand, die einst Gewalt über mich gebracht hat. Ich blicke auf diese Hand, streiche sanft darüber und fühle dieses Wunder, diese Gnade, die wie ein großes Geschenk für mich ist, dass kein Groll mehr in meinem Herzen schwer wiegt. Ich fühle mich so erlöst und befreit von einer Last, von der man sich nur selbst befreien kann.
Papa, zwischen uns steht nichts mehr aus unserer Vergangenheit, das habe ich ihm schon vor Monaten gesagt. Ich fühle es, war seine Antwort.
Bild: mit Hilfe von KI erstellt #Liebe #Dankbarkeit



Wie wunderschön ist dieses Beieinader sein als Erlösung von früheren Differenzen und Unstimmigkeiten.
Ich freue mich für euch beide, dass sich alles Belastende gelöst hat und ihr euch ohne Groll begegnen könnt, mal intensiver, mal schwächer.
Ein grosser Friede scheint sich zwischen euch auszubreiten.
Danke für deine Schilderungen und beste Wünsche und Grüsse,
Brigitte