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Zuwendung

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag




Es war Plan, dass mein Vater heute wieder in seinem Wohnheim ankommen sollte. Das wurde mir bereits am Mittwoch im Krankenhaus mitgeteilt und auch gestern lautete die Information auf diese Weise. So staunte man im Seniorenheim nicht schlecht, als ich auftauchte. Rasch wurde klar, dass die Info über die Verlängerung des Krankenhausaufenthaltes dort angekommen war, aber nicht bei mir.

So beschloss ich, zuerst meine Mutter zu besuchen - und im Anschluss meinen Vater. Ich hatte einige hochkalorische Getränke bei mir, da meine Mama sehr dünn ist, weil sie nur noch wenig isst. Das Getränk mit Vanillenote trank sie mit überraschendem Tempo, es musste also geschmeckt haben. Das bestätigte sie auch, als ich danach fragte.

Einige weitere Getränke (ganz wichtig: laktosefrei) nahm ich mit zu meinem Vater, obgleich mir die Ärztin gestern etwas unwirsch bestätigte, dass er bereits mit derartigen Getränken versorgt werde. Seltsam, ich hatte noch keines gesehen ...

Als ich bei meinem Vater ankam, fand ich ihn verzweifelt in einem Stuhl vor, nur mit einem Nachthemd bekleidet, das am Rücken offensteht. Er zitterte am ganzen Körper, es war offensichtlich, dass ihm im kühlen Zimmer kalt war. Er hatte seine Strickweste nicht an, trug keine Socken, hatte keine Decke zur Verfügung. Er erzählte, er habe schon gerufen, aber es sei keiner gekommen. Die Mitarbeiter*innen wissen doch, dass mein Vater kognitiv bereits stark beeinträchtigt ist - er ist daher auch nicht mehr in der Lage, auf den roten Knopf zu drücken, um sich Hilfe zu holen. Ich war entsetzt, meinen Vater so vorzufinden. Auch sein Zimmerkollege saß auf die gleiche Weise auf dem Stuhl, bloß, dass er nicht zitterte.

Rasch holte ich eine Pflegeschwester, ich bat sie, meinem Vater ins Bett zu helfen. Ich merkte, dass meine Bitte nicht sonderlich gut ankam - wie man einen alten Menschen überhaupt auf so eine Weise sich selbst überlassen kann, ist mir ein Rätsel ... Im Zimmer ist es immer kühl, da braucht es warme Socken, ein Jackerl oder eine Decke zum Zudecken.

Ich musste vor dem Zimmer warten und als ich wieder zu den Patienten durfte, lag mein Vater völlig matt in seinem Bett. Ich war noch immer fassungslos.

Mein Blick fiel auf ein hochkalorisches Getränk. Ich fragte die gleiche Pflegerin, seit wann er dieses Getränk bekäme - ich war nicht sonderlich überrascht, als sie mir meine Vermutung bestätigte: Anders, als die Ärztin mich wissen ließ, sollte er dieses Getränk erst mit heute drei mal täglich erhalten. Innerlich schüttelte ich den Kopf über die Ärztin und machte die Pflegekraft darauf aufmerksam, dass ich eine laktosefreie Variante dabei hätte. Wiederum war ich bass erstaunt, dass man auch darauf keine Rücksicht genommen hatte - es ist doch bekannt, dass mein Vater eine Laktoseintoleranz hat. In solchen Momenten muss ich sehr an mich halten, um nicht zu platzen.

Papa nahm das Getränk an, ich erklärte ihm bei jedem Schluck, dass er seiner Gesundung einen Schritt näherkäme. Ich möchte ihn doch so gerne motivieren.

In meinem Rücken klagte der Zimmerkollege, dass ihm auch kalt sei und er sich gerne hinlegen würde, darüber informierte ich selbige Pflegekraft, ihre Antwort war unfassbar: Der Herr bleibt sitzen, bis das Essen kommt. (Da musste er mindestens noch eine Stunde warten.) Der alte Mann tat mir sehr leid, so versuchte ich mein Bestes, um ihn gut in seine Bettdecke einzuwickeln, was er dankbar annahm. Mehr konnte ich leider nicht für ihn tun, und ich schwor mir, seine Tochter darüber zu informieren, falls ich ihr wieder begegnen sollte.

Als ich schließlich aufbrechen musste, übermittelte ich der nun schon sichtlich genervten Krankenpflegerin, dass mein Vater, sofern er auf dem Sessel sitzt, unbedingt eine Decke brauche. Das wurde mir zugesagt.

Ich bin neugierig, was mich morgen erwartet, und ich hoffe inständig, dass Papa bald ins Heim zurückkehren kann, denn dort bekommt er liebevolle Zuwendung.


Foto: Pixabay, Sabine van Erp

 
 
 

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10 Kommentare


gudrunebert
vor 18 Stunden

Gut, dass die Eltern dich haben. Du setzt dich für sie und auch noch andere ein und hilfst.

Mir wird Angst und bange, wenn ich an meine Zukunft denke. Mein Rheuma hat Anfang des Jahres ganze Arbeit geleistet. Ich merke, dass sich wieder einiges verschlechtert hat. Und wenn ich lese, wie unsere Gesundheitsministerin den Pflegenotstand begrenzen will, wird mir kalt.

Gut, dass du für deine Eltern da bist. Ich habe großen Respekt davor, wie du dich einsetzt.

Ich wünsche dir viel Kraft und grüße dich herzlich.

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C*
C*
vor 15 Stunden
Antwort an

Vielen Dank für Deine Gedanken! Ich verstehe Deine Sorgen, vor allem, wenn sich Krankheiten deutlich vernehmbar verschlechtern. Ich glaube auch, dass wir inzwischen in einer Welt der Zwei- oder Drei-Klassen-Medizin angekommen sind. Wer zahlt, bestimmt die Leistungen und auch die Qualität von medizinischen Zuwendungen. Das ist das Hinterfragenswerte, dass man sich bessere Leistungen erkaufen kann ... Tragisch deswegen, weil das nur wenigen Menschen möglich ist.


Ich kann es mir momentan zeitlich gut einteilen, da ich meine berufliche Reha mache. In einem "normalen" Arbeitsverhältnis wäre all das, meine tägliche Präsenz und meine Begleitungen in Notfallambulanzen, nicht machbar.

Ich glaube auch, dass meine Schwester manchmal nicht versteht, dass ich zuerst auf jeden Fall auf Freundlichkeit setze, wenn ich etwas beobachte, das schiefläuft.…

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nandana
vor 21 Stunden

Patienten, die sich nicht wehren können, sind besonders bei solch schlimmen Situationen betroffen.

Wenn ich darüber nachdenke, bekomme ich Angst. Auch ich werde nicht jünger und die Wehwehchen werden mehr und heftiger. Und irgendwann werde ich mich vielleicht in einer solchen Situation wiederfinden. Hoffentlich nicht!

Ich wünsche deinem Vater alles Gute und dir viel Kraft.


Liebe Grüße

Traudi

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C*
C*
vor 16 Stunden
Antwort an

Es sind Patient*innen, alte Menschen und auch Kinder, die oft Unterstützung bräuchten - weil sie Schikanen von frustrierten Arbeitnehmer*innen ausgeliefert sind. Es ist schmerzlich, zu erleben, dass sie in misslichen Situationen keine Hilfe erfahren. Ich habe mir das auch oft in meinem früheren Beruf als Stützpädagogin gedacht. Ich war wiederholt verblüfft und auch verärgert, dass Eltern ein unangemessenes Verhalten von Pädagog*ìnnen und Lehrer*innen ignorierten.

Ja, diese Umstände bereiten Sorgen in Hinblick aufs Älterwerden - auch mir.

Ich danke Dir für Deine guten Wünsche, herzliche Grüße & ein schönes Wochenende 🪻

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andreaobi
vor einem Tag

Mich erschüttern deine Berichte. Dass es so schlimm ist, hätte ich nicht gedacht. Da ist auf einmal der Gedanke fast schon tröstlich, dass meine lieben Eltern nicht mehr leiden müssen. Das ist kein Leben mehr.

Auch den anderen kann ich mir nur anschließen ...


Viel Kraft wünsche ich Dir!

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C*
C*
vor 16 Stunden
Antwort an

Heute war ich mit meinem Lebensgefährten bei meinem Vater. Mein Partner hat es gerne kühl in Räumen, aber er war hörbar überrascht, wie sehr die Klimaanlage in einem Krankenzimmer eingesetzt wird, um einen Raum auf unbrauchbare Temperaturen zu senken.

Dafür hatte mein Vater seine Strickweste über dem Nachthemd an und er trug auch Socken. Zudem war ihm auch ein Fläschchen vom hochkalorischen Getränk gereicht worden. Er war am Nachmittag jedenfalls gesprächiger, wenn auch trotzdem sehr verwirrt. Er wollte wissen, wann er wieder zurückdürfe in sein Wohnheim. Es beschäftigt ihn also - und das freut mich. Wir haben ihn bei jedem Löffelchen Apfelmus motiviert, zu essen, damit er wieder Kraft bekommt.

Ich habe mich gestern telefonisch mit meiner Schwester abgestimmt, um…

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stemmer.recklinghausen
stemmer.recklinghausen
vor einem Tag

Solche Erlebnisse haben nahezu alle, die Eltern in Pflege- oder Seniorenheimen haben/hatten. Völlig überfordertes Personal, da meist auch unterbesetzt. Eine Freundin von mir hat mal als Stationsschwester geabeitet und mir berichtet, sie sei nahezu ausschließlich damit beschäftigt, Mangel zu verwalten. Lange hat sich das nicht ausgehalten, weil sie die Konsequenzen mit sich nicht mehr vereinbaren konnte. Und schon wieder eine Pflegekraft weniger ... Und ja, ich finde es auch beängstigend, wenn ich daran denke, dass mir das auch passieren könnte. Leider sind in unserer Gesellschaft Arbeiten am/ mit Menschen meist auch schlecht bezahlt. Amortisiert sich ja auch nicht ...

Dennoch grüße ich dich herzlich und wünsche dir Kraft, Gelassenheit und Durchhaltevermögen.

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C*
C*
vor einem Tag
Antwort an

Was Du über die Tätigkeiten Deiner Freundin berichtest, und was das innerlich mit einem Menschen macht, kann ich sehr gut verstehen. Es stehen mitunter Menschenleben auf dem Spiel, wenn mit wenig Beachtung eines Menschen gearbeitet wird. So eine Aufgabe als Stationsschwester ist zermürbend.

Anders habe ich es auch in meinem pädagogischen Beruf nicht erlebt - reichlich Fehlverhalten bei Pädagog*innen, vor allem, wie mit Kindern gesprochen wurde, es gab einen Punkt, wo ich gehen musste. Schwarze Pädagogik und dumme Sprüche von Pädagog*innen im 21. Jahrhundert ("Ein Indianer kennt keinen Schmerz", "Bis zum Heiraten wird das wieder gut", als Hausübung 50 mal schreiben müssen: "Ich bin ein Zeiträuber", etc.), diese haben mich oft arg betroffen gemacht. Ich habe mich nicht gerade beliebt…

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Brigitte Fuchs
Brigitte Fuchs
vor einem Tag

Das ist ja schrecklich! Wer möchte da alt und gebrechlich werden! Richtig Angst bekommt man davor.

Zum Glück haben deine Eltern in dir einen "Schutzengel", der allerdings - wie alle Engel - nicht ständig zugegen sein kann.

Beste Wünsche von mir an euch alle. Und lieben Gruss, Brigitte

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C*
C*
vor einem Tag
Antwort an

Liebe Brigitte,

mit den Aussichten auf die kommenden Jahre und Jahrzehnte, in denen es noch massiver an Pflegekräften mangeln wird, wenn sich keine Wunder auftun, ist mir schon länger mulmig beim Gedanken ans Hilfloswerden.

Auch, wenn man bei der oft aufreibenden Pflegearbeit abstumpft, es gibt doch so etwas wie Hausverstand. Und der sagt einem, dass alten Menschen sowieso rascher kalt ist.

Mir ist wichtig, dass meinen Vater die so wertvollen Inhaltsstoffe der hochkalorischen Getränke wieder aktiver werden lassen, sein Appetit soll auch zunehmen. Dann kommt er besser zu Kräften. Ich tu alles, was ich kann, um ihn dabei zu unterstützen. Es tut mir so weh, ihn derart kraftlos zu sehen.

Er ist äußerst dankbar für jede Kleinigkeit, bei jedem Abschied…

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