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Eine berührende Geschichte

  • Autorenbild: C*
    C*
  • 1. Juni
  • 3 Min. Lesezeit



Der verlorene Mann

Derzeit läuft dieser Film in unserem Programmkino. Dass ich den Film unbedingt sehen möchte, ist mir klar. Es geht nur noch darum, den Kinobesuch zeitlich unterzubringen.

Im Film geht es um Kurt, der eines Tages vor Hannes Tür steht. Hanne ist inzwischen längst mit Bernd verheiratet. Beide nehmen Kurt bei sich auf, denn er weiß nicht mehr, dass er schon seit vielen Jahren von Hanne geschieden ist.

Eine Geschichte über Vergessen und Erinnern, über Liebe und Freundschaft, über das Älterwerden und Abschiede. Hochgelobt sind die Darstellungen von Dagmar Manzel, Harald Krassnitzer und August Zirner.


Entschwunden

Einige Wochen sind nun nach der Hüftoperation meines Vaters vergangen.

Die leider notwendige Vollnarkose hat dem Gehirn des alten Mannes offensichtlich nachhaltig geschadet. Ich glaube, damit müssen wir uns abfinden.

So wie meine Mutter leidet auch mein Vater unter einer Demenzerkrankung. Was sich bei meiner Mutter über Jahre relativ langsam entwickelte, schreitet bei meinem Vater rascher voran. An manchen Tagen war er schon vor ein paar Jahren verwirrt, aber er hatte auch noch recht gute Tage, immer interessiert an den Vorgängen in der Welt der Politik und des Sports. Noch vor einem halben Jahr konnten wir uns ganz gut über das, worüber er las, und über andere Themen verständigen. Nun ist das alles nicht mehr möglich.

Mein alter Herr hat große Schwierigkeiten, Worte zu finden, Sätze zu formulieren. Er spricht leise, blickt mich hilflos an, beginnt einen Satz, vergisst ihn und greift sich an den Kopf - die Worte, nach denen er verzweifelt sucht, sie sind entschwunden. Und sie bleiben es auch.

Seine Trauer über diesen Prozess sehe und spüre ich nicht nur, wenn ich bei ihm bin. Diese Traurigkeit holt mich in vielen Momenten ein und ich weiß genau, diese Emotion ist nicht nur meine eigene, ich kann ganz klar auch meinen Vater darin spüren. Ich fühle seinen stummen und bittenden Blick auf mich gerichtet - und dann kann ich gar nicht anders, als ihn zu besuchen.

Ich versuche, ihn aufzumuntern. Ich muss dazu inzwischen eine ganz einfache Sprache wählen. Mein Vater, einst ein geistig äußerst gewandter Mann, er braucht nun simple Anweisungen, kurze Sätze. Sie müssen mitunter mehrfach wiederholt werden, damit Inhalte zu ihm durchdringen. Doch auch dann ist nicht sicher, dass er versteht, was wir vermitteln möchten.

Ich gebe mein Bestes, um meinen Vater zum Trinken zu animieren. Wenn er ein Glas Wasser oder Tee vor sich hat, dann nehme ich auch selbst ein Glas Wasser zur Hand. Ich sage Prost, Papa, ein Zeichen, um miteinander das Glas zu heben und daraus zu trinken. Manchmal gelingt es mir, ihn zu überzeugen - meistens leider nicht. Dann fange ich wieder von vorne an: Papa, trinken wir einen Schluck! 

Er versinkt in seinem Rollstuhl, blickt auf den Tisch - und schweigt. Der Körper meines Vaters unterstreicht, was nicht zu übersehen ist: Ich bin müde. Ich bin so müde.

Der alte Mann hat jegliches Zeitgefühl verloren, bereits um drei Uhr nachmittags möchte er sich ins Bett legen - zum Schlafen, wie er selbst sagt. Neu sind auch Ängste, die er nicht näher erläutern kann. Das kenne ich genau so auch von meiner Mutter.


Neulich fragte mich ein Kollege nach dem Befinden meiner Eltern. Ich schilderte kurz die letzten Wochen. Er wies mich darauf hin, dass ich eventuell auch an einer Form von Demenz erkranken könnte. Das wäre nicht nötig gewesen.


Bild: erstmals ein Bild mit KI erstellt - ein Versuch ...


 
 
 

16 Kommentare


Rosa Ananitschev
Rosa Ananitschev
09. Juni

Das ist sehr traurig und ich kann dich so gut verstehen, liebe C Stern, geht es doch mir mit meiner Schwester genauso. Doch neuerdings kann ich nicht einmal telefonieren mit ihr. Sie nimmt nicht ab und selbst anrufen kann sie auch nicht mehr. Es geht weiter bergab ... 😥

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C*
C*
09. Juni
Antwort an

Ich war heute wieder bei meinem Vater, liebe Rosa. Er merkt es selbst, wie es um ihn steht - das ist aus meiner Sicht die schlimmste Phase dieser so schrecklichen Krankheit. Wenn die Menschen sich quälen, weil sie nicht mehr können, wie sie gerne möchten.

Das Handy kann er auch nicht mehr bedienen, es bleibt nun ausgeschaltet. Heute habe ich ihm mein Handy gereicht, damit er kurz mit meinem Freund reden konnte. Er wusste gar nicht so recht, wie er es handhaben sollte.

Ich grüße Dich ein wenig geknickt ...

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Nicole Joost
Nicole Joost
04. Juni

Dein Beitrag hat mich sehr berührt, liebes C. Besonders die Schilderung, wie Dein Vater nach Worten sucht und sie nicht mehr findet, ging mir nahe. Meine Mutti ist ebenfalls an Demenz erkrankt gewesen und daran gestorben. Deshalb kamen mir viele Deiner Beobachtungen sehr vertraut vor. Diese Hilflosigkeit, die Traurigkeit und zugleich der Wunsch, jeden guten Moment festzuhalten, kenne ich nur zu gut. Ich wünsche Dir und Deinem Vater von Herzen viele lichte Augenblicke und ganz viel Kraft für alles, was vor Euch liegt. Lieben Gruß, Nicole.

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C*
C*
04. Juni
Antwort an

Liebe Nicole,

Du hast mir einmal Einblick gegeben, dass Deine Mutter auch mit dieser schrecklichen Erkrankung geplagt war. Du kennst also den Weg aus nächster Nähe ...

Die Stationen, die demenzkranke Menschen durchlaufen, sind alle ähnlich. Offensichtlich auch die Hilflosigkeit und Traurigkeit bei den Angehörigen, man kann sich da emotional gar nicht rausnehmen.

Ich danke Dir sehr für Deine lieben Wünsche, hab einen schönen Tag, liebe Grüße ☘️

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nandana
03. Juni

Auch mir geht das, was du erlebst sehr nahe, liebe C Stern. Und es sind einige Parallelen mit dem, was ich mit meinem Vater durchgemacht hat. Er hatte drei OP's (Beinamputation) über sich ergehen lassen müssen und sein Befinden in Richtung Demenz ging nach diesen Vollnarkosen rasch voran. Außerdem bekam er große Angst und behauptete, dass nachts fremde Menschen, die ihm etwas antuen wollen ihn besuchen.

Man selbst gibt sein Bestes, mehr kann man nicht tun.

Ich wünsche dir viel Kraft, liebe C Stern und bin in Gedanken bei dir.


Liebe Grüße

Traudi

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C*
C*
03. Juni
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Liebe Traudi,

ich erinnere mich, dass Du mit Deinem Vater einiges Schweres durchgemacht hast. Das ist ein ganz heftiger Eingriff, den Dein Vater erlitten hat, ich will es mir gar nicht ausmalen. Ängste bei Demenz sind leider häufig, der Kontrollverlust über das eigene Leben, über Gedanken, über Fähigkeiten spielt da ganz sicher auch hinein.

Die fremden Besuche, diese Aussagen kenne ich ebenfalls, von meinem Vater wie von meiner Mutter.

Ich bin sehr froh, dass nun vier freie Tage vor mir liegen. Ich habe auch viel Administrationskram aufgearbeitet, von daher habe ich mal für kurze Zeit Ruhe.

Herzlichen Dank für Deine lieben Gedanken, ganz liebe Grüße zu Dir!

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gudrunebert
03. Juni

Ich weiß, es kostet viel Kraft, aber ich finde es rührend, wie du dich um deinen Vater bemühst. Er kann es dir nicht mehr sagen, aber wenn du da bist, gibst du ihm Momente der Sicherheit. Ich wünsche mir, dass es für mich auch einen Menschen gibt, der mir über den Kopf streicht oder meine Hand hält, wenn ich Angst habe. Liebe Chris, ich grüße dich herzlich.

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C*
C*
03. Juni
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Liebe Gudrun,

ganz sicher würde es Menschen geben, die Dich sehr liebevoll halten würden, wenn da Angst wäre. Was man Menschen gibt, das spiegelt sich auch im eigenen Leben - und manchmal auch von Seiten, von denen man es nie erwartet hätte. Du bist jemand, der sehr viel Gutes zu geben hat. Aber wir wünschen uns einfach, dass solche Ängste erst gar nicht auftauchen.

Herzensgrüße ☘️

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andreaobi
03. Juni

Ich konnte nicht weiterlesen ... es bricht mir das Herz. Es tut mir so leid, liebe C Stern. Auch ich wünsche Dir von Herzen Kraft und umarme Dich fest in Gedanken ...

Andrea

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C*
C*
03. Juni
Antwort an

Das verstehe ich sehr gut, liebe Andrea,

bitte immer ausblenden und nicht weiterlesen, wenn Du merkst, das geht in eine schwere Richtung. Hier soll niemand belastet sein, der liest, das wäre gar nicht in meinem Sinne. Ich merke einfach nur, wie gut es tut, das, was mich bewegt, auszu"schreiben".

Herzensdank und ganz liebe Grüße ... Einen guten Abend für Dich!

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