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Applaus

  • Autorenbild: C*
    C*
  • 1. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit



















Wir sind oft und gerne im Kino und sehen in unserem Programmkino immer wieder Filme, die wahrlich keine leichte Kost sind, weil sie auf viele Missstände in unserer Gesellschaft hinweisen. Manchmal locken uns Filme auch aus handwerklicher Sicht oder sie erscheinen und sehenswert, weil tolle schauspielerische Leistungen zu erwarten sind.

Nun läuft ein Film in einigen Kinos, der bei seiner Premiere rekordverdächtige 23 Minuten lang Standing Ovations erhielt. Mit dieser Information wird der Hybridfilm (eine Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm) auch stolz beworben. Der Filmtitel lautet Die Stimme von Hind Rajab.

An dieser Stelle ganz bewusst mein Hinweis: Der folgende Beitrag ist kein Feelgood-Beitrag.



Mein Partner und ich haben darüber gesprochen, dass wir uns diesen Film nicht ansehen werden. Da können sich Kritiker*innen noch so positiv über den Film äußern.

Ich bin froh, dass wir uns darüber einig sind. Aus unserer Sicht hat dieser Film aufgrund seines äußerst brisanten Inhalts eine rote Linie überschritten, wenn es darum geht, was man zeigen darf und soll und was ein Tabu bleiben sollte oder sogar sein muss.

Der Spielfilm, der auf echten Telefonaufzeichnungen basiert, gilt jetzt als großer Oscar-Favorit. Ich finde diesen Gedanken erschütternd.

Im Jänner 2024 erhalten Freiwillige des Roten Halbmonds einen Notruf. Ein fünfjähriges Mädchen ist in einem Auto in Gaza unter Beschuss geraten und fleht um Rettung. Das Team des Roten Halbmonds versucht verzweifelt, das Gespräch aufrechtzuerhalten, und dem kleinen Kind einen Rettungswagen zu schicken, doch vergeblich. Der Name des Mädchens war Hind Rajab.

Allein diese kurze Inhaltsangabe zu schreiben, jagt mir eine Gänsehaut und ein Schaudern über meinen Körper.

Wir fragen uns, wie es sein kann, die reale Stimme dieses getöteten Mädchens in einen Spielfilm einzubauen? Für uns ist diese Vorgehensweise aus ethischer Sicht schlicht unerträglich. Was treibt ein Filmteam dazu an, so einen Film zu inszenieren? Natürlich würzt eine große Portion eines politischen Statements den Film der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania. Doch heiligt der Zweck solche Mittel? Es sind doch die letzten Worte eines kleinen Mädchens, das dem Tod ins Auge blickte - und das ganz sicherlich auch wusste. Menschen, die diesen Spielfilm sehen, werden zu Voyeur*innen eines verzweifelten Überlebenskampfes. Jeder Mensch, der diesen Film sieht, weiß, was ihn erwartet, hat sich also bewusst darauf eingelassen. Für uns schwer zu verstehen.

Dieser Spielfilm lässt in unserem Empfinden jede Pietät vermissen. Für uns ist es auch äußerst problematisch, damit kommerziellen Erfolg zu erzielen, denn Hollywood wird diesen Film ehren, da sind wir uns sicher. Als Produzent*innen fungierten ja auch äußerst namhafte Schauspieler*innen. Diese Art der (politischen) Emotionalisierung von Menschen ist aus unserer Sicht äußerst fragwürdig.

Da steht einer im Premierenpublikum auf und fängt an zu klatschen und alle anderen stimmen ein in diese Standing Ovations, die (angeblich) dreiundzwanzig Minuten gedauert haben. Befremdlich - ich finde, es wäre viel eher Schweigen angebracht gewesen oder ein Gebet für all jene Millionen von Menschen, die unter Verfolgung und Krieg leiden oder getötet wurden.

Als eine der letzten Filmaufnahmen werden die Überreste des Autos gezeigt, in dem das hilflose Kind starb. Das Fahrzeug soll laut dem Film von 355 Kugeln getroffen worden sein.


Mein Unwohlsein zieht weitere Kreise: Mehrmals täglich bringen Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und auf Privatsendern Bild- und Tonmaterial aus aller Welt, mit dem Fokus auf ... schlechten Nachrichten: Viele Menschen sind täglich, manche von uns mehrmals täglich damit beschäftigt, in die Welt zu blicken und zu sehen, was alles passiert. Beziehungsdramen, Femizide, politische Unruhen, blutige Auseinandersetzungen, Kriege, Wettrüsten, Ausbeutung von Menschen in unwürdigen Arbeitssituationen, etc. Werden wir nur informiert oder auch gezielt manipuliert? Jedenfalls frage ich mich, ob all diese Bilder des Schreckens unser Verhalten nachhaltig verändern? Wäre dies so, dann würde ich aufatmen. Aber es ist definitiv nicht der Fall - jene Menschen, deren eigenes herzloses, egozentrisches oder brutales Verhalten die Welt zu einem kalten Ort macht, werden von solchen Bildern nicht in der Form beeinflusst, als dass in ihnen ein Unrechtsbewusstsein geweckt würde. Und alle anderen, die ihr Dasein in gelebter Solidarität verbringen, brauchen all diese Nachrichten nicht, um Unrecht zu erkennen. Wozu also diese Flut an verstörenden Schreckensbildern? Wozu Kameramänner und -frauen, die oft auch ihr Leben riskieren, um solche Bilder in unsere Wohnzimmer oder gar Schlafzimmer zu liefern? Wenn es also um reine Information geht - diese kommt auch ohne Bild- und Tonaufnahmen aus. Denn wir wissen, wie Beziehungsdramen ablaufen, wir wissen ausreichend über Femizide Bescheid, wir kennen politische Unruhen, blutige Auseinandersetzungen, Kriege, Wettrüsten, Ausbeutung von Menschen in unwürdigen Arbeitssituationen, etc.

Ich wage die Frage: Worin liegt also der Wert von gezeigten Grausamkeiten?

 
 
 

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12 Kommentare


Rosa Ananitschev
Rosa Ananitschev
05. Feb.

Da bin ich ganz Deiner Meinung, liebe C Stern, ich hatte schon beim Lesen Deines Beitrags Gänsehaut. Ich finde auch, dass man solche wahre Szenen nicht in einen Spielfilm einbinden darf; es ist schlicht und einfach pietätlos und zeugt gewissermaßen von Respektlosigkeit. Ein Schauspiel hätte doch genügt! Worin der Wert von gezeigten Grausamkeiten liegt? Ich weiß nur, dass es nach meinem Empfinden ein negativer Wert sein muss.

Herzliche Grüße

Rosa

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C*
C*
05. Feb.
Antwort an

Liebe Rosa,

in einer Dokumentation haben echte Momente ihren Platz, vielleicht sollte man allerdings auch da besser abwägen - aber einen Spielfilm derart aufzubauen, das ist eine Entscheidung, die ich nicht nachvollziehen kann.

Ich glaube, dass in dieser Welt zuviel Voyeurismus herrscht. Zu viele Nachrichtenjunkies, die sich einfach berieseln lassen, und dabei auch noch abstumpfen. Man sieht das ja auch bei Unfällen: Menschen fotografieren und filmen, anstatt zu helfen. Unfassbar! Immer wieder muss die Polizei darauf hinweisen, dieses Verhalten zu unterlassen.

Only bad news are good news. Dieser Satz ist längst traurige Realität.

Danke für Dein Hiersein & herzliche Grüße ❤️

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andreaobi
03. Feb.

Als Kind musste ich in der Schule grausame Filme über das KZ und Kriege sehen. Szenen, die ich nicht mal jetzt verkraften würde. Die Bilder haben sich bis heute in mein Gedächtnis gebrannt. Und nicht nur da, auch im Herzen wurde ein Stück dabei verbrannt. Da ich hochsensibel bin (was damals noch kein Thema war) waren (und sind) solche Dokumente unerträglich für mich, denn wie gesagt, ich kann sie nicht ausfiltern, es sind Höllenqualen für mich. Ich kann das nicht beschreiben. Das kann nur jemand verstehen, dem es auch so geht.

Ich kann nicht mal solche Texte lesen, wie du sie verfasst hast, liebe C Stern, nur überfliegen.

Worin der Wert von gezeigten Grausamkeiten liegt, frage ich mich auch. Es…


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C*
C*
04. Feb.
Antwort an

Liebe Andrea,

Menschen, die durch ein besonderes Feingefühl auffallen, sind häufig von Menschen umgeben, die an ihren Energien saugen. Auch Menschen mit maligner narzisstischer Prägung finden hochsensible Menschen sehr attraktiv. Ich habe das einmal in einer kurzen Beziehung erlebt - so eine Wiederholung strebe ich sicher nicht mehr an. Es war im wahrsten Sinne des Wortes blanker Wahnsinn, was ich da erlebt habe.

Ich verspreche Dir, mein nächster Beitrag hier wird sich einem ganz anderen Thema widmen.

Herzliche Grüße und fühl Dich ganz lieb gedrückt, C Stern


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Kleiner Staudengarten
Kleiner Staudengarten
02. Feb.

Das chinesische Sprichwort sagt alles ... auch wenn sogenannte "Wohlfühlfilme" 0

verpönt sind, so bevorzuge ich sie. All die Grausam- und Ungerechtigkeiten auf der Welt muss ich nicht noch durch entsprechende Filme konsumieren bzw. verstärken. Ich finde, dadurch stumpfen wir in unserem Empfinden und der Empathie für die Opfer immer mehr ab. Aber das ist halt meine Meinung.

Einen lieben Gruß von Marita

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C*
C*
02. Feb.
Antwort an

Ich kann Dich sehr gut verstehen! Herzlichen Dank für Deine Rückmeldung.

Ich habe mir vorgenommen, mir mehr Filme anzusehen, die Schönes verbreiten, denn so, wie ich in meinem Beitrag geschrieben habe, werden wir die Welt auch mit dramatischen Filmen oder Nachrichten nicht zu einem besseren Ort machen. Denn jene Menschen, die mitfühlen und handeln, wissen auch ohne Bildmaterial, das ständig die gleichen Schrecken verbreitet, Bescheid.

Ich vermute auch, dass das ständige "Konsumieren" von solchen Inhalten zum Abstumpfen führen kann. Bei mir bewirken Nachrichten und dramatische Filme zwar das glatte Gegenteil, aber auch damit ist niemandem geholfen.

Ganz liebe Grüße zu Dir 🍀

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Edith Hornau
Edith Hornau
02. Feb.

Ich gehe mit mit deinem Denken darüber. Für mich fühlt sich das grausam an. Eine Kinderstimme zu benutzen in solcher Situation übersteigt alles.

Sind es die Einschaltquoten, ist es das Streben nach höchster Anerkennung??? Keine Ahnung, was solche Menschen dazu treibt.

Dies wird heute in meinen Gedanken bleiben ...


Liebe Grüße, liebe C Stern zu dir von mir.

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C*
C*
02. Feb.
Antwort an

Ich danke auch Dir herzlich für Deine Rückmeldung!

Ich war mir nicht sicher, ob mein Beitrag Interesse findet, weil es doch sehr schwere Kost ist. Andererseits fühle ich mich innerlich sehr gedrängt, über solche Dinge zu schreiben.

Ich werde sicher weiter verfolgen, ob es den Macher*innen dieses Films vielleicht in den Sinn kommt, mit dem Gewinn des Filmes etwas Hilfreiches für diese Flüchtlinge auf die Füße zu stellen.

Ich vermute, dass der Film mit einem Oscar ausgezeichnet wird. Hollywood ist in den letzten Jahren sehr (gesellschafts-)politisch geworden, was ja auch sein Gutes hat.

Ich habe einige Kritiken gelesen, worin sich die Schreiber*innen nicht überzeugt fühlen von der Machart des Films. Ich bin schon mal froh, dass es sogar Kinobetreiber*innen gibt,…


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stemmer.recklinghausen
stemmer.recklinghausen
02. Feb.

Du stellst in deinem Beitrag wichtige Fragen. Ich habe für mich noch keine wirklichen Antwort, noch keinen Leitfaden für mich gefunden, mit dem menschengemachten Elend auf dieser Welt, an dieser Welt umzugehen, außer dass ich immer wieder versuche, achtsam und respektvoll mit anderen Menschen umzugehen, einzugreifen, wenn Schwächere bedroht werden und ich mich dazu in der Lage fühle und regelmäßig für Organisationen zu spenden, die sich dafür einsetzen, dass die Welt ein besserer Ort wird bzw. die die entstandenen Schäden versuchen zu "reparieren".

Liebe Grüße

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C*
C*
02. Feb.
Antwort an

Ich bedanke mich herzlich für Deine Rückmeldung!

Bei uns ist vergangenes Wochenende dieses große Thema aufgetaucht, denn eigentlich stand dieser Film - da wussten wir noch nicht, dass die Originalstimme des Mädchens verwendet wurde - auf unserer Kinoliste.

Unabhängig voneinander haben wir uns näher für den Dreh interessiert und beide - jeder für sich - die Entscheidung getroffen, dass wir diesen Film boykottieren, aus den dargelegten Gründen,

Auch für mich ist klar, dass ich mit Menschen achtsam umgehe und helfe, wo ich mich dazu in der Lage sehe.

Beim Spenden bin ich allerdings schon richtig vorsichtig geworden, da ich keine großen Institutionen mehr unterstützen möchte, wo viel Geld nur in die Administration fließt, obwohl Spender*innen einen anderen Eindruck gewinnen und…


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