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Da scheiden sich die Geister

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 40 Minuten
  • 5 Min. Lesezeit
Das Originalzitat stammt von Lucius Annaeus Seneca, der meinte, dass nicht für das Leben gelernt werde, sondern für die Schule. Damit kritisierte er die Philosophieschulen seiner Zeit. Was würde er wohl heute zum Thema Bildung meinen?
Das Originalzitat stammt von Lucius Annaeus Seneca, der meinte, dass nicht für das Leben gelernt werde, sondern für die Schule. Damit kritisierte er die Philosophieschulen seiner Zeit. Was würde er wohl heute zum Thema Bildung meinen?





















In Österreich gibt es derzeit eine sehr lebhaft geführte Debatte, die sich darum dreht, dass Bildungsminister Wiederkehr (NEOS, eine Wirtschaftspartei) die Lateinstunden (und die Stunden der zweiten lebenden Fremdsprache) an den Oberstufen von Gymnasien von drei auf zwei Wochenstunden kürzen möchte - zugunsten von Unterrichtsstunden zu künstlicher Intelligenz.

Inzwischen ist eine Petition (Text-Link) gegen die geplanten Kürzungen des Lateinunterrichts eingerichtet, Ziel sind 40.000 Unterschriften, diese sind bald erreicht. Es finden sich auch zahlreiche prominente Unterstützer*innen, etwa Schriftsteller*innen, Wissenschaftler*innen und ehemalige Politiker*innen, die diese Petition unterschrieben haben.

Da ich einst als Schülerin ab der 3. Gymnasialklasse Lateinunterricht hatte (das übrigens ein fixes Fach und kein Wahlfach war), folge ich diesem Diskurs mit einem gewissen Interesse - und es werden natürlich auch Erinnerungen an meine eigene Schulzeit geweckt. Diese sind, was meinen Lateinunterricht betrifft, durchaus ambivalent - dies vor allem deshalb, weil ich einen Professor hatte, der den Unterricht zwar spannend gestaltete, aber in pädagogischer Hinsicht keinerlei Befähigung zeigte. Mein Professor war keiner, der mit lauter Stimme Angst verbreitete, aber er wusste sich anders über seine Schülerinnen zu erheben: Seine perfide Art war es, Schularbeiten nach der Korrektur immer nach dem gleichen Prinzip zurückzugeben. Die schlechtesten Arbeiten wurden zuerst übermittelt, wobei die Arbeit, die die meisten Fehler aufwies, zuoberst lag. Die besten Schülerinnen bekamen ihr Heft zuletzt zurück. Diese Art der Beschämung stieß bei allen Schüler*innen auf Unverständnis, gleich, welche Noten sie hatten. Es regte sich auch Widerstand bei den Eltern, denn das Ganze diente nur dazu, Schülerinnen, die ein Nicht Genügend hatten, vor dem Klassenverband zu blamieren.

Mein Professor war ganz Herr der alten Schule, für ihn zählten die Berufe und Titel der Väter und Mütter. Schülerinnen, deren Eltern einen aus seiner Sicht honorigen Beruf bekleideten, wurden in puncto Aufmerksamkeit bevorzugt. Das war deutlich zu vernehmen und zog sogar das Unverständnis jener Eltern nach sich, die er aufgrund ihrer beruflichen Stellung so sehr hofierte.

Allerdings muss ich dem Profax zugutehalten, dass wir auch mit vielen interessanten Informationen auf große geschichtliche Ereignisse hingeführt wurden, was jedoch naheliegt, wenn man Texte von lateinischen Gelehrten und Schriftstellern übersetzt, die vor zweitausend Jahren lebten. Dennoch wurden uns die Methoden des Professors einmal ganz arg zu bunt und so überlegten wir uns, wie wir ihn wohl ärgern könnten. Wir entschieden uns dazu, die Türklinke zu unserem Klassenzimmer zu entfernen. Wir ließen unserer Entscheidung die Tat folgen - und warteten gespannt auf das, was da wohl kommen würde. Wie nicht anders zu erwarten, vernahmen wir alsbald ein zunächst moderates Klopfen und einige Worte, die Einlass forderten. Wir blieben jedoch stur, niemand war allzu schnell bereit, die Türklinke wieder einzusetzen - und auf wen sollte dieses Los auch fallen? Das Klopfen wurde lauter, der Professor, der Einlass forderte, ebenso. Wir Schülerinnen kicherten belustigt und wohl auch etwas hysterisch - endlich hatten wir die Oberhand! Doch das blieb nicht lange so, man kann es sich vorstellen. Schließlich setzte eine Schülerin die Türklinke wieder ein - und die Rache des Professors ließ nicht lange auf sich warten: Die nächste Schularbeit empfanden wir als geschmalzen. Und bei der Rückgabe der korrigierten Schularbeiten lagen wieder jene Hefte zuoberst, in denen der Herr Professor die meisten Fehler angestrichen hatte. Wie üblich, war ich sehr bald an der Reihe.

In den Augen dieses Lehrers war ich aufgrund meiner Noten schlicht dumm.

Diese Einschätzung korrigierte er allerdings erstmals, als wir in einer höheren Schulstufe eine Exkursion unternahmen und eine bedeutsame archäologische Forschungsstätte besuchten. Mein Interesse und mein Wissen darüber waren so groß, dass sich der Lateiner bei mir entschuldigte.

Dass ich Latein trotz aller wenig tollen Erfahrungen freiwillig als Maturafach wählte, war einerseits übermutig, andererseits wollte ich in Englisch nicht mündlich antreten, denn da hätte ich einiges an Literatur lesen müssen, wozu ich eindeutig nicht tendierte. Ich war zuversichtlich, dass ich mündlich in Latein gut bestehen würde - diese Rechnung ging tatsächlich auf und so kam ich insgesamt im ersten Anlauf mit einem Genügend durch.

Jahre später - ich war längst berufstätig - traf ich meinen ehemaligen Professor einige Male zufällig wieder. Damals übte ich bereits Nachsicht mit seinen menschlichen Schwächen, und er zeigte sich beeindruckt von meinem weiteren Werdegang. Damit war endgültig ein Schlussstrich unter meinen Groll gezogen, es war dies des Professors Art, sich für sein Benehmen zu entschuldigen. Wenn er wüsste, welche Bürde er mit seinen Aussagen früh auf mich gelegt hat ... Viele Jahre lang hatte ich das Gefühl, ich müsste mich vor allem im beruflichen Kontext als besonders belastbar erweisen. Ich wollte immer beweisen, dass was in mir steckt, dass ich viel leisten kann. Erschwerend kam hinzu, dass ich es auch meinem Vater beweisen wollte, denn er hat mich ebenso wie der Lateinprofessor oft abgewertet.


Wie also nun? Lernen Kinder und Jugendliche für das Leben und nicht für die Schule? - Oder lernen sie für die Schule und nicht für das Leben? Diese Frage kann ich nur differenzierend beantworten.

Ich finde, diese Debatte über den Lateinunterricht wird in typisch österreichischer Manier sehr emotional geführt. Das überbordende Bewerten, welches Fach mehr bringt und ob wir im Endeffekt damit Geld verdienen können, ist mir zu verwirtschaftet. Ich würde es sehr begrüßen, wenn Lehrpläne in Gymnasien nicht ausschließlich auf den Arbeitsmarkt zielten. Es gibt andere Schultypen, die diese Ausrichtung brauchen, wie etwa Handelsschulen oder Technische Schulen. Die Bildungsdebatte wird in Österreich wie auf einem ideologischen Minenfeld geführt und es ist auch kein Zufall, dass der noch sehr junge Bildungsminister, der in einer Wirtschaftspartei verankert ist, diesen Plan gefasst hat.

Natürlich verändern sich auch Lehrpläne im Laufe der Zeit, das ist mir klar und das soll und darf auch so sein. Dennoch fällt mir auf, dass es gegenwärtig keinen Platz für eine humanistisch ausgerichtete Pädagogik gibt. Diese soll junge Menschen im Erleben ihrer Potenziale begleiten, sie unterstützt bei der Erlangung von Sozialkompetenzen und berücksichtigt zwischenmenschliche, kommunikative und ökonomische Bereiche als Bildungsziele.

Wollen wir tatsächlich die Wirtschaftskammer und die Industriellenvereinigung unsere Lehrpläne verfassen lassen? Die Wirtschaftstreibenden gehören zu jenen, die im Moment sehr laut jubeln. Jene Menschen, die selbst eine humanistische Bildung genossen haben oder sich diese für Schüler*innen wünschen, können hingegen klarerweise in diesen Jubel nicht einstimmen.

Latein wurde zu meiner Schulzeit übrigens nicht als Vorbereitung für spätere Studien unterrichtet, es wurden ausschließlich Texte von Gelehrten, Philosophen oder Politikern übersetzt. Bei Uniprofessor*innen herrschen, wie ich lese, geteilte Meinungen zu den Plänen des Ministers. Manche finden, Latein sei nützlich für bestimmte Studienzugänge - andere teilen diese Einschätzung gar nicht.

Es bleibt also einigermaßen spannend, ich bin allerdings ziemlich sicher, dass das kommt, was Christoph Wiederkehr plant.

 
 
 

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