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Berührungen

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 4 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Martin Grunwald, 1966 geboren, hat 1996 das Haptik-Forschungslabor am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig gegründet.
Martin Grunwald, 1966 geboren, hat 1996 das Haptik-Forschungslabor am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig gegründet.























Abgesehen davon, dass ich äußerst dankbar dafür bin, weder auf meinen Geschmackssinn, noch auf mein Gehör oder mein Augenlicht verzichten zu müssen, kann ich jedenfalls nachvollziehen, was Martin Grunwald als Wissenschaftler über Berührung forscht und welche Ergebnisse sich daraus ergeben.

Eine Berührung - diese Art, zu kommunizieren, gilt als eine der am häufigsten verwendeten Formen der menschlichen Verständigung. Diese nonverbale Sprache wird auf der ganzen Welt verstanden und sie beansprucht ebenso wenig eine Übersetzung wie ein Lächeln. Manchmal sagt eine Berührung mehr als alle Worte.

Ein Bedürfnis danach, zu berühren und berührt zu werden, ist uns von Natur aus mitgegeben. Wir können dies auch bei Säugetieren beobachten.

Berührungen beruhigen, schenken Kraft, sie entspannen Körper, Geist und Seele - ebenso wie sie Selbstheilungsmechanismen auslösen können.


Ich erinnere mich nicht daran, zwischen meinen Eltern jemals liebevolle Berührungen beobachtet zu haben. Allenfalls ein sarkastisches Liebling, von meinem Vater an meine Mutter gerichtet, höre ich noch in meinen Erinnerungen.

Meine Mutter war und ist eine Frau, die sich stets nach liebevollen Zuwendungen sehnte und sehr darunter gelitten hat, dass sie diese von meinem Vater nicht erhalten hat. Ob das zu Beginn ihrer Ehe anders war, habe ich nie in Erfahrung bringen können. Wenn ich mit meinem Partner darüber spreche, gibt er immer zu bedenken, dass das Austauschen von Zärtlichkeiten vor Kindern in dieser Generation einfach nicht Thema gewesen sei. Darüber sind wir uns jedoch nicht einig, Fakt ist allerdings, dass er solcherart Berührungen auch in seinem Elternhaus nicht beobachten konnte.

Jedenfalls hat es uns Kindern an Streicheleinheiten von Seiten meiner Mutter nicht gefehlt. Meine Schwester kann sich daran vermutlich noch viel deutlicher erinnern, weil sie und meine Mutter sich sehr nahestanden. Meine Beziehung zu meiner Mutter war vor allem in meinen Sturm- und Drangzeiten sehr ambivalent, heute ist es mir allerdings sehr wichtig, ihr viele sanfte Berührungen zu schenken.

Ich selbst bin in den letzten Jahren zunehmend empfindsamer geworden, so fällt mir auf, dass sich ein längeres Berühren meiner Haut unangenehm anfühlt. Ich bin wohl nicht nur auf der seelischen Ebene dünnhäutiger geworden. Und so frage ich mich auch, wie sich wohl Menschen fühlen, die an Epidermolysis bullosa - eine unheilbare Hautkrankheit - leiden. Bei diesen Menschen ist die Haut so dünn, dass geringste Berührungen zu Blasenbildungen und schmerzhaften Wunden führen können. Da kann es auch zur größten Herausforderung werden, passende Kleidungsstücke zu finden.


Ich blicke zurück auf meine Aufenthalte bei meinen geliebten Großeltern.

Meine Oma war eine sehr resolute Frau, zumindest meinem Großvater gegenüber. Mein Opa wirkte auf mich in körperlicher Hinsicht immer etwas unbeholfen, beim Gehen schien er mir stets ein bisschen zu schwanken. Wenn er es wagte, mit seinen erdigen Stiefeln, die er auf dem Feld bei der Arbeit trug, das Vorhaus zu betreten, dann drohte ihm die Oma mit dem Teppichklopfer. Ebenso habe ich in Erinnerung, dass sie es gar nicht leiden konnte, wenn sich in einem Film zwei Menschen geküsst haben. Was meinen Großvater überhaupt nicht irritierte, veranlasste meine Oma dazu, den Fernseher umgehend auszuschalten.

Von einigen muslimischen Kindern, die ich früher betreute, habe ich das eine oder andere Mal gehört, dass solche oder ähnliche Szenen in ihrem Zuhause ebenfalls nicht geduldet waren. Zwei Kinder, Geschwister, erzählten hinter vorgehaltener Hand, dass ihr Vater Videos betrachtete, in denen schreckliche Gewaltszenen gezeigt wurden, welche die beiden zutiefst schockierten.

Ich finde das alles höchst bedenklich: Kinder dürfen nicht sehen, dass sich Menschen gernhaben, aber Gewaltvideos sollen ihren Augen und Seelen zuträglich sein??

Vor etwa zehn Jahren geriet ein sehr bekanntes Caféhaus in Wien in die Presse, weil die Chefin zwei sich küssende Frauen aus ihrem Lokal hinauswarf. Später meinte sie, diesen Rauswurf zu bedauern, da war sie wohl schon sehr unter den Druck der Öffentlichkeit geraten - war das ein ehrliches Bedauern? Was sagt so ein mir nicht nachvollziehbares Verhalten über einen Menschen aus?


Vor kurzem habe ich darüber geschrieben, wie Kuscheln als Therapie für Babys, die auf Entzug sind, eingesetzt wird.

Für Babys von Müttern, die in der Schwangerschaft Drogen konsumiert haben, ist der Lebensbeginn oft sehr schwierig. Sie machen bereits als Neugeborene einen Entzug durch. Diese Babys zittern, sind kaltschweißig, sie schreien sehr schrill. Sie brauchen viel Körperkontakt, sanftes Wiegen, Nestwärme und eine reizarme Umgebung. Es gibt Frauen, die den Kindern auf ehrenamtliche Weise in den ersten Monaten ihres Lebens viel Liebe, viel Wärme, viel Nähe und Halt geben. So haben diese Kinder auch reelle Chancen auf ein gutes Leben.


Einsamkeit ist in unserer Welt längst zu einem belastenden Thema geworden. Vielen Menschen, die sich einsam fühlen, fehlen nicht nur Menschen für vertraute Gespräche und Freizeitaktivitäten, oftmals werden auch Umarmungen und Streicheleinheiten vermisst. In Japan hat man dazu eine Geschäftsidee entwickelt, die durchaus kurios anmutet: Man kann in einem Kuschel-Café bezahlte Kuscheleinheiten kaufen. Dass das weit verbreitet ist, habe ich in einem TV-Bericht erfahren.

Beim Kuscheln wird Oxytocin ausgeschüttet – ein Hormon, das zu Glücksgefühlen führt. Es ist also in diesem Land nicht mehr ungewöhnlich, für Glücksgefühle zu bezahlen.

Mir sind im öffentlichen Raum tatsächlich schon Angebote für Free Hugs begegnet. Das bedeutet, dass Menschen an belebten Orten mit einem Schild anbieten, Passanten zu umarmen. Man kann über all das durchaus ins Grübeln kommen ...

Ich bin sehr dankbar, in meinem Leben mit liebevollen Menschen gesegnet zu sein.


Foto: C*

 
 
 

4 Kommentare


Edith Hornau
Edith Hornau
vor 2 Stunden

Du Liebe, Berührungen - da können wir viel von Tieren lernen, die sich ja durch erste Berührungen im Leben immer wieder finden. Wenn ich so drüber nachdenke, ist es bei Tieren bleibend, bei Menschen nicht immer.

In manchen Eltern kam dann sicher die "Alte, anerzogene Schule" durch, wenn sie sich vor den Kindern nicht berührten. Oh, was für eine Erziehung war das, eine, mit der ich mich schwer tue. Meine Großeltern hatten keine Partner/innen mehr. Meine Eltern waren im gesamten Umgang mit sich und mit mir sehr liebevoll, ich kann da echt nicht klagen.


Und ja, man sieht es, liest es, Ausländer gehen damit oft ganz anders um. Dort wird Gewalt anerzogen, das ist schlimm....


Danke dir wieder für diese…


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C*
C*
vor einer Stunde
Antwort an

Liebe Edith,

danke sehr für Deine Gedanken, die Du hiergelassen hast.

Deine Erzählung zeigt, worüber ich mir sicher bin: Es gab auch in früheren Generationen Paare, die sich nicht scheuten, einen liebevollen Umgang miteinander zu pflegen.

Es ist kaum möglich, vorauszusagen, wie sich Kinder entwickeln, die kein positives Beispiel sehen bzw. Zärtlichkeiten an sich vermissen. Bei manchen wird die Sehnsucht nach Berührungen so stark, dass sie diese in ihren weiteren sozialen Beziehungen ausleben möchten, andere verschließen sich. Ich kenne beides und vermute, dass mein Vater als Kind nichts Berührendes erlebt hat. Seine Mutter ist ja noch vor meiner Geburt gestorben und zu seinem eigenen Vater hatte er eine typische Nicht-Beziehung.


In meinem Beruf habe ich ganz Unterschiedliches erlebt: Familien, aus…

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Brigitte Fuchs
Brigitte Fuchs
vor 3 Stunden

Oh ja, abgesehen von den traditionellen Gepflogenheiten in den Familien: Berührungen sind existentiell wichtig für uns Lebewesen.

Deine ausführlichen Gedanken dazu zeigen das beispielhaft auf.

Schönen Dank für dein engagiertes Plädoyer und liebe Grüsse ins Wochenende,

Brigitte

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C*
C*
vor 3 Stunden
Antwort an

Lieben Dank für Deine nette Rückmeldung, liebe Brigitte!

Ich habe auch Menschen kennengelernt, denen Berührungen unbehaglich sind. Und ich habe einige Kinder mit Autismus betreut, diesen Kindern waren Berührungen ebenfalls unangenehm.

Mir ist auch wichtig, innerlich berührbar zu bleiben. Auch in dieser herausfordernden Lebenswelt nicht zu verhärten.

Herzliche Grüße & ein schönes Wochenende, C Stern


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