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Wohlwollen

Autorenbild: C*
C*
vor 3 Stunden
2 Min. Lesezeit

















Woher kommst du? Schon diese einfache Frage kann ganz unterschiedlich verstanden bzw. interpretiert werden: als neugierige Erkundigung, als Einleitung zum Smalltalk oder als Hinweis darauf, dass der Angesprochene nicht in Österreich geboren wurde.


Wohlwollend zu interpretieren bedeutet, standardmäßig die wohlwollendste plausible Erklärung für das anzunehmen, was jemand getan hat, bevor man schlechten Charakter annimmt.

Wir neigen dazu, das Verhalten anderer durch ihren Charakter zu erklären, während wir unser eigenes Verhalten entschuldigen, z.B. durch Umstände.

Wer wohlwollend interpretiert, besitzt die Fähigkeit, nicht bei der Oberfläche zu bleiben, sondern die Lebensumstände der anderen mitzudenken – ihre Lebensgeschichte, eventuelle Brüche, ihre Sehnsüchte.


Ständig sind wir dabei, Worte, Gesten und Verhaltensweisen anderer Menschen zu interpretieren. Viele Menschen haben eine Meinung, ohne sich diese selbst gebildet zu haben. Meinungen werden übernommen, leider häufig auf eine Weise, die jede Selbstverantwortung für Meinungsbildung vermissen lässt.

Von Menschen, die ständig nur das Schlechteste von ihren Mitmenschen annehmen, habe ich inzwischen die Nase voll. In meinen Augen zählt wohlwollende Interpretation auch zu einer gelebten Lebensreife. Immer dann, wenn ich nicht sicher bin, wie eine Aussage eines Menschen gemeint ist, frage ich nach. Nicht nachzufragen und sich in Groll zu üben, indem man Aussagen von Menschen missinterpretiert, erlebe ich häufig. In der eigenen Familie ausgelebt, führt so ein Verhalten zu Spannungen im begrenzten Umfeld, unter Bürgerinnen und Bürgern eines Staates kann es zu einer Spaltung einer ganzen Gesellschaft kommen, die Ausmaße können erschreckend sein. Vorurteile gegenüber Menschen aus anderen Kulturen zu hegen, kann bis zum Äußersten führen - wir erleben Vertreibung, Morde, Kriege. Eine wohlwollende Haltung unter uns Menschen könnte unsere Welt sehr viel friedlicher gestalten.

Wohlwollende Interpretation erfährt allerdings dann Grenzen, wenn jemandem durch eine Tat Schaden zugefügt wird.


Donald Davidson (1917 - 2003) ist einer der einflussreichsten Philosophen der Gegenwart, er ist vor allem für seine Beiträge zur Handlungstheorie und zur Sprachphilosophie bekannt.

 
 
 

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