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Einfach da sein

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 4 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit


Darf ich dich umarmen?, fragte mich heute eine Kollegin. Sie spürt, dass es mir nicht gut geht. Da ich meine Kollegin sehr schätze, nahm ich ihr Angebot sehr gerne an.


Morgen starte ich mit einer Gesprächstherapie. Ich spüre, dass sie dringend nötig ist. Im Zusammenhang mit meiner beruflichen Reha erlebe ich immer wieder meine Leistungsgrenzen - und es dauert, diese auszusprechen. Dabei weiß ich, dass das Ansprechen von Herausforderungen und Schwierigkeiten keine Schwäche ist, sondern eine Stärke. Dennoch fällt es mir so schwer, mir selbst Worte, die aufzeigen, zu genehmigen. Ich kann ganz genau ausmachen, was mir so große Schwierigkeiten bereitet im Leben. Es sind die seelenkränkenden Brutalitäten der Menschen, die sich in einen desaströsen Strudel des Hasses verstricken, und ein Sich-Verlieren in unwesentlichen Dingen, die mir soviel Unruhe zufügen. Auch kann ich mein Tempo, wie ich mich durchs Leben bewege, nicht an die Geschwindigkeit der Welt anpassen. Mein Tempo ist jenes, welches ich an Terrence Malicks Filmen so liebe. Dieser Vergleich fällt mir soeben wohl deswegen zu, weil ich noch unter dem Eindruck der einzigartigen Doku Terrence Malick - Suche nach dem Unsichtbaren stehe. Die Bildsprache seiner komplexen Meisterwerke ist unnachahmlich und voller Tiefe, nichts drängt darauf, hastig oder spektakulär zu sein. Malicks philosophischer Atem ist in so vielen Szenen präsent und Handlungen finden reichlich Zeit, um sich zu entwickeln. Wie wohltuend! (Während andere murren, dass Filme dieser Art fad seien.)

Die Frage danach, wie man in einem Therapiegespräch zu reden beginnt, wurde mir schon öfter gestellt. Ich bin da immer ein bisschen verblüfft, denn in einem Erstgespräch wird man von Therapeut*innen in erster Linie durch Fragen geführt. Diese zu beantworten und in diesem Zusammenhang auch gegen Ende der ersten Einheit festzulegen, welche Themen zur gemeinsamen Arbeit gemacht werden, sind eine wichtige erste Skizze eines therapeutischen Weges. Es fällt mir nicht schwer, zu sagen, warum ich mich einer Therapie stellen möchte und ich kann meine Gedanken, Gefühle und Emotionen auch gut artikulieren. Wichtig ist auch, hineinzuspüren, ob man sich eine umfassende Arbeit mit einer Therapeutin / mit einem Therapeuten vorstellen kann.


Ich habe mit Interesse einen Artikel über seelsorgerische Tätigkeiten gelesen. Besonders wichtig erscheint mir das Angebot der Telefonseelsorge. Eine Leiterin einer solchen Einrichtung meint, man sei wie eine Palliativstation für die Seele. Es rufen Menschen an, die nirgends mehr gehört werden. Dieser Gedanke ist erschütternd für mich, diese tiefe Einsamkeit, die Menschen erleben, die geht mir ans Herz.

Wer die Nummer der Telefonseelsorge wählt, muss keinen Namen nennen, man muss sich auch nicht vorbereiten. Die geschulten Mitarbeiter*innen wissen, wie es gelingen kann, dass ihr Gegenüber etwas ausspricht. Mit so einem Aussprechen kann ein Damm der aufgestauten Gedanken, Gefühle und Emotionen brechen. Es kann ein erster Schritt sein, näher hinzublicken und weitere Entlastungsmöglichkeiten zu erörtern.

In Österreich gibt es zwanzig hauptamtliche und 800 umfassend geschulte ehrenamtliche Berater*innen. Es ist wichtig, einfach da zu sein. Da zu sein für Menschen, die nicht mehr weiterwissen, die zweifeln, verzweifeln, ratlos sind. Das kleine zarte Pflänzchen aufkeimender Hoffnung gilt es in so einem entlastenden Gespräch weiter zu nähren, damit ein zarter Strahl einer Taschenlampe wieder erkennbar wird.


Foto: C* - Friedhof Hietzing

 
 
 

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