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Berührungen

  • Autorenbild: C*
    C*
  • 24. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Martin Grunwald, 1966 geboren, hat 1996 das Haptik-Forschungslabor am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig gegründet.
Martin Grunwald, 1966 geboren, hat 1996 das Haptik-Forschungslabor am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig gegründet.























Abgesehen davon, dass ich äußerst dankbar dafür bin, weder auf meinen Geschmackssinn, noch auf mein Gehör oder mein Augenlicht verzichten zu müssen, kann ich jedenfalls nachvollziehen, was Martin Grunwald als Wissenschaftler über Berührung forscht und welche Ergebnisse sich daraus ergeben.

Eine Berührung - diese Art, zu kommunizieren, gilt als eine der am häufigsten verwendeten Formen der menschlichen Verständigung. Diese nonverbale Sprache wird auf der ganzen Welt verstanden und sie beansprucht ebenso wenig eine Übersetzung wie ein Lächeln. Manchmal sagt eine Berührung mehr als alle Worte.

Ein Bedürfnis danach, zu berühren und berührt zu werden, ist uns von Natur aus mitgegeben. Wir können dies auch bei Säugetieren beobachten.

Berührungen beruhigen, schenken Kraft, sie entspannen Körper, Geist und Seele - ebenso wie sie Selbstheilungsmechanismen auslösen können.


Ich erinnere mich nicht daran, zwischen meinen Eltern jemals liebevolle Berührungen beobachtet zu haben. Allenfalls ein sarkastisches Liebling, von meinem Vater an meine Mutter gerichtet, höre ich noch in meinen Erinnerungen.

Meine Mutter war und ist eine Frau, die sich stets nach liebevollen Zuwendungen sehnte und sehr darunter gelitten hat, dass sie diese von meinem Vater nicht erhalten hat. Ob das zu Beginn ihrer Ehe anders war, habe ich nie in Erfahrung bringen können. Wenn ich mit meinem Partner darüber spreche, gibt er immer zu bedenken, dass das Austauschen von Zärtlichkeiten vor Kindern in dieser Generation einfach nicht Thema gewesen sei. Darüber sind wir uns jedoch nicht einig, Fakt ist allerdings, dass er solcherart Berührungen auch in seinem Elternhaus nicht beobachten konnte.

Jedenfalls hat es uns Kindern an Streicheleinheiten von Seiten meiner Mutter nicht gefehlt. Meine Schwester kann sich daran vermutlich noch viel deutlicher erinnern, weil sie und meine Mutter sich sehr nahestanden. Meine Beziehung zu meiner Mutter war vor allem in meinen Sturm- und Drangzeiten sehr ambivalent, heute ist es mir allerdings sehr wichtig, ihr viele sanfte Berührungen zu schenken.

Ich selbst bin in den letzten Jahren zunehmend empfindsamer geworden, so fällt mir auf, dass sich ein längeres Berühren meiner Haut unangenehm anfühlt. Ich bin wohl nicht nur auf der seelischen Ebene dünnhäutiger geworden. Und so frage ich mich auch, wie sich wohl Menschen fühlen, die an Epidermolysis bullosa - eine unheilbare Hautkrankheit - leiden. Bei diesen Menschen ist die Haut so dünn, dass geringste Berührungen zu Blasenbildungen und schmerzhaften Wunden führen können. Da kann es auch zur größten Herausforderung werden, passende Kleidungsstücke zu finden. Ich stelle es mir sehr anstrengend vor, mit dieser schrecklichen Krankheit leben zu müssen.


Ich blicke zurück auf meine Aufenthalte bei meinen geliebten Großeltern.

Meine Oma war eine sehr resolute Frau, zumindest meinem Großvater gegenüber. Mein Opa wirkte auf mich in körperlicher Hinsicht immer etwas unbeholfen, beim Gehen schien er mir stets ein bisschen zu schwanken. Wenn er es wagte, mit seinen erdigen Stiefeln, die er auf dem Feld bei der Arbeit trug, das Vorhaus zu betreten, dann drohte ihm die Oma mit dem Teppichklopfer. Ebenso habe ich in Erinnerung, dass sie es gar nicht leiden konnte, wenn sich in einem Film zwei Menschen geküsst haben. Was meinen Großvater überhaupt nicht irritierte, veranlasste meine Oma dazu, den Fernseher umgehend auszuschalten.

Von einigen muslimischen Kindern, die ich früher betreute, habe ich das eine oder andere Mal gehört, dass solche oder ähnliche Szenen in ihrem Zuhause ebenfalls nicht geduldet waren. Zwei Kinder, Geschwister, erzählten hinter vorgehaltener Hand, dass ihr Vater Videos betrachtete, in denen schreckliche Gewaltszenen gezeigt wurden, welche die beiden zutiefst schockierten.

Ich finde das alles höchst bedenklich: Kinder dürfen nicht sehen, dass sich Menschen gernhaben, aber Gewaltvideos sollen ihren Augen und Seelen zuträglich sein??

Vor etwa zehn Jahren geriet ein sehr bekanntes Caféhaus in Wien in die Presse, weil die Chefin zwei sich küssende Frauen aus ihrem Lokal hinauswarf. Später meinte sie, diesen Rauswurf zu bedauern, da war sie wohl schon sehr unter den Druck der Öffentlichkeit geraten - war das ein ehrliches Bedauern? Was sagt so ein mir nicht nachvollziehbares Verhalten über einen Menschen aus?


Vor kurzem habe ich darüber geschrieben, wie Kuscheln als Therapie für Babys, die auf Entzug sind, eingesetzt wird.

Für Babys von Müttern, die in der Schwangerschaft Drogen konsumiert haben, ist der Lebensbeginn oft sehr schwierig. Sie machen bereits als Neugeborene einen Entzug durch. Diese Babys zittern, sind kaltschweißig, sie schreien sehr schrill. Sie brauchen viel Körperkontakt, sanftes Wiegen, Nestwärme und eine reizarme Umgebung. Es gibt Frauen, die den Kindern auf ehrenamtliche Weise in den ersten Monaten ihres Lebens viel Liebe, viel Wärme, viel Nähe und Halt geben. So haben diese Kinder auch reelle Chancen auf ein gutes Leben.


Einsamkeit ist in unserer Welt längst zu einem belastenden Thema geworden. Vielen Menschen, die sich einsam fühlen, fehlen nicht nur Menschen für vertraute Gespräche und Freizeitaktivitäten, oftmals werden auch Umarmungen und Streicheleinheiten vermisst. In Japan hat man dazu eine Geschäftsidee entwickelt, die durchaus kurios anmutet: Man kann in einem Kuschel-Café bezahlte Kuscheleinheiten kaufen. Dass das weit verbreitet ist, habe ich in einem TV-Bericht erfahren.

Beim Kuscheln wird Oxytocin ausgeschüttet – ein Hormon, das zu Glücksgefühlen führt. Es ist also in diesem Land nicht mehr ungewöhnlich, für Glücksgefühle zu bezahlen.

Mir sind im öffentlichen Raum tatsächlich schon Angebote für Free Hugs begegnet. Das bedeutet, dass Menschen an belebten Orten mit einem Schild anbieten, Passanten zu umarmen. Man kann über all das durchaus ins Grübeln kommen ...

Ich bin sehr dankbar, in meinem Leben mit liebevollen Menschen gesegnet zu sein.


Foto: C*

 
 
 

14 Kommentare


Rosa Ananitschev
Rosa Ananitschev
29. Jan.

Ein interessantes Thema, liebe C Stern!


Ich glaube auch, dass es früher anders war. Eltern zeigten ihren Kindern selten offen, dass sie sich liebten. So war es auch bei uns zu Hause. Doch wenn ich zurückblicke, habe ich den Eindruck, dass meine Eltern – zumindest in der Zeit, in der ich aufwuchs – einander gar nicht mehr liebten.

Das eigentlich Traurige war jedoch, dass auch wir Kinder kaum Zärtlichkeiten bekamen. Umarmungen gab es in meiner Familie nicht. Nähe kannte ich nur als Wort, nicht als Gefühl. Erst als ich nach Deutschland kam, wurde mir richtig bewusst, was mir als Kind alles gefehlt hat und wie viel Wärme mir vorenthalten wurde.

Dazu habe ich sogar etwas geschrieben: https://rosasblog54.com/2018/08/04/von-umarmungen-und-anderen-herzlichkeiten/.

Ja, ich habe…


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C*
C*
29. Jan.
Antwort an

Liebe Rosa,

ich habe gerade in Deinem Beitrag über Deine Erfahrungen gelesen, diese Stelle kam mir schon sehr bekannt vor. Es war, das glaube ich Dir aufs Wort, wohl eine völlig andere Welt für Euch, als Ihr in Deutschland angekommen seid.

Ich kenne Menschen, die keine Umarmungen oder Streicheleinheiten als Kinder erlebt haben - diese dafür aber jetzt umso mehr genießen können. Und dann gibt es Menschen, denen dieser Austausch von fühlbarer Zuneigung suspekt bleibt, sie haben es auch nicht erlebt als Kinder.

Ich erlebe auch viel Wertschätzung von Menschen, wo Umarmungen nicht üblich sind. Ich kann mit und ohne Umarmungen in meinem privaten Umfeld sehr gut umgehen. Es gibt auch verbale Wertschätzung, die sich ebenfalls wie eine Umarmung anfühlt.…


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andreaobi
27. Jan.

Zärtliche Berührungen mag ich sehr und sie fehlen mir schrecklich. Von einem Tag auf den anderen war der Mensch nicht mehr da, der sie mir schenkte. Wenn ich darüber nachdenke, ist das schon sehr schmerzlich. Natürlich umarme ich Freunde und meine Kinder, aber das ist nicht das Gleiche. Zarte Berühungen sind so wichtig, so tröstlich und vermitteln soviel Wärme. Wer das in seiner Kindheit nicht erfahren durfte, ist sehr sehr arm dran. Ich habe immer reichlich davon verteilt. Ein Streicheln über den Kopf, ein Küsschen auf die Stirn ... oder auch tröstliches Streichen über den Arm ... es gibt so viele Möglichkeiten.


Aber ich bin auch sehr empfindsam geworden, dünnhäutig im wahrsten Sinn des Wortes. Starke Berührungen schmerzen sehr.


Ein…


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C*
C*
29. Jan.
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Liebe Andrea,

ich finde es auch interessant, dass es Menschen gibt, die Seelenenergien ganz stark wahrnehmen. Wir können uns wohl vieles zwischen Himmel und Erde (noch) nicht erklären, aber glauben.

Ich habe dazu in einem Religionsmagazin einen sehr interessanten Beitrag gesehen und hier auch darüber berichtet. Ein Arzt, der nie gläubig war und während eines Nachtdienstes im Krankenhaus zusammen mit einer Kollegin ein nicht-irdisches lichtvolles Wesen gesehen hat, das gerade aus dem Zimmer einer Frau kam, die verstorben war. Dieser Moment hat sein ganzes Leben verändert. Und das kann ich mir genau so vorstellen ...

Liebste Grüße zu Dir!

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Edith Hornau
Edith Hornau
24. Jan.

Du Liebe, Berührungen - da können wir viel von Tieren lernen, die sich ja durch erste Berührungen im Leben immer wieder finden. Wenn ich so drüber nachdenke, ist es bei Tieren bleibend, bei Menschen nicht immer.

In manchen Eltern kam dann sicher die "Alte, anerzogene Schule" durch, wenn sie sich vor den Kindern nicht berührten. Oh, was für eine Erziehung war das, eine, mit der ich mich schwer tue. Meine Großeltern hatten keine Partner/innen mehr. Meine Eltern waren im gesamten Umgang mit sich und mit mir sehr liebevoll, ich kann da echt nicht klagen.


Und ja, man sieht es, liest es, Ausländer gehen damit oft ganz anders um. Dort wird Gewalt anerzogen, das ist schlimm....


Danke dir wieder für diese…


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C*
C*
26. Jan.
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Das habe ich auch so beobachten können, wie Du es beschreibst.

Wobei ich es auch befremdlich finde, wenn Kinder das Sexleben ihrer Eltern mitbekommen. Kann mich erinnern, dass uns einige Vorgänge erzählten, die zwischen den Eltern stattgefunden haben, die sie überhaupt nicht einordnen konnten. Vereinzelt waren sie sehr früh sexualisiert und haben ihre Beobachtungen nachgespielt und manchmal auch gefilmt. Es gab auch Vorfälle, wo sie andere Kinder zu Handlungen gedrängt haben und wo wir mit den Eltern sprechen mussten. Das ist das andere Extrem, wie ich finde.

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Brigitte Fuchs
Brigitte Fuchs
24. Jan.

Oh ja, abgesehen von den traditionellen Gepflogenheiten in den Familien: Berührungen sind existentiell wichtig für uns Lebewesen.

Deine ausführlichen Gedanken dazu zeigen das beispielhaft auf.

Schönen Dank für dein engagiertes Plädoyer und liebe Grüsse ins Wochenende,

Brigitte

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C*
C*
24. Jan.
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Lieben Dank für Deine nette Rückmeldung, liebe Brigitte!

Ich habe auch Menschen kennengelernt, denen Berührungen unbehaglich sind. Und ich habe einige Kinder mit Autismus betreut, diesen Kindern waren Berührungen ebenfalls unangenehm.

Mir ist auch wichtig, innerlich berührbar zu bleiben. Auch in dieser herausfordernden Lebenswelt nicht zu verhärten.

Herzliche Grüße & ein schönes Wochenende, C Stern


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