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Lebensqualität

Autorenbild: C*
C*
10. Juli
4 Min. Lesezeit

Mir ist, als könnten westliche Gesellschaften nicht immer Schritt halten mit medizinischen Fortschritten. Die moderne Medizin schafft, dass viele Menschen heutzutage ein sehr hohes Alter erreichen. Überhaupt geht man davon aus, dass Kinder, die gegenwärtig geboren werden, eine sehr große Chance haben, 100 Jahre alt zu werden.

Das scheint zunächst einmal so etwas wie eine gute Nachricht zu sein. Doch ist diese Aussage auch bei näherer Betrachtung immer richtig? Es wird nämlich aus meiner Sicht recht wenig hinterfragt, ob ein langes Leben um jeden Preis immer im Sinne der einzelnen Menschen ist. Auch die seit Jahren anhaltende Pflegemisere (und ein Ende dieser ist nicht in Sicht) spielt da hinein - wer wird sich um mich, 1970 geboren, einmal kümmern, wenn ich Hilfe brauche?

Nicht nur am Beispiel meiner Eltern wird mir immer bewusster, wie hinterfragenswürdig ich eine Medizin finde, die ein ohnehin langes Leben noch weiter ausdehnt, und dabei auch gesundheitliche Nachteile, nämlich u. a. schwerwiegende Nebenwirkungen von Medikamenten, in Kauf nimmt.

Meine Mutter leidet an sehr schmerzhafter Osteoporose sowie besonders an vielen massiven Abnützungserscheinungen ihres Stützapparates. Längst hätte sie eine neue Hüfte gebraucht, diese OP ist allerdings aufgrund ihrer sehr fortgeschrittenen Demenz nicht möglich. Sie müsste gewissen medizinischen Anordnungen in einer postoperativen Phase folgen können, was ihr kognitiv allerdings nicht mehr möglich ist. Auch wäre eine Vollnarkose von großem Nachteil für ihre Gehirnleistung. Bei meinem vorletzten Besuch habe ich erfahren, dass ihre Schmerzmedikamente wieder erhöht bzw. sogar erweitert wurden. Ich weiß, dass das nötig ist, auch, wenn der Preis kein geringer ist: Unter anderem sind ihre Nieren durch die seit langem üblichen Gaben bereits sehr angegriffen. Zudem machen sie die Schmerzmedikamente auch sehr müde. Trotzdem werden diese sehr starken Schmerzmittel verabreicht, weil sie insgesamt die Lebensqualität meiner Mutter klarerweise und auch erkennbar fördern. Diese Schmerzmittel sind also definitiv alternativlos. Heute war ich mit meiner Mutter im Krankenhaus, da sie vor einiger Zeit gestürzt ist (wovon ich übrigens nicht in Kenntnis gesetzt wurde) und seitdem besonders schmerzempfindlich ist. Ihre erste Sorge, als sie von den Röntgenassistentinnen angegriffen wurde, um sie auf der Röntgenliege zu positionieren, war, dass sie Schmerzen haben könnte: Tut's mir bitte nicht weh! Ihre zweite Sorge formulierte sie auch mit zittriger Stimme: Bitte lasst's mich nicht allein!

Mein Vater sitzt schon seit mehreren Wochen untätig in seinem Rollstuhl, und ist nach einer Operation, die eine Vollnarkose nötig machte, kognitiv inzwischen ebenfalls äußerst eingeschränkt. Er muss beispielsweise wiederholt dazu angehalten werden, zu trinken. Wenig Flüssigkeitsaufnahme bedeutet nämlich auch, dass er noch verwirrter ist als dies ohnedies schon länger der Fall ist. Seine einst so geliebten Zeitungen bleiben unbeachtet, er schafft es auch nach eigenen Worten nicht mehr, darin zu lesen. Er schläft oft vornübergebeugt im Rollstuhl, was die Gefahr eines weiteren Sturzes aus diesem Stuhl stark erhöht. Ich will mir das gar nicht ausmalen und bin zumindest unterbewusst immer in permanenter Unruhe. Diese Unruhe hat gerade in den letzten Wochen auch wieder meine Depression befeuert.

Allein das Schicksal meiner Eltern macht etwas mit mir. Es bereitet mir große Angst vor meinem eigenen Altwerden und ich erhebe gerade aus diesen Erfahrungen ganz klar den Anspruch für mich, mein Leben auch am Ende selbstbestimmt leben zu dürfen. Die Würde des Menschen gebietet aus meiner Sicht, individuelle Entscheidungen zu akzeptieren, selbst wenn diese nicht den gesellschaftlichen Mehrheitsvorstellungen entsprechen.


Ich bin mir nicht sicher, ob sich alle Menschen nach einem besonders langen Leben sehnen. Es gibt Menschen, die ganz klar sagen, sie hätten genug gelebt. Eine sogenannte Übertherapie am Lebensende sehe ich auch deshalb sehr kritisch und daher halte ich es für sehr wichtig, für so einen Fall Anordnungen schriftlich und rechtsgültig festzuhalten. Mein Vater hat bei einem Notar in einer Vollmacht für uns, seine Kinder, festgelegt, dass er keine künstliche Lebenserhaltung wünscht.

Selbstbestimmt leben bedeutet mir ebenso, selbstbestimmt sterben zu dürfen. In Deutschland steht jedem Menschen das Grundrecht auf einen selbstbestimmten Freitod zu, und zwar unabhängig von einer Krankheit. In Österreich ist diese Selbstbestimmung sehr viel enger gewählt, das wird wohl so bleiben - und das hat leider auch schwerwiegende historische Gründe.

Ich lebe in Österreich und möchte dennoch keinesfalls monate- oder gar jahrelang in Abhängigkeit von Pflegekräften und von vielen starken Medikamenten sediert einem Lebensende entgegendämmern müssen. Ich möchte mich ganz klar dafür entscheiden können, meinen Tod selbst zu bestimmen.


Ich glaube, dass Elisabeth Kübler-Ross, die am 8. Juli vor einhundert Jahren in Zürich geboren wurde, Wesentliches geleistet hat, nämlich das Schweigen über den Tod zu brechen und ihn aus einer Tabuzone in eine gesellschaftliche Debatte zu verschieben. In einer Medizin, die noch bis vor wenigen Jahren stark bevormundend geprägt war, war dieses Aufbrechen von Tabus wohl skandalös. Patientinnen und Patienten wurden manchmal nicht einmal über ihre Diagnose informiert, der Arzt war noch vor zwanzig Jahren gleichsam ein Gott in Weiß.

Dass Elisabeth Kübler-Ross letztendlich ihren eigenen Weg an der Grenze zwischen den Welten als einen sehr schwierigen erleben musste, konnte sie sicher nicht vorausahnen. Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio spricht in Hinblick auf unsere nahe Zukunft von einem Tsunami von hochaltrigen Sterbenden, der auf uns zukomme und damit grundlegende Fragen nach Würde, Autonomie und Fürsorge neu aufwerfe. Dem Mediziner ist es maßgeblich zu verdanken, dass sich heute jede*r Medizinstudent*in in Deutschland und in der Schweiz in seiner / ihrer Ausbildung mit der Begleitung Sterbender und ihrer Familien auseinandersetzen muss.

Diesen Fragen rund um das Sterben müssen wir uns als Gesellschaft ganz sicher noch intensiver stellen. Ein Augen zu und durch gibt es nicht, wenn es darum geht, eine möglichst hohe Lebensqualität, nämlich auch am Lebensende, für Menschen zu ermöglichen.            


Bild: Pixabay, Gerald Altmann

 
 
 

13 Kommentare


Rosa Ananitschev
Rosa Ananitschev
31. Juli

Gedanken, die mich auch immer wieder beschäftigen. Ich habe (fast jedenfalls) keine Angst vor dem Tod, dafür aber große Angst vor Alt-, Hilflos- und Abhängigwerden, nicht mehr um mein Leben bestimmen zu können. Ich will hoffen, dass ich in solchem Fall ganz schnell „weg vom Fenster“ bin.

Liebe Grüße

Rosa

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C*
C*
31. Juli
Antwort an

Das kann ich sehr gut nachvollziehen, liebe Rosa - einen unaufgeregten Tod wünsche ich mir auch - und Selbstbestimmung in den wichtigen Belangen.

Dieses Ausgeliefertsein, das Abhängigwerden, schreckliche Vorstellungen.

Ganz liebe Grüße & ein schönes Wochenende, C Stern

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Annette Mertens
Annette Mertens
27. Juli

Danke, liebe C Stern, dass du ebenfalls dieses Thema aufgreifst, von dem so viele Menschen nichts wissen wollen. Mir geht es wie dir: Wie wird es uns beizeiten ergehen, wenn wir in dieses Alter bzw. in diese Situation kommen?

Mit diesem Satz bringst du es auf denk Punkt: "Die Würde des Menschen gebietet aus meiner Sicht, individuelle Entscheidungen zu akzeptieren, selbst wenn diese nicht den gesellschaftlichen Mehrheitsvorstellungen entsprechen." Damit ist alles gesagt und es steht absolut niemandem zu, sich darüber zu stellen und diese Entscheidung in Frage zu stellen. Unsere Nachbarländer Belgien und Niederlande gehen mit diesem Thema viel offener und entspannter um...

Herzliche Grüße und alles Liebe für deine Eltern und dich, Annette

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C*
C*
03. Aug.
Antwort an

Die Prozentzahl stammt aus einem Seminar mit einer Expertin.

So ist es - wer derart knapp bemessen leben muss (ich kannte das jahrelang selbst trotz zwei Jobs - aber eben im Sozialbereich), dem bleibt nichts, um Geld für Kunst, Kultur, Urlaub, Gesundheitsvorsorge oder auch anderes, das für die "andere Hälfte" der Bevölkerung so selbstverständlich ist, auszugeben. So lebt es sich in Österreich, einem wohlhabenden Land. Ich bin sicher, in D sieht es nicht soviel besser aus, wenn überhaupt.

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nandana
11. Juli

Liebe c Stein,

je älter ich werde, desto mehr kommen mir genau die gleichen Gedanken, die du hier schreibst, in den Sinn. Und ich habe Angst vor dem, was auf mich zukommen wird. Solche Sachen kommen immer sehr plötzlich, wie zum Beispiel der Schlaganfall, den ich vor etwa 6 Woche hatte. Ja, "Schlaganfall" hört sich schlimm an, ist ja auch schlimm. Trotzdem kann ich von "Glück" sprechen, dass es noch glimpflich abgegangen ist. Es war ein Augeninfarkt, eine Durchblutungsstörung oder Verschluss der Netzhautarterie. Seitdem kann ich im Gesichtsfeld den oberen Bereich nicht mehr sehen. Es ist ein grauer Fleck, durch den ich nicht sehen kann. Zum Glück kann ich noch lesen, was aber bedeutet, dass ich schon die Zeile darübe…


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C*
C*
11. Juli
Antwort an

Liebe Traudi,

es tut mir sehr leid, von Deinem Schlaganfall zu lesen. Gibt es eine Chance, dass sich dieser graue Fleck zurückbildet?

Es ist ein massiver Lebenseinschnitt, nicht mehr mit dem Auto fahren zu können. Wenn man beispielsweise in einer Gegend wohnt, in der man auf ein Auto angewiesen ist, zieht so eine Erkrankung wohl weitreichendere Überlegungen nach sich.

Auch ich versuche ganz klar, zuversichtlich in Hinblick auf das Altern zu sein - aber irgendwie kommen mir dann wieder höchst reale Erlebnisse dazwischen, die mich doch sehr stressen.

Ich wünsche Dir ein gut verbrachtes Wochenende und schicke liebe Grüße, C Stern

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Jutta Urbat
Jutta Urbat
10. Juli

Du hast sicher mit allem Recht, was du hier geschrieben hast und du hast es sicher auch nicht einfach, dass kann ich durchaus verstehen. Meine Eltern sind schon viele Jahre tot und bei ihnen ging das Kranksein und Sterben ziemlich schnell.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Krankheit und Tod keine aktuellen Themen sind, verbiete ich mir einfach, jetzt darüber nachzudenken, was kommen könnte. Warum soll ich mir jetzt schon die Tage damit belasten. Ich weiß, dass ich auch nicht unsterblich bin, aber jetzt möchte ich die Zeit noch genießen.

Liebe Grüße - Jutta

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C*
C*
10. Juli
Antwort an

Ich wäre liebend gerne nicht so sehr mit diesem langsamen Dahinscheiden meiner Eltern belastet. Doch ich bin ein sehr fühliger Mensch und weiß inzwischen, dass auch manche Ängste, die ich mitunter verspüre, nicht meine eigenen sind, sondern ich einfach in diesen Momenten meine Eltern spüre. So manches Mal bin ich in solchen gefühlten Situationen auch zu ihnen geeilt - wo ich praktisch von den Pfleger*innen schon heimlich herbeigesehnt wurde, weil meine Eltern sehr unrund waren. Ich habe solche "Übertragungen" schon auf viele Weisen erlebt. Man spricht in der Literatur auch von medialen Fähigkeiten. Es gab bereits unzählige Situationen in meinem Leben, wo ich mich damit konfrontiert sah und Vorgänge gespürt habe, die ganz genau so an einem anderen Ort in…


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