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Applaus

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 29 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit



















Wir sind oft und gerne im Kino und sehen in unserem Programmkino immer wieder Filme, die wahrlich keine leichte Kost sind, weil sie auf viele Missstände in unserer Gesellschaft hinweisen. Manchmal locken uns Filme auch aus handwerklicher Sicht oder sie erscheinen und sehenswert, weil tolle schauspielerische Leistungen zu erwarten sind.

Nun läuft ein Film in einigen Kinos, der bei seiner Premiere rekordverdächtige 23 Minuten lang Standing Ovations erhielt. Mit dieser Information wird der Hybridfilm (eine Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm) auch stolz beworben. Der Filmtitel lautet Die Stimme von Hind Rajab.

An dieser Stelle ganz bewusst mein Hinweis: Der folgende Beitrag ist kein Feelgood-Beitrag.



Mein Partner und ich haben darüber gesprochen, dass wir uns diesen Film nicht ansehen werden. Da können sich Kritiker*innen noch so positiv über den Film äußern.

Ich bin froh, dass wir uns darüber einig sind. Aus unserer Sicht hat dieser Film aufgrund seines äußerst brisanten Inhalts eine rote Linie überschritten, wenn es darum geht, was man zeigen darf und soll und was ein Tabu bleiben sollte oder sogar sein muss.

Der Spielfilm, der auf echten Telefonaufzeichnungen basiert, gilt jetzt als großer Oscar-Favorit. Ich finde diesen Gedanken erschütternd.

Im Jänner 2024 erhalten Freiwillige des Roten Halbmonds einen Notruf. Ein fünfjähriges Mädchen ist in einem Auto in Gaza unter Beschuss geraten und fleht um Rettung. Das Team des Roten Halbmonds versucht verzweifelt, das Gespräch aufrechtzuerhalten, und dem kleinen Kind einen Rettungswagen zu schicken, doch vergeblich. Der Name des Mädchens war Hind Rajab.

Allein diese kurze Inhaltsangabe zu schreiben, jagt mir eine Gänsehaut und ein Schaudern über meinen Körper.

Wir fragen uns, wie es sein kann, die reale Stimme dieses getöteten Mädchens in einen Spielfilm einzubauen? Für uns ist diese Vorgehensweise aus ethischer Sicht schlicht unerträglich. Was treibt ein Filmteam dazu an, so einen Film zu inszenieren? Natürlich würzt eine große Portion eines politischen Statements den Film der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania. Doch heiligt der Zweck solche Mittel? Es sind doch die letzten Worte eines kleinen Mädchens, das dem Tod ins Auge blickte - und das ganz sicherlich auch wusste. Menschen, die diesen Spielfilm sehen, werden zu Voyeur*innen eines verzweifelten Überlebenskampfes. Jeder Mensch, der diesen Film sieht, weiß, was ihn erwartet, hat sich also bewusst darauf eingelassen. Für uns schwer zu verstehen.

Dieser Spielfilm lässt in unserem Empfinden jede Pietät vermissen. Für uns ist es auch äußerst problematisch, damit kommerziellen Erfolg zu erzielen, denn Hollywood wird diesen Film ehren, da sind wir uns sicher. Als Produzent*innen fungierten ja auch äußerst namhafte Schauspieler*innen. Diese Art der (politischen) Emotionalisierung von Menschen ist aus unserer Sicht äußerst fragwürdig.

Da steht einer im Premierenpublikum auf und fängt an zu klatschen und alle anderen stimmen ein in diese Standing Ovations, die (angeblich) dreiundzwanzig Minuten gedauert haben. Befremdlich - ich finde, es wäre viel eher Schweigen angebracht gewesen oder ein Gebet für all jene Millionen von Menschen, die unter Verfolgung und Krieg leiden oder getötet wurden.

Als eine der letzten Filmaufnahmen werden die Überreste des Autos gezeigt, in dem das hilflose Kind starb. Das Fahrzeug soll laut dem Film von 355 Kugeln getroffen worden sein.


Mein Unwohlsein zieht weitere Kreise: Mehrmals täglich bringen Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und auf Privatsendern Bild- und Tonmaterial aus aller Welt, mit dem Fokus auf ... schlechten Nachrichten: Viele Menschen sind täglich, manche von uns mehrmals täglich damit beschäftigt, in die Welt zu blicken und zu sehen, was alles passiert. Beziehungsdramen, Femizide, politische Unruhen, blutige Auseinandersetzungen, Kriege, Wettrüsten, Ausbeutung von Menschen in unwürdigen Arbeitssituationen, etc. Werden wir nur informiert oder auch gezielt manipuliert? Jedenfalls frage ich mich, ob all diese Bilder des Schreckens unser Verhalten nachhaltig verändern? Wäre dies so, dann würde ich aufatmen. Aber es ist definitiv nicht der Fall - jene Menschen, deren eigenes herzloses, egozentrisches oder brutales Verhalten die Welt zu einem kalten Ort macht, werden von solchen Bildern nicht in der Form beeinflusst, als dass in ihnen ein Unrechtsbewusstsein geweckt würde. Und alle anderen, die ihr Dasein in gelebter Solidarität verbringen, brauchen all diese Nachrichten nicht, um Unrecht zu erkennen. Wozu also diese Flut an verstörenden Schreckensbildern? Wozu Kameramänner und -frauen, die oft auch ihr Leben riskieren, um solche Bilder in unsere Wohnzimmer oder gar Schlafzimmer zu liefern? Wenn es also um reine Information geht - diese kommt auch ohne Bild- und Tonaufnahmen aus. Denn wir wissen, wie Beziehungsdramen ablaufen, wir wissen ausreichend über Femizide Bescheid, wir kennen politische Unruhen, blutige Auseinandersetzungen, Kriege, Wettrüsten, Ausbeutung von Menschen in unwürdigen Arbeitssituationen, etc.

Ich wage die Frage: Worin liegt also der Wert von gezeigten Grausamkeiten?

 
 
 

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