Eine Kunstikone
- C*

- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit

Am 14. Mai ist die österreichische Medien- und Performancekünstlerin sowie Feministin VALIE EXPORT nur wenige Tage vor ihrem 86. Geburtstag in Wien verstorben.
Als Waltraud Lehner wurde sie am 17. Mai 1940 in Linz geboren. Seit 1967 führte sie den Namen VALIE EXPORT als künstlerisches Konzept und Logo, wobei sich VALIE auf ihren Vornamen bezog und EXPORT auf den Zigarettennamen Smart Export. Dieser Name sollte ihr erster öffentlicher Bruch mit dem patriarchalen System sein, sie wollte keinen Namen führen, der an ihren Vater oder an den ehemaligen Ehemann erinnerte.
Die junge Künstlerin inszenierte sich 1970 selbstbewusst mit einer Zigarettenschachtel, indem sie das Logo durch ihr Gesicht ersetzte und darüber VALIE anbrachte.
Waltraud Lehner wuchs zusammen mit ihren beiden Schwestern und ihrer Mutter, einer Kriegswitwe, auf. Ziel der Mutter war es, ihre Töchter zu selbständigen und selbstbewussten Frauen zu erziehen, sie sollten auch studieren.
Als junge Frau, die nach der Klosterschule die Kunstgewerbeschule in Linz besuchte, wurde sie mit 18 Jahren Mutter einer Tochter, die sie Perdita (die Verlorene) nannte. Nach kurzer Ehe trennte sie sich von ihrem damaligen Mann. Für ihre Tochter wurde ihr aufgrund ihres Lebenswandels zeitweise das Sorgerecht entzogen. (Perdita Manuela ist ebenfalls als Medienkünstlerin tätig, ebenso wie Enkel Patrick Chan. 2021 kam es zur gemeinsamen Ausstellung Drei Generationen.)
Früh war es der jungen Künstlerin ein Anliegen, auf die Sexualisierung des Frauenkörpers hinzuweisen, und die Fesseln der Frauen in einer von patriarchalen Strukturen geprägten Welt zu sprengen. Ihre Mittel dazu waren radikal und vielfach verstörend und so wurde sie auch als Österreichs bekannteste Ruhestörerin empfunden. Die Nachrufe feiern VALIE EXPORT als Kunstikone, früher ließen ihre Performances manche Menschen nicht davor zurückschrecken, wüste Drohungen gegen die Künstlerin auszusprechen.
VALIE EXPORT war dafür bekannt, in ihrer Gesellschaftskritik auch ihren Körper einzusetzen, wie etwa im Jahr 1968 in ihrer Aktion Tapp- und Tastkino. Sie ließ in öffentlichem Raum ihre nackten Brüste durch eine tragbare Theaterbühne betasten, was als Angriff auf den männlichen Blick und die Objektifizierung des weiblichen Körpers verstanden werden sollte.
Im Jahr 1968 nahm sie ihren damaligen Lebensgefährten, den Künstler Peter Weibel, in der Wiener Innenstadt als Hund an die Leine, womit sie zu kritisierende gängige soziale Verhaltensweisen umgedreht darstellte.
1969 sorgte die Künstlerin mit ihrer Performance Aktionshose Genitalpanik für empörte Aufschreie. In einem Kino ging sie mit einer Hose, die ihren Schambereich offen zeigte, durch die Reihen. Mit einer Maschinenpistole in der Hand, welche sie auf die Köpfe der Menschen richtete, bewegte sich die Künstlerin langsam von Reihe zu Reihe, was Besucher veranlasste, das Kino zu verlassen. Auf diese sehr drastische Weise wollte sie verdeutlichen, dass Männer den weiblichen Körper als Bedrohung empfinden, was oft zu Aggressionen gegen Frauen führt. Ganz klar wandte sie sich in einer Installation (1995 - 2000) auch gegen die weibliche Beschneidung.
Dem Geist des Wiener Aktionismus - vor allem geprägt von Günter Brus, Hermann Nitsch, Rudolf Schwarzkogler und Otto Muehl (siehe "Wie weit darf Kunst gehen?") - war VALIE EXPORT zwar zugehörig, sie distanzierte sich allerdings klar von einem männlich dominierten Frauenbild der Aktionsgruppe.
VALIE EXPORT wird wohl als herausragende Pionierin der Medienkunst in Erinnerung bleiben. Ihrem umfangreichen und jahrzehntelangen Wirken kann man nicht in wenigen Sätzen gerecht werden.
Sie war zweifelsfrei eine sehr vielseitige Künstlerin, die sich niemals scheute, mit drastischen Mitteln auf die dramatischen Auswüchse einer Gesellschaft hinzuweisen, in der es nach wie vor in vielen Bereichen zu beschämenden Benachteiligungen von Frauen kommt.
Foto: Pixabay, Judith Horvath #Kunst



Von ihr habe ich leider noch nie etwas gehört. Schön, dass du sie hier vorstellst. Du hast mich zumindest neugierig gemacht.
Herzliche Sonntagsgrüße