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Altwerden

Autorenbild: C*
C*
26. Aug.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Okt.





















Altwerden ist nichts für Feiglinge, das ist ein Satz, der sich in den Medien geradezu aufdrängt.

Umso mehr fühle ich mich zutiefst davon berührt, wie mein Vater mit seiner Situation umgeht. Ich hätte es noch vor wenigen Jahren keinesfalls für möglich gehalten, dass er am Ende seines Lebens sehr viel Geduld und Dankbarkeit zeigen würde und gleichzeitig den Pfleger*innen keine Probleme bereitet. Er jammert nicht, er lässt alles an sich verrichten - das einzige, worin wir uns alle sehr sorgen an seinen schlechten Tagen (die in der Überzahl sind): Er mag einfach nicht mehr trinken. Und auch mit fester Nahrung ist es dann schwierig, bei der Nahrungsaufnahme muss er unterstützt werden und er isst nur wenig.


Am vergangenen Wochenende habe ich eine Überraschung erlebt. Als ich knapp nach dem Mittagessen eintraf, war mein Vater munter, er ruhte mit offenen Augen und zeigte sich neugierig, wer denn sein Besuch sei.

Und bereits in den ersten Minuten unseres Zusammenseins stellte ich sehr erfreut bei mir fest, dass er auch klarer als bei meinen vorangegangenen Besuchen war. So saß ich bei ihm und wir konnten eine Unterhaltung führen. Ich erzählte von meiner Urlaubswoche - eine Wiederholung, denn davon habe ich schon berichtet - und er zeigte sich erfreut, stellte auch kurze Fragen oder gab Antworten. Es war, als wäre er ein bisschen mit uns mitgereist.

Als wir Fotos aus längst vergangenen Jahren betrachtet haben, kamen wir auf sein Alter zu sprechen. Mein Vater meinte, er sei noch jung. (Die gleiche Feststellung kenne ich auch von meiner Mutter in Bezug auf ihr Alter.) Wir rechneten nach und er kam auf sein tatsächliches Alter, immerhin ist er seit über 88 Jahren Erdenbürger. Als ich meinte, er sei auch schon 25 Jahre in Pension, kam seine von einem leichten Schmunzeln begleitete Antwort: Ist das jetzt ein Vorwurf? Ich musste lachen, so ein Satz, auf seine so spezielle trockene Art serviert, er passt so gut zu ihm.


An schlechten Tagen sind überhaupt keine Gespräche möglich. Da schläft mein Vater viel, ist kaum ansprechbar und völlig desorientiert - in Bezug auf sein räumliches Umfeld wie auch auf seine eigene Person. Dazu kann er in solchen Phasen keine Angaben machen.

Heute saß ich wieder am Bett meines Vaters, er schlief so tief, dass es weder mir noch den sehr zugewandten Pflegekräften gelang, ihn zu wecken. Mehrmals waren sie bei uns, der Atem meines Vaters war total verhalten - man konnte ihn kaum entdecken, seine Haut war kalt. Ein Pfleger hielt sein Ohr eng an den Mund meines Vaters ... Ich war ganz ruhig - und dachte nur, ich nehme diese Situation an, wie sie kommt ...

Vor vielen Jahren, als ich noch eine junge Frau war, habe ich es nicht für möglich gehalten, dass mir der letzte Abschnitt des Lebensweges meines Vaters so nahegehen würde. Es ist mir auch nicht in den Sinn gekommen, ihn dabei eventuell intensiv zu begleiten. Damals konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass ich eines Tages für meinen Vater tiefe Liebe und Mitgefühl empfinden würde. Heute nehme ich seine Hand in meine Hand - eine Hand, die einst Gewalt über mich gebracht hat. Ich blicke auf diese Hand, streiche sanft darüber und fühle dieses Wunder, diese Gnade, die wie ein großes Geschenk für mich ist, dass kein Groll mehr in meinem Herzen schwer wiegt. Ich fühle mich so erlöst und befreit von einer Last, von der man sich nur selbst befreien kann.

Papa, zwischen uns steht nichts mehr aus unserer Vergangenheit, das habe ich ihm schon vor Monaten gesagt. Ich fühle es, war seine Antwort.


Bild: mit Unterstützung von KI erstellt #Liebe #Dankbarkeit

 
 
 

12 Kommentare


gudrunebert
28. Aug.

Ich finde es schön und auch sehr berührend, dass ihr noch eine gute Zeit miteinander haben könnt. So behaltet ihr euch in guter Erinnerung und seid nicht mit Zorn und Hader. Ich finde es gut, wenn Ungutes aus der Vergangenheit nicht mehr die entscheidende Rolle spielt. Hochachtung habe ich vor dir, dass du vergeben konntest. Ich kann mir vorstellen, dass man sich frei fühlt. Dein Beitrag strahlt so viel wohltuende Ruhe aus. Danke.

Liebe Grüße und alles Gute.

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C*
C*
28. Aug.
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Liebe Gudrun,

lieben Dank für Deine liebe Rückmeldung.

Ich bin mir sehr sicher, dass meine Seele da Regie übernommen hat, denn in meinem Innersten habe ich mich immer nach Frieden gesehnt, obwohl ich im Außen noch sehr wütend war.

Ich erinnere mich, vor mehreren Jahren war ich bei einer hervorragenden Astrologin, eine sehr lebenserfahrene ältere Frau. Damals haben wir darüber gesprochen, dass ich mit etwa dreißig Jahren überlegt hatte, den Kontak zu meinem Elternhaus abzubrechen. Ich nahm damals, in diesem Alter, auch Therapiestunden, weil mich so vieles ganz arg gequält hat. Meine Astrologin hat ganz klar gesehen, dass mir dieser Abbruch nicht gut getan hätte - und das sehe ich jetzt, so viele Jahre später - ganz klar auch selbst…

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Traude Rostrose
Traude Rostrose
27. Aug.

Liebe C*,

das alles kommt mir ziemlich bekannt von meiner Mutter vor - ich hätte sie nie für eine Meisterin der Geduld und Dankbarkeit gehalten, doch gegen Ende ihres Lebens konnte sie es...; die schlechten Tage, an denen sie meine Besuche verschlief oder desorientiert war... und dann diese seltenen Momente, wo sie putzmunter und ansprechbar war. Allerdings hielt meine Mutter sich nicht für jung. Sie, die früher immer gern für jünger gehalten wurde, als sie war, versuchte mich immer wieder zu überzeugen, dass sie 100 war - und ich fing dann auch mit ihr zu rechnen an. Was ich mir allerdings hätte ersparen können, denn bei nächster Gelegenheit war sie wieder 100 😉.

Meine Mutter und ich waren emotional nie…

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C*
C*
28. Aug.
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Liebe Traude,

vielleicht war es ein Wunsch Deiner Mutter, 100 Jahre alt zu werden?

Jedenfalls staune ich immer wieder, was in den Wachphasen ausgesprochen wird, obwohl Menschen tagelang nicht orientiert sind. Heute war ich mit meiner Kusine bei meinem Vater, zunächst war er sehr verwirrt - und dann ist es ihr sogar gelungen, dass er für seine Verhältnisse sehr viel getrunken hat, wie bei ihrem letzten Besuch.

Auch erstaunlich, wie lange mein Vater ausgezeichnet und außergewöhnlich gut Kopfrechnen konnte. Da war auch der Arzt, der ihn mehrfach testete, verblüfft, denn das können die meisten jüngeren Menschen nicht in der Art und Geschwindigkeit, wie es mein Vater konnte.

Ich bin ziemlich geschafft und freue mich daher über das Wochenende,

ich wünsche…


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Mano Ka
Mano Ka
27. Aug.

ich freue mich sehr, dass du jetzt in frieden und liebe mit deinem vater umgehen kannst. mir war das bei meinem schwager, der in seinen letzten wochen nichts anderes mehr tat als zu jammern und sich über alles zu beschweren, nicht mehr möglich. da gab es nur gelegentliche momente, die freude und nähe zeigten. schade! dir und deinem vater noch gute gemeinsame tage!

liebe grüße von mano

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C*
C*
27. Aug.
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Vielen Dank, liebe Mano!

Ich kann Dein Bedauern sehr gut nachvollziehen, dass dieser versöhnliche Frieden (auch wenn es kleine gute Momente gab) mit Deinem Schwager nicht mehr gelungen ist. So, wie ich Dich einschätze, hast Du sehr viel für ein Gelingen gegeben. Aber auch, wenn wir uns dieses Loslassen von Groll noch so sehr wünschen - auf das Verhalten von Menschen gibt es in dieser Hinsicht leider keine Einflussmöglichkeit. Schlimm ist soviel Groll auch für den, der geht. Ich höre immer wieder, dass verbitterte Menschen keinen leichten letzten Weg haben. Ich will mir das gar nicht ausmalen.

Ich grüße Dich sehr herzlich, C Stern

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stemmer.recklinghausen
stemmer.recklinghausen
27. Aug.

Wie heilsam, einen solchen Abschied in Frieden erleben zu können. Und vielleicht sind weniger Essen und Trinken auch nicht zu übersehende Schritte auf seinem Weg.

Wünsche dir weiterhin Sanft-Mut und inneren Frieden, mit dem, was ist.

Herzliche Grüße

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C*
C*
27. Aug.
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Mir ist bewusst, dass mangelnder Wille zum Essen und Trinken ein Zeichen ist.

Meine Schwester tritt weiterhin vehement dafür ein, dass mein Vater noch mehrmals in der Woche Physiotherapien macht. Seine Bedürfnisse liegen jedoch ganz woanders, da ist sich das Pflegeteam einig mit der ausgezeichneten und sehr zugewandten Ärztin, die meinen Vater über viele Jahre kennt. Er hat seinen Willen auch bei einem Notar festgehalten, danach werden wir auch handeln. Er hat nichts mehr, was sein Leben bereichert. Er hat abgeschlossen, möchte keine Zeitung mehr, kein Radio, keinen Fernseher. Diese drei Komponenten waren ihm sehr wichtig bis vor einem halben Jahr, jetzt will er es nur noch ruhig.

Danke für Deinen schönen Wunsch - Sanft-Mut, danke sehr für Deinen Hinweis…

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Markus Kolbeck
Markus Kolbeck
27. Aug.

Ich fühle das so mit. Mein Vater ist 87, sitzt unten, schläft meistens, ißt immer weniger, spricht so gut wie nicht mehr, ist aber stets klar im Kopf. Aber wenn ich kommunizieren will, winkt er nur ab. Er ist lebenssatt, alles eine Belastung, ein nicht mehr gewollter Zusatz. Und wie dir erlebe ich ihn so ruhig, wie er zeitlebens als jährzorniger Mensch nicht war, so, ja ich möchte fast sagen, handzahm. Doch hege auch ich keinen Groll mehr, sonder leide mit seinem Kräfteverfall, der Einschkränkung seines Radius (Interessen, Aktionen, Wünsche) mit. Ich arbeite auf einer geriatrischen Station als Pfleger, aber beim eigenen Vater ist das eine andre G'schicht. Stufenweise Abschied nehmen. Ich wünsche dir noch viele schöne klare Momente mit…

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C*
C*
27. Aug.
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Ich danke Dir sehr für Deine Gedanken, Markus! Freue mich, von Dir zu lesen.

Lebenssatt - ein Wort, das auch mir immer wieder im Kopf kreist. Genau dieses Wort habe ich auch schon im Zusammenhang mit der Situation meines Vaters gedacht, es beschreibt die Situation.

Jähzorn - und dann soviel Stille, ich kenne das nur zu gut. Ich lese sehr gerne, dass Du ebenfalls dieses Wunder erlebst, keinen Groll mehr zu hegen. Es ist so unfassbar wohltuend - für beide Seiten.

Dieses In-Sich-Gefangen-Sein und nicht mehr zu wollen, das prägt mich. Meine Mama ist ebenfalls sehr fortgeschritten dement, bekommt zudem hohe Dosen Schmerzmittel (Fentanyl) - aber bei ihr erlebe ich noch Aktivität (sie spricht sehr viel) und Lebensfreude.

Ich ziehe…

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