Zuwendung
- C*

- vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 1 Tag

Es war Plan, dass mein Vater heute wieder in seinem Wohnheim ankommen sollte. Das wurde mir bereits am Mittwoch im Krankenhaus mitgeteilt und auch gestern lautete die Information auf diese Weise. So staunte man im Seniorenheim nicht schlecht, als ich auftauchte. Rasch wurde klar, dass die Info über die Verlängerung des Krankenhausaufenthaltes dort angekommen war, aber nicht bei mir.
So beschloss ich, zuerst meine Mutter zu besuchen - und im Anschluss meinen Vater. Ich hatte einige hochkalorische Getränke bei mir, da meine Mama sehr dünn ist, weil sie nur noch wenig isst. Das Getränk mit Vanillenote trank sie mit überraschendem Tempo, es musste also geschmeckt haben. Das bestätigte sie auch, als ich danach fragte.
Einige weitere Getränke (ganz wichtig: laktosefrei) nahm ich mit zu meinem Vater, obgleich mir die Ärztin gestern etwas unwirsch bestätigte, dass er bereits mit derartigen Getränken versorgt werde. Seltsam, ich hatte noch keines gesehen ...
Als ich bei meinem Vater ankam, fand ich ihn verzweifelt in einem Stuhl vor, nur mit einem Nachthemd bekleidet, das am Rücken offensteht. Er zitterte am ganzen Körper, es war offensichtlich, dass ihm im kühlen Zimmer kalt war. Er hatte seine Strickweste nicht an, trug keine Socken, hatte keine Decke zur Verfügung. Er erzählte, er habe schon gerufen, aber es sei keiner gekommen. Die Mitarbeiter*innen wissen doch, dass mein Vater kognitiv bereits stark beeinträchtigt ist - er ist daher auch nicht mehr in der Lage, auf den roten Knopf zu drücken, um sich Hilfe zu holen. Ich war entsetzt, meinen Vater so vorzufinden. Auch sein Zimmerkollege saß auf die gleiche Weise auf dem Stuhl, bloß, dass er nicht zitterte.
Rasch holte ich eine Pflegeschwester, ich bat sie, meinem Vater ins Bett zu helfen. Ich merkte, dass meine Bitte nicht sonderlich gut ankam - wie man einen alten Menschen überhaupt auf so eine Weise sich selbst überlassen kann, ist mir ein Rätsel ... Im Zimmer ist es immer kühl, da braucht es warme Socken, ein Jackerl oder eine Decke zum Zudecken.
Ich musste vor dem Zimmer warten und als ich wieder zu den Patienten durfte, lag mein Vater völlig matt in seinem Bett. Ich war noch immer fassungslos.
Mein Blick fiel auf ein hochkalorisches Getränk. Ich fragte die gleiche Pflegerin, seit wann er dieses Getränk bekäme - ich war nicht sonderlich überrascht, als sie mir meine Vermutung bestätigte: Anders, als die Ärztin mich wissen ließ, sollte er dieses Getränk erst mit heute drei mal täglich erhalten. Innerlich schüttelte ich den Kopf über die Ärztin und machte die Pflegekraft darauf aufmerksam, dass ich eine laktosefreie Variante dabei hätte. Wiederum war ich bass erstaunt, dass man auch darauf keine Rücksicht genommen hatte - es ist doch bekannt, dass mein Vater eine Laktoseintoleranz hat. In solchen Momenten muss ich sehr an mich halten, um nicht zu platzen.
Papa nahm das Getränk an, ich erklärte ihm bei jedem Schluck, dass er seiner Gesundung einen Schritt näherkäme. Ich möchte ihn doch so gerne motivieren.
In meinem Rücken klagte der Zimmerkollege, dass ihm auch kalt sei und er sich gerne hinlegen würde, darüber informierte ich selbige Pflegekraft, ihre Antwort war unfassbar: Der Herr bleibt sitzen, bis das Essen kommt. (Da musste er mindestens noch eine Stunde warten.) Der alte Mann tat mir sehr leid, so versuchte ich mein Bestes, um ihn gut in seine Bettdecke einzuwickeln, was er dankbar annahm. Mehr konnte ich leider nicht für ihn tun, und ich schwor mir, seine Tochter darüber zu informieren, falls ich ihr wieder begegnen sollte.
Als ich schließlich aufbrechen musste, übermittelte ich der nun schon sichtlich genervten Krankenpflegerin, dass mein Vater, sofern er auf dem Sessel sitzt, unbedingt eine Decke brauche. Das wurde mir zugesagt.
Ich bin neugierig, was mich morgen erwartet, und ich hoffe inständig, dass Papa bald ins Heim zurückkehren kann, denn dort bekommt er liebevolle Zuwendung.
Foto: Pixabay, Sabine van Erp



Gut, dass die Eltern dich haben. Du setzt dich für sie und auch noch andere ein und hilfst.
Mir wird Angst und bange, wenn ich an meine Zukunft denke. Mein Rheuma hat Anfang des Jahres ganze Arbeit geleistet. Ich merke, dass sich wieder einiges verschlechtert hat. Und wenn ich lese, wie unsere Gesundheitsministerin den Pflegenotstand begrenzen will, wird mir kalt.
Gut, dass du für deine Eltern da bist. Ich habe großen Respekt davor, wie du dich einsetzt.
Ich wünsche dir viel Kraft und grüße dich herzlich.
Patienten, die sich nicht wehren können, sind besonders bei solch schlimmen Situationen betroffen.
Wenn ich darüber nachdenke, bekomme ich Angst. Auch ich werde nicht jünger und die Wehwehchen werden mehr und heftiger. Und irgendwann werde ich mich vielleicht in einer solchen Situation wiederfinden. Hoffentlich nicht!
Ich wünsche deinem Vater alles Gute und dir viel Kraft.
Liebe Grüße
Traudi
Mich erschüttern deine Berichte. Dass es so schlimm ist, hätte ich nicht gedacht. Da ist auf einmal der Gedanke fast schon tröstlich, dass meine lieben Eltern nicht mehr leiden müssen. Das ist kein Leben mehr.
Auch den anderen kann ich mir nur anschließen ...
Viel Kraft wünsche ich Dir!
Solche Erlebnisse haben nahezu alle, die Eltern in Pflege- oder Seniorenheimen haben/hatten. Völlig überfordertes Personal, da meist auch unterbesetzt. Eine Freundin von mir hat mal als Stationsschwester geabeitet und mir berichtet, sie sei nahezu ausschließlich damit beschäftigt, Mangel zu verwalten. Lange hat sich das nicht ausgehalten, weil sie die Konsequenzen mit sich nicht mehr vereinbaren konnte. Und schon wieder eine Pflegekraft weniger ... Und ja, ich finde es auch beängstigend, wenn ich daran denke, dass mir das auch passieren könnte. Leider sind in unserer Gesellschaft Arbeiten am/ mit Menschen meist auch schlecht bezahlt. Amortisiert sich ja auch nicht ...
Dennoch grüße ich dich herzlich und wünsche dir Kraft, Gelassenheit und Durchhaltevermögen.
Das ist ja schrecklich! Wer möchte da alt und gebrechlich werden! Richtig Angst bekommt man davor.
Zum Glück haben deine Eltern in dir einen "Schutzengel", der allerdings - wie alle Engel - nicht ständig zugegen sein kann.
Beste Wünsche von mir an euch alle. Und lieben Gruss, Brigitte