Mädchen für alles
- C*

- vor 6 Stunden
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Ich habe in einem Interview mit dem Psychotherapeuten und Schriftsteller François Lelord (bekannt für seine Hector-Buchreihe) gelesen, der sich mit dem Thema Freundlichkeit beschäftigt. In seinem neuen Buch Bin ich zu nett? Ein Glücksratgeber für freundliche Menschen in einer unfreundlichen Welt, das durchaus unterhaltsam geschrieben sein dürfte, geht er auch der Frage nach, ob wir zu bescheiden, zu nachsichtig, etc. sind.
Mit dem Nettsein habe ich ja reichlich Erfahrungen gemacht, nicht immer gute. Nettsein ist zwar für andere sehr angenehm, für einen selbst kann es aber recht unangenehme Folgen haben, vor allem, wenn man nicht (rechtzeitig) "Nein!" sagen kann.
Hier kann man auch Menschen zuordnen, die von anderen Mädchen für alles genannt werden. Wenn ich so etwas höre, bin ich schon in Alarmbereitschaft: Das ist Frau Huber, sie ist unser Mädchen für alles. (Längst ist diese Formulierung übrigens geschlechtsneutral.)
Neulich bin ich einer Frau begegnet, die mir ihren Job als Pflegefachkraft geschildert hat: Ich bin Mädchen für alles, hat sie gemeint. Darauf entfuhr mir total von Herzen: Da wird man schnell Mädchen für viel zu viel. Ich kenne nämlich diese Position recht gut, ich habe sie wiederholt beruflich eingenommen, was nicht unbedingt zu meinem Besten war.
Ein Mädchen für alles weiß viel über seinen Tätigkeitsbereich und noch darüber hinaus, es begibt sich flink und mit vollem Enthusiasmus in die gestellten Aufgaben - und bekommt, weil alles zur Zufriedenheit erledigt wird, mehr und mehr aufgehalst. Es rücken Aufgaben auf einen zu, die viel Genauigkeit brauchen, möglichst schnell sollten sie auch noch durchgeführt werden - am besten schon gestern. Manchmal sind es auch ungeliebte Aufgaben, die andere abgeben. So wird man leider auch - zunächst wohl unbemerkt - zum Trot... vom Dienst.
Eierlegende Wollmilchsau, auch so ein Begriff, der da gut passt. Wenn ich Jobanzeigen lese, habe ich das Gefühl, dass nur noch solche Arbeitstiere gesucht werden. Dabei ist heutzutage schon recht deutlich, dass es nicht wenige junge Menschen gibt, die nicht mehr soviel Wert auf ihren Berufsweg legen, die u. a. auch gar nicht ganztags arbeiten möchten. Gleichzeitig bin ich überrascht, wie viele junge Menschen, die am Beginn ihres Berufslebens stehen, gar keinen Beruf ausüben können: Trauriger Hintergrund dazu sind psychische Erkrankungen - die von tiefer Erschöpfung bishin zu schweren psychischen Erkrankungen reichen.
Als Kind von Eltern, für die Erfolg im Beruf sehr wichtig war, habe ich diese Haltung, viel leisten zu müssen, sehr früh kennengelernt. Für meinen Vater war der Job an oberster Stelle, ihm hat er alles andere untergeordnet, über mehr als 40 Jahre. Weil er sich auch als äußerst zuverlässiger Mitarbeiter erwiesen hat, wurde er relativ bald mit Führungsaufgaben betraut. Er konnte nicht einmal am Wochenende abschalten, ständig schwirrten Gedanken zur Unzeit in seinem Kopf. Ich erinnere mich lebhaft daran, dass er wiederholt - in einer Kirchenbank sitzend - sein Betbuch (wie er seinen Kalender nannte) zückte und Notizen zu diversen Aufträgen festhielt. Auch haben wir oft Ausflüge unternommen, die zu Baustellen führten, die er betreute.
Mit meinen beruflichen Aufgaben und meinen Ressourcen, die ich bestens einsetzen konnte, habe ich mich über zu viele Jahre intensiv identifiziert. Bis der erste gesundheitliche Crash kam. Seit damals arbeite ich daran, zu lernen, dass sich mein menschlicher Wert nicht über meine Arbeit und meine Arbeitsweise speist. Ich muss nicht ständig leisten, um gesehen oder gar gemocht zu werden. Es ist eine wahre Herausforderung, zum einen diesen Gedanken zuzulassen und zum anderen damit einhergehende Veränderungen im Verhalten vorzunehmen. Es ist immerhin eine frühkindliche Prägung, sich profilieren zu müssen.
In meiner beruflichen Reha bin ich inzwischen über die Hälfte der Zeit hinweg. Nun geht es in Richtung Berufsorientierung. Es gibt wiederholt Gespräche in der Gruppe, aber auch einzeln, nämlich darüber, selbstschädigende Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern. Den Gedanken, Mädchen für alles zu sein, möchte ich dauerhaft aus meinem Kopf entlassen. Diese Tür gilt es, nachhaltig hinter mir zu schließen.
Foto: C*



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